CmL1996 II 1 Christus sein – Christus werden

CmL1996 II 1 Christus sein – Christus werden

J. Kentenich, aus: Vortrag für Schönstätter Marienschwestern, 6.4.1946

Wie heißt das große Lebensziel, das Erziehungsziel für Selbst- und Fremderziehung? Christus! Christus, so wie er in der Gottesmutter lebt. Wie heißt die Lebenskraft, die uns helfen will, „alter Christus“ (ein anderer Christus) zu werden, Christus darzustellen, nicht nur Christus zu gestalten, sondern auch christusinnig zu sein? Christus, wie er in der Gottesmutter lebt! Und wie heißt der Lebensstil, den wir künftig erstreben wollen? Dieselbe Antwort: Das ist Christus! Christus, das Ziel; Christus, die Kraftquelle; Christus, der äußere und innere Lebensstil, aber immer unter dem einen großen Gesichtspunkt, so wie Christus in seiner gebenedeiten Mutter, so wie Christus in seiner Braut und Gehilfin gelebt hat. Eine überaus schöne, eine große, eine fruchtbare Welt, eine Welt, die uns anzieht, die uns aber auch helfen will und soll, das große Jahresprogramm, das Lebensprogramm zu verwirklichen.

1. Christus das große Lebensziel.

(…) Ich will die Gestalt Christi annehmen. Wissen Sie, was das überhaupt bedeutet, Christus für die Erziehung der Welt, für unser deutsches Volk und Vaterland, was Christus auch bedeutet für unser kleines Volk, das Völkchen unserer Familie? Das einzige große Erziehungsziel, dem wir alle zustreben müssen! Und wenn wir so stark sagen und immer wiederholen, die Gottesmutter, die kleine Maria, dann wissen wir, das ist immer die christusgestaltete kleine Maria, das ist immer Christus, wie er im Spiegelbild seiner Mutter und Braut widerstrahlt, wie er uns in der Gottesmutter entgegen leuchtet. Das vergessen wir niemals, für uns ist die Gottesmutter immer die Braut und Gehilfin Christi.Wer für sich selber, ganz gleich ob er in der Erziehung in umfassender oder in weniger umfassender Weise tätig ist, einmal überlegt, was das heißt: Christus, das Ziel unserer Erziehung, bleibt unwillkürlich stehen bei dem Wort des Credo: Et verbum caro factum est. Und das Wort ist Fleisch geworden. Wissen Sie, was das bedeutet? Die zweite Person in der Gottheit hat eine individuelle menschliche Natur angenommen, die die Gebenedeite unter den Weibern bräutlich-mütterlich ihm angeboten. Dieser Natur hat sich das Verbum Divinum angeeint. Gott ist Fleisch, ist Mensch geworden. Die Heilige Schrift hebt wohl mit Absicht so ganz deutlich hervor – nicht etwa: Et verbum homo factum est (Und das Wort ist Mensch geworden), sondern: Et verbum caro factum est. Das Wort ist Fleisch geworden. Also der Mensch, wie er in seiner fleischlichen Gestalt nun vor uns steht, feiert in der individuellen Natur, die der Gottmensch angenommen hat, Hochzeit mit dem ewigen Wort.

