MyPK 09 Was ist Mystik? II

MyPK 09 Was ist Mystik? II

Aus: Patres-Exerzitien 1966 – In: An seine Pars Motrix, Band 5,165-179

Erster Teil

Ich muß erst noch einen Gedanken anderer Art beifügen. Es ist für uns alle ein ungemein großes Rätsel, ein Meisterstück der Erziehung, der übernatürlichen Erziehung, zumal der vorsehungsmäßigen Erziehung: die Ungeheuerlichkeiten des heutigen Lebens, die Unbegreiflichkeiten der göttlichen Führung im rechten Lichte zu sehen. Sicherlich, wir mögen sagen: der liebe Gott, der hat uns erschaffen, unsere Natur individuell geformt; der liebe Gott weiß viel besser als wir selber, wie die Antwort aussieht auf unsere spezifischen Grundanlagen. Deswegen mag es uns verhältnismäßig nicht gar zu schwer werden, wenn wir so denken: in den einzelnen Enttäuschungen unseres Lebens vorsehungsgläubig zu sagen: der Vater sitzt am Steuer.

Mag sein. Wir werden aber noch viel dichter, tiefer hineinwachsen können und dürfen und müssen in die geheimnisvollen Pläne des ewigen Vatergottes, wenn wir ein Letztes sagen. Und wie lautet das Letzte? Ich meine, so dürften wir wenigstens behaupten: daß der liebe Gott auch für jeden einzelnen von uns einen bestimmten Grad der visio beata vorgesehen hat. Weshalb ich das sage? Wissen Sie, das ist schon schwer zu verstehen und ist auch schwer zu vollziehen, der entgegengesetzte Gedankengang: Es gibt ja soviel Unerklärliches, Unbegreifliches! Aber immerhin, das löst mir manche Frage, wenn ich sagen darf: Gott ist Vater, er hat mich so erschaffen, und er weiß besser die tiefere Sinnerfüllung meiner [173] Natur. Und das ist seine Art, aus Vaterliebe weiß er zur rechten Zeit das Messer zu nehmen oder jenen Hammer herauszuholen. Das mag einigermaßen beruhigen, so daß ich verstehe: Es ist mir nicht erklärlich, wie der liebe Gott das möchte; ich habe ja auch immer versucht, seinen Wunsch und Willen zu erfassen. Aber jetzt, da stehe ich platt da, ich weiß nicht, wie und was, nach welcher Richtung das gehen soll. Wissen Sie, das Geheimnis wird an sich noch tiefer, aber vielleicht deswegen auch verständlicher, wenn ich mir vor Augen halte: der Herrgott hat nicht nur ein Ziel für mich bestimmt hier auf Erden und ein Ziel, das aus Weisheit die Sinnerfüllung meiner Natur, die er ja erschaffen, enthält; nein, darüber hinaus auch ein originelles Ziel in der visio beata. Und davon habe ich ja überhaupt keine Ahnung. Was will er nach der Richtung?

Solche und ähnliche Gedanken sollten wir ja wohl des öfteren denken, um noch besser zu verstehen, wie unbegreiflich die Führungsweise und weisheit Gottes ist, ob es sich handelt um die ganze Weltgeschichte, um die Kirchengeschichte, Lebensgeschichte, Familiengeschichte. Unbegreiflich bleibt das immer, bleibt das ewig, es sei denn, daß das Licht des Glaubens uns in vielen, vielen Dingen Antworten gibt, die wir an sich sonsten nie gefunden.

Wir halten es darum es sei das wiederholt für selbstverständlich, daß das Wort des Heilands an Petrus für uns alle gilt: „Es kommt die Zeit“ und die ist eigentlich für uns alle schon länger gekommen, und für die Schweizer ist sie jetzt da „da ist jemand anders, der dich gürtet.“ Ja, wir werden gegürtet. Womit gegürtet? Ausgegassen wird dann über unsere Natur und über unsere Provinz das Füllhorn der Verachtung, das Füllhorn der Enttäuschung, Enttäuschungen, die die ganze Öftentlichkeit an uns selber hat. Die Zeit kommt. Die wird auch für uns alle noch des öftern kommen.

