CS53-1 CAUSA SECUNDA Text 53/1

CS53-1 CAUSA SECUNDA Text 53/1

Aus: Studie 1964

Wir sind ja daran gewöhnt, als vorzüglichsten Exponenten der irdischen Wirklichkeiten in der Erlösungsordnung die Gottesmutter zu betrachten, die nach Leo XIII., der sich dabei auf Thomas von Aquin stützt, durch die Verkündigung die Zustimmung zur Geburt des Heilandes „an Stelle der ganzen menschlichen Natur“ gegeben hat. Der Text findet sich in der Enzyklika Leos XIII. „Octobri Mense“ vom Jahre 1891. Er hat folgenden Wortlaut: „Als der ewige Gottessohn zur Erlösung und Zierde des Menschen die Natur eines Menschen annehmen wollte und deshalb einen gewissen mystischen Ehebund mit dem gesamten Menschengeschlechte einzugehen beabsichtigte, verwirklichte er das nicht eher, als er die freie Zustimmung der auserwählten Mutter eingeholt hatte, die gewissermaßen im Namen des Menschengeschlechtes handelte gemäß dem lichtvollen und sehr wahren Urteil des Aquinaten: ‚Durch die Verkündigung wurde die Zustimmung der Jungfrau an Stelle der ganzen menschlichen Natur erwartet. Hieraus läßt sich nicht weniger wahr und im eigentlichen Sinn behaupten, daß wir nach dem Willen Gottes aus dem übergroßen Schatz jeglicher Gnade, die der Herr uns verdient hat, da uns Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus geworden ist, überhaupt nichts erlangen als durch Maria, so daß ähnlich, wie niemand zum höchsten Vater kommen kann als durch Christus, niemand zu Christus kommen kann als durch die Mutter.“

Das Zitat von Thomas steht in folgendem Zusammenhange. Thomas wirft die Frage auf, ob es notwendig gewesen sei, daß Maria mitgeteilt wurde, was aus ihr geboren werden sollte. Die Antwort lautet: Nötig sei es nicht gewesen, wohl aber kongruent. Als einer der vier Kongruenzgründe wird dann angegeben: „ut ostenderetur esse quoddam spirituale matrimonium inter Filium Dei et humanam naturam: et ideo per annuntiationem exspectabatur consensus Virginis loco totius humanae naturae“.

Plus XII. greift denselben Gedanken auf und gibt ihm in der Enzyklika Mystici Corporis vom Jahre 1943 folgende Form: „Ihre (Mariens) Seele war mehr als alle anderen von Gott geschaffenen Seelen zusammen vom göttlichen Geist Jesu Christi erfüllt, und sie hat an Stelle der ganzen menschlichen Natur ihre Zustimmung gegeben, daß sich zwischen dem Sohne Gottes und der menschlichen Natur eine gewisse ‚geistige Ehe‘ vollzog.“

Daß Gott sich bei der Weltregierung und Welterlösung freier geschöpflicher Zweitursachen bedient, ist Ausdruck und Beweis seiner Weisheit und Ehrfurcht vor der Freiheit seiner Kreatur, und seiner unendlichen Lebensfülle. Der Protestantismus denkt wesentlich anders darüber – wenigstens dort, wo es sich um die Welterlösung handelt.

Die Scholastik stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: num agens perfectissimum excludere debeat aliorum cooperationem? Sie gibt sich selbst die Antwort: agens reputatur imperfectum, si utitur mediis propter indigentiam: concedo; si mediis utitur propter abundantiam bonitatis, quae aliis vult et suum esse et suam causalitatem diffundere: nego…

Um besser verständlich zu machen, was ich sagen und wohin ich steuern will, sei nochmals an die Zeitsendung der Kirche erinnert, wovon bereits…‘ die Rede war.