Wissen Sie, was das alles bedeutet? Wir gehen ja immer aus von dem großen Gedanken: Die geschaffenen Dinge sind nicht nur inkarnierte Gottesgedanken, sondern auch Gotteswünsche. Was ist hier als geschaffenes Ding anzusprechen? Die menschliche Natur des fleischgewordenen Gotteswortes. Und der inkarnierte Gottesgedanke? Durch das fleischgewordene Gotteswort ist die menschliche Natur erhöht worden. Die vergöttlichte menschliche Natur Christi ist die causa exemplaris (Exemplar-Ursache) für unser gottgewolltes Menschsein, für das Menschenbild, das der liebe Gott durch uns verkörpern will. Hören Sie: Lasset uns den Menschen machen nach seinem Bild und Gleichnis (vgl. Gen 1,26). Das Wort Bild und Gleichnis bekommt nun eine überaus greifbare, sinnenhafte Form. Wie sieht das Gleichnis Gottes aus? Et verbum caro factum est! Das fleischgewordene Gotteswort ist das Bild Gottes. Es ist das gleichgestaltete Bild des ewigen Gottes; es ist das Bild, das wir verkörpern sollen. Nicht wahr, und deswegen haben wir nur ein einziges Ziel für unsere Erziehung. Gewiß, wir könnten auch in Anpassung an die heutigen Verhältnisse sagen: Das Erziehungsziel ist der vollkommene Mensch. Aber das ist noch nicht richtig gesehen. Der vollkommene Christus in uns, das ist das Ziel. Deswegen haben wir in alleweg ein übernatürliches Ziel. Wir erstreben nicht nur schlechthin eine allseitige Naturvollendung, sondern erst eine Naturerhöhung. Christus werden, Christus sein, als Christus durch die Welt gehen! Freilich, wir wollen als Abbilder Christi, aber doch in geheimnisvoller Weise als Christus durch die Welt gehen. Das ist das große Ziel. (…)Wie viele Gedanken fluten uns zu! Wir schauen nach, was der Heiland uns zu sagen weiß von diesem Christuswerden. Da steht vor unserer Seele das wunderschöne Gleichnis: Er der Weinstock, wir die Rebzweige (vgl. Joh 15,1-17). Wir müssen eine geheimnisvolle Zweieinheit darstellen mit Christus. So wie der Rebzweig mit dem Weinstock eine Zweieinheit darstellt, so tiefgreifend müssen wir in geheimnisvoller Zweieinheit mit Christus durch das Leben gehen, daß das Wort des Apostels wahr wird: Haupt und Glieder (vgl. 1 Kor 10,14-17; 12,12-31; Röm 12,4-5). Wie Haupt und Glieder eine Einheit darstellen, so sind wir eine Zweieinheit mit Christus, so daß wir sagen dürfen, Ziel unserer Erziehung ist: Christus werden. In Christus sind wir erst im vollen Sinne des Wortes wahrhaft Kinder des Vaters. Denn erst in Christus bekommt unser Kindsein die tiefere Verwurzelung, die Unterlage für den ungemein tiefen Kindesgeist und die Kindesgesinnung, wie wir sie beim Gottmenschen beobachten.Wie sieht das heutige Menschenbild aus? Wenn Sie die heutigen Menschenbilder auf sich wirken lassen – sie mögen noch so edel sein -, so merken Sie, keines dieser Menschenbilder kennt diesen Adel, diese Würde: Christus sein, Christus werden!

2. Christus die große Lebenskraft.

Christus ist aber nicht bloß das große Lebensziel, Christus ist auch die große Lebenskraft.Wir spüren, welch ein gewaltiges Wunder in uns vorgehen muß, bis der alte Adam mehr und mehr stirbt, bis wir wirklich Christus sind. Oder, wie wir so häufig gesagt haben: Was haben wir für eine Arbeit, bis die Eva in uns ausgezogen und die Ave in uns angezogen ist! Was ist das für eine Ave? Immer die christusgestaltete, die christusgestaltende kleine Maria. Und wo ist die Kraftquelle? Hat Christus uns nicht gesagt: „Das Saatkorn muß erst in die Erde gesenkt werden, sonst wird es alleine stehen“ (Joh 12,24)? Wer ist dieses Saatkorn? Das ist Christus. Er meint sich damit: Ich muß in die Erde gesenkt werden, ich muß sterben. Wenn das Saatkorn aber stirbt, bringt es viele Frucht. Wo sind die Früchte dieses gottmenschlichen Sterbens? Das sind wir. Das sind die anderen Christusse, das sind die „Christusfiguren“. Was ist die Wurzel, die Quelle unseres Christuswerdens, unseres Christusseins? Das ist Christus selber, Christus, der gekreuzigte, allerdings auch Christus, der verklärte. Deswegen auf der ganzen Linie: Wer Christus werden will, muß Christus immer in den Mittelpunkt seines Lebens und Liebens stellen.

Und wo tritt uns dieser gekreuzigte und verklärte Christus entgegen, der die Wurzel ist, aus dem der Baum herauswächst? Vor allem in der Liturgie, und bei der Liturgie im Höhepunkt, in der heiligen Eucharistie. Deswegen müssen wir nicht bloß Christuskinder, sondern müssen vor allem Eucharistiekinder werden, leidenschaftliche Liebhaber der heiligen Eucharistie. Hier ist die Wurzel. Je tragfähiger die Wurzel, je mehr wir die Verbindung mit Christus suchen, wie er uns in der Liturgie lebendig entgegentritt, desto mehr können und dürfen wir hoffen, daß Christus wirklich Gestalt und Leben in uns annimmt.

