CS30 CAUSA SECUNDA Text 30

CS30 CAUSA SECUNDA Text 30

Marianische Werkzeugsfrömmigkeit 1944

Zunächst einige Gedanken zur Werkzeuglichkeit oder zum Werkzeugscharakter unserer Frömmigkeit als Lebensform. So gesehen hat Werkzeugsfrömmigkeit sechs Eigenschaften. Sie schließt in sich:

  • 1. ganzheitliche Lösung,
  • 2. ganzheitliche Bindung oder vollendet abhängige Hingabe,
  • 3. hochgradige Einsatzbereitschaft oder nimmermüder Erobererdrang,
  • 4. einen ausgesprochenen Parusie- oder Apparitiocharakter,
  • 5. befreiende Gesichertheit,
  • 6. reiche Fruchtbarkeit.

Um diese Eigenschaften recht zu verstehen, erinnere man sich daran, daß ein Werkzeug seinem Wesen nach immer jemanden voraussetzt, der es benutzt, daß es wirksam ist kraft dieser causa principalis efficiens und daß es alle seine Kräfte und Fähigkeiten konzentriert auf ein von der causa principalis bestimmtes und von der causa instrumentalis – wo diese ein mit Verstand und freiem Willen ausgestattetes Wesen ist – vollkommen angeeignetes Ziel richtet. So spricht man mit Recht von einem instrumentum conjunctum i.e. coniunctum totaliter in quantum fieri potest cum causa principali; will heißen: von einem möglichst vollkommen mit der causa principalis verbundenen Werkzeug. -(S.3-5)-

Die im Werkzeugscharakter liegende vollkommene Hingabe ist aber nicht zufrieden mit bloßer Hingabe an Wunsch und Willen Gottes, sie schließt auch in sich und verlangt seins- und gesinnungsgemäße Hingabe an Gott selber und das hochgradige Abhängigkeitsbewußtsein von seiner Gnade und Kraft. Zum Teil klangen diese Gedanken in den bisherigen Ausführungen schon mit. Sie verlangen aber nicht nur der Vollständigkeit halber, sondern auch wegen der praktischen Konsequenzen eine eigene Betonung.

Wegen unserer seinsmäßigen Verbundenheit mit Gott sprechen wir gerne von dem instrumentum mystice conjunctum cum Deo und dabei klingt alles mit, was wir uns angeeignet haben von der mit der Gotteskindschaft und Christusgliedschaft verbundenen unio mystica. Die „Werktagsheiligkeit“ hat darüber das Wesentliche zusammengefaßt, was wir in den „Vier-Wochen“ ausführlich besprochen haben. Diese seinsmäßige, geheimnisvolle Verbundenheit der causa instrumentalis mit der causa principalis verlangt notwendig und wesentlich – da ja die causa instrumentalis ein freies Wesen, ein animal rationale ist – weitest- und tiefgehende Gleichschaltung der Gesinnung. Das besagt unser großes Gesetz: Ordo essendi est ordo agendi.

Weil wir als Werkzeuge in der Hand Gottes seine freien Geschöpfe sind, fordert unser Werkzeugscharakter umfassende magdliche Gesinnung; das Gotteskind will und muß mit dem Vater ständig in Verbindung bleiben durch ausgesprochenen Kindessinn. Die Gottesbraut drängt es, mit dem göttlichen Bräutigam bräutlichen Sinnes bräutliche Verbindung zu pflegen. Das Werkzeug sucht diese Verbundenheit mit Gott überall, wo er ihm begegnet, ob im Tabernakel oder im Herzen des begnadeten Menschen oder in den Geschöpfen; überall geht es seinen Wirkungen nach, um Nahrung für die Gottvereinigung zu finden und die drei göttlichen Tugenden zu betätigen. Es hat keine Ruhe, bis es auf diese Weise Gott überall gefunden und umfangen, sowohl in den Dingen als in den Schicksalsschlägen, den Fügungen und Zulassungen und in den Menschen. Füglich verlangt Werkzeugsfrömmigkeit einen steten Liebesverkehr mit Gott und eine schwunghafte Pflege der drei göttlichen Tugenden. -(S.26f)

Weil sie (erg.: die Werkzeugsfrömmigkeit) in allem angewiesen ist auf Gottes Wunsch und Willen, muß sie viel Gewicht legen auf deren Erkenntnis. Es liegt ihr im Blute, als Quelle zu diesem Zweck ständig den Werkzeugscharakter der geschaffenen Dinge zu benutzen, mag es sich dabei handeln um das gesprochene Wort, um freiwirkende Zweitursachen, um die Seinsstruk- tur der Dinge, um Zeitenströmungen und Weltgeschehen oder um Fügungen und Zulassungen im persönlichen Leben.

