CS52-1 CAUSA SECUNDA Text 52/1

CS52-1 CAUSA SECUNDA Text 52/1

Aus: Vortrag 1963

Wir ringen ja immer darum, einzelne Fragen zurückzuführen und zurückzustraffen auf letzte Zusammenhänge und, wo es möglich ist, letzte Prinzipien herauszustellen. Und welche Prinzipien kommen hier in Frage? Das Weltregierungsgesetz, dann zweitens das Weltordnungsgesetz, drittens das Weltvervollkommnungs- und viertens das Weltanpassungsgesetz.

Wenn Sie die Gründungsurkunde zur Hand haben, tun Sie gut daran, die zweite Gründungsurkunde noch einmal zu überprüfen und stehen zu bleiben bei der Frage, wie unsere charakteristische Marienverehrung aussieht. Da sind alle diese Dinge kurz zusammengetragen. Wir wollen jetzt die Gesetze etwas tiefer durchdringen und dann den Text nachher miteinander noch einmal durch-besprechen.

I. (Das) Weltregierungsgesetz hat eine philosophische und eine psychologische Ausprägung. Wir kennen beide. Philosophisch: Deus operatur per causas secundas liberas. Psychologisch – ist dasselbe Gesetz, will dann nur gesehen werden unter dem Gesichtspunkte der organischen Obertragung und der organischen Weiterleitung. Es mag der Mühe wert sein, das Gesetz nur flüchtig auf die Marienverehrung anzuwenden. Wir wissen ja, was das bedeutet: organische Übertragung, das Gesetz der organischen Obertragung. Gott überträgt nicht nur auf Personen, sondern auch auf Dinge etwas von seinen Eigenschaften. Er tut das aber in unserm Interesse.

Um das nach einmal in Erinnerung zu bringen: Etwa auf die Eltern überträgt er etwas von seiner Macht – schöpferische Kraft zum Beispiel beim Erzeugungsakte -, etwas von seiner Güte, etwas von seiner Weisheit. Er tut es aber nicht nur im Interesse der Eltern, sondern auch in unserem Interesse. Beide Interessenkreise sind also organisch miteinander verknüpft und verbunden. Und wir, die wir uns ja daran gewöhnt haben, den ordo essendi zum ordo agendi zu machen, gehen denselben Weg wieder zurück. Was wir Gott schulden, übertragen wir zunächst auf die Eltern. Aber nicht so, als wenn das bei den Eltern stehen und hängen bliebe, sondern das spekuliert auf Gott, soll in und durch die Eltern und mit den Eltern dem lieben Gott zur Verfügung gestellt werden. Das Gesetz, das wir damit namhaft machen, das gilt von allen geschaffenen Dingen, die als eine Art Zweitursache aufgefasst werden können; gilt also auch von den Dingen – ob es sich jetzt um die Tiere handelt, ob es sich handelt um die Vögel, um die Sterne.

Was wir damit berühren, das ist zuletzt und zutiefst das, was wir Bindungsorganismus nennen. Bindungsorganismus – angewandt nicht nur auf Menschen, darauf in hervorragender Weise, sondern auf alles, was vom lieben Gott uns in irgendeiner Weise zur Verfügung gestellt wird. Gott will uns durch die Dinge – bleiben Sie bei Speise und Trank, bleiben Sie bei der Kleidung, bleiben Sie meinetwegen bei den Blumen, bei den Vögeln -, durch all das will der liebe Gott uns etwas schenken. Er hat alle diese Dinge ausgestattet mit Eigenschaften, will auch den Dingen sein Wohlwollen zeigen, aber durch die Dinge uns beschenken. Wir stehen da also vor dem, was die „Werktagsheiligkeit“ nennt den prophetischen Charakter der Dinge, der geschaffenen Dinge. Die Dinge sind also kleine Propheten. Sie haben uns eine Botschaft zu bringen, aber immer wieder letzten Endes von Gott. Und die Eigenschaften, die der liebe Gott ihnen geschenkt, sollen halt in unserem Interesse wirksam werden.

