JoBr52-05_075-083 Die historische Entwicklung des Grund- und Baugesetzes

JoBr52-05_075-083 Die historische Entwicklung des Grund- und Baugesetzes

Die Bedeutung der Geschichte – Der Primat von Geist und Leben

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[[24]] Die historischen Überlegungen verfolgen einen dreifachen Zweck. Sie wollen lebendiger Anschauungsunterricht für die dargestellten Prinzipien sein. Sie möchten ein gesundes Traditionsbewußtsein in uns wecken und uns zur Traditionstreue ermuntern und erziehen. Sie beabsichtigen, unseren Lebensmut zu steigern, unsere Kampfesmethode zu klären und unser Siegesbewußtsein zu beschwingen.

Die Anlage der menschlichen Natur bringt es mit sich, daß abstrakt vorgetragene und erfaßte Ideen tiefer in Verstand, Wille und Herz eindringen, wenn die äußeren und inneren Sinne gleichzeitig mit angesprochen werden. Deshalb bemüht sich jeder erleuchtete und fruchtbare Erzieher und Seelsorger, nach dem Vorbild des Heilandes große Ideen in Bilder zu kleiden oder durch praktische Beispiele aus dem alltäglichen Leben zu veranschaulichen. Das dürfte besonders von Bedeutung sein, wenn es sich um Grundgesetze handelt, die die Familiengeschichte schöpferisch zu gestalten berufen sind, die füglich das Schicksal von Individuum und Gemeinschaft, ja ganzer Völker auf Jahrhunderte bestimmen. Je klarer sie verstandesmäßig erfaßt, je vollkommener sie lebensmäßig aufgenommen und verarbeitet worden sind, desto leichter und sicherer ist ihre Anwendung. Sie sind einem Doppelgeleise zu vergleichen, das einem D-Zug den Weg weist. Hat das Geleise die Richtung verfehlt, so rast der Zug früher oder später unaufhaltsam in den Abgrund. Anders liegt der Fall, wenn die Prinzipien zwar klar, das heißt wenn die Geleise richtig gelegt sind, aber hin und wieder größere Hindernisse, etwa durch Ungunst /

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der Witterung oder durch menschliche Bosheit oder durch Naturereignisse(12) Geschwindigkeit oder reibungslose Fahrt stören. Schäden, die auf diese Weise entstehen, lassen sich leichter wettmachen, während im ersten Fall das Schicksal sowohl des D-Zuges als auch der Insassen besiegelt ist.

Es dürfte nicht schwer sein, das Bild auf unseren Fall anzuwenden. Der D-Zug ist unsere Familie; das Geleise ist unser metaphysisches Bau- und Grundgesetz. Je klarer wir es erfassen, je lebendiger wir es in uns aufnehmen und je griffsicherer wir es anwenden, desto mehr ist die Familie vor gefährlichen Experimenten, vor Irrgängen und Fahrtunterbrechungen gesichert. So fasse man die geschichtliche Entwicklung als eine praktische Fortsetzung der prinzipiellen Darstellung auf. Man möge in ihr eine angewandte Prinzipienlehre erblicken und sich in sie hineinvertiefen.

Die Bedeutung der Geschichte

Cicero nennt die Geschichte »testis antiquitatis et magistra vitae(13)«. Damit berührt er in seiner Weise die beiden oben genannten letzten Punkte.

Angewandt auf unsere Verhältnisse besagt das Merkwort: Die geschichtliche Entwicklung ist zunächst eine »testis antiquitatis«, das heißt sie entschleiert und gibt /

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Zeugnis von der Lehr- und Lebensweisheit verflossener Jahrzehnte. Sie möchte diese Weisheit als gesichertes Traditionsgut festhalten, um es kommenden Geschlechtern zur Verfügung zu stellen, damit diese es bei Lösung von Fragen jeglicher Art als bewährte Norm benutzen: mag es sich dabei um Organisationsschwierigkeiten oder um Meinungsverschiedenheiten anderer Art handeln. Wegen der leichten Federung unserer Familie und wegen der Beweglichkeit und Elastizität, womit sie in die verworrenen heutigen Verhältnisse mit ihrer sprunghaften Dynamik eingebaut ist, braucht sie eine Tradition, die bei aller Klarheit und Festigkeit eine nicht geringe Anpassungsfähigkeit verbindet und gewährleistet.

