CS68-3 CAUSA SECUNDA Text 68/3

CS68-3 CAUSA SECUNDA Text 68/3

Aus: Vorträge in Oberkirch (II) 1967

Wo es sich um das Weltordnungsgesetz handelt, geht es im einzelnen um das Grundverhältnis zwischen Erst- und Zweitursache. Dieses will so gesehen werden, daß die niedere Ordnung Zweitursache schlechthin ist. Aber auch bei den Zweitursachen gibt es niedere und höhere Ordnungen. Immer jedoch gilt: Die niedere Ordnung beugt sich der höheren und nimmt dadurch teil an deren Vollkommenheit.

Um wenigstens mit einem Griff ein wenig verständlich zu machen, was gemeint ist, darf ich auf etwas zurückgreifen, was wir früher gelernt haben. Es gibt ein Mineralreich, ein Pflanzenreich, ein Tierreich, ein Engelreich und ein Gottesreich im eigentlichen Sinn des Wortes. Der Mensch aber ist ein Mikrokosmos, ein „Ableger“ des gesamten Makrokosmos, eine Zusammenfassung aller Seinsstufen, die es gibt. Das Mineralreich beugt sich den Pflanzen, der „Pflanzenseele“, wie man sagt, und nimmt dadurch teil an deren Vollkommenheit. Die Teilnahme am Mineralreich und Pflanzenreich verbindet sich im Tier zu einer Einheit. Entsprechendes gilt auch beim Menschen. Das Tierreich, die „Tierseele“, beugt sich der geistigen Seele und nimmt dadurch teil an deren Vollkommenheit.

Alle diese Wahrheiten müssen tiefer durchdacht und konkret angewandt werden. Wenn wir das nicht tun, so dünkt mich, verlieren wir zumal heute jeden klaren Standpunkt. Das ist ja meines Erachtens die größte Tragik in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen, daß keine Wahrheit mehr gilt und auf der ganzen Linie ein totaler Skeptizismus herrscht. Wer kann das aushalten? Wenn ich mir vorgenommen habe, in dem diesjährigen Exerzitienkurs zu all den modernen Fragen Stellung zu nehmen, maße ich mir natürlich nicht an, eine endgültige Lösung geben zu können, aber eines, meine ich, müßten wir uns erarbeiten, nämlich einen festen Standpunkt. Es ist klar, daß wir nicht in einem Wurf alles lösen können, wo es sich meinetwegen um die Entwicklung der Technik oder auch der Naturwissenschaft dreht, aber wir müssen doch einen festen Standpunkt beziehen! Halten Sie also zunächst fest: Die niedere Ordnung beugt sich der höheren und nimmt dadurch teil an deren Vollkommenheit.

Sodann gilt darüber hinaus: Die niedere Ordnung ist der höheren gegenüber symbolträchtig, ist Ausdruck der höheren Ordnung. Hingabe an ei-‚ ne Zweitursache will deswegen immer gesehen werden als Ausdruck der Hingabe an die Erstursache. Das ist entscheidend. Wissen Sie, das Problem der heutigen Zeit besteht, so scheint mir, nicht in der Liturgie, nicht darin, ob wir das oder jenes tun, ob wir deutsch oder hebräisch predigen. Das alles mag gut und recht sein, es ist aber letzten Endes Mittel zum Zweck. Mich dünkt, das Problem besteht heute darin, wie Erst- und Zweitursache gesehen, wie Gott überall gesucht und gefunden werden kann. Bei einem Theologenkongreß in Rom im vergangenen Jahr ist das auch sehr deutlich zum Ausdruck gebracht worden. Man meinte dort, was im Konzil so umfassend dargestellt worden sei, etwa von der Sprache, den Zeremonien, der Umformung der Liturgie und so weiter, was von der liturgischen Bewegung oder auch vom liturgischen-Geist gesagt wurde, sei alles sehr wichtig, aber die Zentralfrage – und das sei die Gottesfrage – werde damit nicht berührt. Existiert der liebe Gott? Glauben wir wirklich an die Existenz und Tätigkeit Gottes? Können wir die letzten zentralsten Wahrheiten bejahen? Diese Glaubenswahrheiten müssen heute wieder zurückerobert werden. Das Zentralste, was das Konzil wollte, müssen wir wohl so formulieren: Es geht darum, daß derl,Heiland für die heutige Zeit und für die kommende Zeit sein Wort wiederholen kann: „Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Dabei müßten wir natürlich diese kommende Zeit genauer charakterisieren. Darauf komme ich aber nachher noch von einem anderen Gesichtspunkt aus zu sprechen. „Damit sie das Leben haben…“ Welches Leben? Der Heiland meint das göttliche Leben. Damit sie das göttliche Leben in Fülle haben. Das ist der Zentralpunkt, darum dreht es sich! Wenn wir ihn nicht vergessen, ihn vielmehr klar vor Augen haben, können und sollen wir alles tun, was das Konzil uns gebracht hat. Wir tun das schon allein aus Ehrfurcht vor der Autorität, aber auch aus innerer Oberzeugung. Dabei übersehen wir aber nicht: Der Bewertung nach wichtiger als all das ist die Rettung des Gottesgedankens. Deswegen noch einmal: Alles, was an sich heute in der Diskussion in den Vordergrund gerückt wird, ist mehr Mittel und Weg; das Ziel aber ist immer die große Frage: Wie können wir den lieben Gott wieder mitten hineinstellen in das heutige Leben?

