GdL-1951- Der vorsehungsgläubige Priester

GdL-1951- Der vorsehungsgläubige Priester

Aus: Priesterexerzitien in der Marienau 1951

Der vorsehungsgläubige Priester ist der Priester, der ständig die Zweisamkeit mit dem Gott des Lebens sucht. Näherhin ist er

1. ein hellsichtiger,
2. ein wagemutiger,
3. ein siegessicherer Priester.
Ein hellsichtiger Priester, ein tiefsichtiger, weitsichtiger. Er hat Erkenntnisquellen, die andere nicht haben. Er ist wie ein Spökenkieker, die Dinge sehen, die andere nicht sehen. Justus meus ex fide vivit (Der Gerechte lebt aus dem Glauben). Praktisch heißt das, er lebt aus der Wahrheit: Gar nichts kommt von ungefähr, von Gottes Güt‘ kommt alles her. Ist die Situation noch so verworren, der vorsehungsgläubige Priester sagt: Gott hat mich in diese Situation hineingebracht, es wird schon recht sein. Er weiß sich verknüpft mit Gottes großem Weltenplan. Alle, die durch meine Schule gehen, mögen sich von anderen nicht unterscheiden durch größeres Wissen, aber dadurch, dass sie Kinder des Vorsehungsglaubens sind.

Wie hat das Sankt Paulus doch alles so klar geschaut. Für ihn gibt es das Lebensgesetz der geöffneten Tür. Wir wollen dahin gehen, wo Gott uns die Türe aufmacht. Das ist praktischer Vorsehungsglaube.

Das Zentrale an ihm ist: Gott spricht zu mir durch die Verhältnisse. Darum muss ich Zeichendeuter werden. Für mich ist das die Lebensaufgabe. Gott umfasst Jahrhunderte, Jahrtausende, das ist sein weitsichtiger Standpunkt. Ich kleines Wesen hänge an einem Punkt. Darum muss ich stehen im göttlichen Licht, und zwar nicht allgemein, sondern wo es sich um die Verhältnisse handelt.

Wie bringt uns der Heiland das zum Bewusstsein? Er sagt: Nicht ein Härchen fällt … Von welcher Tragweite war das für seine Zuhörer? Im jüdischen Vorsehungsglauben hatte der Gott des Fatalismus (Schicksalsglaube) ein Auge bekommen. Durch Jesus hat der hellsichtige Gott auch ein Herz bekommen. Das heißt: Die jüdische Religion der damaligen Zeit war überzeugt, dass Gott das Volk als solches und diejenigen, die es repräsentierten, nicht aber den Einzelnen gnädig führte. Nach dem Worte Jesu ist nicht bloß der Einzelne, sondern beim Einzelnen jede kleinste Kleinigkeit Ausfluss des Weisheits-, Liebes- und Allmachtsplanes.

Denken wir weiter an die Parabel von der Frau mit der verlorenen Drachme. Worin liegt das tertium comparationis (der Vergleichspunkt)? Der Wirtschaftler und der Kaufmann würden sagen, sie soll arbeiten, dann hat sie mehr verdient, als sie verloren hat. Aber wie der himmlische Vater sich um jedes einzelne kümmert, will Jesus sagen. Ähnlich: Parabel vom verlorenen Schaf. Dem himmlischen Vater ist es um jeden Einzelnen zu tun, und zwar so, als ob 99 gar nicht existierten. Das sind Wahrheiten, die haben unsere Voreltern in Fleisch und Blut gehabt, uns Gelehrten sind sie verloren gegangen. Wir können darüber reden, aber unser Leben ist nicht davon geformt.

Überall sind wir gewohnt, nur die Zweitursache zu sehen, nicht die Erstursache. Zum Beispiel: Es hat mich jemand beleidigt. Ich sehe nicht die Erstursache, ich sehe nicht in der Person Gott, sondern nur die Zweitursache, die Person. Sonst würde ich ruhiger bleiben und das Leben anders gestalten. Der Vorsehungsglaube weiß alles zurückzustraffen auf die gütige, weise und allmächtige Hand Gottes. Diese Überzeugung, Gott hat mich und mein Schicksal in der Hand, muss ich vertiefen. Gott führt alles so, dass sein Plan verwirklicht ist, den er entworfen hat für mich und unsere Familie.

So können wir unsere (Schönstatt-)Familie besser verstehen. Keine Vision ist vom Himmel gefallen, nach der sie so und so gemacht worden wäre. Lediglich der einfache Vorsehungsglaube hat Pate gestanden. So erhebt sich die konkrete Frage. Wie wirkt sich diese Hellsichtig-keit im Alltag aus?

1. Wir wollen überall den lieben Gott im Glauben sehen lernen, ihn als Erstursache hinter der Zweitursache in allem entdecken. Das muss wie ein roter Faden sein.
2. Wir wollen mit Gott in allen Situationen liebend sprechen.
3. Wir wollen aus Glaube und Liebe für ihn Opfer bringen.
Das ist die ganze Werktagsheiligkeit: Deum quaerere, invenire, diligere in omnibus tam rebus tam hominibus. (Gott suchen, finden und lieben in allen Dingen und Menschen). Der gottesflüchtige Mensch muss zum gottsüchtigen Menschen werden. Heilig ist, wer heiligmäßig lebt; nicht heiligmäßig phantasieren, sondern heiligmäßig essen, schlafen, reden. Wenn wir trinken aus den Quellen der Liturgie, muss unser Ziel sein, umso stärker zu kreisen um den Gott des Alltagslebens, das anders ist beim Professor, anders beim Seelsorger, anders beim Prokurator. Den Gott meines Lebens muss ich sehen und suchen. Jetzt muss ich darin leben, denn dazu brauche ich eine Gewandtheit. Diese Frömmigkeit will jetzt von uns neu eingeübt werden.

Damit der Priester hellsichtig, wagemutig, siegesgewiss ist, ist die Grundlage der vorsehungsgläubige, der jenseitig orientierte Priester.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.).
Berufen, geweiht, gesandt – Ausgewählte Texte von P. Josef Kentenich über das Priestertum
Hier: Auszug aus Priesterexerzitien Pater Kentenichs in der Marienau, Schönstatt 1951
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
ISBN: 978-3-935396-21-9
Seite 67 – 70

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