CS62 CAUSA SECUNDA Text 62

CS62 CAUSA SECUNDA Text 62

Aus: Weihnachtswoche 1966

Alles in allem: Mit Recht dürfen wir also wohl sagen: Schönstattgeschichte eine heilige Geschichte als Heilsgeschichte. Und es wäre ja auch ein Jammer, wenn wir in Schönstatt wie in einer Arche nicht unser Heil sichern könnten, wenn Schönstatt eine moderne Institution wäre, in der man sich wohlfühlen kann, in der man gemütlich miteinander verkehren kann. Nein nein, was wir wollen: Schönstatt eine Arche, in der alle, die dorten Einlaß gefunden, letzten Endes das ewige Heil finden, finden können, finden müssen und finden sollen.

Zweitens – Schönstatt eine heilige Geschichte – Ich meine, jetzt müßte ich wohl deuten: Schönstatt auch gleichzeitig eine Heiligkeitsgeschichte, eine Geschichte der Theorie der Heiligkeit, also eine Heiligkeitsgeschichte. Ich glaube, wenn wir Schönstatt ein wenig kennen, vor allem tiefer Einblick genommen haben in die (1.)Gründungsurkunde, dann lesen wir dorten das Wort: So wie für den heiligen Aloysius eine kleine Kapelle in Florenz, so soll für uns unser Heiligtum die Wiege der Heiligkeit werden. Und wie sieht diese Heiligkeit aus? Stellung zu all den Heiligkeitsidealen, die im Laufe der Jahrhunderte im Raume der Kirche geworden. Welches Heiligkeitsideal vertreten wir? Ich habe erstens sagen dürfen: A priori wissen wir, daß die Familie zur Heiligkeit führt, zur Heiligkeit führen muß. Tut sie das nicht, hat sie ihren Zweck, ihr Ziel nicht erreicht… Und wie sehen nun die Heiligkeitsfarmen aus? Kennen wir alle und können sie im Traume aneinanderreihen. Ob wir aber auch die Tragweite kennen? Werktagsheiligkeit, Bündnisfrömmigkeit und Werkzeugsfrömmigkeit

Was wird hier besonders hervorgehoben? Gott im Zusammenhange, Erstursache im Zusammenhange mit der Kreatur, mit der Zweitursache. Da s ist das Problem der heutigen Zeit, nicht Liturgie, selbstverständlich auch Liturgie. Liturgie wird aber niemals liturgische Frömmigkeit … Entweder steigen wir von der Kreatur zu Gott empor, oder aber wir verlieren Gott. Das Problem der heutigen Zeit, das ist das Gottesproblem; das Problem der heutigen Zeit, das ist das Verhältnis zwischen Erst- und Zweitursache.

Ich darf einen kleinen Abstecher machen, wiederhole noch einmal: Das Problem der Zeit ist das Gottesproblem. Im Hintergrunde steigen mehr und mehr empor zwei klar sich unterscheidende Lager: auf der einen Seite ausgesprochene Theisten, auf der andern Seite ausgesprochene Atheisten. Wenn wir also alle Gottesprobleme, religiösen Probleme zurückführen wollen, wenigstens in der heutigen Zeit, auf die letzte Wurzel, dann müssen wir uns wohl gestehen, müssen uns sagen lassen: Es geht in alleweg, Gott zu retten. Atheismus und Theismus in ständigem furchtbaren Ringen miteinander. Von da aus werden Sie auch viele Dekrete verstehen, viele Wandlungen in der Denkweise des Konzils und in der Handlungsweise, die nur verstanden werden können von dieser klaren Führung aus.

Wir schauen einmal zurück in die ganze Kirchengeschichte. Da finden wir an sich zwei Männer, die eine tiefgreifende Bedeutung für die Kirche gehabt haben: auf der einen Seite der heilige Augustinus, auf der anderen Seite der heilige Thomas. Der eine kommt von Plato, der andere kommt von Aristoteles. Und beide haben in ihrer Art eine eigenartig spezifische Sendung. Sendung des heiligen Augustinus als Neuplatoniker: Die Existenz Gottes zu retten, und zwar von der platonischen Philosophie her. Was uns das Konzil nach der Richtung geben wollte und gegeben hat durch die liturgische Konstitution, bleibt im wesentlichen stehen bei der Sendung des heiligen Augustinus. Die Zeit entwickelt sich weiter und weiter. Es kommt hinüber (herüber?) von Afrika durch die Mohämmedaner Aristoteles und im Zusammenhang mit Aristoteles die Frage nach der Eigengesetzlichkeit der Zweitursachen. – Nebenbei gesagt: Wenn Sie Augustinus vergleichen etwa mit Dante, dann werden Sie finden: Augustinus hat den genialen Wurf gewagt, die ganze Heilsgeschichte darzustellen unter dem Gesichtspunkte „De civitate Dei“, Stadt und Reich Gottes. Und Sie werden verstehen, wenn er in besonderer Weise die Tätigkeit Gottes dabei hervorhebt; liegt in seiner Seinsstruktur, liegt auch in seiner Sendung. Von Dante sagen di.e Wissenschaftler, die Kenner, Dante sei an sich der letzte mittelalterliche und der erste neuzeitliche Mensch gewesen. De civitate Dei, dafür hat er in seiner Art das Wort geprägt, ein überaus bekanntes Wort – wir haben es ja des öfteren schon miteinander besprochen. Um was geht es? Um etwas überaus Göttliches, das aber mit dem Menschlichen verbunden ist: etwas Göttliches, aber mit der Zweitursache verbunden, der Augustinus verhältnismäßig wenig Rechnung trägt.

