JoBr52-06_026-036 Der heilsgeschichtliche Gottesbund I

JoBr52-06_026-036
Der heilsgeschichtliche Gottesbund I

Heilsgeschichte als Bundesgeschichte – Brautschafts- und Kindschaftsbild – Weltgrundgesetz der Liebe

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DER HEILSGESCHICHTLICHE GOTTESBUND

DIE HEILSGESCHICHTE ALS BUNDESGESCHICHTE

Die Heilsgeschichte entschleiert sich dem gläubigen Auge deutlich als ausgeprägte Bundesgeschichte: hier, wo es sich um die Auserwählten handelt, als Einigungs-, dort, wo es um die Verworfenen geht, als Scheidungsgeschichte.

Das Brautschafts- und Kindschaftsbild

Die Apokalypse stellt den Gottesbund im Geiste der Propheten bildhaft dar. Sie vergleicht ihn mit dem Liebesbund der Ehe: mit Brautschaft und Gemahlschaft(15). In ihrem Sinne müßte man deshalb die Heilsgeschichte entweder als Ehescheidungs- oder als Ehe- oder Brautgeschichte auffassen. Der Bräutigam ist Christus, die Braut die Kirche. Apokalyptische Zeiten sind Zeiten der Beschleunigung und der Vollendung der Ehescheidung oder Ehereifung. Sind schon in normalen Zeiten Kreuz und Leid Geburtshelfer oder Totengräber Christi in den Seelen, so wollen apokalyptische Erschütterungen in der physischen, moralischen und religiösen Ordnung als heroisch arbeitende Geburtshelfer oder erfolgreich wirksame Totengräber aufgefaßt werden(16).

Den heiligen Schriftstellern geht es wie uns gewöhnlichen Menschen. Bedeutsame Lebensvorgänge ergreifen sie so sehr, daß sie mit Ausdrücken nicht sparen. Es ist /

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fast so, als ständen sie ihnen hilflos gegenüber: Sie finden kein Wort, das vollkommen wiedergibt, was sie sagen möchten: so geheimnisvoll tief, so endlos reich ist – wie in unserem Falle – das erstaunliche, rätselhafte Ereignis. Sie reihen Bild an Bild, um seine wundersame Größe zu enthüllen. So entsteht eine Bildfülle, die zwar Hülle um Hülle von dem Ereignis zu entfernen trachtet, und doch nicht fähig ist, es vollkommen zu enthüllen. Ist schon jedes einzelne Bild ein Greifen und Tasten ins Helldunkel – das heißt, entschleiert es immer nur ein Stück Helligkeit, ohne es fertigzubringen, alles und jedes Dunkel zu durchlichten -, so mag man schließen, daß nicht nur das Licht, sondern auch das Dunkel wächst, wo eine ganze Bildfolge aus der Verlegenheit helfen möchte, adäquate Begriffe zu formen und in Worte zu gießen.

Angewandt auf unseren Fall besagt das: Bald spricht die Heilige Schrift vom Gottesreich, um die [[98]] Einheit zwischen Volk und König als Symbol für die Vereinigung zwischen Gott und Gottesvolk auszudrücken(17); bald redet sie von einer Pflanzung, einem Ackerfeld, einem Weinberg, einem Ölbaum(18). Sie meint damit das Bundesvolk, bezeichnet aber als Eigentümer, als Nutznießer, als Wärter, als Wächter und Richter den Bundesgott, um die tiefen, innigen Beziehungen zwischen den beiden Partnern zum Ausdrudr zu bringen. Oder sie stellt Gott als Hirten, das Bundesvolk aber und jeden einzelnen als Herde und Schäflein seiner Weide(19) dar, /

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wiederum zwecks Herausstellung des beiderseitigen innigen Grundverhältnisses. Einmal gebraucht sie das Bild vom heiligen Bau, in dem Christus, der lebendige Eckstein, mit den Christen, den lebendigen Steinen, zu einer lebendigen Einheit verschmolzen ist(20). Ein anderes Mal zieht sie das Gleichnis vom Weinstock und den Rebzweigen heran, um die Lebensgemeinschaft der zwei Partner auszudrücken(21). Oder sie redet vom geheimnisvollen Leibe Christi, in dem Christus das Haupt, die Christen die Glieder sind, alle aber zusammengefaßt zur Einheit eines einzigen Leibes(22). Dann gebraucht sie das Bild vom Adler und der sorgsamen Art, wie er seine Jungen lockt und führt(23): Der Adler ist Gott, die Jungen sind das Bundesvolk. Mit besonderer Vorliebe leiht sie sich Farbe und Pinsel vom Familienleben, um das Grundverhältnis zwischen Mutter und Kind und zwischen Vater und Kind als Vorlage zu gebrauchen(24).

