JoBr52-05_145-155 Das Liebesbündnis in Verbindung mit dem Vorsehungsglauben IV

JoBr52-05_145-155
Das Liebesbündnis in Verbindung mit dem Vorsehungsglauben IV

Die Bedeutung des Vorsehungsglaubens für Schönstatt

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Die Bedeutung des Vorsehungsglaubens für Schönstatt

Aus solchen Erwägungen ergibt sich, daß die Männer recht haben, die die Erziehung zum praktischen Vorsehungsglauben als eine zentrale Aufgabe der heutigen Seelsorge auffassen und nicht müde werden, gegen alle falschen Propheten zu eifern, die in Lehre und Leben bei blassen, abstrakten Ideen hängenbleiben, die – um ein Wort von Shakespeare zu wiederholen – »von des Gedankens Blässe angekränkelt sind(1)« und den Glauben vom Leben trennen.

Die Geschichte Schönstatts ist ein flammender Protest gegen solch bedenkliches und verderbliches Beginnen – bedenklich und verderblich beson- [[53]] ders heute, in einer glaubensschwachen Zeit, die beispiellose Glaubensproben zu bestehen hat. Der Vorsehungsglaube hat sich in den verflossenen Jahren bei uns als Großmacht ersten Ranges bewährt; er hat sich als Fähigkeit, als Organ, ja als Trieb erwiesen, der von Anfang an nicht nur mit »göttlicher« Instinktsicherheit, sondern auch mit einem heiligen, mit einem unstillbaren Heißhunger überall auf der Spitze aller Dinge und Ereignisse – der größten und kleinsten, der bedeutungsvollsten und bedeutungslosesten, der lautesten und der leisesten – den Gott des Lebens gesehen und gesucht, ergriffen und umfangen, umarmt und festgehalten hat, um – ich gebrauche ein /

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Wort der alten Meister – »ständig Kommunion mit dem göttlichen Willen« zu feiern, die »Konsekration des Augenblickes(2)« vorzunehmen oder das »Martyrium des Vorsehungsglaubens« zu erleiden. Richtunggebend war dabei das Herrenwort: »Alle Haare eures Hauptes sind gezählt« (Mt 10,30) und der kurz geprägte Merksatz paulinischer Lehr- und Lebensweisheit: »Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten« (Röm 8,28).

Mit berechtigtem Stolz nennt sich deshalb das Kriegskind gleichzeitig Providentia-Kind per eminentiam(3), das sich überall von Gott und Göttlichem umgeben und umsorgt, erhoben und durchdrungen, geleitet und getrieben wußte und weiß, das – ähnlich wie die Gottesmutter – nicht müde wurde und wird, alle Worte, die der Vater durch geheimnisvolle Führungen und Fügungen, durch Verknotung und Entknotung von Verhältnissen und durch Seinsstruktur von Dingen und Menschen gesprochen hat, im Herzen zu bewahren und zu erwägen(4), bis es ganz in den rätselhaften Plänen Gottes zu Hause und von übernatürlicher Atmosphäre getragen war und ist – ohne deshalb den Boden unter den Füßen zv verlieren -, bis es sich von göttlichen Kräften durchrieselt wußte und weiß, um die eigene schwache Kraft, das armselige persönliche Können und Wollen damit zu vermählen, und von göttlichem Licht Leucht- und Wärmekraft erhielt und erhält – ohne deswegen die Vernunft zu verleugnen.

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Auch von den auf solche Weise geäußerten Gottesworten und Gotteswünschen galt und gilt die biblische Lobpreisung, die »Himmelwärts« in die Verse kleidet:

»Viel schärfer als ein Doppelschwert
hat sich das Gotteswort bewährt,
das Geist und Seele machtvoll scheidet
und innere Wandlung vorbereitet.

Es trennt mit Wucht Gelenk und Mark
und macht die Herzen weit und stark;
ist Richter über Menschensinnen,
ein Feuerherd für göttlich Minnen.

Es ist ein Hammer, der zerschlägt,
was hemmend in den Weg sich legt,
was auf dem Pfad zu Gott uns hindert
und unsere Liebe stört und mindert.