Wir gehen von dem Gedanken und der Überzeugung aus, daß Gott in seiner Weisheit und Güte zur Rettung und Erlösung der heutigen Welt gleichsam eine neue göttliche Initiative ergriffen hat, die in Schönstatt besondere Formen angenommen im Sinne seiner dreifachen Zielgestalt im Rahmen besagter kirchlicher Sendung. Es genügt, mit einigen Worten auf letztere aufmerksam zu machen, und eine Anwendung auf die heutige Lage in Welt und Kirche zu versuchen.

Kurz zusammengefaßt sei wiederholt und vertieft eingeprägt: Die heutige Kirche hat die Sendung eines hl . Auqustinus und eines hl . Thomas in Anpassung an Bedürfnisse und Aufgaben der Zeit fortzusetzen und nach der psychologischen Seite in wesentlichen Belangen zu ergänzen.

Dabei geht es also um eine dreifache Aufgabe

Alle drei kreisen im Kerne um das Grundverhältnis zwischen Erst- und Zweitursache, zwischen Gnaden- und Naturordnung.

Augustinus hat im Anschluß an Plato hauptsachlich die Theologie dieses Grundverhältnisses für seine Zeit herausgestellt. Er hat es durch seine Lehre von der göttlichen Transzendenz und Immanenz getan.

Thomas ging ein Stück weiter. Er griff die Probleme seiner Epoche auf, Seine säkulare Leistung bestand darin, daß er – gestützt auf Aristoteles – vornehmlich die Philosophie dieselben Verhältnisse herausarbeitete. Sie gipfelt in den beiden Sätzen: Deus operatur per causas secundas liberas. Und: gratia praesupponit, gratia hon destruit, sed perficit et elevat naturam. Die Krise der heutigen Zeit besteht in der Auflösung aller seelischen Bindungen in Natur- und Gnadenordnung. Daraus ergibt sich als neue zentrale Aufgabe die Notwendigkeit einer Psychologie der beiden Grundfaktoren in sich und in ihren Beziehungen zueinander. Hierher gehört alles, was Schönstatt vom Bindungsorganismus und vom Gesetz der organischen Übertragung und der organischen Weiterleitung lehrt.

Wenn nicht alles täuscht, hat die liturgische Bewegung die Aufgabe, des hl. Augustinus Sendung im Sinne der Hingabe an Gott in seiner Transzendenz und Immanenz durch Rückkehr zu den liturgischen Urquellen zeitgemäß zu erfüllen. Darin liegt offensichtlich ihre Größe in einer gottesflüchtigen Epoche: aber auch ihre Grenze. Ja, auch ihre Grenze. Wenn sie die nicht sieht und zu sprengen trachtet, dürfte sie schwerlich ihr Ziel erreichen. Der heutige Mensch ist ja vielfältig anders strukturiert als im Ur- und Frühchristentum. Das scheint die liturgische Bewegung – wenigstens bis jetzt – vergessen zu haben. Wenn es ihr nicht glückt, im bindungslosen heutigen Menschen eine personale Bindung an die göttlichen Personen zu erreichen, die in der Liturgie agieren, erlebt sie – menschlich gesprochen – große Täuschungen und Enttäuschungen. Und diese übernatürliche personale Bindung ist normalerweise auf der ganzen Linie kaum möglich ohne Berücksichtigung des gesamten Bindungsorganismus nicht nur auf der übernatürlichen, sondern auch auf der natürlichen Ebene.

Mit Recht darf deswegen behauptet werden: Öffnet die Liturgie sich nicht für alle wertvollen Erfahrungen und Errungenschaften der folgenden Jahrhunderte bis heute, und nimmt sie nicht weitherzig und zeitgerecht die beiden anderen großen Aufgaben bewußt und organisch in ihr Programm auf, so bleibt sie im wesentlichen ein Torso. Sie kann ihrer Zeitsendung nicht gerecht werden.

