JoBr52-05_063-074 Überleitung zu den historischen Überlegungen

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Der heilige Michael – Vinzenz Pallotti – Unsere Zeitlage

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Damit greife ich auf die oben kurz umrissene Disposition zurück. An sich bestände jetzt meine Aufgabe darin, die ganze Ordensgeschichte von Anfang an bis heute aufzurollen und sie auf bekannte und bewährte Organisations- und Regierungsprinzipien zu überprüfen. In gleicher Weise müßte ich die gesicherten Resultate einer lebensnahen Psychologie, Philosophie und Theologie zusammenfassen und in Verbindung mit den besagten beiden Prinzipien bringen. Dann fiele neues, helles Licht auf unser metaphysisches Grund- und Baugesetz. Offenbar würde ein solcher Versuch mehr Zeit in Anspruch nehmen, als mir zur Verfügung steht. Er dürfte auch nicht absolut notwendig sein, um den Zweck dieses Briefes zu erreichen. Darum verzichte ich einstweilen darauf, bitte Sie aber, den ganzen Fragenkomplex entweder an das Schönstatt-Seminar der Hochschule weiterzugeben oder unter den Verbandspriestern eine ähnliche Einrichtung zu schaffen, die alle einschlägigen Probleme aufgreift und zu lösen sich bemüht. In konkreter Fassung heißt die Frage: Wie ist in der Organisation der einzelnen Orden das Verhältnis zwischen Bindung und Freiheit geregelt? Welchen Platz nimmt darinnen das Spannungsgesetz ein?

Unsere Sendung

Haben wir Schönstätter wirklich die Sendung, einen neuen Menschen- und Gemeinschaftstyp zu schaffen, wie die Kirche am anderen Ufer ihn verlangt, so muß ein nicht geringer Unterschied zwischen uns und ungezählt vielen anderen religiösen Gemeinschaften jüngeren und /

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älteren Stils bestehen, mag es sich dabei um Orden im eigentlichen Sinne des Wortes, um Kongregationen, gelübdelose Gemeinschaften oder gelübdefreudige Weltinstitute handeln. Selbst wenn sich herausstellen sollte, daß die letzten metaphysischen Prinzipien im Kerne dieselben sind – dort wenigstens, wo Gemeinschaften jahrhundertelang existiert und sich fruchtbar erwiesen haben -, so muß die Anwendung der Prinzipien auf das gegenseitig zugeordnete Kräftespiel doch nicht unwesentlich verschieden sein.

Von hier ergibt sich dann erneut die Bedeutung unseres Heiligtums und des aus ihm ununterbrochen fließenden machtvollen Gnadenstroms. Lassen Sie mich immer wiederholen, daß ich niemals den Mut gehabt hätte und auch jetzt noch nicht habe, an die Lösung unserer großen Aufgabe heranzutreten, wenn nicht unser Heiligtum in seiner Eigenwertigkeit und in seinem Symbolgehalt den Platz in der ganzen Familie einnimmt, der ihm offenbar nach Gottes eindeutiger Planung zukommt. Gottes Plan und Heiligtum gehören wesentlich zusammen. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar! Wie die Genossenschaft der Pallottiner hingeordnet sein muß auf ihr Außenwerk(1), so sind beide nach Gottes Absicht angewiesen auf unser Heiligtum. So steht es geschrieben in unserer Gründungsurkunde. Die »deutsche Provinz«, die dort genannt(2), zu der Schönstatt als Gnadenort in engste Beziehung gebracht wird, ist als Symbol für die ganze Genossenschaft zu deuten. Daß die Bewegung ohne Heiligtum nicht existieren kann, ist lebendigste Überzeugung der ganzen Familie und wird sich im /

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Laufe der Zeit noch mehr als eine Art Dogma erweisen.

Der heilige Michael

Sooft ich in unseren überseeischen Filialheiligtümern Sankt Michael an der Evangelienseite sehe, sooft ich Lanze oder Schwert, das er in der Hand trägt, auf mich wirken lasse, geht mir der Gedanke durch Kopf und Herz: Er ist nicht nur Schützer und Wächter des Allerheiligsten, sondern auch unseres Mariengeheimnisses. Es ist mir, als hörte ich aus seinem Mund nicht nur das Wort »Quis ut Deus«, sondern auch »Quae ut Mater et Regina ter admirabilis de Schoenstatt«(3). Während ich den Gedanken niederschreibe, flüstert mir jemand(4) zu: »Das ist die Idee, die ich bei Aufstellung der Sankt-Michael-Statue in unserem hiesigen Heiligtum zum ersten Mal gehört.« Und dann wird mit Begeisterung erzählt:

[[20]] »Es war am 29. September vorigen Jahres, am Fest Sankt Michael. Wir Chilenen haben unser Heiligtum nicht in einem Wurf fertigstellen können. Stück für Stück der inneren Ausstattung mußten wir uns mit der Zeit erwerben. So hat es etwas gedauert, bis wir die Statue des heiligen Michael an ihren Platz stellen konnten. Kein Künstler hier in Chile vermochte sie so zu meißeln, wie wir sie gern gehabt hätten; darum mußten wir sie aus Deutschland kommen lassen. Die Aufstellung war mit einer großen Feierlichkeit verbunden. Die ganze Bewegung nahm daran teil. Zwei Akademiker aus dem Schönstattkreis trugen Sankt Michael, der festlich /

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umkränzt war, an seinen Platz. Vorher war bereits das Lied in spanisch gesungen worden: »Volk, mein Volk…« Besonders die letzte Strophe klang machtvoll durch unsere Reihen:

‚Volk, mein Volk, verpflichte dich!
Schau, wie aus der Nacht der Zeiten
hell erscheint, mit uns zu streiten,
lichtumwogt von heil’gen Scharen,
unser Engel Michael, dienend Christus und Maria.

In der Hand des Schwertes Flamme,
auf dem Schild das ‚Große Zeichen‘,
dem die Höllengeister weichen,
fährt er fliegend, kraftvoll siegend
uns voran. Die Nacht wird licht!

Volk, mein Volk, verpflichte dich,
Volk, mein Volk, verpflichte dich,
ein heilig‘ Reich begründe!‘

Nachdem der Heilige seinen Thron eingenommen, betete ein Akademiker ein selbstverfaßtes Gebet, das von Anfang bis zum Ende auf den Ton abgestimmt war: Wer ist wie Gott? Wer ist wie unsere Königin? Nicht nur der Inhalt war ergreifend; mehr noch die Glut und die kraftvolle Überzeugung, die aus der Art seines Betens herausklang, haben es mir angetan.«

Ich lasse das Gebet in Spanisch folgen und füge eine sinngemäße Übersetzung bei. Ich tue es deshalb, weil mir mehr und mehr aufgeht, welche Bedeutung romanisches Denken, Wollen und Empfinden für Erweichung und Ergänzung unserer spröden germanischen Art hat.

»Oh Arcángel San Miguel, vasallo fidelísimo de la Reina de los Angeles, ante cuyo trono haces guardia, con tu espada de fuego y tu lanza invencible, déjanos repetir en este día, tu nombre poderoso, el antiguo grito de victoria: ¡Quién como nuestro Dios!

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En la Capillita de Schoenstatt, que te estaba dedicada, viste nacer un vasto Movimiento, destinado a vencer a las Potencias Infernales, y desde ese momento, Tú que fuiste elegido por Dios para arrojar al abismo a Lucifer y a los ángeles rebeldes, te pusiste al servicio de la Madre y Reina Tres Veces Admirable de Schoenstatt: Sé, pues, nuestro amparo contra la perversidad y asechanzas del demonio, y da fuerzas a nuestro brazo para que podamos repetir contigo eternamenre: ¡Quién como nuestro Dios! ¡Quién como nuestra Reina!

Tú, a quien Dios eligió como custodio de su pueblo escogido en la Antigua Alianza, y a quién – llegado el tiempo – puso como custodio de la Nueva Alianza fuiste testigo de la Alianza de Amor que la Madre Tres Veces Admirable selló en Schoenstatt con los Congregantes Heroes. Sé, pues, custodio de nuestra Alianza de Amor, y danos que a imitación tuya, seamos ejemplo de fidelidad nunca vista para que podamos repetir eternamente: ¡Quién como nuestro Dios! ¡Quién como nuestra Reina!

[[21]] Que a ejemplo tuyo, luchemos infatigablemente al servicio de Dios, que luchemos sirviendo a nuestra Reina y que consagremos nuestras vidas a incorporar nuevas almas a la Alianza de Amor.

Oh Arcángel San Miguel, amparados con tu protección y animados por tu ejemplo nos ponemos nuevamente al servicio de la Mater ter admirabilis y llenos de alegría y de confianza repetimos por siempre: ¡Quién como nuestro Dios! ¡Quién como nuestra Reina!

