JoBr52-05_211-221 Der 31 Mai 1949 VII

JoBr52-05_211-221
Der 31 Mai 1949 VII

Die internationale Sendung Schönstatts

[211]

Lassen Sie mich abschließend noch einen Gedanken beifügen. Das vorgelegte Material lädt von selber zu einer tieferen philosophischen Durch- [[84]] dringung ein. Es ist /

[212]

zwar nicht vollständig, verspricht aber trotzdem eine reiche Ausbeute. Wir wollen uns an dieser Stelle mit einem einzigen Punkt und mit seiner Ausdeutung begnügen.

Oben war die Rede vom Gegenstrom, der vom Filialheiligtum in Chile zum Urheiligtum zurückfluten soll, um dorthin reichen Segen für das deutsche Volk und Vaterland zu bringen. Das Wort kündet einen bedeutsamen Wechsel im inneren Lebensgefüge, einen Wandel in der Blutzirkulation, eine Umschaltung des Kräftespiels in der Schönstattfamilie an.

Das Ereignis, das gemeint ist, bedeutet für das Ausland ein Ende und einen Anfang: das Ende einer einseitigen Bevormundung und den Anfang einer größeren Eigenständigkeit, die deswegen des Gliedcharakters nicht ermangeln möchte; das Ende der Kinder- und Reifejahre und den Anfang des Mannesalters; das Ende des bloßen Empfangens und Nehmens und den Anfang eines selbstlosen und reichlichen Gebens und Verschenkens. Charakteristisch für die neue Situation ist ein Wort, das ein junger feuriger Chilene am 5. Mai 1952 – kurz nach seiner Einkleidung – in die Heimat geschrieben hat:

»Ich fühle mich vollkommen wohl in meinem neuen Habit, ich bin ein neuer Mensch, der endlich in das gemeinschaftliche Leben eingegliedert ist und nun die Möglichkeit hat, zu empfangen und zu geben. Meine Umgebung ist so geartet. daß ich mehr geben als empfangen darf.«

Bisher war Schönstatt in Deutschland, Ur-Schönstatt, schlechthin die spendende und beschenkende Mutter aller Schönstattkinder im In- und Ausland. Alles /

[213]

Leben, alle Ideen gingen von dort aus. Das gilt also nicht nur, wo es sich um den aus dem Heiligtum sprudelnden Gnadenstrom, sondern auch um seine individuelle Prägung und Auswirkung handelt. So war es bei unseren Patres – soweit sie Schönstätter geblieben sind; so war es in etwa auch bei den übrigen Formationen im Ausland; so war es besonders bei unseren Schwestern. Sie schwammen Jahr für Jahr nicht nur im Gnaden-, sondern auch im Lebens- und Ideenstrom, wie er von der Urheimat ausging, wie er von dorten gekündet und bestimmt wurde. Das war für den Anfang zweifellos gut. Ein Kind richtet sich jahrelang nach Vater und Mutter und wird sich dabei seiner originellen Art nicht bewußt. Das Erwachen der Reifejahre bringt ein Erwachen gesunder Eigenständigkeit mit sich, freilich nicht selten verbunden mit viel Sturm und Drang. Die Anwendung auf den hier gemeinten Fall ist nicht schwer.

Den Zug zur Weltweite, zur Internationale hatten wir von Anfang an im Blut stecken. Der Nordamerika-Bericht 1948 geht ihm geschichtlich nach und schildert ihn in seiner Entwicklung. Man möge den Text nachlesen. Er findet sich in der Einleitung. Einen Satz daraus darf ich hierhersetzen, um ihn zum Ausgangspunkt einiger Erinnerungen zu machen, die zum Verständnis der neuen Situation notwendig sind.

»Wo Gott Anweisung gibt, hat menschliche Kurzsichtigkeit zurückzutreten, hat menschliche Schwäche und Hilflosigkeit kein Berufungsrecht anzumelden; da ist nur eines am Platze: die paulinische seelische Haltung und Wortprägung: ‚Non possum non praedicare(1). Angewandt auf unseren Fall heißt /

[214]

das: Es liegt ein heiliger Zwang auf mir: ieh kann nicht anders, ich muß die Botschaft von Schönstatt überall künden. Ich muß allerorts die Schönstatt-Netze auswerfen – auch dort, wo die Widerstände unüberwindlich zu sein scheinen. Gottes Arm ist stärker als alle widergöttliche Macht. Seit Januar 1942 will er in weithin sichtbarer Weise seine Mutter durch Schönstatt in aller Welt verherrlichen. Sie soll offensichtlich einen Siegeszug antreten durch die ganze Welt. Je größer die Schwie- [[85]] rigkeiten, je schwächer die Werkzeuge, desto augenscheinlicher ist der Sieg ihr Werk. Das ist der Sinn der Bitte:

‚Offenbare deine Macht
in der dunklen Sturmesnacht;
laß die Welt dein Wirken sehn
und bewundernd vor dir stehn,
daß sie dich mit Liebe nennt,
sich zu deinem Reich bekennt,
weithin stark dein Banner trägt,
siegreich alle Feinde schlägt.