1. Gott spricht zu uns durch die Heilige Schrift und durch innere Anregungen und Erleuchtungen. …

2. Gott hat den Menschen frei geschaffen und benutzt ihn aus Ehrfurcht vor dieser Freiheit gerne als Mitregenten bei der Weltregierung. So will das Wort verstanden werden: „Deus operatur per causas secundas liberas“. So darf auch das Gesetz der organischen Übertragung auf Gott und seine Praxis sinngemäß angewandt werden, d.h.: Die ewige Weisheit überträgt auf Menschen einen Teil ihrer Eigenschaften, etwa ein Stück ihrer Weisheit, Macht, Güte und Treue, um dadurch andere Menschen zu führen, zu gewinnen, an sich zu binden. Durch sie teilt Gott gemeiniglich andern seine Wünsche, seine Absichten mit. So hat er seinerzeit Paulus nach der Bekehrung behandelt. Anstatt ihm selber im einzelnen Weisungen zu geben, verwies er ihn an einen Jünger Ananias, der sagen sollte, was nun zu tun sei.

Werkzeugsfrömmigkeit, die ein geschultes Organ mitbringt für alle werkzeuglichen Erkenntnisquellen des göttlichen Willens, wartet nicht starrköpfig auf unmittelbare göttliche Willensäußerungen; sie ist und bleibt überaus hellhörig für alles, was Gott ihr durch seine Werkzeuge, durch freie Zweitursachen mitteilt. Darum orientiert sie sich gerne an Wunsch und Willen der Kirche und der Vorgesetzten, an Satzungen und Brauch. Gott ist es ja, der durch diese Organe deutlich und unmißverständlich spricht. Solange sie darauf hört und ihnen willig folgt, entgeht sie der Gefahr des Selbstbetruges und der teuflischen Einflüsterungen.

Wie stark diese Erkenntnisquelle von Anfang an bei uns fließt und benutzt wird, ergibt sich aus den bei uns geläufigen Gesetzen des Bindungsorganismus mit seinen Teilgliedern, die uns bekannt sind als Gesetz der organischen Übertragung, der organischen Weiter- und Tiefer-und der organischen Oberleitung. Zur Schulung nehme man den „Schlüssel zur Werktagsheiligkeit“ („Leben aus der Liebe“) zur Hand, um sich in diese bedeutungsvolle Welt zu vertiefen, bis sie lebendiger Besitz geworden. -(S.39-42)-

Wenn unsere Elitekreise nach dieser ausgezeichneten Marienverehrung streben, so stützen sie sich dabei auf die vier namhaft gemachten werkzeuglichen Erkenntnisquellen:

  • auf das gesprochene Wort, wie es ihnen in der Heiligen Schrift und Tradition sowie durch persönliche Einsprechungen zugänglich ist;
  • auf freiwirkende Zweitursachen, auf Lehre und Leben der Heiligen, auf Lehre der Theologen und päpstlichen Weltrundschreiben;
  • auf die Seinstruktur der Dinge; auf die objektiv gesicherte Stellung der Gottesmutter im Heilsplan und das Wesen unserer Elitefamilien;
  • auf Weltgeschehen und Zeitströmungen, durch die Gott offensichtlich die Gottesmutter in ihrer Uridee der Welt bekannt machen und sie zu dieser Art Marienverehrung einladen möchte,
  • auf Führungen und Fügungen unserer Familie, die uns wachsend nachdrücklich auf ausgezeichnete Marienliebe hinweisen, wie sie durch die Gründungsurkunde, den Gründungskontrakt von uns verlangt wird. -(S.59f)-
    (Die Gottesmutter als Muster für Werkzeuglichkeit als Erkenntnisquelle)

2. Darum darf es uns nicht wundern, daß sie in vorbildlicher Weise alle Erkenntnisquellen benutzt hat, die der Werkzeugsfrömmigkeit zur Verfügung stehen, um Gottes Wunsch und Willen zu ermitteln.