Wenn wir diese Dinge so auf kleinste und kleinste Einzelheiten anwenden wollen – (z.B.) ein Vöglein singt. Sehen Sie, wenn ich jetzt so ganz tief übernatürlich, vorsehungsgläubig denke, dann fällt es mir nicht schwer, anzunehmen, daß der liebe Gott von Ewigkeit vorgesehen hat, daß ich etwa jetzt, wo ich das Brevier bete, den Gesang des Vögleins in mich aufnehme: Was will der liebe Gott mir sagen dadurch? (Das) sind alles kleine Propheten, kleine Propheten Gottes, die bringen mir eine Botschaft von Gott, eine Botschaft etwa seiner Güte. Er will mir gut, indem er mir durch das Vöglein jetzt etwas Angenehmes in das Herz oder in das Köpfchen hinein-singen läßt. Bindungsorganismus. Wir können den Gedanken ja vielfach sonst auch durchdenken. Was will er mir etwa zeigen und sagen durch ein reines Fenster, durch ein reines Zinmoer, durch Speise und Trank, die der Natur genehm oder unangenehm sind? Gott spricht zu uns durch alle Dinge, und alle Dinge haben mir etwas von ihm zu sagen. Und er hat das, was die Dinge sagen, auch von Ewigkeit hineingelegt in diese Dinge. Bindungsorganismus.

Wenn wir das weiter ausdeuten wollen, dann wissen wir, daß wir einen doppelten Bindungsorganismus kennen: einen natürlichen und einen übernatürlichen Organismus. Und wir haben uns so häufig sagen lassen, daß die menschliche Seele dann gesund ist und wächst, wenn sie innerseelisch an all das, was der liebe Gott uns schenken will und geschenkt hat und sagen will – ob an Dinge oder an Menschen oder an Orte oder an Ideen – wenn wir dazu eine innere Fühlung haben. Freilich ist das kaum denkbar, daß wir zu allen Dingen der Seinsordnung nach eine möglichst vollkommene Bindung haben. Dafür ist die Natur ja zerbrochen durch die Erbsünde. Und weil sie zerbrochen ist, ist sie angekränkelt. Aber im großen und ganzen können wir die Gesundheit einer Seele nach diesen Maßstäben messen. Wenn ich wissen will, ob meine Seele gesund ist und in welchem Grade sie gesund ist, dann darf ich untersuchen: Ist der natürliche Bindungsorganismus (in Ordnung)? Bin ich wirklich an Menschen gebunden? Bin ich an Dinge gebunden? Bin ich an Orte gebunden? Bin ich an Ideen gebunden? Bindungsorganismus. Ich soll in diesem Organismus der Bindungen leben.

Wenn Sie einmal tiefer ins alltägliche Leben hineinschauen, dann werden Sie sehr bald merken, daß die Natur nach dieser Richtung ein eigenartiger Künstler ist. Wenn ich also merke, in meiner Natur, da ist eine Bindung nicht genügend entfaltet – beispielsweise wenn ich sagen muß: meine Bindung an Menschen, die ist sehr schwach oder ist kaum vorhanden -, müssen Sie einmal beobachten, wie die Natur dann nach eigenen Gesetzmäßigkeiten sich auswirkt. Das ist ähnlich so, als wenn ich sonst eine Krankheit, eine körperliche Krankheit habe: (die) Natur sucht sich zu helfen. Die sucht also allerlei Gesundungsstoffe oder Gesundheitsstoffe auf diese kranke Stelle hinzuleiten. Auf psychologische Seite, auf psychologisches Gebiet übertragen, werden Sie recht häufig finden, daß Menschen, die sehr stark formgebunden sind, fast formversklavt sind, darin naturgemäß eine Oberkompensation finden für die mangelnde personale Gebundenheit. Ich sage, das wird dann sehr schnell zu einer Formversklavung. Wenn es aber nun glückt, solche Menschen in personale Bindungen zu bringen oder in sachliche Bindungen, örtliche Bindungen, dann werden Sie merken, dann mildert sich mit der Zeit die Formgebundenheit, dann wird die Formversklavung mehr und mehr zu einer gesunden organischen Gebundenheit.

