GdL-1950-12 Bild vom spielenden Gott

GdL-1950-12 Bild vom spielenden Gott

Aus: Bundestagung 1950

Aber das praktische Leben! Viele großen Geister haben mit dem Wort „Spiel“ das Allerschönste und Tiefste zum Ausdruck gebracht, was ihr Verhältnis zu Gott ausmachte. Von einem alten heidnischen Philosophen wird erzählt, er habe das Leben, die Natur beobachtet. Es war für ihn bald eine Selbstverständlichkeit, daß jemand die Welt geschaffen hat und regiert. – Eine klare Linie in der Führung des Weltgeschehens ist an sich für einen klaren Verstand leicht offenbar. – Er sah aber auch die andere Seite: es gibt ungezählt viele Dinge, die sich nicht einregistrieren lassen in diese klare Gedankenlinie. Darum hat er das Bild geprägt: Derjenige, der die Welt geschaffen und regiert, kommt mir vor wie ein Kegelspieler. Sehr häufig kann ich nachweisen, daß er nach Regeln spielt. Dann kann ich erkennen, was alles in der Führung Gottes eingeschlossen ist. Man sieht eine Linie. Sehr häufig aber kommt er mir vor wie ein Knabe, der keine Lust mehr hat, nach der Regel zu spielen, er wirft den Ball mitten hinein in die Kegelbahn. – Mit diesem Bild soll das Unfaßbare in der Weltregierung ausgedrückt werden. Es geht uns selber ähnlich so. Wenn wir nachprüfen, werden wir in den Fügungen und Führungen unseres Lebens oft eine Linie finden. Wenn wir einen Sinn darin finden, können wir viel aushalten. Häufig aber kommt uns alles so sinnlos vor. Darin liegt das Meisterstück, das ist die Lebensmeisterung, mit diesem Unverständlichen und Unfaßbaren in unserem Leben zurecht zu kommen. Solange wir etwas von der Providentia Gottes am grünen Tisch nachlesen, ist das schön. Wenn wir aber selber die Kegel sind, mit denen der liebe Gott willkürlich spielt, fällt uns das schon schwer. Sehen Sie, in solchen Momenten heißt es, still zu halten und sich zu sagen: Derjenige, der mit mir Kegel spielt, ist der Vatergott; ich als kleines Geschöpf werde nie die Gesetze durchschauen, nach denen Er mich führt. Wenn ich das erkennen könnte, wäre Er ja nicht größer als ich. Ich erkenne Seine Größe dadurch an, daß ich viele Dinge bejahe, weil sie von Seiner Hand kommen. Von uns aus gesehen ist die Beobachtung sehr greifbar. Tatsächlich spielt Gott mit uns so Kegel wie der Knabe, der keine Regel kennt. Verstehen Sie deswegen auch die große Bedeutung der Botschaft Schönstatts? Was ist das etwas Gewaltiges, die Menschen zu führen, daß sie das Unfaßbare mit sich geschehen lassen und es tragen! Ja, Vater, ja, Dein Wille stets geschehe! Wir müssen den Gott des Lebens überall auf der Spitze des Lebens sehen – auch dann, wenn alles dunkel ist, wenn man sich wer weiß wie behandelt weiß und sieht. Das ist Heroismus. Diesen Heroismus des Vorsehungsglaubens müssen wir uns alle wieder erbetteln, mag es kosten, was es will!

Darf ich von hier aus auch einmal in die Hl. Schrift hineingreifen? Auch dort begegnet Ihnen das Bild vom spielenden Gott. Im Buch der Weisheit finden Sie die ewige Weisheit ständig spielend vor dem Angesicht des Vaters. (siehe Lesung vom 8. Dez.) – Selbst die alten Heiden hatten den gleichen Gedanken. Da heißt es: Zeus, der oberste der Gottheit, spielt. Was soll ausgedrückt werden? Die souveräne Macht dessen, der das ganze Weltall geschaffen und regiert; Er kann mit Seinen Geschöpfen machen, was Er will. Und meine Größe besteht darin, mich von dem „kegelspielenden“ Gott als Kegel behandeln zu lassen.

Die kl. hl. Theresia gebraucht das Bild: Gott, der Ballspieler. Das ist an sich die Spitze dessen, was wir Inscriptio nennen. Das heißt, sich vom lieben Gott behandeln zu lassen, wie Er will. Das setzt die tiefste Überzeugung voraus, daß Gott Vater ist, daß alles immer aus Liebe geschieht, auch wenn ich nicht verstehe, was geschieht, wenn ich sagen müßte, nach menschlichem Ermessen ist das oder jenes Ungerechtigkeit. Dieser Tage bekam eine bei Tisch – wie das am Unschuldigen-Kinder-Tag schon mal geschieht – etwas mit der Aufschrift: „Vaters Querkopf.“ Meinen Sie nicht, wir alle wären Vaters Querköpfe? Was heißt das, Querkopf? Es dauert etwas, bis das Köpfchen sich beugt…. – In dem Wörtchen: ich bin Spielball Gottes, steckt eine ganze Welt. Darf ich Spielball in der Hand eines Menschen sein? Höchstens insofern, als der Mensch für mich Abbild Gottes ist, als er Gott repräsentiert. Hören Sie, wie die kl. hl.Theresia das Bild ausgelegt hat. Der liebe Gott mag den Ball in die Ecke, in den Schmutz werfen. Was sagt der Spielball: der liebe Gott kann mit dem Ball machen, was Er will. – Das ist ein sinnenhafter Ausdruck für das, was wir Inscriptio nennen. Ja, wir bitten sogar darum, daß Er uns wie einen Spielball behandelt. Das gibt die Kraft, sich aufrecht zu halten, wenn man sich ungerecht behandelt weiß u. fühlt. – – –

Es gibt eine Unsumme von Bildern, die ein geschlossenes System darstellen, um uns den Providentia-Gedanken ganz tief einzuprägen. Sogar die Querköpfe gehören dazu! Das sind Bälle, die sich nicht von der Stelle bewegen lassen, mit denen man nicht viel anfangen kann. Merken Sie, was der Ausdruck „Ball“ bedeutet?

