GdL-1950-07 Transzendenz – Immanenz Gottes

GdL-1950-07 Transzendenz – Immanenz Gottes

Aus: Pädagogische Tagung 1950

Eine weitere Ursache für die betrübliche Zeit- und Seelenlage liegt in der Tatsache, daß der heutige Mensch eine eigenartige, ausgeprägte Empfänglichkeit für zweitrangige Werte hat, nicht für erstrangige. Zweitrangige Werte sind irdische, sinnenhafte Werte: Macht, Genuß und Besitz. Die erstrangigen Werte – Gott und Göttliches – sind durch die Säkularisierung der Zeit, die mit dem ausgehenden Mittelalter begann und heute ihren Höhepunkt erreicht hat, zurückgedrängt worden. Hier müssen wir nun stehenbleiben, um eine Schwäche in der eigenen Position zu charakterisieren.

Wir stehen als Erzieher und Seelsorger durchweg selber zu wenig unerschütterlich auf dem Boden der Realität der jenseitigen, übersinnlichen und übernatürlichen, der erstrangigen Werte. Sie sind keine Realität für uns. Sie sind zuviel Idee. Ach, wir spüren das heute allenthalben!

Wo liegt dafür die tiefere Wurzel? Nicht bloß die allgemeine Säkularisierung der Zeit ist daran schuld; nein, auch in der Art und Weise unserer Erziehung liegt die Ursache. Die Wurzel des übernatürlichen Lebens, des Glaubens und Glaubensgeistes, ist angekränkelt, nicht selten auch in den Kreisen derer, die überaus religiös und begeistert über Glaube und Religion sprechen können. Gott und Göttliches ist zu stark ideenverflüchtigt. Gott steht nicht mehr als eine lebendige Person vor uns, sondern als eine große, abstrakte Idee. Es mag sein, daß eine Generation das eine Zeitlang aushalten kann…

In katholischen Kreisen spricht man gerne von der Transzendenz Gottes. Aber vielfach ist der transzendente Gott für uns so transzendent geworden, daß er die Beziehung zum Leben verloren hat. Sehen Sie: Die Immanenz Gottes, genauer gesagt, unser ganzes theologisches Glaubensgebäude, der ganze Organismus der Glaubenswelt, tritt in unser Leben durch den praktischen Vorsehungsglauben. Wer den praktischen Vorsehungsglauben mit der Immanenz Gottes nicht wieder und wieder lehrt, der sorgt dafür, daß die Wurzel des (Glaubens-)Baumes krank und immer kränker wird. Eine der drei Botschaften von Schönstatt ist die Botschaft vom praktischen Vorsehungsglauben(9).

Wir müssen mitten hinein in diesen Vorsehungsglauben! Unsere Frage muß sein: Wie tritt mir der Gott des Lebens entgegen? Wenn wir (bei der Belehrung) »hinübergondeln« in alle möglichen Situationen, den transzendenten Gott da und dort, den eucharistischen Gott im Sakrament, und Gott im Herzen zeigen, das mag alles recht sein; aber das Kardinalstück des heutigen Lebens, die Kernprobe unserer Religion, unseres Glaubens, muß der praktische Vorsehungsglauben sein. Durch ihn bekommen wir wieder ein Organ für die erstrangigen Werte. Der praktische Vorsehungsglaube greift ständig in den Willen, in das Herz und das Gemüt hinein.

Ich meine, Sie müßten diese Dinge nicht bloß als eine Behauptung neben anderen hören, sie trifft den Kern. Deswegen: Pflege des Glaubensgeistes! Fides est radix et fundamentum omnis iustificationis (Konzil von Trient)(10). Pflege, sorgfältige Pflege des Glaubensgeistes im Sinne des praktischen Vorsehungsglaubens bis in die kleinsten Kleinigkeiten des Alltags hinein muß mein Lieblingsthema bei der Predigt sein, bei der persönlichen Beratung und in der schulischen Erziehung. Mit der Zeit kann ich dann von dieser Immanenz bei den Strebsamsten auch emporsteigen zur Transzendenz. Transzendenz und Immanenz werden sich aber immer wunderbar ergänzen in gegenseitiger Spannung. Damit ist schon von selber ein dritter Hinweis gegeben. Wo der Geist des Glaubens wieder das Organ für die letzten, jenseitigen, übernatürlichen Werte in uns öffnet und formt, dürfen wir es als selbstverständlich halten, daß der Glaubensgeist zum Opfergeist und zur praktischen heroischen Tat drängt. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die Gegenseite Forderungen stellt, und zwar heroische Forderungen. Und wir haben nicht den Mut, Forderungen zu stellen…

Die Gegenseite stellt nicht nur Forderungen, sondern sie greift auch tatsächlich mit einer ungeheuren Dynamik in das Leben der heutigen Menschheit hinein. Das ist die Dynamik der persönlichen Tat. Auch das müssen Sie im großen Zusammenhang sehen.

An sich ist die Gegenseite eine »Eintagsfliege«. Sie hat keine große Tradition. Und wir? Wir können zurückgreifen auf Märtyrer und auf große Gestalten im Reiche der Kirche, auf Genies des Kopfes und des Herzens. Die Gegenseite kann das nicht, und trotzdem ködert sie die Masse. Sie werden vielleicht sagen: Dahinter steckt die Knute. Das stimmt nicht ganz. Es steckt auch etwas anderes dahinter, und zwar die Dynamik der Tat, der kraftvollen, von sich selber fordernden Tat. Wissen Sie, was das bedeutet? Meinen Sie nicht, wir wären nach der Richtung alle Schwächlinge? Meinen Sie nicht, wir würden nicht nur zu wenige Forderungen stellen an unsere Gefolgschaft, sondern auch die Dynamik des Religiösen, die in das Räderwerk unseres eigenen Lebens hineingreift, zu wenig ernst nehmen? Wir kennen das klassische Wort von dem erzogenen Erzieher. Das Sein ist heute der große Erziehungsfaktor, nicht das Wort.

Wer glaubt heute noch dem Wort? Es gibt heute kein zuverlässiges Wort, es sei denn, es wird von einem Menschen gesprochen, der es zu verkörpern trachtet. Die Bibel, die der heutige Mensch allein noch liest, ist das zuverlässige, ernste Leben des Christen. »Die Religion hängt in den Lüften«; sie formt uns zu wenig. Und weil wir zu wenig geformt sind, glaubt man unseren Worten nicht mehr. Der erzogene Erzieher! Dynamik!

Wenn wir beides miteinander verbinden, auf der einen Seite die Tradition von Jahrhunderten und auf der anderen Seite die Kraft der Gnade, die Kraft des Glaubens, die uns über alles Irdische hinwegschreiten heißt, dann reißen wir auch unsere Jugend, eine Jugend, die schwer ansprechbar ist und kaum noch Sinn für Hohes hat, mit fort.

Aus:
Josef Kentenich
Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher.
Pädagogische Tagung 1950
Vallendar 1971, 290 S.
ISBN: 978-3-920849-06-5
S. 53 – 56

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