Wenden wir das also jetzt noch einmal an auf die Gesetzmäßigkeit, die wir hervorgekehrt haben. Es handelt sich also hier um das Gesetz der organischen Obertragung. Was von Personen gilt, gilt also auch von Orten, wenn auch nicht in solch hervorragender Weise. Der liebe Gott hat mir die Orte ja auch geschenkt, und ich muß mich und darf mich an Orte binden. Aber immer nach dem Gesetze der Obertragung und Weiterleitung! Es ist durchaus denkbar, daß ich in einer bestimmten Epoche meines Lebens ganz außergewöhnlich stark an Orte gebunden bin, etwa an meine Heimat. Wir spüren, das ist immer das Zeichen eines edlen Gemütes, wenn man an der Heimat hängt. Aber mit der Zeit muß auch hier das Gesetz der organischen Weiterleitung funktionieren. Das heißt, ich muß durch die Orte tiefer und tiefer hineingeführt werden – ja, wenn wir das so ausdrücken dürfen – in den letzten Ort, wohin wir vom lieben Gott hingeordnet sind. Was ist das? Das ist er eben selber. Letzten Endes müssen alle Bindungen hineinführen in Gott selber. So mag das verständlich sein, etwa daß es Zeiten gibt, so wenn wir jung sind, oder (es mag) verständlich sein, wo es sich etwa um Frauenseelen handelt, daß die außergewöhnlich stark an Orte gebunden sind. Aber früher oder später müssen wir es soweit bringen, daß diese Gebundenheit an Orte mehr eine geistige ist, daß sie auch ohne den Ort existieren kann.

Weiter, wenn Sie das Gesetz noch einmal überprüfen, das gilt besonders für Frauenseelen: Frauen, die nicht an Dinge gebunden sind, also meinetwegen, daß sie ein schönes Deckchen haben wollen, schöne Ausstattung des Zimmers haben wollen, nicht? (Das) liegt uns Männern von Hause (aus) eben nicht so stark. Ja, weshalb nicht? Wir sind von Haus aus viel stärker ideenmäßig, nicht personal, (sondern) ideenmäßiger gebunden. Aber wenn ich nun so gar keinen Sinn dafür habe, dann mangelt mir etwas. Habe ich den Sinn aber, was dann? Erst nochmal: Wenn ich den Sinn nicht habe, muß ich eben versuchen, von Gott aus das Gesetz der Obertragung und der Weiterleitung zu sehen. Was heißt das? Was will der liebe Gott mir durch einen Ort, was will er mir durch das Zimmer, was will er mir wieder durch mein Bett sagen? Sie müssen das alles auf die einfachsten Dinge zurückstraffen. Was will er damit sagen? Er überträgt ja durch die Seinsstruktur und die Sinnhaftigkeit auch dieser Dinge etwas von seiner Liebe auf diese Dinge, aber in meinem Interesse. (Er) muß also, so sagt das Gesetz der organischen Weiterleitung, weiterleiten. Als weitergeleitet werden muß an sich die Sinn- und Wertstruktur des Dinges zu mir hin und ich muß versuchen, mir diese Werte ein wenig anzueignen. Bin ich ausgereift, dann ist es nicht so, als wenn ich nicht auch an den Dingen hängen dürfte. Ich darf also Sinn für Schönheit, Sinn für Ordnung (haben); (das) darf ich immer haben und darf ich immer wieder pflegen. Aber die Bindung muß mehr und mehr empor geleitet werden in Gott, so daß ich es fertigbringe, diesen inneren Organismus in mir zu tragen, aber auf den letzten Sinn zurückzustraffen: Mein Gott und mein alles.

Wollen wir das jetzt einmal anwenden auf das Wesen und die Sendung der lieben Gottesmutter. Weil sie vom lieben Gott so einzigartig begabt und begnadigt ist, weil der liebe Gott – wir verstehen das ja sehr gut – in einzigartiger Weise sie zum Träger all seiner Eigenschaften gemacht, müssen wir überlegen, wieweit diese Eigenschaften denn gehen. Wir pflegen dafür zu sagen, in welchem Ausmaße sie ein Abglanz der Eigenschaften, der Größe Gottes sind. Und was darf ich dann tun? Was sollte ich denn nun tun nach diesem Gesetze, nach diesem Weltregierungsgesetze? Die Bindung, die ich an Gott haben sollte, soll ich und darf ich übertragen an die Gottesmutter und auf die Gottesmutter – übertragen, dabei aber immer im Organismus bleiben, in irgendeiner Weise innewerden, daß die Hingabe an sie Ausdruck der Hingabe an Gott ist. Da haben Sie die drei Ausdrücke wieder. Derartige Bindungen an Zweitursachen sind immer letzten Endes Ausdruck der Bindung an Gott, Sicherung der Bindung an Gott und Mittel, um die Bindung an Gott in uns zu verwirklichen und zu vervollkommnen. So mag verständlich sein: Wenn der liebe Gott ein erdenklich hohes Maß seiner Eigenschaften auf die Gottesmutter übertragen hat, dann ist es meine Aufgabe, in demselben Ausmaße zu versuchen, mich an die Gottesmutter zu binden. Aber diese Bindung an sie ist immer Ausdruck der Bindung an Gott. Sonst ist der Organismus ja gestört, sonst wäre das ja eine mechanische Bindung. Also Ausdruck der Bindung; Mittel, um die Bindung an Gott zu erreichen. Wenn ich das jetzt störe, etwa die Bindung an sie – dasselbe gilt ganz allgemein, Bindung an Zweitursachen -, dann ist es auf die Dauer sehr. schwer, an den lieben Gott ruhig und sicher und ständig gebunden zu werden. Also eine Sicherung der Bindung, ein Ausdruck der Bindung und ein Mittel, um diese Bindung tiefer zu gestalten.

