GdL-1944- Allgemeingültige und spezifische Erkenntnisquellen

GdL-1944- Allgemeingültige und spezifische Erkenntnisquellen

Aus: Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (1944)

Weil die Werkzeugsfrömmigkeit in allem angewiesen ist auf Gottes Wunsch und Willen, muss sie viel Gewicht legen auf deren Erkenntnis. Es liegt ihr gleichsam im Blute, als Quelle zu diesem Zweck ständig den Werkzeugscharakter der geschaffenen Dinge zu benutzen, mag es sich dabei handeln um das gesprochene Wort, um freiwirkende Zweitursachen, um die Seinsstruktur der Dinge, um Zeitenströmungen und Weltgeschehen oder um Fügungen und Zulassungen im persönlichen Leben.

1. Gott spricht zu uns durch die Heilige Schrift und durch innere Anregungen und Erleuchtungen. Werkzeugsfrömmigkeit stellt sich deswegen gerne unter den Einfluss des inspirierten Gotteswortes, d.h. sie liest gerne, häufig und fruchtbringend die Heilige Schrift und achtet gewissenhaft auf die inneren Einsprechungen der Gnade. Um nicht fehlzugehen, hält sie sich im ersten Falle an die Auslegung der Kirche und bemüht sich im zweiten Falle um schlichte Offenheit dem Beichtvater und Seelenführer gegenüber.

2. Gott hat den Menschen frei geschaffen und benutzt ihn aus Ehrfurcht vor dieser Freiheit gerne als Mitregenten bei der Weltregierung. So will das Wort verstanden werden: „Deus operatur per causas secundas liberas [Gott wirkt durch freie Zweitursachen].“ So darf auch das Gesetz der organischen Übertragung auf Gott und seine Praxis sinngemäß angewandt werden, d.h.: Die ewige Weisheit überträgt auf Menschen einen Teil ihrer Eigenschaften, etwa ein Stück ihrer Weisheit, Macht, Güte und Treue, um dadurch andere Menschen zu führen, zu gewinnen, an sich zu binden. Durch sie teilt Gott gemeiniglich andern seine Wünsche, seine Absichten mit. So hat er seinerzeit Paulus nach der Bekehrung behandelt. Anstatt ihm selber im Einzelnen Weisungen zu geben, verwies er ihn an einen Jünger Ananias, der sagen sollte, was nun zu tun sei.

Werkzeugsfrömmigkeit, die ein geschultes Organ mitbringt für alle werkzeuglichen Erkenntnisquellen des göttlichen Willens, wartet nicht starrköpfig auf unmittelbare göttliche Willensäußerungen; sie ist und bleibt überaus hellhörig für alles, was Gott ihr durch seine Werkzeuge, durch freie Zweitursachen mitteilt. Darum orientiert sie sich gerne an Wunsch und Willen der Kirche und der Vorgesetzten, an Satzungen und Brauch. Gott ist es ja, der durch diese Organe deutlich und unmissverständlich spricht. Solange sie darauf hört und ihnen willig folgt, entgeht sie der Gefahr des Selbstbetruges und der teuflischen Einflüsterungen.(…)

3. Von jeher spielte die Seinsstruktur der Dinge eine besondere Rolle bei uns, die wir dauernd über Gottes Wunsch und Willen zu befragen bemüht waren und auch heute noch sind. Auf diese Erkenntnisquelle weist das große Gesetz hin, das unsere „Werktagsheiligkeit“, unsere Gebräuche, unsere Pädagogik wie ein leicht erkennbarer roter Faden durchzieht: Ordo essendi est ordo agendi [die Seinsordnung bestimmt die Ordnung des Handelns].

Die objektive Seinsordnung ist bis in alle Einzelheiten hinein Norm für unsere gesamte Lebensordnung. Dabei gehen wir von dem Gedanken aus, dass die geschaffenen Dinge nicht nur inkarnierte Gottesgedanken, sondern auch Gottes Wünsche sind. Fassen wir jedes geschaffene Ding auf als ein Wort von und über Gott, so dürfen alle geschaffenen Dinge, sowohl die natürlichen wie die übernatürlichen, als ein großes Bilderbuch Gottes, als ein Lesebuch über ihn, als eine lebendige Gotteslehre angesprochen werden, die uns bei der Ermittlung der göttlichen Wünsche selten im Stiche lässt.