Die Predigt des Herrn und der Apostel, vor allem des heiligen Paulus und Johannes, benutzen mit fühlbarer Wärme das Wort »Kind«, um die Beziehungen zu kennzeichnen, in die der Mensch durch den Gottesbund zum göttlichen Bundespartner, zum »Vater« tritt(25). Dabei bekommen in ihrem Munde die beiden Worte »Vater« und »Kind« einen Klang, den sie im Alten Testament für die damaligen Hörer und Leser nicht hatten und nicht haben konnten. Seitdem der Glaube von einem dreifaltigen Gott und einem innertrinitarischen gött- /

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lichen Leben weiß, seitdem er die Kunde, die frohe Botschaft von der geheimnisvollen Teilnahme an diesem innertrinitarischen göttlichen Leben gebracht hat, die uns durch Einpflanzung in den menschgewordenen Gottessohn durch die Taufe geschenkt worden ist, haben die Begriffe »Vater« und »Kind« im Gottesbund eine einzigartige Prägung, eine geheimnisvolle Tiefe, eine erstaunliche Bereicherung erfahren.

Gott ist nicht mehr bloß gut wie ein Vater für seine Geschöpfe, der über alle regnen und die Sonne scheinen läßt und für alle sorgt(26), oder, wie Goethe ihn sieht, wenn er redet von dem »uralten, heiligen Vater« und seiner »gelassenen Hand«, die »aus rollenden Wolken segnende Blitze über die Erde sät«, dem man »den letzten Saum seines Kleides« küßt, »kindliche Schauer treu in der Brust(27)«. Nein, der Bundesgott ist der Vater, unser Vater in den Himmeln(28), der den wesensgleichen ewigen Sohn erzeugt, der diesen Sohn auf die Erde gesandt und Fleisch hat annehmen lassen, der uns durch geheimnisvolle Eingliederung in den Eingeborenen in einer Weise zu seinen Kindern macht, die jede rein natürliche Vaterschaft endlos übersteigt und überstrahlt. Darum betet das Credo:

»Wir glauben voller Zuversicht,
was uns die ewige Wahrheit spricht.
Wir beugen willig den Verstand
und folgen ihr mit Herz und Hand.

Der Glaube ist der sichere Pfad,
den uns das Wort gewiesen hat:

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Nur dem wird ewiges Heil gewährt,
dem dieser Glaube ist beschert.

Wir glauben, Gott, daß deine Macht
die Welt ins Dasein hat gebracht.
[[99]] Du bist’s, der sie erhält, regiert
und weise hin zum Ziele führt.

Der hoch du thronst in Himmelshöhn,
willst warm auf uns herniedersehn,
in uns erblicken deinen Sohn,
der herrscht mit dir auf ewigem Thron.

Wir sind so arm und schwach und bloß;
du machst erhaben uns und groß:
zu des verklärten Herren Glied,
der als das Haupt zu dir uns zieht.

Du, Gott, erhöhest unser Sein,
ziehst in die Seel‘ als Tempel ein,
wo mit dem Sohn und Heiligen Geist
du dich als Dauergast erweist.

Der Leib, die Seele ist geweiht
der heiligsten Dreifaltigkeit,
die in uns wie im Himmel thront,
mit ihrem Reichtum in uns wohnt.

So sind wir über alle Welt
ins Göttliche hineingestellt,
sind mehr in deinen Augen wert
als ohne uns die ganze Erd.

Die Werke jeglicher Kultur
sind wie ein kleines Stäubchen nur,
gemessen an der Herrlichkeit,
die deine Liebe uns verleiht.

[31]

Du hast uns deinen Sohn geschenkt,
der still für uns am Kreuze hängt;
du sendest uns den Heiligen Geist,
der uns erzieht und unterweist;

gibst einen Engel uns zur Seit‘,
der uns zu schützen ist bereit,
und eine Mutter voller Güt‘,
die liebreich sich um uns bemüht.

Du hast uns sorgsam anvertraut
der Kirche, deines Sohnes Braut,
daß sie uns durch das Leben führt
und wahre Liebe in uns schürt.