Nicht wahr, damit haben wir an sich hier schon einen starken Hinweis, der uns die Grignionsche Marienverehrung in etwa erklärt. Wenn es da heißt: alles durch, alles in, alles mit, alles für die Gottesmutter, dann könnte ich sagen: ich könnte jedem Geschöpfe gegenüber etwas derartiges erstreben, auch einer Person gegenüber – aber immer im Organismus! -, weil das alles dann ja ein Ausdruck der Bindung an Gott ist. Und bei der Gottesmutter liegt das um-so näher, weil ihre Eigenschaften so umfassend, so hochgelagert sind, daß ihr ganzes Wesen mit allen Fingern immer wieder auf das Letzte, auf den lieben Gott hindeutet.

Wenn ich das jetzt abrundend noch beifügen darf, was unser persönliches, unser familienhaftes Bestreben ist, dann sind es zwei Gedanken, eigentlich drei, die wir festhalten müssen.

Erstens: Wir ringen um den natürlichen Bindungsorganismus, um den Organismus. Wir wissen, das sind personale Bindungen, das sind reale Bindungen oder Dinggebundenheiten, das sind Ortsgebundenheiten, das sind Ideengebundenheiten. In diesen Bindungsorganismus müssen wir uns in irgendeiner Weise einschalten, aber als Organismus, Organismus untereinander. Es muß einfach ein gewisser Organismus zwischen personaler Gebundenheit, lokaler Gebundenheit oder Dinggebundenheit und Ideengebundenheit dasein. Dann Organismus, Bindungsorganismus – auch rein auf der natürlichen Ebene muß diese Bindung letzten Endes zu Gott hingetragen werden, darf also nicht hängen bleiben an der Kreatur, an der Zweitursache. Wenn sie hängen bleibt, dann ist das eine mechanische Gebundenheit, wenigstens unter dem Gesichtspunkte der Verknüpfung mit Gott.

Dann zweitens: Wir müssen ringen um den übernatürlichen Bindungsorganismus. Das heißt, anders ausgedrückt, wir müssen sorgen, daß die ganze übernatürliche Welt mit den Personen, die darinnen eine Stellung einnehmen, mehr und mehr in uns hineingetragen wird. Die ganze Welt. Also das heißt konkret: eine Verbindung haben mit dem dreifaltigen Gott. Aber nicht nur mit dem dreifaltigen Gott, sondern auch darüber hinaus mit den Heiligen. Und unter den Heiligen nimmt in der übernatürlichen Ordnung die Gottesmutter eine einzigartig hohe Stellung ein. Das heißt also, den Bindungsorganismus, den übernatürlichen-natürlichen Bindungsorganismus in der rechten Weise zu verwirklichen trachten.

Dann die dritte Aufgabe: Wir suchen eine harmonische Verbindung zwischen diesen beiden Organismen. Und diese harmonische Verbindung ist ja philosophisch so zum Ausdrucke gebracht worden: „gratia non destruit…“ Erstens: gratia praesupponit naturam. Jetzt können Sie unter Gnade beides verstehen: die Gnadenordnung oder den Gnadenorganismus oder (aber) die aktuelle Gnade. Alles will hier in einem gesehen werden. Gratia praesupponit naturam, gratia non destruit naturam, gratia perficit naturam, gratia elevat naturam. Wir kommen nachher auf diese Dinge wohl noch einmal zu sprechen. Hier wollen wir ja nur die Gesetzmäßigkeiten so mehr in abstrakter Weise ein wenig verständlich zu machen trachten.

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Fortsetzung Text 52/2

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