Die niedere Ordnung ist Ausdruck der höheren. Wenn ich mich also einem Menschen hingebe, soll diese Liebeshingabe nach göttlicher Gesetzmäßigkeit Ausdruck sein für meine Liebe zu Gott. Ich muß die Liebe zu Gott immer in den Vordergrund rücken. Das gilt auch, wo es sich um die Gottesmutter handelt. Wir dürfen bei ihr nicht stehenbleiben. Liebe zur Gottesmutter, Liebe zu einem Menschen, also Liebe zu einer Zweitursache, ist Ausdruck für die Liebe zum lebendigen Gott.

Die Zweitursache ist aber nicht nur Ausdruck, sondern gleichzeitig auch Mittel. Unsere große Sendung besteht darin, daß wir diese Wirklichkeit ernst nehmen und pflegen. Die Menschen müssen einander lieb haben, ein Geschöpf muß das andere lieb haben. Das Wesen des Menschen besteht auch darin, daß er Mitmensch ist. Wir müssen also dafür sorgen, daß wir die Menschen lieben, sie aufrichtig lieben lernen. Dies aber ist immer ein Mittel, um letzten Endes den lieben Gott lieben zu lernen. Deswegen sollen wir die

gegenseitige Liebe nicht verwehren, sie vielmehr pflegen, aber gleichzeitig immer dafür sorgen, daß diese Liebe nach dem Gesetz der organischen Dbertragung und Weiterleitung letzten Endes den Weg zu Gott findet und in ihn hinein führt. Deum quaerere, Deum invenire, Deum diligere tum in omnibus rebus tum in omnibus personis tum in omnibus circumstantiis. Das ist genau das, was wir den Sinn der Werktagsheiligkeit nennen.

Die niedere Ordnung ist aber nicht nur Mittel und Ausdruck, sondern auch

Sicherung der höheren Ordnung. Das ist überaus bedeutungsvoll. Ich meine, ich müßte das Wort von heute morgen noch einmal wiederholen: Wenn Zentrierung auf Gott, nachdem wir ihn gefunden, nachher eine Isolierung von der Kreatur bedeutet, müssen wir damit rechnen, daß wir übermorgen im Nihilismüs enden.

Sehen Sie, das ist die große Welt, die so klar vor uns steht. Wenn wir das anders ausdrücken wollten, müßten wir wohl so sagen: Wenn wir nach den besagten Gesetzen den Weg zum lieben Gott finden wollen, will das Wort „Mein Gott und mein Alles!“ immer organisch, nie mechanisch gesehen werden. Mein Gott und mein Alles! Gott birgt in sich immer die gesamte Welt der Zweitursachen. In Gott liebe ich alles. Erst dann, wenn ich zu Gott emporgestiegen bin und all das mitgenommen habe, was ich an Liebe in mir trage, bin ich fähig, wenn ich von Gott wieder hinabsteige zu der Kreatur, im großen und ganzen unbedenklich zu lieben, weil jetzt die Gottesliebe die Menschenliebe, die Liebe zum Irdischen, überstrahlt. Wie das geschieht, mag je nach Typ verschieden sein.