Was tun wir, um unser Leben eucharistisch zu gestalten? Wie häufig finde ich mich vor dem Tabernakel ein? Ist der Tabernakel mein Lieblingsplätzchen? Wenn Sie an die großen Erzieher sich erinnern, zum Beispiel Don Bosco, wie ist es dem geglückt, Menschen zu wandeln in einer Zeit, die den eucharistischen Zug nicht mehr kannte? Wie häufig sollten wir vor dem Tabernakel knien? Es steht in der Werktagsheiligkeit das schöne Wort: Nicht viel Spektakel vor der Öffentlichkeit, sondern still besinnlich knien vor dem Tabernakel! Vor dem Tabernakel soll unser Leben verfließen. (…) Christus ist die Wurzel, aus der der Baum herauswächst. Christus soll mehr und mehr der Mittelpunkt meines Lebens sein, damit ich Christus werde. (…)

3. Christus der große Lebensstil.

(…) Welch eine große herrliche Welt: Christus ist mein Lebensstil! Wir sehen diesen Lebensstil aber so, wie Christus ihn von uns will.

Was verlangt Christus von seinen Abbildern, seinen Nachbildern, seinen Spiegelbildern? Ich könnte mit einem Worte sagen: Idealpädagogik! Was ist Idealpädagogik? Das ist vor allem Gesinnungspädagogik, nicht Übungspädagogik. Das ist ganzheitliche Einstellung, nicht stückhafte Einstellung. Da haben Sie die Disposition für alles Große, was der Heiland verlangt von all den großen und kleinen „Christusfiguren“. Also vor allem Gesinnungspädagogik! Sie müssen einmal nachschauen, wie der Heiland nicht müde wird, immer wieder hinzuweisen auf das neue innere Sein, auf das Innerste, was wir erleben können, auf die Vermählung mit Christus, auf die Vermählung der Natur mit Gott. Deswegen ist es selbstverständlich, der Heiland verlangt von uns Gesinnung, nicht zunächst äußere Übung, äußeres Tun. Das ist unser Lebensstil. Es ist ein innerer Lebensstil, eine seelische Umpflügung, nicht zunächst äußeres Tun.

Ich weiß nicht, ob Sie Gelegenheit haben, einmal die Bergpredigt (Mt 5) aufzuschlagen. Da haben Sie die schroffe Gegenüberstellung: Das israelitische Volk ist immer eingestellt auf das Tun, und der Heiland ist immer eingestellt auf das Innere, auf die Gesinnung. Er hebt hervor: Ihr verbietet Ehebruch, und ich verlange, daß ihr nicht einmal denkt an eine Frau. Der Heiland will Gesinnung. Was verlangt der Herr? Einen inneren Lebensstil, eine Wandlung der Gesinnung. Und wenn Sie dann abschließend das ganze Kapitel auf sich wirken lassen, werden Sie als Zweck und Ziel dieser Gesinnungswandlung die Worte finden: „ damit ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist“ (Mt 5,45).

Wir sollen nicht bloß seinsgemäß, sondern auch gesinnungsgemäß Christus anziehen. So sollt ihr empfinden, so sollt ihr innerlich tun und denken und fühlen, wie Christus gedacht und gefühlt hat (vgl. Phil 2,5). Aus dem Herzen geht alles hervor. Wir kennen ja den Protest des Heilandes gegen das Pharisäertum. Das Äußere bedeutet zunächst nicht viel, aus dem Herzen gehen Mord und Totschlag und Ehebruch hervor (vgl. Mk 7,21ff.); deswegen: Gesinnungspädagogik! Der Heiland weist nicht zunächst auf Übungen hin, er will vor allem eine Wandlung der Gesinnung. Freilich weiß er, daß das seinsgemäße Einssein mit ihm auch ein tatgemäßes sein muß. Wo die Gesinnung gepflegt wird, da wird nicht gelogen, da werden alle Gebote Gottes treu erfüllt. Das ist der Lebensstil: Christus sein, auf der ganzen Linie sich die Gesinnung Christi wieder und wieder aneignen. Hoc sentite, quod est in Christo Jesu! (Seid so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht!)