Heiliger Erzengel Michael, treuester Vasall der Königin der Engel. Du hältst vor ihrem Thron mit deinem feurigen Schwert und deiner unbesiegbaren Lanze Wache. Laß uns heute deinen kraftvollen Namen, den alten Siegesruf, wiederholen: Wer ist wie unser Gott!

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Im Schönstattkapellchen, das dir geweiht war, sahst du das Werden und Wachsen einer umfassenden Bewegung, die dazu bestimmt ist, die teuflischen Mächte zu überwinden. Du bist von Gott auserwählt, Luzifer in den Abgrund zu stürzen. Darum stelltest du dich sofort in den Dienst der Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt. Sei unser Schutz gegen die Nachstellungen und Fallstricke des Teufels. Gib uns Mut und Kraft, damit wir mit dir allezeit wiederholen können: Wer ist wie unser Gott! Wer ist wie unsere Königin!

Gott hat dich zum Wächter seines auserwählten Volkes im Alten Testament erwählt und – nachdem die Zeit gekommen war – auch zum Wächter des Neuen Bundes gemacht. Du warst Zeuge des Liebesbündnisses, das die Dreimal Wunderbare Mutter in Schönstatt mit den Heldensodalen geschlossen hat. Sei der Beschützer unseres Liebesbündnisses und gib, daß wir wie du ein Beispiel vollkommener Treue werden und in allen Lagen wiederholen dürfen: Wer ist wie Gott! Wer ist wie unsere Königin!

Nach deinem Vorbild kämpfen wir unermüdlich im Dienste Gottes und unserer Königin. Wir setzen unser Leben dafür ein, um viele Seelen mit dem Liebesbündnis bekannt zu machen. Heiliger Erzengel Michael, beschützt unter deiner Schirmherrschaft und beseelt durch dein Beispiel, stellen wir uns erneut in den Dienst der Mater ter admirabilis. Wir wiederholen vertrauensvoll und freudig für immer: Wer ist wie Gott! Wer ist wie unsere Königin!«

Vinzenz Pallotti

Dieselbe beredte Sprache spricht für mich Vinzenz Pallotti. So wie seine Statue hier im Ausland in den Filial- /

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heiligtümern(5) dasteht, ist sie eine lebendige Predigt über unser Mariengeheimnis. Die Gesichtszüge sind herb, schroff, fast unnahbar, als wollten sie sagen: »Es gibt keine Kompromisse, keine Konzessionen!« Die rechte Hand hält ein Band, darauf stehen die Worte »Apostolatus Catholicus Schoenstattensis«. Der Hauptakzent liegt auf dem letzten Wort; das Spruchband ist ja eng verbunden mit dem Heiligtum, das wegen seiner Größe verhältnismäßig viel Platz einnimmt. Was Gesichtszüge, kraftvolle Haltung des Armes, Spruchband und Kapellchen unmißverständlich ausdrücken, bestätigt das Auge, das auf das Heiligtum gerichtet ist. Es erweckt den Anschein, als wäre es ein Feldherrnblick, der vom Heiligtum nicht lassen will und keinen Feind in seine Nähe läßt. In Chile trägt die linke Hand das Spruchband, während die rechte mit einer unnachahmlichen Geste das Heiligtum schützt. Soll die Haltung der Finger Kraft und Sicherheit ausdrücken oder eine gewisse Not, man könnte dem Seligen das Heiligtum rauben und dadurch seine Sendung für Welt und Kirche vereiteln? Die gestraffte Gestalt symbolisiert jedoch eine deutlich wahrnehmbare Sieghaftigkeit, als wollte sie uns zurufen: [[22]] »Seitdem ich seliggesprochen(6), habe ich größere Macht am Throne Gottes, größeren Einfluß auch bei der Mater et Regina ter admirabilis. Macht euch deswegen keine Sorge! Ich bürge fürs Heiligtum – für seinen Eigenwert und seinen Symbolgehalt -; ich stehe allen zur Seite, die mit mir dafür kämpfen. Die göttlichen Pläne, die ich /

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zu Lebzeiten ahnte, durchschaue ich jetzt klarer. Schönstatt hat sie richtig gesehen und gedeutet. Ich setze mich dafür ein, daß sie in vollendeter Weise Wirklichkeit werden.«

Sie spüren aus allem, was ich schreibe, mein Hauptanliegen heraus. Möchten Sie es nicht zum Ihrigen machen? Vielleicht sagen Sie: »Das ist nicht notwendig. In unseren Reihen ist Schönstatt gesichert.« Ich würde mich freuen, wenn Sie recht hätten. Sie nehmen mir es aber nicht übel, wenn ich hinter Ihre Antwort ein paar Fragezeichen mache.