Es ist ein Same, der sich hält,
wenn er auf guten Boden fällt;
der hundertfältig Frucht will bringen,
wo tief er kann in Herzen dringen(5).«

Wer die tiefe Bedeutung solcher Auffassung verstanden oder sogar innerlich erlebt hat, dem fällt es nicht schwer, zu beten:

»Mach, Vater, unsere Seelen rein,
laß sie des Wortes Hörer sein
und alles willig sie vollbringen,
was seine Glocken in uns klingen.

Laß uns wie unsere Schönstatt-Frau,
[[54]] in die es drang wie Himmelstau, /

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in unseren Herzen es bewahren
und auf die ewige Hochzeit harren.

Dann bringen wir es froh der Welt,
daß staunend sie den Atem hält,
den Gottesfrieden dauernd findet,
den Engelsscharen einst verkündet(6).«

Man schlage abermals »Himmelwärts« auf. Was darinnen steht, ist nicht blasse Idee, nicht nur Ausdruck ungestillter Sehnsucht und Fernziel dunkler und heller Stunden: es ist auch Besitz, es ist – wie wir wissen – gelebtes Leben der Gesamtfamilie in ihren edelsten Gliederungen und Gliedern.

Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, spürt förmlich das heiße Ringen um wachsendes Voreingestelltsein des ganzen Menschen für Gott, um die Atmosphäre des Ja-sagens zu seiner Person sowie des Horchens und Gehorchens auf seine Wünsche, um ein tapferes, hochgemutes Parteiergreifen für ihn und seine Interessen – gegen das Drängen von Fleisch und Blut, von Welt- und Teufelsgeist. Er erlebt den Wettlauf nach zwischen göttlichem Aufriegeln der Seele und menschlichem Sich-öffnen und -erschließen, zwischen göttlichem Eingreifen und menschlichem Sich-ergreifen-lassen. Kaum ist eine Bergesspitze erklommen, da geht der Weg weiter, weiter, immer höher hinauf – über Schluchten und Abgründe -, und jedesmal muß die Seele von neuem beten:

»Bis jetzt hab ich am Steuer selbst gesessen
und dich im Lebensschiff so oft vergessen,
an dich gewandt mich hilflos dann und wann,
damit das Schifflein fuhr nach meinem Plan.

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Laß, Vater, endlich ganz die Kehr mich finden!
Im Bräutigam möcht aller Welt ich künden:
Der Vater hat das Steuer in der Hand,
ob Ziel und Weg mir auch sind unbekannt.

Ich lasse jetzt von dir mich blindlings führen,
nur deinen heiligen Willen will ich küren:
Ich fahr mit dir durch Finsternis und Nacht,
weil deine Liebe immer für mich wacht(7).«

Nicht Menschenplanung gilt es zu verwirklichen, nur Gottes Plan hat Wert. Er will und muß unter allen Umständen ermittelt und durchgeführt werden. Deshalb die Bitte, die Ausdrudr einer dauernden seelischen Grundeinstellung ist:

»Laß allezeit an uns geschehen,
was du hast für uns vorgesehen;
wir kennen nur ein einzig Sehnen:
Führ uns nach deinen weisen Plänen(8).«

Oder:

»Führ aus den großen Liebesplan,
den du von unserer Lebensbahn
entworfen hast von Ewigkeit,
auch wenn er einschließt Kreuz und Leid.
In Christus sieh am Kreuz uns hängen,
bewegt von heißer Liebe Drängen(9).«

[[55]] Diese Haltung löst auch die schwierigsten Fälle. Liegt Verzicht auf das Liebste und Größte und Schönste im Plane, so hat die Seele keine Ruhe, bis sie ihr Ja gespro- /

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chen. Sie betet, wenn auch mit innerem Zittern und Erbeben:

»Allmächtiger, willst du dieses Kind mir nehmen,
macht es dir Freude, seine Kraft zu lähmen,
soll es vor deinem Blick ein Zerrbild sein,
das nur noch kennt des Lebens fahlen Schein?

Du hast aus Liebe mir das Kind gegeben,
gabst Kraft mir, ihm zu weihn mein ganzes Leben:
Willst du es tot in meinen Armen sehn,
soll es als Krüppel durch das Leben gehn?

Dann bitt ich dich, mach ernst mit deinen Plänen,
auf dich allein geht ja mein letztes Sehnen;
nur dich such‘ ich und was du, Vater, willst,
bin froh, wenn deine Wünsche du erfüllst.