Wie die beiden anderen Aufgaben heute aussehen und wie man versucht, ihnen Rechnung zu tragen? Es ist bekannt, wie stark sich heute kirchliche Kreise bemühen, im Anschluß an Thomas tiefer in Eigenart und Sendung der Zweitursachen oder der irdischen Wirklichkeit einzudringen und die Folgerungen daraus für das praktische Leben zu ziehen. Diese Wirklichkeiten machen ja durch die urgewaltige industrielle Umschichtung aller Verhältnisse in einer Weise auf sich aufmerksam, sie verstellen durch ihre massenhafte Produktion und ihre vielfach unwiderstehlichen Anreizungen so vordringlich den Weg zu Gott, daß man schlechterdings gezwungen ist, tiefgründiger Stellung dazu zu nehmen. Eine Anzahl wertvoller literarischer Erzeugnisse beschäftigt sich bereits angelegentlichst damit. Ich setze ihre Kenntnisse voraus. Die öffentliche kirchliche Meinung ist jedoch kaum davon erfaßt. Bestrebungen dieser Art sind erst im Anfangsstadium; von ihrer Koordinierung kann nicht im geringsten die Rede sein. Schönstatt hat sich von Anfang an mit diesem Problem beschäftigt. Das verlangte schon das Gesetz der geöffneten Tür und sein dauerndes Kreisen um den Gott des Lebens. Es ist wohl zu beachten, daß Schönstatts Auffassung vom Vorsehungsglauben im Sinne seiner Sendung außergewöhnlich ausgeprägten aktiv männlichen Charakter aufweist. Es läßt sich ja durch die Zeichen der Zeit als durch Stimmen Gottes allezeit klar bestimmte Aufgaben zeigen. Es kennt deshalb nicht nur eine passiv-weibliche Fiatgesinnung, sondern auch eine aktiv-vorwärtsdrängende schöpferisch gestaltende männliche Volohaltung. Es ist weit entfernt davon, den Kindern dieser Welt ohne weiteres einen Lebensbereich nach dem anderen in eigener Regie zu überlassen. Es versucht vielmehr selbst – freilich immer orientiert an Gottes Wunsch und Willen – kraftvoll in das Räderwerk von Welt und Kirche einzugreifen. Es beschränkt sich nicht darauf, immer nur ja zu sagen. Es kennt ja nicht nur ein Gesetz der geöffneten, sondern auch der geschlossenen Tür. Es ist erfüllt von einer drängenden Mitverantwortung für die marianische Christusgestaltung der Welt.

Brockmöller macht in seiner Studie über „Christentum am Morgen des Atomzeitalters“ auf diese Unterschiede in drastischer Weise aufmerksam. Er schreibt:

„Man kann das Problem der Vorsehung aus der kindlichen und fraulichen Sicht sehen. Dann wird Gott der treusorgende Vater, dem der Mensch sich nur vertrauensvoll zu überlassen braucht. Gewiß liegen diese Züge auch in dem ganzen Komplex Vorsehung Gottes. Er erhält und regiert die Welt. Aber er tut es durch die Zweitursachen (causae secundae). Dafür gab er dem Menschen den Verstand und freien Willen, damit er im Dienste Gottes mitverantwortlich die Regierung der Welt ausübe. Es ist sogar die typische Stellung des Menschen im Ganzen des Kosmos nur von hier aus zu verstehen. Gott will auch nicht unmittelbar eingreifen, wenn der Mensch etwas falsch gemacht und verdorben hat. Wie ein guter Werkmeister seine Lehrjungen und Gesellen das, was sie schlecht gemacht haben, selbst in Ordnung bringen läßt, so will die Vorsehung Gottes uns nicht von dieser verantwortlichen Aufgabe entbinden, und die Kraft eines religiösen Denkens zeigt sich in dieser Bereitschaft zur Wahrnehmung der Eigenverantwortlichkeit. Auch Gott schaltet die Mitbestimmung und Mitverantwortlichkeit des einzelnen Menschen nicht aus.