Wie willig sie das gesprochene Gotteswort aufnahm und in sich verarbeitete, beweist das Magnifikat, das sie als eine meisterliche Kennerin der Heiligen Schrift des Alten Testamentes dokumentiert, und der vielsagende Satz, den die Heilige Schrift von ihr berichtet: „Sie bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen“.

Aufgeschlossen war sie auch jederzeit den Boten und Kündern der göttlichen Wünsche gegenüber: den freiwirkenden Zweitursachen. Gläubig nimmt sie des Engels Botschaft an und folgt unverzüglich Sankt Josef, der sie auf des Engels Mahnung hin mitnimmt nach Ägypten und von da wiederum zurück. Was der greise Simeon ihr von ihres Sohnes und ihrem eigenen Lebens-los und Lebensziel sagt, vergißt sie nicht. -(S,67f)

Unsere Dreimal Wunderbare Mutter ist aber nicht nur in vorbildlicher Weise causa instrumentalis perfecta in der Hand Gottes; sie darf und will und muß auch angesprochen werden, zwar nur in einem eingeschränkten, aber doch durchaus wahren Sinne, als causa principalis secundaria und füglich als berechtigter Gegenstand unserer Werkzeugsfrömmigkeit. Die in dieser Behauptung liegende scheinbar unvereinbare Gegensätzlichkeit löst sich leicht auf, wenn wir uns daran erinnern, daß dieselbe Gottesmutter unter verschiedenen Gesichtspunkten einmal „Mond“ und ein anderes Mal „Sonne“ genannt wird: Pulchra ut luna, electa ut sol. Mond ist sie, insofern sie wie der Mond kein eigenes Licht hat, sondern all ihre Herrlichkeit von Christus empfängt, der Sonne (erg.: ist sie vergleichbar), insofern sie alles empfangene Licht, alle erhaltenen Gnaden und Herrlichkeit wie die Sonne in überreicher Fülle – freilich immer in entsprechender Abhängigkeit von Christus und dem Dreifaltigen Gott – über die Menschen ausgießt. In ähnlicher Weise kann sie unter dem einen Gesichtspunkte causa instrumentalis perfecta und von der anderen Seite aus gesehen causa principalis secundaria, und Gegenstand unserer Werkzeugsfrömmigkeit sein. Sie ist tatsächlich beides. Hier steht allerdings nur der letztere Teil unserer Behauptung zur Diskussion.

Die Begründung dafür ist im „Hirtenspiegel“ ausführlich gegeben. Sie liegt in ihrer einzigartigen Stellung im Erlösungswerk als mater, sponsa et consors Christi, in ihrem Personalcharakter als gottesmütterliche Braut, als einzigartig würdige, mütterlich-bräutliche Dauergefährtin und -gehilfin Christi als Haupt der Kirche und der ganzen Menschheit beim gesamten Erlösungswerke. Was der „Hirtenspiegel“ von 4002 ab zu sagen weiß, gilt ausschließlich dieser geheimnisvollen Zweieinheit und wird hier als bekannt vorausgesetzt. Wer sie versteht, dem ist von vornherein klar, inwiefern wir unsere Erlösung Christus und inwiefern wir sie der Gottesmutter verdanken, obwohl sie selbst die Erlöste, die Vollerlöste ist und deswegen Gegenstand unserer Werkzeugsfrömmigkeit sein kann und will. Eine solche Stellung entspricht in wundersamer Weise dem Weltregierungs-, Weltordnungs-, Weltvervollkommnungs- und Weltanpassungsgesetz. All diese Gesetze sind uns aus den „Worten zur Stunde“ bekannt. Sie sind auch im „Hirtenspiegel“ auseinandergesetzt (vgl 5128-5163).Wer sich tief in Gottes Pläne und Methoden hineindenken und einfühlen will, muß sich diese Gesetze innerlich als dauernden Besitz aneignen. Das fördert seine „katholische Instinktsicherheit“.