Schönstatt bleib dein Lieblingsort,
des Apostelgeistes Hort,
Führer hin zum heiligen Streit,
Quell der Werktagsheiligkeit,
Feuerbrand, der Christus glüht,
lodernd helle Funken sprüht,
bis die Welt als Flammenmeer
brennt zu des Dreifaltigen Ehr(2).’«

[215]

»Ich muß die Botschaft von Schönstatt überall künden!« Das ist selbstverständlich für jeden, dessen Herz voll ist von Schönstatt. So war es auch bei uns in Dachau. Wir versuchten dort, in die Tiefe zu fahren und die Netze auszuwerfen. Wir sahen wegen der günstigen Gelegenheit geradezu unsere Aufgabe darin, Schönstatt unter den dort vertretenen Nationen heimisch zu machen. Man lese die beiden Gelegenheitsgedichte, die die eigenartige Überschrift »Obendrauf« tragen. Titel und Inhalt verdanken ihr Entstehen zwei Eiern, die auf legalem Wege ins Lager(3) geschickt worden sind. Es war zur Zeit, als die Symbolsprache den verbotenen Briefverkehr ersetzen mußte. Auf dem einen Ei war ein hoher Berg gemalt, darauf ein Vöglein, das sehnsüchtig nach unten ins Tal auf sein Nest, auf das Heiligtum schaute. Darauf erfolgte die Antwort aus dem Lager:

»Obendrauf!
Auf schroffen Felsenspitzen
seh ich ein Vöglein sitzen.
Tief drunten ist sein Nest,
das keine Ruh ihm läßt.

Obendrauf,
da muß das Vöglein bleiben,
die Feinde zu vertreiben,
zu schützen seine Brut
mit seinem warmen Blut.

Obendrauf,
da muß das Vöglein singen,
bis aus dem Neste klingen
Inscriptio-Melodien
und alle Teufel fliehen.

[216]

Obendrauf,
da muß das Vöglein warten,
bis der Inscriptio-Garten(4)
den Gottes Geist erfleht,
in voller Blüte steht.

[[86]] Obendrauf,
da muß das Vöglein locken
wie helle Kirchenglocken
die große Vogelschar,
die Gott fürs Nest gebar.

Obendrauf,
da hört das Vöglein preisen
in fremder Sprachen Weisen
die hehre Himmelsfrau
auf Schönstatts Sonnenau.

Obendrauf,
da sieht das Vöglein werden
ein Paradies auf Erden.
Im Mittelpunbte lacht
sein Nest in Gottespracht.

Obendrauf
seh ich des Vögleins Neigen
und dankbar Sich-Verbeugen
vor allen, die bewacht
sein Nest in Sturmesnacht(5).«

Das zweite Ei brachte eine ähnliche Botschaft: Zwei Bergesgipfel hatten sich wie betende Hände vereinigt. /

[217]

Ein schlichtes Gedicht kündete, daß die Symbolsprache verstanden war:

»Obendrauf
seh ich die Felsen handeln
und plötzlich sich verwandeln
in Hände, die erhöht
sich falten zum Gebet.

Obendrauf
spür ich der Hände Glühen
und inniges Bemühen
um Gottes Kraft und Licht,
das Sturm und Dunkel bricht.

Obendrauf
fühl ich die Händ‘ in Reinheit
und unberührter Feinheit
Marienhänden gleich
erflehn das Schönsrarrreich.

Obendrauf
berühren Gottes Segen
und menschliches Sichregen
sich zart in Lieb‘ vereint,
bis hell die Sonne scheint.

Obendrauf
hoch über Sturmeswettern
hör ich das Vöglein schmettern
mit innerstem Erglühn
hell Siegesmelodien.

Obendrauf
[[87]] seh ich das Vöglein bauen
die Paradiesesauen, /

[218]

die Gottes Güt‘ erdacht
in dunkler Winternacht(6).«

Das erste Gedicht spricht von »fremder Sprachen Weisen«. Es kündet also deutlich die Internationale an. Das zweite spricht vom »Schönstattreich«. Gemeint ist aus dem Zusammenhang heraus vor allem das Schönstattreich in Dachau. An ernster Arbeit hat es uns im Lager tatsächlich nicht gefehlt. Das beweist das »Gebet des internationalen Kreises« in »Himmelwärts«:

»Vor Jahren hast du uns als Ziel gesteckt,
vom Heiligen Geiste dazu aufgeweckt,
zur Welten-Königin(7) dich zu erheben,
die du auf deinen Armen trägst das Leben.