Was Cicero mit der Behauptung sagen will, daß die Geschichte gleichzeitig eine Lehrmeisterin des Lebens ist, umschreibt Nietzsche in seiner Weise. Er erklärt: »Wir brauchen sie (die Historie) zum Leben und zur Tat, nicht zur [[25]] bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat, oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat(14).«

So mögen wir verstehen, weshalb nicht wenige Politiker in Zeiten allseitigen Zusammenbruchs sich in die Geschichte ihres Landes vertiefen, um des Näheren zu erforschen, ob Land und Volk einen Neuaufbau und eine große Zukunft erwarten dürfen(15). Auch hier ist die Anwendung auf unsere Verhältnisse leicht. Wer in die Schule unserer Tradition geht, wer verständnisvoll zu lesen versteht, was Gottes Finger hineingeschrieben, in /

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dem wächst Lebens- und Kampfesmut, methodische Gewandtheit und Siegesgewißheit. Es prägen sich ihm Lehrsätze in Kopf und Gemüt, die als Ausdruck praktischer Lebensweisheit ihn in den Stand setzen, seinen Weg mit Ruhe und Erfolg weiterzugehen.

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DER PRIMAT VON GEIST UND LEBEN

Man braucht es nicht zur Meisterschaft in Geschichtsphilosophie und Rechtspsychologie gebracht zu haben, um aus der geschichtlichen Entfaltung unseres metaphysischen Grundgesetzes den roten Faden zu entdecken, der überall durchschimmert und in den meisten Fällen überaus lichtvoll zutage tritt. Es ist so, als hätte eine gewandte Hand den Faden von Anfang an fein gesponnen und zu einem kunstvollen Gewebe gewoben. Auf den ersten Blick bereits wird sichtbar, daß das ganze Organisationsnetz in einer Weise mit Geist und Leben dauernd verbunden und durchtränkt ist, daß jedermann ohne weiteres spürt:

Der Geist- und Lebensstrom ist schlechthin die Großmacht in der Schönstätter Familiengeschichte. Die Organisation tritt ihr gegenüber so stark in den Hintergrund, daß sie fast verschwindet.

Damit haben wir den ersten Hauptlehrsatz, den unsere organisatorische Entwicklungsgeschichte uns für alle Zeiten einprägen will. Um in seiner Anwendung nicht fehlzugehen, geben wir ihm die eindeutige Prägung:

Verbinde so Form und Geist miteinander, daß Geist und Leben stets die alles beherrschende Großmacht bleiben!

Das gilt vor allem dann, wenn menschliche Eigenmächtigkeit und Selbstherrlichkeit die Pläne Gottes vermessentlich umdeuten, verzerren, verwischen oder gar zerstören möchten.

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Zentrale und Präsidium(16) ringen augenblicklich um Festlegung und Sicherung weittragender Rechtsbefugnisse. Sie mögen sich zunächst an den besagten Hauptlehrsatz erinnern, seinen Sinn deuten, seine Grenzen studieren und seine Tragweite innerlich verarbeiten. Dann wird es ihnen klar, daß ihre Größe darin besteht, in edlen Wettstreit miteinander einzutreten, um Geist und Leben in der ganzen Familie auf der Höhe zu erhalten und ständig wirksamer und fruchtbarer zu gestalten. Auf Organisation, auf verbriefte Rechte kommt es zunächst nicht an. Pocht man zu stark darauf, so ist die Gefahr groß, daß das alte Weisheitswort sich verwirklicht: »summum ius – summa iniuria(17).« Wer sich immer nur auf das Recht beruft, ist in Gefahr, am meisten Unrecht zu tun. Damit ist nicht gesagt, wir sollten nicht sorgfältig die Rechtsamen der einzelnen Gliederungen abwägen und kodifizieren. Das versuchen wir später zu tun, wenn wir unsere Prinzipienlehre auf die einzelnen Leitbilder der Familie anwenden. Ich möchte nur gegen eine irrige Grundeinstellung angehen und den Standpunkt festlegen, von dem unsere Überlegungen ausgehen sollen, wenn das Generalstatut sowohl in Inhalt als auch in Form fruchtbar werden soll.

Das alles ist deshalb doppelt und dreifach von Bedeutung, weil wir alle in Gefahr schweben, die Hauptsache zur Nebensache zu machen; weil es ferner viel leichter /

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ist, eine Organisationsmaschine handwerksmäßig in Gang zu bringen und zu erhalten, als Geist und Leben zu fördern. Dazu gehört eine seltene Meisterschaft, die als Charisma von Gott geschenkt oder durch Gebet, fleißiges Studium und jahrelange Experimente erworben werden muß.

Um das rechte Maß in unserem Denken und Wollen, um eine versöhnliche Form bei unseren Auseinandersetzungen zu finden, halte man zwei Gesetze alter Meister unentwegt vor Augen. [[26[] Der erste heißt Sallust, der zweite Anaximenes. Was sie uns zu sagen wissen, dürfte allen geläufig sein, die unser Schrifftum beherrschen oder am Familienbau schöpferisch mitgebaut haben.