Nimm hin das Kind, dem du geschenkt das Leben,
dem ich die ganze Liebeskraft durft‘ geben;
ich leg‘ es froh in deine Hand zurück,
sein kommendes Geschick, sein Lebensglück.

Willst du es mir, der Welt voll Güte lassen,
darf ich in Liebe weiter es umfassen,
willst du als Lösepreis dafür nur schaun
mein Flehn, mein kindlich-heldisches Vertraun?

Dann will ich alle Halbheit, Trägheit hassen;
will Tag und Nacht nie schmählich unterlassen,
zu bitten und zu flehen voll Vertraun:
Laß Wundertaten doch dein Kind bald schaun!

Sein Leben laß ein treues Abbild werden
von unserer Mutter Leben hier auf Erden.
Laß dadurch ihrer Strahlen Herrlichkeit
entschleiert werden unserer kranken Zeit.

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Ich hör nicht auf, vertrauensvoll zu flehen:
Laß deine Pläne in Erfüllung gehen;
laß prüfen meinen Glauben, mein Vertraun,
ich werde heldisch unserer Sendung traun.

Und darf ich selber nicht die Blüte sehen,
in der dein Kind vor deinem Geist darf stehen:
Ich bleib‘ wie Moses auf dem Berg zurück.
Gib nur dem Kind des Heiligen Landes Glück(10)!«

Oder:

»Ich bitte dich um alles Kreuz und Leid,
das du, o Vater, hältst für mich bereit.
Lös mich von allem kranken Eigenwillen,
daß deine leisen Wünsche ich kann stillen;
mach meinem Bräutigam mich ähnlich, gleich,
dann erst bin ich beglückt, bin überreich.

[[56]] Nichts gibt es, was du mir nicht stets darfst schicken,
tu alles, um das Ich in mir zu knicken,
daß Christus lebt und wirkt allein in mir,
und ich in ihm nur mache Freude dir.

Du, Vater, wirst kein Kreuz und Leid mir senden,
ohn‘ mir die Kraft zum Tragen reich zu spenden:
der Bräutigam in mir trägt alles mit,
die Mutter wacht – so sind wir stets zu dritt.

Willst du mich aber vor dem Leid bewahren
– ich will nur deinem Vaterwunsch willfahren -,
dann bitt ich: Halt das Mißgeschick mir fern,
du bist für mich allein des Lebens Stern(11).

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Alle Entscheidungen im praktischen Leben, alle seelischen Haltungen, alle ohne Ausnahme orientieren sich am objektiven göttlichen Plan:

»Laß freigewählt mich allezeit entscheiden,
daß nur Gehorsam soll mein Minnen leiten
und Vaters ewig gültiger Liebesplan
in meinem Leben sich erfüllen kann(12).«

Marienliebe und Marienapostolat werden nicht auf psychologische Gründe zurückgeführt, erstrebt und empfohlen. So hoch ihr Lebenswert auch anzuschlagen ist, ihre hochgradige Pflege gründet zutiefst in der objektiven Seinsordnung, in der Planung des Vaters:

»Die Geister, die Maria übersehen,
die stets nach Vaters Plan soll bei dir stehen,
erfassen deines Werkes Fülle nicht,
nicht seine ganze Kraft, sein volles Licht(13).«

Oder:

»Das Kreuz und das Marienbild laßt reichen
den Völkern mich als das Erlösungszeichen,
daß niemals voneinander wird getrennt,
was Vaters Liebesplan als Einheit kennt(14).«

Die Stellung Pallottis und Schönstatts in unserer Familie entspricht bis in alle Einzelheiten einer eindeutigen göttlichen Planung, mag es sich dabei um die originelle Eigengesetzlichkeit der beiden Pole oder um ihre gegenseitige Zuordnung handeln. Persönliche Wünsche oder /

[153]

vorgefaßte Meinungen haben dabei kein Wort mitzusprechen. Um beide Hauptträger des ganzen Werkes gemäß ihrer objektiven Stellung für die kirchliche Öffentlichkeit zu legitimieren, wird die Ehre der Altäre für Pallotti und Josef Engling erstrebt und erbeten. Dabei steht Josef als Symbol für Schönstatt da. Der Grund für eine solche Bitte ist einsichtig. Alle Widerstände sollen auf diese Weise entfernt werden, die Pallotti und Schönstatt, der Liebesschöpfung – früher haben wir gesagt, wie in »Himmelwärts« steht, der Lieblingsschöpfung der Gottesmutter – »entgegenstehn und Vaters Plan nicht gläubig lassen sehn(15)«. Deswegen die Bitte, die wiederum den Plänen Gottes entspricht:

»Hilf ihr, in alle Welt sich auszubreiten
und siegreich durch die Nationen schreiten,
daß bald werd‘ eine Herde und ein Hirt,
der alle Völker zum Dreifaltigen führt(16).«

[[57]] Aus demselben Grunde kämpfen wir für die Idee des »neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft«:

»An Schönstatt und Pallotti laß uns glauben
und dieses Einheitszeichen nie uns rauben;
das große Menschen- und Gemeinschaftsbild
uns formen, das des Vaters Wunsch erfüllt(17).«

Kreuz und Leid haben einen bestimmten Platz in der objektiven Heilsordnung, der klar gesehen, bejaht und verwirklicht werden will. Der Platz ist mit wenigen Worten gekennzeichnet:

[154]

»Nach des Vaters liebevollen Weisheitsplänen
soll die Erde stets als Jammertal sich wähnen,
bis ihr leuchtend aufgeht der Verklärung Sonne
und sie widerspiegelt selige Himmelswonne(18).«

Sinn von allem ist Verherrlichung des Heilandes und seiner Mutter und dadurch des dreifaltigen Gottes:

»Er hat dich als zweite Eva auserkoren:
Du sollst retten, was die erste hat verloren.
Gleich wie sie uns in Verfall hineingezogen,
so gehn aus von dir des ewigen Heiles Wogen.

Dir ist in Verbindung mit dem Sohn gegeben,
uns zu schenken das verlorene Gnadenleben,
manche Erdennöte von uns fernzuhalten,
sie zu lindern und zum Heil uns zu gestalten.

Laß dein Mutterherz sich heute reich entfalten,
wo sich machtvoll regen teuflische Gewalten;
offenbare deine Macht und deine Güte
– als des Herrn Gehilfin – in der vollsten Blüte.

Wie dein Sohn, als er noch auf der Erde weilte,
Hunger stillte, Kranke tröstete und heilte,
so geh mit ihm segnend still durh unsere Reihen,
um uns deiner Allmacht Mutterarm zu leihen.

Zeig dich sichtbar aller Welt als ‚großes Zeichen‘,
dem des Teufels List und Erdennot muß weichen;
laß die Völker bei dir Schutz und Rettung finden
und als Heilsvermittlerin dich freudig künden.

Unsere Not auch ist so riesenhaft gestiegen,
daß wir ohne deine Hilfe unterliegen;

[155]

du allein kannst uns vor’m Untergang bewahren:
Komm und sieh, wie wir uns bittend um dich scharen.

Sei für uns mit deinem Sohne der Erretter
aus der Hölle Wüten und der Zeiten Wetter,
und wir wollen dankbar dich in allen Weisen
als die große Völkermutter ewig preisen.

Deinen Namen wollen mutig wir verbreiten
und zu deinem Heiligtum die Menschen leiten,
daß mit dir sie und dem Sohn im Himmel droben
den dreifaltigen Gott voll Jubel liebend loben(19).
1. Hamlet, Monolog in 3,1.

2. Vgl. Jean-Pierre de Caussade, Von der Hingabe an die göttliche Vorsehung, Freiburg 41955, 24: „Sakramentalität des Augenblicks“.

3. Kind der (göttlichen) Vorsehung in hervorragender Weise.

4. Vgl. Lk 2,19.

5. Himmelwärts, 22 f. Vgl. Hebr 4,12 f. und Mt 13,18-23.

6. A.a.O., 23.

7. A.a.O., 112.

8. A.a.O., 14.

9. A.a.O., 32.

10. A.a.O., 118-120. Zum letzten Bild vgl. Dt 34.

11. A.a.O., 111.

12. A.a.O., 83.

13. A.a.O., 85.

14. A.a.O., 90.

15. A.a.O., 137. Pallotti wurde am 20.1.1963 heiliggesprochen.

16. Ebd.

17. A.a.O., 136.

18. A.a.O., 132.

19. A.a.O., 132-134. In der letzten Strophe steht ursprünglich für „und dem Sohn“: „hier und hoch“.

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de

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