Dieser Gedanke war Sankt Paulus überaus vertraut. Deshalb klagt er die Heiden, die sich falsche Götzen gezimmert hatten und ein sittenloses Leben führten, ernst und bitter an. Er erklärt ihr Handeln und Tun als schuldbar, weil sie aus der sichtbaren Schöpfung Gott, seine Gebote und Wünsche hätten erkennen müssen.

Es ist nicht zu verwundern, dass in der heutigen Zeit diese Erkenntnisquelle für weiteste Kreise verstopft ist. Dort, wo alles eingestellt ist auf Bewegung, auf Dynamik, auf Leben, auf Entwicklung, hat man keinen Sinn mehr für Sein und Seinsstruktur der Dinge. So mag es kommen, dass man auch in katholischen Kreisen bei der großen Verwirrung der Begriffe und der vielgestaltigen Unsicherheit des Lebens und der Lebensformen verlernt hat, an dieser Seinsstruktur sich unentwegt zu orientieren.

Wir sind nie müde geworden, sie zu befragen. Wir mussten das u.a. auch deswegen tun, weil wir als Familie ja nur so viele Bindungen nach unten suchten, als wirklich notwendig sind. Darum waren wir vorzüglich darauf angewiesen, in unserem Handeln, in Satzungen und Gebräuchen uns an diese Seinsstruktur bis in feine und feinste Verästelungen anzupassen. Dazu kommt unsere Grundeinstellung der Hochherzigkeit, die überall auf die leisesten Gotteswünsche, nicht nur auf seine Gebote reagieren möchte. Bei ihren Entdeckungsfahrten und Eroberungszügen erhält sie in den meisten Fragen durch die Struktur der Dinge eine klare und bestimmte Antwort, nicht selten auch da, wo andere Erkenntnisquellen versagen.

Für ein umfassendes Ermittlungsverfahren kann man unterscheiden eine natürliche und eine übernatürliche Seinsordnung – sowohl als große Gesamtlinie in sich als auch in ihrer konkreten Darstellung in einzelnen Dingen und Individuen – und endlich die Verbindung von beiden Ordnungen. Werkzeugsfrömmigkeit behält alle drei Formen vor Augen, befragt sie in Zweifelsfällen und hält unentwegt an der klar erhaltenen Antwort fest. (…)

4. Noch stärker als die Seinsstruktur der Dinge lebt im öffentlichen Bewusstsein der Familie die vierte werkzeugliche Erkenntnisquelle, aus der sich Gottes Wunsch und Wille ermitteln lässt: Zeitströmungen und Weltgeschehen, Führungen und Fügungen im eigenen Leben und im Familienleben. Es ist nicht schwer nachzuweisen, wie die Familie in ihrem Werden und Wachsen bis heute in hervorragender Weise aus dieser Quelle gespeist wird.

Wie häufig durften wir hören und bekennen, dass weder Vision noch visionärer Traum, sondern lediglich der einfache, praktische Vorsehungsglaube bei ihrer Gründung und ihrem Ausbau Pate gestanden hat, ein Vorsehungsglaube, der hinter Zeitnöten und Zeitbedürfnissen, hinter dem großen Weltgeschehen und den Führungen und Fügungen im kleinen Kreis immer klar und deutlich die knüpfende und verknüpfende, die gütige und mächtige Vaterhand und den bittenden Vaterwunsch zu sehen, zu erkennen und zu beantworten verstand. So trifft uns nicht der Vorwurf des Heilandes: „Die Zeichen am Himmel und in der Natur versteht ihr zu deuten, aber nicht die Zeichen der Zeit.“

Aus:
Josef Kentenich
Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (1944),
Schönstatt-Verlag, Vallendar, 1974
ISBN: 978-3-920849-26-3
S. 39-44.51

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