MyPK 05 Geheimnisvolle Zweieinheit von Gott und Mensch

MyPK 05 Geheimnisvolle Zweieinheit von Gott und Mensch

Aus: Turowski-Brief (1952/53), 27-28

  • J. Kentenich scheut sich nicht, den von den Kirchenvätern geprägten Ausdruck „Vergöttlichung (nicht Vergottung) des Menschen“ aufzugreifen, um auszudrücken, daß der Mensch durch die Gnade „Anteil an der göttlichen Natur“ hat (2 Petr 1,4). Sein großes Anliegen ist, den Menschen möglichst in die Nähe Gottes zu rücken gegenüber einer Tendenz, die ihn möglichst weit weg von ihm sieht. Letzteres aus philosophisch-theologischen Gründen, weil Gott „der ganz Andere“ ist. Ebenso aber auch aus ethisch-aszetischen Gründen, weil der Mensch durch die Sünde verdorben ist.
    Somit sind wir auch hier wieder bei dem Thema der psychologischen Versöhnung Gottes mit dem Menschen. Im Maß der Mensch Gott findet, kann er selbst groß sein und größer werden, selbst Wert und Würde haben und bekommen. Wie der Mensch, so sein Gott, heißt es. Der Satz gilt auch umgekehrt: Wie sein Gott, so der Mensch. (H. King)

Es fällt nicht schwer, alle angedeuteten Gefahrenzonen oder Ansatzpunkte für Aftermystik auf zwei Quellen zurückzuführen: auf falsche Sicht des Grundverhältnisses zwischen Natur- und Gnadenordnung und zwischen Erst- und Zweitursache. Nach beiden Richtungen ist eine Vermischung denkbar, die eine ganzheitliche oder teilweise Auswischung, eine Vernichtung oder Kürzung des Gegenpoles in sich schließt. Das gilt zunächst vom Verhältnis zwischen Natur und Gnade. Nach Gottes Absicht kennt es vier Eigenschaften: es ist ursprünglich und pflichtmäßig, es ist überaus fruchtbar für beide Teile und stellt eine geschlossene Zweieinheit dar, die zwar eine transformatio, aber keine transsubstantiatio (1) der Natur im strengen Sinne des Wortes kennt. Schon die alten Väter haben sich in ihrer Art mit diesem bedeutsamen Problem beschäftigt. Sie heben hervor, daß Gott Adam bei seiner Erschaffung mit der heiligmachenden Gnade ausgestattet hat. Sie nennen deshalb die Gnadenausstattung für die menschliche Natur – rein historisch genommen – ursprünglich, d.h. sie war mit der Natur in ihrem Ursprung verknüpft. Damit wollten sie nicht behaupten, die Gnade sei der menschlichen Natur von Haus aus geschuldet oder -wie die Theologen sich ausdrücken – ein debitum naturae (2). Wohl schlossen sie aus dieser historischen Tatsache auf eine göttliche Bestimmung, kraft derer die menschliche Natur verpflichtet ist, die Gnade anzunehmen. Es ist also nicht in das freie Belieben des Menschen gestellt, den „Himmel den Engeln und den Spatzen zu überlassen“ und sich mit einem rein natürlichen Lebensziel und rein natürlicher Lebensauffassung zufrieden zu geben. Mehr noch. Der Mensch ohne Gnade ist nach der Idee und Planung Gottes kein „Vollmensch“. Darum der Kerngedanke der Apologetik von Weiss: Erst Mensch, dann Christ, dann ganzer Mensch.

Die dadurch angedeutete gegenseitige Wirksamkeit von Natur und Gnade aufeinander wird durch das alte Axiom genauer bestimmt: gratia praesupponit, gratia non destruit sed perficit et elevat naturam (3), d.h. die Natur ist der Träger und Wirkungskreis der Gnade, sie bestimmt die Richtung und Aufgabe ihrer Wirksamkeit mit; die Gnade zerstört die Natur nicht, im Gegenteil, sie erhöht und vervollkommnet sie.

Die Naturerhöhung will als Vergöttlichung, als eine geheimnisvolle Zweieinheit, nicht aber als Vergottung, als eine Vermischung von beiden oder als Vernichtung der Natur aufgefaßt werden, weil die Gnade als eine neue, ungeschuldet geschenkte Eigenschaft der Natur anzusehen ist. Die Theologen nennen sie eine qualitas animae substantiae inhaerens (4).

Die Krankheit der heutigen Zeit besteht in ganzheitlicher oder teilweiser Trennung von Religion und Leben, von Natur und Übernatur. Leo XIII. spricht deshalb vom Naturalismus. Pius XI. meint dasselbe, wenn er von der Pest des Laizismus redet, d.h. von einer verheerend wütenden ansteckenden Krankheit, die darin besteht, daß sie alle Lebensgebilde vom dreifaltigen Offenbarungsgott gewaltsam trennt. Leo sagt: „Der Hauptirrtum unserer Zeit, der Irrtum, der alle einschließt, das ist jener kalte Naturalismus, der sich in jede Äußerung des öffentlichen Lebens eingeschlichen hat und in jede Art des Privatlebens eingedrungen ist, jener Naturalismus, der die menschliche Vernunft an die Stelle der göttlichen Autorität setzt, die Natur an die Stelle der Gnade, um Jesus Christus allwärts zu verbannen und die Früchte seiner Erlösung zu vereiteln.“ (…)

Ein ähnliches Schicksal wie dem Verhältnis zwischen Natur und Gnade ist den Beziehungen zwischen Erst- und Zweitursache beschieden (5). Hier wie dort braucht man im allgemeinen nicht zu fürchten um zu starke Betonung der Erstursache: Gott. Auf den undurchdringlichen Geheimnischarakter des angedeuteten Problems gehen wir hier nicht ein. Ignatius hat es praktisch durch das klassische Wort gelöst: Arbeiten, als müßte man alles allein vollbringen, vertrauen, als mache Gott alles allein. Wir pflegen in unserer Art zu sagen: Nichts ohne uns, nichts ohne Dich, o Gott. So suchen wir beiden Faktoren: Gottes Tätigkeit und der menschlichen Mitwirkung Rechnung zu tragen.

  1. Umformung, aber keine Transsubstantiation, wie in der Eucharistiefeier bei der Verwandlung des Brotes.
  2. Etwas der Natur Geschuldetes.
  3. Die Gnade setzt die Natur voraus, sie zerstört sie nicht, sondern sie vervollkommnet und erhöht sie.
  4. Eine in der Substanz der Seele haftende Qualität. So die alte Gnadenlehre.
  5. Mit der Thematik von „Erst- und Zweitursache“ ist der Zusammenhang zwischen Schöpfung und Gott angesprochen, wie er dem Menschen „objektiv“ entgegenkommt. „Natur und Gnade“ hat mehr den Zusammenhang von Göttlichem und Menschlichem (Geist, Seele, Leib) im Blick, wie er sich im Menschen darstellt.
  6. Ersteres ist zwar zunächst philosophisch formuliert. Doch kennt J. Kentenich auch „übernatürliche“ Zweitursachen (Sakramente, Jesus Christus, Maria). Bei der Natur-Gnade-Thematik ist zunächst ein spezifisch gnadentheologischer Gesichtspunkt wirksam. Doch einschlußweise ist die relative Autonomie des „natürlich“ Göttlichen im Menschen mitgemeint. Da ist noch Unterscheidungsarbeit zu leisten, die in der Tradition nicht geleistet wurde. Zum Erst-Zweitursachen-Thema siehe SCHWERPUNKT 4 (Organismuslehre).

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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