Er achtet den Menschen als Persönlichkeit, die tugendhaft, das heißt: lebenstüchtig die Kardinaltugenden der christlichen Sittenlehre verwirklicht, in der Klugheit das rechte Urteil findet, in der Gerechtigkeit die rechte Ordnung durchsetzt, in der Tapferkeit bereit ist, selbst unter Einsatz des Lebens für die rechte Ordnung einzustehen, und in der Tugend des Maßes die rechte Mitte in der Verwirklichung der Beziehungen, in denen sie zu andern steht, hält. Der Glaube an die Vorsehung wird zur Erkenntnis seines Schöpfungsplanes und zur verpflichtenden Anerkennung seiner großen Idee, die den Mann vor allem anspricht und aus der Begegnung mit dem Denken und Willen Gottes im Heiligtum an seine Arbeit in der Welt mit ihren Gütern und Kräften sendet und ihn auch dort nicht aus der in der Religion geschauten Bindung entläßt.

Alle Bereiche des natürlichen Lebens und Schaffens muß diese Verkündigung durchleuchten. Denn sie kann sich nicht mit der Abstraktion, wie sie in den Hörsälen der wissenschaftlichen Theologie angewendet wird, mit einer dogmatischen Lehre, begnügen. Sie soll konkrete Menschen in ihrem konkreten, von der religiösen Wahrheitserkenntnis erleuchteten und der religiös-sittlichen Verantwortlichkeit gelenkten Tun formen. Sie muß die Folgerungen aus der religiösen Erkenntnis ziehen und zum Gegenstand der Predigt machen, das Leben aus dem Glauben…

Eine Prüfung unserer herkömmlichen Predigt- und Erbauungsliteratur zeigt, daß fast ausschließlich die andere Auffassung von der Vorsehung verkündet und religiös verbreitet wurde, die infantile und feminine Sicht des Sich-umsorgen-Lassens. Wenn Gott sich dann in den tatsächlichen Ereignissen nicht zum Versorgungsminister machen läßt, führt sie zu der heute wohl am meisten vorgebrachten Glaubensschwierigkeit; wie kann der gütige Gott das zulassen? Die Antwort müßte lauten: Weil wir Menschen es zugelassen haben, weil wir uns einer schweren Sünde der Unterlassung schuldig gemacht haben, die nicht Gottes Willen in der Gestaltung der Welt erfüllt hat.

Es gibt viele, scheinbar sehr fromme Christen, bei denen das religiöse Sinnen und Trachten fast nur noch um das eigene Ich kreist, das es zu vervollkommnen gilt, für das Christus Mensch geworden ist und gelitten hat. Gewiß heißt es im Credo: homo factus est propter nos homines – für uns Menschen ist er Mensch geworden. Aber was bedeutet das? Eine ganz einfache philosophische Überlegung sagt, daß der unendliche Gott als Ziel seines Handelns nur etwas Unendliches haben kann, letztlich sich selber, weil er das einzig unendliche Gut ist. Darum ist auch in der ganzen Heilsgeschichte, in der Menschwerdung und Erlösung nicht der Mensch das eigentliche Ziel, sondern daß die Herrlichkeit Gottes im Menschen, in der Menschwerdung und Erlösung aufleuchte. Und gerade das fehlt bei dieser anthropozentrischen Frömmigkeit und Pastoral. Für diese Art muß alles, selbst Gott um den Menschen kreisen. Das ist Individualismus im innersten Heiligtum der Religion selbst. Demgegenüber lautet die christliche Definition der Religion: Die Religion ist jene sittliche Tugend, durch die der Mensch disponiert wird, Gott als dem höchsten Prinzip aller Dinge den schuldigen Kult zu erweisen. Und als Grund dafür wird nicht das menschliche Heil, sondern Gottes übergroße Herrlichkeit angegeben.“

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Fortsetzung Text 53/2

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