Damit habe ich Ihnen ein wenig gezeigt, was unter der spezifischen heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes zu verstehen ist. Die spezifische heilsgeschichtliche Sendung des Abendlandes besteht darin, daß nicht nur die Aufgabe einer Umwandlung in Gott gesehen, sondern gleichzeitig auch der Tatsache Rechnung getragen wird, daß diese Umwandlung in Gott durch Zweitursachen geschieht.

Darin aber liegt der große Wurf. Eben das macht den Unterschied und die starke Gegensätzlichkeit aus zwischen der Sendung des Abendlandes und der des Morgenlandes. Was müssen oder müßten wir also dem Morgenland bringen? Auf der einen Seite Christus, Gott, auf der anderen Seite aber auch die Verchristlichung der Zweitursachen. Das Morgenland hat umgekehrt uns gegenüber die große Sendung, uns vor der großen Gefahr zu bewahren, der das Abendland heute in weitestem Maß ausgesetzt ist, nämlich, daß wir so sehr an der Zweitursache hängen, daß die Erstursache darüber vergessen wird. Sehen Sie, das Morgenland, auch die morgenländische Liturgie, hängt extrem an der Erstursache und soll darum von uns lernen das Ja zur Zweitursache. Wir aber wollen vom Morgenland das Ja zur Erstursache lernen. – Ich meine, damit hätte ich Ihnen gedrängt Antwort auf die Frage gegeben, was wir un- ter Rettung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes in sensu proprio verstehen.

2. Was aber versteht man darunter in sensu improprio? Es wurde heute ja auch die Frage gestellt, in welchem Verhältnis die heilsgeschichtliche Sendung des Abendlandes zur Welterlösung schlechthin steht.

Ich meine sagen zu dürfen, daß man heute unter „Abendland“ in sensu improprio im großen und ganzen die ganze Welt verstehen kann, nämlich unter dem Gesichtspunkt, daß die kulturellen Formen des Abendlandes heute bereits in der ganzen Welt Eingang gefunden haben. Damit ist natürlich nur eine Teilsendung beachtet; aber immerhin ist der Begriff „Abendland“ damit geweitet. Der Inhalt des Begriffes „Rettung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes“ bleibt jedoch derselbe.

Diejenigen, die den ganzen Kursus mitgemacht, haben jetzt wohl eine klare Antwort, die allerdings so umfassend ist, daß sie noch nach allen Richtungen hin weiter studiert werden muß. Es hängt natürlich nun viel davon ab, daß die Familie als Ganzes von diesen Zusammenhängen durchdrungen ist. Wir können wohl nicht verlangen, daß jeder von uns sich die Zeit nimmt, diese spezifischen, metaphysischen, psychologischen und soziologischen Fragen zu durchdringen. Aber weil heute allerorten so viel geistige Verwirrung ist, dünkt mich, es wäre der Mühe wert und würde sich auch lohnen, wenn wir uns etwas Zeit reservierten, um diese Dinge soweit wie möglich bis auf den Grund durchzudenken und nachzudenken, um von da aus einen klaren Standpunkt zu gewinnen. – Ich meine, damit hätte ich die gestellte Frage, soweit das von Bedeutung ist, beantwortet. -(s.72-89.)