[174] Es ist nun von ungemein großer Bedeutung, das konkret anzuwenden, was ich vorher genannt habe mit Sakramentalität des Augenblickes. Wenn das uns glückt, soweit uns das einigermaßen möglich ist, schier in jeder Sekunde ja zu sagen zu den Fügungen Gottes, und wenn wir dann festhalten an der Weisheit, mit der der liebe Gott uns und die Welt führt, dann fällt es uns gar nicht schwer, zu kalkulieren, daß der liebe Gott nie mehr von uns verlangt, als wir tragen können. Aber wir dürfen nicht übersehen: wir können recht häufig viel größere Lasten tragen, als wir vermeinen. (Sie) müssen nur einmal an Hand der Kriegsgeschichte auf sich wirken lassen, was die menschliche Natur einen Grad in sich trägt an Tragfähigkeit. Was hat die Natur nicht alles ausgehalten!

Was ich aber hier hervorheben möchte, das ist der Gedanke: Wenn das für mich zur Lebensauffassung geworden ist, das Ja in jeder Sekunde zu den Wünschen des lieben Gottes (zu sagen), wie er sie mir (gegenüber) äußert durch die Geschehnisse des Lebens, dann bin ich immer vorbereitet, auch ein Ja zu sagen zu den kommenden Ereignissen. Sage ich aber inzwischen soundso oft nein und und so darf ich mir ja wohl in etwa den Plan Gottes vorstellen und der liebe Gott verlangt wieder einmal etwas von mir, etwas Hartes, bin ich ja nicht genügend vorbereitet, darf also auch nicht erwarten die Gnade, die mir an sich zuteil würde, wenn ich zu jedem einzelnen Ereignisse grundsätzlich und praktisch immer das entsprechende Ja auf den Lippen und im Herzen getragen hätte.

Was alles das besagen soll? Die Unbegreiflichkeiten unseres Lebens, die machen uns aufmerksam darauf, weshalb der liebe Gott derartige Unbegreiflichkeiten uns schicken muß. Er hat das ja in seinem Plane, uns die einzelnen konkreten Ziele zu verschleiern. Er will das selber tun, er will mich selber erziehen und tut es in glänzender Weise. Wir dürfen auch nicht meinen, also [175] auch wir, die wir nunmehr vermeinen, hier in Deutschland durch die Sackgasse hindurchgekommen zu sein, wir dürfen nicht meinen, daß der liebe Gott uns vergißt. Wir müssen genauso wie alle andern damit rechnen: morgen, übermorgen wird das Operationsmesser wieder neu in die Hand genommen. Das ist einfach eine Art unseres Lebens, der wir nicht entraten können. Wir müssen uns darauf einstellen.

Verstehen Sie nun, was die Gnade der Beschauung bedeutet? Die Gnade der Beschauung weiß soll ich jetzt sagen: in außergewöhnlicher Weise?, je nachdem Sie den Ausdruck verstehen in eigenartiger Weise aus uns herauszuschneiden alles, alles, was irgendwie an Ichbetontheit, Ichbesessenheit in uns steckt. Das hat der liebe Gott auch beabsichtigt, wenn er uns zum Fiat-Menschen machen will. Dann soll eben alles zusammenbrechen. Dann können wir nicht mehr selber das Messer in die Hand nehmen, nicht den Speer in die Hand nehmen, um ihn zu richten gegen uns selber, (das) tut der liebe Gott aus Gnade und Barmherzigkeit selber.

Es ist sogar Brauch, so scheint es wenigstens, Brauch in der Praxis des lebendigen Gottes, in bestimmten Zeiten uns innerlich so durcheinanderzubringen, aufzuwühlen, ja in einer Weise, daß wir uns sagen müssen: auf bestimmten Gebieten bekommen wir Schwierigkeiten, wie wir sie früher nie gehabt. Es kommt gar nicht selten vor (das) muß nicht immer der Fall sein; es gibt ja Menschen, die von diesen Dingen das ganze Leben gelöst, befreit worden und geblieben sind , aber recht häufig kommt es vor, nicht nur daß der liebe Gott uns in die Schule der grenzenlosesten, häßlichsten Verleumdung hineintreibt, daß wir jedes Ansehen verlieren, auch bei all denen, die vor(her) uns angebetet haben (das) ist alles eine selbstverständliche Praxis , was aber viel schwieriger ist, das muß so gedeutet werden: eine Aufwühlung der niedersten Neigungen und Leidenschaften.