Wir waren damals nur ein kleiner Kreis:
Wir wuchsen Jahr für Jahr zu deinem Preis
hinein in andere edle Narionen,
die enge hier mit uns zusammenwohnen(8).«

Der äußere Erfolg war nicht groß. Ein doppelter Grund wird dafür angegeben, persönliche Nachlässigkeit und Ungunst der Verhältnisse:

»Verzeih in deiner mütterlichen Huld,
was wir gefehlt durch Unterlassungsschuld:
daß wir nicht größer, tiefer sind geworden,
nicht weiter öffneten die Schönstatt-Pforten.

So ist der Erd-Kreis(9) noch nicht reif genug,
zu bannen Adams harten Sündenfluch /

[219]

und auf den Thron dich willig zu erheben,
das Zepter in die Hände dir zu geben(10).«

Nur wenige damals ausgestreute Saatkörner scheinen sofort aufgegangen zu sein. Vielleicht kommen sie später zur Blüte und zur Reife. Einen Vorteil hatte die Arbeit auf jeden Fall: In uns selbst verfestigte sich die Idee der Internationale, die uns nicht mehr losgelassen hat. Sie drängte zunächst zur Gründung der Marienbrüder und des Familienwerkes(11). Wenn auch die ersten Träger versagten, der Gedanke blieb bestehen und wurde später von anderen aufgegriffen und verwirklicht. Sodann krönten wir stellvertretend die Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt zur Königin all der Nationen, die im Lager vertreten waren:

»Nimm dafür unsere schlichte Huldigung hin
und sieh auf unseren kampfbereiten Sinn.
Wir schenken dir die Völker, die hier weilen
und mit uns der Verbannung Lose teilen.

Sei ihre Mutter, ihre Königin;
laß sie gewandelt in die Heimat ziehn
als starke Bürgen für den Völkerfrieden,
für Einigkeit im Gottesstaat hienieden.

Was sie an Lieb‘ und Treue dir entziehn,
indem sie vor dem Christuskreuze fliehn,
das wollen wir ersetzen durch das Streben,
nur dir und deinem Werke ganz zu leben.

[[88]] Herrsch über uns, so wie es Gott gefällt,
mach uns zum Salz und Sauerteig der Welt, /

[220]

laß uns ein Herz und eine Seele werden,
so wie’s der Herr erfleht hat einst auf Erden(12),

trotz aller Eigenart geschlossen sein,
als Idealreich uns dem Vater weihn,
durchbrechen alle nationalen Schranken,
auch wenn an Haß die Völkermassen kranken.

Vermehre und vertiefe unsere Schar,
benutz uns als dein Werkzeug immerdar,
und laß die große Sendung uns erfüllen,
die du erfleht uns hast nach Vaters Willen(13).«

Oder:

»Aus allen Narionen, die hier leiden,
wähl dir die Besten, um dein Reich zu weiten;
nimm sie als Werkzeug an in deinen Händen,
der Völker Schicksal hin zum Herrn zu wenden;
laß fruchtbar werden überall das Schönstattreis
zu deiner Ehr und des Dreifaltigen Ruhm und Preis.

Laß dich zur Welten-Königin(14) ernennen,
von heißer Liebe uns zu dir entbrennen,
die ganze Welt zu deinem Dienst entzünden,
daß alle Völker sicher heimwärts finden.
Dein heilig Herz ist für die Welt der Friedenshort,
der Auserwählung Zeichen und des Himmels Pfort(15).«

Die letzte Strophe vervielfältigten wir und gaben sie allen Interessenten als Gebet zur Vorbereitung auf die /

[221]

schlichte Krönung, die am 8. Dezember 1944 vorgenommen wurde.
1. Ich kann nicht anders, ich muß verkünden. Vgl. oben, S. 170.

2. Zitat aus dem bisher unveröffentlichten Bericht P. Kentenichs über seinen Aufenthalt in Nordamerika vom 5.6. – 6.9. 1948, geschrieben im September 1948 in Chile. Das Gebet ist aus Himmelwärts, 130 f. zitiert.

3. Konzentrationslager Dachau.

4. Eine Anspielung auf die Strömung des Mariengartens bei den Schwestern des Josefs-Krankenhauses zu Koblenz.

5. Verfaßt am 26.4.1943.

6. Verfaßt am 8.6.1943.

7. Ursprünglich: „zur Lager-Königin“.

8. Himmelwärts, 142.

9. Ursprünglich: „das Lager“.

10. Himmelwärts, 142.

11. Beide wurden am 16.7.1942 gegründet.

12. Vgl. Joh 17,11.21-23.

13. Himmelwärts, 143.

14. Ursprünglich: „zur Lager-Königin“.

15. Himmelwärts, 140 f.

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de

Back