Dein Sohn bringt sich auf dem Altar
für uns als Opfer mildreich dar;
als Freund ist er, als Speise da
in allen Lagen still uns nah(29).«

Unsere Familie ist von Anfang an bis heute wachsend von einer greifbaren Vater- und Kindesströmung durchpulst. Sie hat das »Vater-Kind-Verhältnis« als Symbol für das Liebesbündnis mit Gott nach allen Richtungen hin ausgeschöpft und das persönliche und gemeinschaftliche Leben daraus gestaltet. Sie folgt dabei einer eindeutigen Führung des Heiligen Geistes, der durch das »Gesetz der geöffneten Tür« unmißverständlich gesprochen [[100]] und uns theoretisch und praktisch die Wege des Kindseins und Kindessinnes gewiesen hat, die er uns in der Heiligen Schrift mit einer Liebe und Sorgfalt entschleiert, die uns seine Wünsche deutlich offenbaren.

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Das Brautschaftsbild tritt bei uns – ähnlich wie in der gnadenhaften Führung im Seelenleben der heiligen Theresia vom Kinde Jesu(30) – stark in den Hintergrund. Es lebt deswegen auch weniger im öffentlichen Bewußtsein der Familie und formt nicht sonderlich tiefgreifend und dauernd deren Leben. Es ist darum verständlich, wenn in diesem Zusammenhang das Bedürfnis wach wird, das Bündnis zwischen Gott und Mensch unter dem »Vater-Kind-Symbol« bis in alle Einzelheiten anhand der geistigen Strömungen innerhalb unserer Familiengeschichte zu durchforschen, neu zu verlebendigen und die Gründe verständlich zu machen, die das Brautschaftssymbol so wirksam verdrängt haben. Diese lockende und verlockende Arbeit sei auf eine spätere Zeit verschoben.

Vorläufig bleiben wir bei dem Brautschaftsbild. So können wir den Rahmen der Heilsgeschichte weiter spannen, können Altes und Neues Testament leichter verständlich machen. Der Grund liegt darin, daß das Brautschaftssymbol dem Alten Testament geläufiger als das Kindesbild ist. Dabei vergessen wir nicht, daß es sich nur um ein Symbol handelt, um ein Symbol für den Gottesbund.

Das Weltgrundgesetz der Liebe

Um diesen Gedanken zu vertiefen, damit wir ihn bei den späteren Ausführungen nicht vergessen, erinnern wir uns daran, daß die »Werktagsheiligkeit« mit Franz von Sales dasselbe meint, wenn sie mehr abstrakter- /

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weise vom »Weltgrundgesetz der Liebe« spricht(31). Sie will damit sagen, daß der letzte Beweggrund, der Grund aller Gründe für alles göttliche und gottmenschliche Wirken, die Liebe ist. Genauer gesagt: Gott tut alles aus Liebe, durch Liebe, für Liebe. Das heißt: er tut alles aus dem Hauptbeweggrund der Liebe, die so stark ist, daß sie alle anderen göttlichen Eigenschaften in Bewegung setzt und in ihren Dienst nimmt, nicht zuletzt Gerechtigkeit und Allmacht. Hinter allem, was er tut, steht eine ausgeprägte, eine greifbare Liebesbewegung, die eine vollkommene Liebeseinheit mit dem Liebes- oder Bundespartner erreichen möchte.

Die Liebesbewegung kennt vier Stufen. Das Gloria der »Werkzeugs-Messe« bringt davon frohe Kunde:

Erste Stufe:

»Du, Gott-Vater, reichst zum Kusse
dich, zu ewigem Genusse
deinem Sohn aus Liebessinn
ganz im Heiligen Geiste hin.
So bist du in dir vollendet,
bist die Liebe, die nie endet(32).«

Zweite Stufe:

»Liebe hat den Sohn gesandt
als des Heiles Unterpfand.

[34]

Liebe hat dem Sohn gegeben
aus der Mutter-Braut das Leben,
hieß vergießen den sein Blut,
der uns ist das höchste Gut.

Liebe ließ vor seinem Sterben
seine Mutter-Braut uns erben,
daß sie als das sichere Tor
schnell uns führt zu Gott empor.

Sie ist’s, die im Sohn voll Stärke
Satans Reich und Satans Werke
siegreich allzeit niederringt
und der Welt den Frieden bringt(33).«

[[101]] Dritte Stufe:

»Liebe hat uns eingesenket
dem, der sich uns täglich schenket
auf der langen Pilgerreis‘
als die reiche Opferspeis‘.

Liebe zog zur Heilsvollendung
uns in Ewigen Wortes Sendung,
läßt uns teilen treu sein Los,
macht uns als sein Werkzeug groß(34).«

Vierte Stufe:

»Liebe hat die Welt gerufen,
daß sie gleichet Liebesstufen,
die uns wirksam himmelwärts
führen in das Gottesherz(35).«

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Die Zusammenfassung der Liebesstufen sieht das ganze Weltgeschehen unter dem Gesichtspunkt eines Liebesstromes, der aus dem Schoß der Dreifaltigkeit quillt und dorten wieder einmündet:

»Liebesströme seh’n wir fließen,
sich in Erd‘ und Himmel gießen
aus der ewigen Liebe hell
und zurück zu ihrem Quell.