Noch einmal: Gesinnungspädagogik und Idealpädagogik. Der innere Lebensstil bringt von selber mit der Zeit, zumal wo er erleuchtet getätigt wird, den äußeren Lebensstil, den Christus-Lebensstil hervor. Achten Sie darauf, wo der Heiland von äußeren Taten spricht, da bricht er immer die Lanze für einen gewissen Minimalismus. Er drängt nicht zu sehr auf äußere Taten, wohl verlangt er sie als Ausdruck der inneren Gesinnung. Aber immer wieder: Das Herz muß gewandelt werden, so ähnlich, wie wir das bei der heiligen Eucharistie sehen, die transsubstantiatio wird zur transmutatio. Innerlich gewandelt müssen wir werden! (…)

Wo es sich um die innere Gesinnung handelt, da ist nicht ein Minimum, sondern das Maximum verlangt. Der Heiland verlangt eine radikale innere Einstellung bis zum Äußersten. Sie müssen prüfen, wie der Heiland mit den Juden disputiert über das Fasten. Der Herr will keinen neuen Wein in alte Schläuche gießen (vgl. Mk 2,22). Er will etwas Neues haben, einen neuen Menschen. Und er soll so vollkommen sein wie der Vater (vgl. Mt 5,48). Wie groß und tiefgreifend soll meine Gesinnung sein? Jetzt wird nicht gespielt. Jetzt heißt es nicht Gott weiß was an äußerem Fasten, daß die Menschen das sehen. Wie hoch ist das Ziel: vollkommen wie der Vater! Und weil wir ja in Christus Christus geworden sind, deswegen müssen wir so radikal das Letzte erstreben. Wenn Sie dann nachprüfen, wie weit der Heiland geht, mögen Sie sich wundern, wie diese innere Gesinnung eine ethische Tat verlangt. So weiß er uns bei Gelegenheit zu sagen, wir müssen den Mammonsgeist überwinden (vgl. Mt 6,24), nicht nur, weil der Mammonsgeist den Christusgeist ertötet, sondern weil der Mammonsgeist nicht die inneren Sorgen überwindet. Maximalismus auch im kindlichen Vertrauen. Innerliche Gesinnung, Ganzheit verlangt er. Forderungen stellen! Nicht auf halbem Wege stehenbleiben! Das ist Ganzheitspädagogik. Das ist der innere Lebensstil. (…)

Oder denken Sie daran, welche Forderungen der Heiland (…) an die Nächstenliebe stellt. Wenn man uns auf die linke Wange schlägt, soll man auch die rechte darbieten, oder wenn man bittet, man möchte etwas ein paar Kilometer tragen, sollen wir noch ein paar Kilometer weiter mitgehen (vgl. Mt 5,39ff.). So sollt ihr einfach lieben, wie Christus geliebt hat. Wie hat er geliebt? Mit der Preisgabe seines ganzen Lebens, auch dort, wo er Undankbarkeit erntet. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, tut ihr bloß das, was die Heiden tun (vgl. Mt 5,46f.). Das will heißen, wo Christus in uns lebt, müssen wir zeigen, daß dieser Christus eine heroische (…) Nächstenliebe in uns tätigt. (…) Das ist Maximalismus in der höchsten Potenz, das heißt Christi Lebensstil in uns großziehen, Christi Lebensform. Das heißt Christus nicht bloß als Ziel und Ideal sehen, nicht bloß als Kraftquelle, sondern Christus auch Lebensstil werden lassen. (…)

Wir wollen aber auch niemals übersehen, der klassische Anschauungsunterricht für den alter Christus ist die altera Maria. Wir sehen die Gottesmutter als die Christusgestaltete und Christusgestaltende. Wir sehen Christus, wie er in seiner Mutter Gestalt und Form angenommen hat.

Erschienen in:
Joseph Kentenich
Christus mein Leben
Ausgewählte Texte zum Christus-Jahr 1997
Herausgegeben von Günther M Boll, M. Pia Buesge, Peter Wolf
Patris-Verlag Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

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