Vor ein paar Stunden brachte man mir einen Brief, den ein chilenischer Frater aus dem Noviziat in Olpe geschrieben. Der junge feurige Romane leidet unter dem Zwiespalt in der Gesellschaft. Die Kämpfe drängen ihn stärker noch als bisher in die Arme der Gottesmutter, von der er die Gnade erwartet, Schönstatt tief zu verstehen und ständig hundertprozentig zu leben. Unverständlich ist ihm die langsame Entwicklung Schönstatts in den deutschen Landen. Er gibt die verschwindend kleine Zahl der Männer und Jungmänner an, die in Bund und Liga vereinigt sind. Dann heißt es:

»Ist das eine entsprechende Frucht einer dreißigjährigen Arbeit? Von 1917 bis jetzt hat Fatima fast ganz Portugal in religiös-sittlicher, in sozialer und politischer Hinsicht erneuert. Es hat nationale marianische Bewegungen in Italien und Frankreich ins Leben gerufen. Wie ich Ihnen schon sagte, will ich immer für Schönstatt leben und ernstmachen mit der Inscriptio, wie man das von einem Mitglied der pars motrix et centralis(7) verlangen muß. Ich will aber auch Schönstatts /

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Grundwahrheiten überprüfen, bis ich mir erklären kann, warum es in Deutschland so langsam vorwärts geht. Die Gottesmutter ist das ‚große Zeichen‘, das am Himmel erschienen ist. Um sie herum scharen sich die Christen, um die letzten Schlachten zu schlagen. Sie muß uns das Licht geben… Glauben Sie mir, für alle, die von Chile kommen, sind hier harte Proben zu bestehen.«

Warum mag es in Deutschland so langsam vorwärts gehen? Sie wissen, worin ich die Hauptschwierigkeit finde: im mechanistischen Denken führender katholischer Schichten. Lesen Sie nach, was ich seinerzeit darüber geschrieben habe(8), und werden Sie sich bewußt, wie groß und festgefügt die Mauer ist, die nach der Richtung zu durchbrechen und zu überrennen ist. »Custos quid de nocte(9)?« Wo sind die Zeitenwächter, die den Feind signalisieren und stellen? Wir wissen um diese Dinge. Und was haben wir bisher dafür getan?

Ein zweites Hindernis liegt im Mangel an persönlicher und familienhafter Sendungsergriffenheit. Rechnen Sie die Zahl unserer Verbands-, Bundes- und Ligapriester zusammen, und dann fragen Sie: Was haben sie bislang nicht bloß im Geiste Schönstatts, sondern für Schönstatt, das heißt für gläubige Verbindung mit unserem Heiligtum und seinen Gnadenquellen gewirkt? Wir wollen uns nicht in nebensächliche Kämpfe untereinander verwickeln, sondern über die engen Grenzen unserer Gemeinschaft hinüberschauen, wollen unsere Kräfte sammeln und uns neu entscheiden für den Pol, zu dessen Wächter Sie sich berufen glauben. Wie überall, so ist es auch hier ein großer Unterschied, mit Worten seinen /

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Wachtdienst zu erfüllen, oder als Wächter auf den Schanzen zu stehen und dort sein Leben anzubieten für die große gemeinsame heilige Sache. Heute gehört Mut dazu, sich zu Schönstatt zu bekennen! Hat die Gottesmutter die Opfer, die damit verbunden sind, nicht reichlich durch alle Gnaden verdient, die sie uns seit Jahr und Tag vermittelt hat?

Unsere Zeitlage

[[23]] Wenn Sie sich auf den Zusammenhang unserer Überlegungen zurückbesinnen, finden Sie, daß nur ein angesagter Punkt ausführlich behandelt worden ist: unsere persönliche Sendung. Vier andere wurden an das Schönstatt-Seminar verwiesen. So bleibt nur noch einer übrig: unsere Zeitlage. Auch darüber brauche ich nicht viel zu sagen. Ungezählt viele Kurse – ob pädagogischer oder aszetischer Art – haben sich im Laufe der Jahrzehnte damit auseinandergesetzt. In der Kunst der Zeitendeutung haben wir es alle zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Der Vollständigkeit halber seien nur ein paar Worte beigefügt.

