GdL-1949-10 In Christus löst sich die Tragik der Sünde und ihrer Folgen

GdL-1949-10 In Christus löst sich die Tragik der Sünde und ihrer Folgen

Aus: Oktoberbrief 1949

In Christus löst sich jede Tragik im Leben und Zeitgeschehen. Von Tragik spricht man, wenn schwache Menschenkraft mit stärkeren, höheren Mächten in Konflikt gerät und dabei so zusammenbricht, dass aus der Niederlage reicher Segen fließt. Der Theologe sagt dafür in unserem Fall: In Christus wandelt sich das mysterium iniquitatis in das mysterium gratiae.1.

Die übermächtigen Kräfte, die durch die Sünde aus der Unterwelt ausgebrochen sind, die seit Adams Fall aus dem Innern des Menschen stürmisch hervorquellen und aus empörten Naturkräften Tod und Verderben speien, um den geschwächten, erbsündlich belasteten Menschen niederzuzwingen, erhalten in ihm eine lichtvolle Sinndeutung und sieghafte Bemeisterung. Die Sünde hat den Menschen von Gott gelöst. Der Sünder will sein eigener Gott sein, jedenfalls sich unabhängig von seinem Schöpfer und Gebieter, von seinem Herrn und Meister machen.

Dieser Abfall bedeutet einen vierfachen Verfall: Auflösung der innerseelischen Harmonie, Zusammenbruch der souveränen Herrschaft über die Kräfte der Natur und der Unterwelt und Verlust eines gesicherten Heimatbewusstseins. Die seelischen Fähigkeiten haben ihre Harmonie verloren: Bald wird der Verstand überbetont, bald das Herz und Gefühl. Deshalb kennt der Mensch hier auf Erden auch keine rechte Heimat mehr. Nur der harmonisch gebildete Mensch kann die Welt zu einer Art Paradies, zu einem Stück Himmel machen. Innerliche Aufgespaltenheit und Zerrissenheit macht aus dem schönsten Fleckchen Erde eine Räuberhöhle, ein Stück Hölle. So versteht man den inneren Zusammenhang der drei Sätze: Homo homini Deus; homo homini lupus; homo homini diabolus.2

Wie die Naturkräfte im Innern des Menschen, so empören sich auch gleichzeitig die äußeren Mächte der Natur und Außenwelt gegen ihn. Was die Allerheiligenlitanei seit unvordenklichen Zeiten beten lehrt: A peste, fame et bello… ab insidiis diaboli… libera nos Domine,3, weist deutlich hin auf zwei Großmächte im Menschenleben. Nicht nur die Natur erhebt sich feindlich, sondern auch der Teufel. Zu bestimmten Zeiten ist ihm außergewöhnliche Macht gegeben, die er mit unnachgiebiger Grausamkeit ausübt.

So wird die Nachtseite der Geschichte zum zuverlässigen Kommentar des dreifachen Urteilsspruches im Paradies: über den Teufel, die Frau und den Mann.

Dem Teufel gilt das Wort: „Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen ihrem und deinem Samen. Du wirst ihre Ferse verletzen.“4 Seit der Zeit nimmt die Herrschaft der diabolischen Mächte im Weltgeschehen kein Ende. In den alten heidnischen Religionen haben sie ihren Einfluss geltend gemacht und tun es heute noch. Deshalb bezeugt der Heilige Geist: Omnes dei gentium sunt daemonia5 (Ps 95,5). In den Hexenprozessen des Mittelalters, in spiritistischen Umtrieben der Neuzeit und in den fanatisierten und blutrünstigen Grausamkeiten der modernen Völker begegnen wir der kalten Hand des Menschenmörders von Anbeginn.6 Sein Kampf gegen Christus und dessen Reich ist schlechthin der Erreger der ganzen Weltgeschichte, angefangen vom Fall der Stammeltern bis zur letzten Auseinandersetzung der Zeiten.