[176] Ob es sich um den Sexualtrieb handelt, (da) müssen wir alle (da)mit rechnen, daß einmal eine Zeit kommt freilich muß das nicht sein, aber wenn es so kommt, dürfen wir uns nicht darüber wundern , daß in unserer Phantasie und in unserem Herzen und Triebleben Kräfte wach werden, die immer geschlummert, in diesem Ausmaße (aber) niemals als Erlebnis Wirklichkeit geworden.

Ähnliches gilt ja wohl auch, wo es sich um Glaubensgeist handelt. Auch nach der Richtung (ein) Aufreißen von Schwierigkeiten. Fast möchten wir schier sagen: das muß wohl heute ein besonderes Geschenk sein, wenn wir vorerleben oder nacherleben dürfen die große Not ungezählt vieler Menschen. Wenn wir das selber aufwühlend erlebt haben, verstehen wir ja viel besser, was der liebe Gott mit all dem will, was er der heutigen Menschheit auflädt.

Verstehen Sie also bitte, was das verzehrende Licht will. Also auf der einen Seite (ist) das Licht der Beschauung, das eingegossene Licht, ein verzehrendes Licht. Keine Ruhe, bis wir gelöst werden von uns selber. Und gelöst von uns selber, damit wir ein volikommen williges Werkzeug werden in der Hand des lebendigen Gottes.

Auf der anderen Seite aber ein derartiges Innewerden einer Seligkeit! (Das) kann natürlich eine doppelte Form annehmen: eine ständig geruhsame Seligkeit, eine tiefe beruhigende und ruhige Gelassenheit, oder auf der andern Seite eine namenlose Seligkeit.

Was ich nun im einzelnen dadurch, durch all das, was ich da berühre, sagen möchte: ich meine, ich darf Sie nunmehr daran erinnern, daß unser ganzes aszetisches Ringen und Streben von Anfang an bis heute spekuliert hat auf die Beschauungsgnade, aber immer unter dem Gesichtspunkte der negativen Disposition.

[177] Wenn wir alle noch einmal zurückschauen in die ganze Führung der Familiengeschichte, meinetwegen, wie wir das ja wohl in den letzten Jahren des öfteren getan, stehenbleiben vor den Meilensteinen, vor denen wir ja so gerne stehengeblieben sind, dann werden Sie finden: Jeder Meilenstein beweist, zeigt, in welchem Ausmaße wir hier gestrebt haben nach totaler Hingabe und nach totaler Lösung. Dieses ernste Ringen und Streben! Ich meine sogar sagen zu dürfen oder wenigstens vermuten zu dürfen, daß es wohl wenige religiöse Gemeinschaften gibt, die mit dieser unerbittlichen Konsequenz immer zur Höhe gestrebt, und zwar nach der doppelten Richtung: Lösung von uns selber und Ganzhingabe an die ewige, an die unendliche Liebe.

Was hier als Grundtendenz, wenigstens in meinem Geiste, lebendig war, das ist folgender Gedanke: Wir müssen einmal überlegen, was die Gnade der Beschauung, also die Beschauungsgnade, alles wirkt in der menschlichen Seele. Und wenn wir das in etwa wissen, dann mag es uns klar werden, was wir zu tun haben. Wir versuchen, durch normales Ringen und Streben normal: dazu gehört auch das heroische Ringen und Streben , wir bemühen uns, die Wirkung, die die Beschauungsgnade in uns vollzieht, bis zu einem gewissen Grade durch eigenes Ringen und Streben zu erreichen; den Zustand also mich dünkt sogar, daß man mit Recht sagen darf: das ist zutiefst auch der Sinn der Ignatianischen Exerzitien. Was will das heißen? Ignatius war ja überaus reich begabt und begnadigt nach der Richtung, (er besaß die) Gnade der Beschauung offenbar in einem überreichen Maße, sonst hätte er nicht leisten können, was er geleistet, sonst hätte er nicht so sicher greifen können. Aber mich dünkt, wenigstens so in etwa nachweisen zu können, daß er in seiner Art dieselbe Praxis befolgt: Was die Beschauungsgnade wirkt, wollte er erreichen durch die Exerzitien auf dem gewöhnlichen Wege der Einübung.