Es ist Ihnen bekannt, wie stark die Zeitlage auf Erfassung, Aufstellung und Durchsetzung unseres metaphysischen Bau- und Grundgesetzes eingewirkt hat. Dafür hat das »Gesetz der geöffneten Tür« gesorgt, das unser Denken und Wollen von Anfang an bestimmt und beherrscht hat, das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, das deswegen auch heute noch wie ein Dreikönigsgestirn uns Wegweisung, Sicherheit und Kraft gibt.

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Schönstatt entstand an einer revolutionären Zeitenwende; es ist in ein Land hineingeboren, das mit einem vielverzweigten Organisationsnetz wie kaum ein anderes überzogen war. Zwei Richtungen kämpften damals in ernsthaftem Ringen miteinander: eine konservative und eine fortschrittliche. Die konservative war so stark festgefahren und in Formen versteift, daß sie sich den Vorwurf eines extremen Formalismus gefallen lassen mußte. Ihm gegenüber betonte Schönstatt von Anfang an eine sinngemäße Auflockerung und Beseelung der Formen. Die fortschrittliche Strömung fand ihren Exponenten in der Jugendbewegung. Sie brach sich – wie Sie wissen – in heftigen Auseinandersetzungen an den Mauern Schönstatts. In ihr kündete sich bereits eine neue bindungsflüchtige Zeit an. Instinktsicheres Einfühlungsvermögen und klare metaphysische Einstellung wußten demgegenüber nichts Besseres zu tun, als maßvolle Bindungen kraftvoll zu betonen und unentwegt zu sichern. Darum verlangten wir »Bindung nur, aber auch soweit als nötig«.

1912 schon zeichnete sich am Horizont – nur wenigen einsichtigen Männern faßbar – bereits die furchtbare Gefahr des Kollektivismus ab. Weil Zeitenstimmen für uns allezeit Gottes Stimmen waren, antworteten wir sofort mit erhöhtem Ringen um ein kraftvolles, persönliches, innerliches Liebesleben, um starke Geistbeseeltheit und unzerstörbare Idealgebundenheit. Wir setzten dem neuen kollektivistischen Menschen den »neuen«, den Schönstattmenschen gegenüber.

Alles in allem: Die Zeitverhältnisse förderten alle Seiten unseres Grundgesetzes und gaben ihnen eine glänzende Bestätigung. Das gilt von dem Verhältnis zwi- /

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schen Gebundenheit, Form oder Organisation und Geistpflege, gilt aber auch von sinngemäßer juristischer Machteinschränkung und lebensmäßiger Geist- und Machtfülle.

Damit schließe ich die grundsätzlichen Erörterungen, um zu historischen Überlegungen überzugehen und dann die praktische Anwendung auf die einzelnen Leitbilder der Familie in Angriff zu nehmen(10).

Mit allseits herzlichem Gruß
(gez.) J. Kentenich

Fortsetzung folgt. Bin vom 21.(11) ab in Milwaukee / Nordamerika.

1. Vgl. dazu H. Schulte, Vinzenz Pallottis „Katholisches Apostolat“, Limburg 1947, 236 ff.

2. Schönstatt, Die Gründungsurkunden, 24.

3. „Wer ist wie Gott?“ – „Wer ist wie die Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt?“

4. Die damalige Sekretärin P. Kentenichs in Santiago de Chile.

5. Filialheiligtum bezeichnet eine möglichst originalgetreue Nachbildung des sog. Urheiligtums in Schönstatt. Die ersten Heiligtümer im Ausland entstanden in Nueva Helvecia/Uruguay, eingeweiht 1943, in Santa Maria/Brasilien, eingeweiht 1949, in Bellavista/Chile, eingeweiht 1949, in Cathcart/Südafrika, eingeweihr 1949, und in Florencio Varela/Argentinien, eingeweiht 1952.

6. Am 22. Januar 1950 von Pius XII.

7. „Bewegender und zentraler Teil“. Mit diesen Worten charakterisierte V. Pallotti die Aufgabe seiner Priestergemeinschaft gegenüber dem Außenwerk.

8. Gemeint ist eine Studie aus dem Jahre 1949.

9. Wächter, wie weit ist es in der Nacht? (Is 21,11).

10. Hier endet die erste Sendung des Briefes und zugleich die Untersuchung über die innere Substanz des metaphysischen Grundgesetzes.

11. P. Kentenich wollte ursprünglich am 20. Mai nach Milwaukee fliegen, blieb aber noch einen Monat länger in Chile.

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de

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