Wir müssen uns, so dünkt mich, in ungezählt vielen Dingen heute total umstellen, müssen anfangen, mündig zu werden. Aber ohne den Geist des Glaubens, ohne eine gewisse – ja, wie soll ich das sagen? – willige Vorentscheidung für Gott oder, anders ausgedrückt, ohne einen göttlichen Instinkt, ohne einen göttlichen Geschmack ist es uns allen unmöglich, einen Standpunkt zu gewinnen, wenn die Kirche heute ihre Methode ändert. Doppelt gilt das, wenn wir überlegen, was der hoministische Mensch in der hoministischen Gesellschaft heute nicht alles lehrt. Danach ist ja letztlich der Mensch der Schöpfer der Schöpfung. Wahr ist, daß er in der Schöpfung weniger die vestigia Dei (Spuren Gottes) als die vestigia hominis (Spuren des Menschen) sieht. Wenn ich jetzt nicht eine gewisse Voreingestelltheit habe für den lieben Gott, will also heißen: einen göttlichen Instinkt, der überall das Göttliche wittert, wie soll ich da zum Ziele kommen? Sicher, wir müssen heute brechen mit vielen, vielen Voraussetzungen, von denen wir bisher irrigerweise gelebt haben. Heute, da die Welt so in Gegensätzlichkeit steht zu der alten Welt und man – Sie verstehen das jetzt wieder viel besser – an der Zweitursache hängenbleibt, besteht die Gefahr, die Erstursache überhaupt nicht zu sehen. Und das ist ja gerade die Gefahr des Abendlandes. Es ist klar, wir werden normalerweise immer Erst- und Zweitursache beieinander sehen. Es gibt aber auch viele Dinge, bei denen ich weiß, was ich dem lieben Gott zuzuschreiben habe und was den Menschen. Alles, was wir gestern von der Vorsehungsgläubigkeit gesagt haben, kann natürlich ein nüchtern denkender Mensch leicht auch anders deuten. Ich kann etwas auch als Zufall deuten, und keiner kann mir sagen: Das ist absolut so oder anders. Wenn ich meinen Glauben nicht auswachsen lasse in einen göttlichen Instinkt und in einen göttlichen Geschmack, wenn ich also nicht Geschmack am Göttlichen bekomme, bin ich der Zeit einfach ausgeliefert. Und wenn es dann heißt: Morgen zu den Galeeren, übermorgen ans Kreuz!, wer sagt mir dann, daß das richtig ist, was ich bisher geglaubt habe? Sehen Sie, wenn nicht der Geschmack am Göttlichen den Geschmack am Irdischen mildert, sind wir der heutigen Zeit gegenüber absolut hilflos. -(s.101-103)-

Wie sieht also die Welt aus? Es ist zunächst eine gottlose, eine weltliche Welt! Eine Welt, die das Kainszeichen an der Stirne trägt. Kain wurde flüchtig vor Gott. Es ist sodann eine hominisierte Welt. Sie müssen einmal nachtasten, was das alles besagt. – Darf ich wieder fragen: Merken Sie, um was es geht? Das ist nach meiner Auffassung das zentralste Problem: das Verhältnis zwischen Erst- und Zweitursache. Wir müssen sehen, daß auch die Erstursache mit ihren Rechten, mit ihren Forderungen immer zur Geltung kommt. Es geht also immer um diesen Punkt.

Ferner spricht man von einer mechanisierten Welt. Bolschewistische Weltauffassung sieht die ganze Menschheit schlechthin wie eine Maschine an, und der einzelne Mensch ist an dieser Maschine weiter nichts als ein ersetzbares Teilchen. Dabei gibt es Teile, die eine besondere Funktion haben, aber letzten Endes gilt der Persönlichkeitswert nichts. Nur der Nutzwert gilt. Das gilt auch von allen Großen, die dort zu nennen sind und die Geschichte gemacht haben. Wir haben das ja seinerzeit erfahren, wie man diejenigen, die man vorher angebetet, später vom Thron heruntergerissen hat. Da gibt es keinen Heroenkult. Ach, nein! Alle sind letzten Endes weiter nichts als ersetzbare Teile einer Maschine.

Sie dürfen nicht übersehen – das zu wissen, ist für uns von Bedeutung -wie wir von 1917 an in Parallelerscheinung mit dem Bolschewismus geworden sind. Wenn wir wacher wären, wenn wir Schönstatt genügend in uns aufgenommen hätten“, würden wir jetzt miteinander die Gegenüberstellung überlegen: das, was Schönstatt will, und das, was der Bolschewismus will. Wenn Sie in die Vergangenheit hineinschauen, können Sie sich in ganz klassischer Weise zeigen lassen, wie stark das, was der liebe Gott uns durch den Bolschewismus gesagt hat, uns mitbestimmt, in hervorragender Weise mitbestimmt hat. Wie häufig haben wir uns Anfang der dreißiger Jahre damit auseinandergesetzt, wie der bolschewistische neue Mensch aussieht, und haben daraus die Lehre gezogen: Der liebe Gott will das Gegenstück. Wie sieht das alles bei uns aus? Ähnliches gilt, wenn die Kirche heute wissen will, was sie zu tun hat. – Der Mensch von heute ist der mechanistische Mensch in einer mechanistischen Welt. So sieht der Mensch heute aus! -(s.117f)-

vervielfältigt/Offset 131 Seiten A5, als: Victoria Patris II, S.72-89; S.101-103; S.117f **

 

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