Die Frau trifft das harte Wort: „In Schmerzen sollst du Kinder gebären.“7 Die Zeit ist gekommen, wo die Werdestätte des Menschen nicht selten zur Grabstätte von Mutter und Kind wird: hier mit, dort ohne persönliche Schuld. „Du sollst unter der Herrschaft des Mannes stehen.“8 Sie ist in den verschiedensten Formen die Sklavin des Mannes geworden. Sie ist es auch heute noch: bald als billige Arbeitskraft, bald als großes Lustmittel für männliche Gier. Willig erkennt sie die Herrschaft des Mannes über sich an, hier durch schamlose Männerjagd, dort durch Modenarrheit und ausgeschämten Körperkult.

Dem Mann wird das Fluchwort entgegengeschleudert: „Verflucht ist die Erde. Mit Mühsal sollst du dich von ihr ernähren alle Tage deines Lebens. Disteln und Dornen soll sie dir tragen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen.“9 Die geschichtliche Wirklichkeit zeigt im einzelnen die Tragweite solch harter Verdikte. Um des Brotes willen ist ungezählt viel Schweiß geflossen. Um irdischer Vorteile willen ist ungemein viel Blut in Kriegen und Revolutionen verströmt worden. Um wirtschaftlicher Dinge willen sind die besten Kräfte des Geistes statt unmittelbar für Gott und Göttliches für Fortschritt von Technik und Industrie verwertet worden.

So sieht das mysterium iniquitatis aus. Christus hat es zum mysterium gratiae gemacht.

Er löst in seiner Person und Gefolgschaft die Tragik der Sünde in ihrer mehrfachen Gestalt. Die Auflehnung gegen Gott meistert er, indem er in sich und in den Seinen gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuze wird. Er überwindet die Not der inneren Zerrissenheit, weil er in sich und den Seinen mit allen Fähigkeiten des Leibes und der Seele nur um den Vater kreist, um seine Person, um seinen Wunsch, seinen Willen und um sein Reich. Das Leid der Heimatlosigkeit wandelt er, so oft er mit dem Vater und dem Heiligen Geist kommt, um Wohnung bei den Seinen zu nehmen.10 Die Macht der entfesselten Naturgewalten mit den vier apokalyptischen Reitern, mit Krieg, Revolution, Hungersnot und Seuchen benutzt er, um das Bewusstsein kindlicher Abhängigkeit in seiner Gefolgschaft zu vertiefen, damit sie emporwachsen kann zu seinem Vollalter. Die Angriffe des Teufels – ob sie mit List oder mit Grausamkeit gepaart sind – macht er zuschanden; ist er doch in die Welt gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören. Er tut es dadurch, dass er sie zu Geburtshelfern eines neuen Lebens und Strebens macht. Die Frau erlöst er aus der Sklavenschaft des Mannes, sooft er ihr das Bewusstsein persönlicher Hochwertigkeit schenkt, nachdem er sein Blut auch für ihre Seele vergossen und sie in den Adelsstand der Kinder Gottes emporgehoben hat. Die Arbeit des Mannes ehrt und adelt er dadurch, dass er dreißig Jahre als einfacher Handwerker sein Leben fristet.

Damit berühren wir das zweite Merkmal, an dem eine Zeitenwende konstatiert werden kann. Es gehört der Erlösungsordnung an. Tritt eine wesentliche Wandlung im Verhältnis zum Offenbarungsgott ein, so spricht man mit Recht von einer Wende.

1 In Christus wandelt sich das Geheimnis der Bosheit in das Geheimnis der Gnade.

2 Der Mensch ist des Menschen Gott; der Mensch ist des Menschen Wolf; der Mensch ist des Menschen Teufel.

3 Von Pest, Hunger und Krieg,… von den Nachstellungen des Teufels… befreie uns, Herr.

4 Gen 3,15.

5 Alle Götter der Heidenvölker sind Dämonen.

6 Vgl. Joh 8,44.

7 Gen 3,16.

8 Ebd.

9 Gen 3, 17-19.

10 Vgl. Joh 14,23.

Aus:
Pater Josef Kentenich
Oktoberbrief 1949,
Ein Beitrag zum christlichen Auftrag: Neuer Mensch
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
ISBN: 978-3-920849-01-0
S. 51 – 54

Zum Online-Angebot des Verlags

 

Back