Ehr‘ und Lieb‘ sei auf dem Throne
Gott, dem Vater und dem Sohne
und dem Geist der Heiligkeit
jetzt und alle Ewigkeit(36).«

Das Weltgrundgesetz will Norm für das Leben des Bündnispartners, es will sein unabänderliches Lebensgrundgesetz(37) werden. Die Liebe soll die Königin seines Lebens und Wirkens sein. Das Liebeswerben des göttlichen Bundespartners erwartet und verlangt eine Liebesantwort von seiten des menschlichen Partners. Sie kann und darf nur lauten: alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe! Das heißt: alles aus dem Beweggrund der Liebe, durch eine ausgeprägte Liebesbewegung zur vollkommenen Liebeseinheit mit dem Gott der ewigen Liebe! Ausgeprägt ist die Liebesbewegung, wenn sie so im Vordergrund steht, daß sie nicht nur mit den sittlichen Tugenden, etwa mit Demut, Gehorsam und so weiter ständig innerlich verbunden bleibt, sondern diese in vollendeter Weise beherrscht, krönt, inspiriert und in Bewegung hält. Das meint Paulus, wenn er alle Tugenden als eine konkrete Form der Liebe darstellt, wenn er erklärt:

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»Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, die Liebe ist nicht eifersüchtig. Sie prahlt nicht, überhebt sich nicht, sie handelt nicht unschicklich, sucht nicht das Ihre, kennt keine Erbitterung, trägr das Böse nicht nach. Am Unrecht hat sie kein Gefallen, mit der Wahrheit freut sie sich. Alles erträgt sie, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles duldet sie« (1 Kor 13, 4-7).

Damit soll nicht gesagt sein, noch viel weniger empfohlen werden, die Kardinaltugenden mit ihren vielfältigen Verzweigungen sollten ihre eigengesetzliche Motivation verlieren. Das wäre verfehlt, weil so dann die Liebe leicht Richtung, Maß und Grenze verliert. Sie formt nicht genugsam das Hochbild der gottgeprägten und gottgewollten menschlichen Größe; sie wird im Gegenteil leicht muffig und weichlich und macht muffig und weichlich. Sie wird kein »Empfehlungsbrief …, gekannt und gelesen von allen Menschen …, offensichtlich ein Brief Christi …, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit [[102]] dem Geiste des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens« (1 Kor 3, 2 f).

14. »Schlüssel zum Verständnis Schönstatts«, eine kurz nach seiner Verbannung aus Schönstatt 1951 auf Berg Sion/Schweiz von P. Kentenich geschriebene Studie. Vgl. den Abschnitt »Die innere Struktur«.

15. Vgl. Apk 19, 7-10; 21,9 ff.; 22,17.

16. Vgl. die Ausführungen darüber im Exerzitienkurs „Der apokalyptische Priester« vom Jahre 1940.

17. Das Alte Testament sagt dafür: Gott ist König. Vgl. die Jahwekönigslieder wie Ps 96-98 mit den Liedern, die einen irdischen König besingen, wie Ps 21 und 144.

18. Vgl. Jer 11,17; Ps 80, 9-14; Jer 11,16 u.a.

19. Vgl. Ps 23; Jo 10,1-18.

20. Vgl. 1 Petr 2,4-8.

21. Vgl. Jo 15,1-8.

22. Vgl. Röm 12,4-6; 1 Kor 12,12-27 u.a.

23. Vgl. Dt 32,11 u.a.

24. Vgl. Jes 66,13; 2 Sam 7,14 u.a.

25. Vgl. Mt 5,45; Röm 8,14-16; 1 Jo 2,14 u.a.

26. Vgl. Mt 5,45; 6,25-34.

27. J.W.v.Goethe, Gedicht »Die Grenzen der Menschheit«.

28. Vgl. Mt 6,9.

29. Himmelwärts, 24-26. Die Hervorhebungen stammen aus dieser Studie.

30. Theresia von Lisieux (1874-1897), 1925 heiliggesprochen.

31. Vgl. M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit, Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937, 232 (Auflage 1964: 180).

32. Himmelwärts, 19. Die Hervorhebungen stammen aus dieser Studie.

33. A.a.O., 19 f.

34. A.a.O., 20.

35. Ebd.

36. A.a.O., 20 f.

37. Vgl. Werktagsheiligkeit, 240 (Auflage 1964: 186).

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit, Vallendar-Schönstatt 1972, 278 S. – www.patris-verlag.de

 

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