Wir finden ein ähnliches Bild bei der großen hl. Theresia, ein überaus schönes Bild, das uns einen neuen Gesichtspunkt darstellt.

Sie nennt Gott gerne den großen Schachspieler und sich die Schachspielerin. Also auch hier Gott, der große Spielende, der machen kann, was Er will. Man empfindet immer eine gewisse Willkür. Gott kann mit mir machen, was Er will. Sehen Sie, die hl. Theresia, ähnlich wie Franz von Sales, steht ganz im Gegensatz zu der abendländischen Auffassung. Sie sagt: Gott hat eine ungemein starke Ehrfurcht vor der Größe des Menschen, der Frau. Franz von Sales wird nicht müde, der Frau ihre endlose Größe vor Gott einzuprägen. Abendländisches Denken ist an sich: Nichts bist Du, nichts hast Du, nichts kannst Du! Hier heißt es umgekehrt: Erkenne und erfasse doch Deine ganze strahlende Würde! Das sind die Wahrheiten, die wir nachher, wenn wir in Kursen uns erziehen wollen, noch tiefer ausschöpfen müssen. Wir müssen das ähnlich tun wie unsere Schwestern. Wir müssen uns von unten herauf in den Geist der Kindschaft, in die ganze Welt der Gliedschaft und Brautschaft einführen lassen. Wir dürfen den Schwestern und den Frauen von Sch. nicht nachstehen. Wenn jemand von den Bundesschwestern glaubt, zu den Schwestern berufen zu sein, wird ja die ganze Erziehung anerkannt; nur der Grad der Gemeinschaftsfähigkeit muß noch erprobt werden. Die Bundesmutter muß ihre Lebensaufgabe darin erblicken, daß wir alle eine gründliche Schulung bekommen. –

Sehen Sie das Bild der hl. Theresia: Gott will mit ihr Schach spielen. In diesem Fall geh- es aber umgekehrt: der liebe Gott soll nicht das Spiel gewinnen, sie will das Spiel gewinnen. Theresia hat sich das Bild so ausgemalt: Er ist der König, Er soll schachmatt gesetzt werden. Wer soll ihn schachmatt setzen? Alle anderen Figuren: Bauern, Pferde, Türme sind nicht viel wert, nur allein durch die Königin läßt der König sich schachmatt setzen. Wer ist die Königin? Das ist sie, Theresia. Merken Sie das Lebensgefühl, das dahinter steckt? Sie steht Gott gegenüber da als die Königin. Sie ist überzeugt: Ich bin zur Königin erwählt und geworden durch all die Herrlichkeiten, die Gott mir gegeben. Wir modernen Menschen kennen sie nicht mehr, weil wir zu stark hineingezogen sind in den Kampf. Der König kann nur schachmatt gesetzt werden durch die Königin. Wie kann die Königin den König schachmatt setzen? Dadurch, daß die Königin sich vor dem König beugt und sich klein gibt, durch die Demut. Der König wird von der Königin nur schachmatt gesetzt durch die Anerkennung ihrer Schwäche, ihres Kieinseins, ihrer Grenzen. Der Gedanke hat in der Werktagsheiligkeit die Form gefunden: Gott kann der erkannten und anerkannten Schwäche des Kindes nicht widerstehen! Das ist für uns alle so wichtig, zumal für die alte Generation, aber es gilt auch für die junge Generation. Wir sind alt geworden, man schließt uns jetzt aus. Wir kommen einmal in das Alter hinein, in dem die seelische Spannkraft nicht mehr da ist ……..

Wo wir Gott gegenüberstehen, haben wir alle unsere Grenzen. Aber das Bekennen und Anerkennen der Armseligkeiten bedeutet die Ohnmacht des Vaters und die Allmacht des Kindes. Wodurch wird der König schachmatt gesetzt? Dadurch, daß die Königin sich vor Ihm, dem ewigen Gottkönig innerlich klein bekennt und anerkennt.

Sehen Sie, da kommen alle bekannten Bilder der kl. hl. Theresia, die richtunggebend für uns sein sollen und wollen. Sie spricht einmal vom Lift der Heiligkeit, oder von der Freitreppe. Sie sieht den Vater oben auf der großen Treppe stehen und sie, das kleine, unmündige Kind unten am Fuß. – Das sind alles Bilder und Vergleiche, die hinken. Es ist aber immerhin der Mühe wert, den Gesichtspunkt herauszustellen. Theresia sagt: Meine Größe besteht darin, daß ich die Ärmchen ausbreite und warte, bis der Vater das Kind nach oben holt. Dadurch soll das volle Abhängigsein vom Vater ausgedrückt werden. Kindlichkeit, geistige Kindheit ist der Heroismus des Kleinseins und der Demut, des grenzenlosen Vertrauens und der schlichten Hingabe. Das alles umschreibt der Ausdruck: Providentia-Kind. Es ist das schlichte, einfältige Kind, das alle Querköpfigkeit überwunden hat. Wir brauchen in alleweg die echte Kindlichkeit. „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder ………“

Ich meine, jetzt hätte ich Ihnen genug gesagt. Man merkt, das ist die rechte Speise. –

Aus: Bundestagung 1950, 26.-29. Dezember (E), Seite 128 – 133

verv.W, A 5, 135 S.

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