[178] Das ist nun die große Frage. Wir sind ja ausgegangen von dem Drängen nach Erlebnissen, nach der scientia, cognitio dei experimentalis. Wollen wir also auffangen, was die heutige Zeit will, wollen wir dem Teufel den Wind aus den Segeln nehmen, was müssen wir dann tun? Nicht so sehr ständig diskutieren, ständig unsern Intellekt neu anfüllen mit neuen Ideen ich sage: nicht so sehr , um was müssen wir ringen? Ja, schlicht dürfte ich jetzt sagen: um die Gnade der Beschauung. Genauer gesagt: ringen um die negative Disposition.

Und wenn Sie nun einmal das könnten, mit mir überschauen, was der liebe Gott in den Seelen unserer Familiengeschichte oder glieder, was er nicht alles gewirkt hat, müßten Sie schon sagen: das ist eine Wunderwelt! Nicht will das heißen: da gibt es nicht Plackereien. Nicht will das heißen: dort gebe es keine Schwächen. Das wäre schade, würde total, total widerstreben der Praxis Gottes! Wir haben ja, das war am Schlusse der Oktoberwoche, uns von Paulus eines seiner Lieblingsworte gesagt oder sagen lassen. Antwort auf die Frage: Weshalb hat der liebe Gott die gegenwärtige Weltordnung gewählt, in der es soviel Armseligkeit, Sündhaftigkeit, Krankheit gibt? Die klare Antwort: „damit er sich unser um so mehr erbarmen könne“ (Röm 11,32). (Das) müssen wir sehr ernst nehmen. Wir sind jetzt ja keine Novizen mehr, sind reife Männer geworden, kennen das Leben, wissen um unsere eigenen Armseligkeiten und Nöten, um unsere Grenzen. Das alles. Aber weshalb das alles? Sehen Sie, das nützt jetzt nicht viel, noch einmal neu die Zähne aufeinanderzubeißen, auf den Boden zu stampfen und (zu) sagen: biegen oder brechen! Nein, nein. Nicht brechen, sondern sich biegen! Was heißt das: sich biegen, (sich) beugen? Wem (sich) beugen? Der Barmherzigkeit Gottes sich stellen!

Diese Dinge, Dinge dieser Art, in dieser Höhenlage, in dieser Schlichtheit, in dieser Einfalt, müßten letzten En [179] des die Grundeinstellung unserer Gemeinschaftsseele werden. Sie mögen ahnen, wie ehrfürchtig wir dann voreinander ständen; auch dann, wenn wir unser Leben als eine communio peccatorum (sehen). Das können wir gar nicht, nur eine communio sanctorum sein. Wenn wir nur communio sanctorum wären, wär das ja Beweis, daß es keine richtige Heiligkeit ist. Wir müssen immer beides sein, und beides will ineinandergreifen, beides bedingt einander, fordert und fördert einander: Communio peecatorum und communio sanctorum. Und wir werden um so mehr communio sanctorum werden, je mehr wir als communio peccatorum uns erleben.

Weshalb ich das alles sage? Sie verstehen den Zusammenhang. Wir müssen den Atem der Zeit auffangen und daraus lesen die Absichten Gottes, die Wünsche Gottes. Was heißt das also alles? Ich darf jetzt wiederholen: uns bemühen, die negative Voreingestelltheit zu schaffen, jeder für sich und alle miteinander, für dies(es) eingegossene Beschauungslicht. Und wenn uns das gegeben wird ob in dem oder jenem Grade , ich meine, dann dürften wir erst sagen: dann sind wir erst tragfähig für die Aufgabe, die wir zu lösen haben.

Und noch einmal: Rückschauend auf vergangene Erlebnisse müßten wir alle ehrlich gestehen: der liebe Gott hat uns so geschunden, so erzogen, daß wir entweder ja gesagt haben zu der negativen Disposition oder ihm laufen gegangen sind. Letzteres ist nicht der Fall, also dürfen wir annehmen, daß Ersteres zu bejahen ist.

(Das ist) eine Antwort auf die Frage, was wir als Gottes Wunsch aus dem Zeitenatem für uns herausdeduzieren dürfen.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

 

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