Wie häufig haben wir Sallust’s Wort zitiert: »Omne regnum iisdem mediis continetur, quibus conditum est(18).« Es heißt: Jedes Reich wird durch die Mittel und Kräfte auf der Höhe erhalten, die es ursprünglich ins Leben gerufen haben. Was Schönstatt seine Existenz gegeben, was es fruchtbar gemacht und mit fühlbarer Dynamik in weiteste Kreise eindringen ließ, war der überflutende Strom von Geist und Leben, nicht die Berufung auf Gesetz und Form, auf Organisation und Bestimmung. Der treibenden Kräfte, die ihm in verhältnismäßig kurzer Zeit in der Öffentlichkeit einen Platz errungen haben, mögen viele sein. Wir kommen später darauf zu sprechen. Hier wollen wir sie unter dem Sammelnamen zusammenfassen: Geist und Leben. Wir sind uns bewußt, daß die dadurch bezeichnete Großmacht nicht nur in sich /

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gesehen und bewertet werden will, sondern auch und vor allem in ihrem Grundverhältnis zur Organisation.

Solange die Familie und ihre Glieder, solange Zentrale und Präsidium der Tradition treu bleiben, solange sie der klar erkannten und originellen göttlichen Planung selbstlos dienen, muß das Spannungsverhältnis zwischen Form und Leben immer zugunsten des Lebens gelöst werden. Geschieht das nicht, so ist zu befürchten, daß die Drohung des griechischen Philosophen Anaximenes sich an uns bewahrheitet. Sie besagt: »Per quas causas res nascitur, per easdem et dissolvi oportet(19).« Das heißt wörtlich: Dieselben Ursachen, die ein Gebilde ins Leben riefen, lösen es auch wieder auf.

Angewandt auf unseren Fall will der Satz mahnen: Bleiben wir den Grundkräften, die Geist und Leben erweckt und nach oben getrieben, nicht treu, halten wir an den Gesetzmäßigkeiten nicht fest, die das Verhältnis zwischen Form und Leben regulieren, so müssen wir befürchten, daß unsere Sendung auf andere Gemeinschaften übergeht, daß diese es besser verstehen, Geist und Leben hochzuhalten und das Organisationsnetz damit in ständig beseelende und befruchtende Verbindung zu bringen. Wäre das der Fall, so könnten wir zwar noch eine Zeitlang existieren – so abgewogen ist, wie wir oben darstellten, das Organisationsnetz. Wir würden aber so lange ein Scheindasein fristen, bis der Rittersmann auf der Bildfläche erscheint, der das Dornröschen aus dem Schlaf aufweckt. Bleibt uns aber Geist und Leben versagt, während andere bereits bestehende oder neu gerufene Gemeinschaften sich erfolgreich darum bemühen, /

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so gehört Schönstatt der Geschichte an: Es war einmal und wird sich wohl niemals mehr als eine schöpferische Macht zur Rettung der christlichen Persönlichkeit sowie der gesamten angekränkelten Gesellschaftsordnung ausweisen. (…) Die Gottesmutter, die so große Hoffnungen auf Schönstatt gesetzt hatte, ist enttäuscht und sieht sich nach anderen, brauchbareren Werkzeugen um.

12. In seiner eigenen Durchschrift verbesserte P. Kentenich dieses Wort in: Naturkatastrophen.

13. Vgl. Cicero, De oratore II, 36: »Historia est testis temporum, lux veritatis, magistra vitae, muntia vetustatis.« D. h.: Die Geschichte ist eine Zeugin der Zeitereignisse, ein Licht der Wahrheit, eine Lehrmeisterin des Lebens, eine Künderin des Althergebrachten.

14. F. Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Vorwort.

15. Vgl. A. Schütz, Gott in der Geschichte, Salzburg-Leipzig 1936, 17.

16. Unter Zentrale versteht man die hauptamtlichen Betreuungskräfte der Schönstätter Laiengliederungen unter dem Bewegungsleiter. Präsidium oder Generalpräsidium ist das die ganze Schönstattbewegung repräsentierende Gremium der Schönstattbewegung, das sich aus den Vertretern der einzelnen Gemeinschaften zusammensetzt.

17. Das höchste Recht schlägt um in größtes Unrecht. Cicero, de offic. I, 10,33.

18. Jedes Reich wird mit denselben Mitteln zusammengehalten, mit denen es gegründet worden ist. Dieser Satz ist bei Sallust nicht zu finden, wohl aber sinngemäß bei Livius, Praefatio zu »Ab urbe condita«.

19. Vgl. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, 1. Bd., Berlin 1912, 26.

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de

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