Das Weltregierungsgesetz macht uns darauf aufmerksam, daß Gott die Welt regiert durch freiwirkende Zweitursachen. Daher das schon so häufig zitierte Axiom: Deus operatur per causas secundas liberas. So überträgt er auf Menschen ein Stück seiner Macht, seiner Güte und Treue und wünscht dadurch, daß Menschen auf so ausgestattete Menschen etwas von der Hingabe, die sie ihm schulden, übertragen und weiterleiten an seine Adresse. Ein klassisches Beispiel für das Gesagte haben wir im vierten Gebot (vgl. „Hirtenspiegel“ 5128-5132). Gott ist ein Gott der Ordnung. Deswegen läßt er die freien Geschöpfe in verschiedenem Grade an seinen Vollkommenheiten teilnehmen.

Unter den bloßen Geschöpfen hat er am meisten von seiner Weisheit, Macht und Güte und Treue auf die Gottesmutter übertragen. Das besagt das Weltordnungsgesetz (vgl „Hirtenspiegel“ 5138-5164). Dadurch hat er zugleich aber in deutlicher Weise uns seinen Wunsch offenbart, unsere Liebe und Ehrfurcht, unser Vertrauen unbegrenzt auf die Gottesmutter zu übertragen und durch sie organisch zu seiner Person weiter hinzuleiten.

So paßt sich Gott in gütiger Weise der Sinnenhaftigkeit unserer Natur an: Weltanpassungsgesetz (vgl „Hirtenspiegel“ 5133-5137). Weil wir sinnenhafte Wesen sind, geht unsere geistige Erkenntnis durch die Sinne. Das besagt das scholastische Axiom: Nihil in intellectu quod non fuerit prius in sensibus. Gott paßt sich selber der von ihm geschaffenen Seinsordnung an. Er läßt seinen Eingeborenen eine menschliche, sinnenhaft faßbare Natur annehmen. Der Gottmensch steht vor uns als das sinnenhaft uns zugewandte Antlitz des ewigen Vaters. „Philippus, wer mich sieht, der sieht den Vater.“

Das genügt aber noch nicht. Gott läßt auch seine Heiligen in vorzüglicher Weise an dieser Sinnenhaftigkeit seiner Ebenbildlichkeit teilnehmen: an erster Stelle die dem Gottmenschen angeeinte bräutlich-mütterliche Dauergehilfin und -gefährtin. Sie gibt uns – nebst ihrem Sohne – einen glänzenden Anschauungsunterricht über Gottes Wesen und Herrlichkeit. Sie weckt mit ihm in beispielloser Weise die Liebe des sinnenhaften Menschen, um sie zum unsichtbaren Gott emporzuziehen. …

Das Ewige, Göttliche, das im Weibe, in der Gottesmutter ohne Beimischung von allem Diabolischen eine entsprechende sinnenhafte Verkörperung findet, zieht die Menschen hinan, empor zum geistigen Gott, zu geistigen, göttlichen Gütern. In diesem Sinne dürfen wir das Zitat aus Goethes „Faust“ deuten: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“.

Von hier aus fällt neues, helles Licht auf die Bedeutung der Marienliebe für die Erziehung insgesamt, vorzüglich für die des Mannes. Umgekehrt ergibt sich daraus aber auch, von welcher Bedeutung verkörperte Marienbilder, Marienerscheinungen für die seelische Gesundheit der Völker sind. Gott hat natürliche und übernatürliche Ordnung zueinander geordnet. Das Mutterbedürfnis, das er in die menschliche Natur hineingeschaffen, sucht er nicht nur in der natürlichen Ordnung durch unsere leibliche Mutter, sondern auch in der übernatürlichen durch die Gottesmutter zu beantworten: Weltvervollkommungsgesetz.(„Hirtenspiegel“ setzt dies an einer anderen Stelle auseinander. Da ich ihn nicht zur Hand habe, kann ich die Verse nicht genauer angeben.) -(S.71-77)-

gedruckt als:
Marianische Werkzeugsfrömmigkeit, Schönstatt-Verlag, Vallendar, 1974, ISBN 978-3-920849-26-3
S.3-5; S.26f; S.39-42; S.59f; S.67f; S.71-77 ***

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