Damals wohl die genialste Leistung des heiligen Thomas, daß er sofort die Gefahr erkannte, die nun heraufbeschworen worden ist für das abendländische Christentum durch das Eindringen der aristotelischen Denkweise über die Zweitursache: Zweitursache nunmehr getrennt von der Erstursache, so wie anfangs Erstursache nicht genügend gesichert worden ist durch die Verbindung mit der Zweitursache. Seine genialste Leistung: Er hat nun versucht, die Zweitursachen, also das Geschöpfliche, in christlichem Sinne zu verbinden mit der Erstursache. Verstehen wir, was das heißt? Der Gottesgedanke mußte gerettet werden. Deswegen das große Gesetz: Deus operatur per causas secundas; Deus operatur per causas secundas liberas.

Lassen Sie mich feststellen, ohne jetzt länger beweismäßig und beweiskräftig dabei stehen zu bleiben: Die heutige Sendung der Kirche besteht darin, die Doppelsendung, teils Augustini, aber auch teils des heiligen Thomas, fortzusetzen. In allem und vor allem geht es darum, die Schöpfung in Verbindung mit Gott zu bringen, die Schöpfung, die sich nun so breit legt zwischen den ewigen Gott und uns persönlich. Wenn diese Schöpfung nun nicht mehr, nicht erneut und tief durchsichtig gemacht wird, anziehend gemacht wird, wenn nicht im Letzten immer wieder und wieder das göttliche Band, das von der Welt ausgeht, mit Gott uns verknüpft, dann sind wir morgen, übermorgen alle schlimmer als Heiden, dann verlieren wir das Gut Gottes, den Gottesgedanken, den Gottesbegriff, die Gotteshingabe. Deswegen auf der einen Seite Fortsetzung dieser doppelten genialen Leistung. Auf der anderen Seite – natürlich, jetzt wäre es am Platze zu fragen: Wie steht es denn im katholischen Lager mit der Schau, der Durchschau der Zusammenhänge? Wäre eine Frage, die jetzt historisch zu beantworten wäre. Sie werden immer merken: Sie werden auf alles eine klare Antwort finden in dem, was der liebe Gott antizipierend unserer Familie geschenkt hat.

Darum immer wieder: Hinein in die Schule, hinein in die Schule unserer Familiengeschichte!

Aber damit ist die Sendung noch nicht erledigt. Nicht nur Rettung dieser doppelten Aufgabe: Weiterführung (erg.: dieser doppelten genialen Leistung), sondern auch in eigenartiger Weise eine neue Art der Sendung der beiden großen Männer. Wenn uns der heilige Augustinus die Erstursache für religiös-philosophisch denkende Menschen gerettet, und wenn der heilige Thomas uns die Philosophie, im gewissen Sinne auch die Theologie der Zweitursachen mehr und mehr erschlossen hat, dann, so meine ich sagen zu dürfen, liegt das Neue der Sendung der heutigen Kirche in der Psychologie der Erst- und Zweitursachen und in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. Grund: Heute sind ja, wie bekannt, alle normalen Lebensbänder in der menschlichen Natur zerrissen oder auf dem Wege, zerrissen zu werden.Psychologie, Psychologie des Grundverhältnisses zwischen Erst- und Zweitursache. Anders ausgedrückt: Psychologie des Weltregierungs-, des Weltordnungs- und des Weltvervollkommungsgesetzes. Ich weiß es nicht, ob ich es wagen darf, wenigstens skizzenhaft davon das eine oder andere zu sagen.

Psychologie also des Weltregierungsgesetzes. Psychologisch will das Gesetz, das der heilige Thomas aufgestellt hat – Deus operatur per causas secundas liberas – so gedeutet werden: Der liebe Gott arbeitet an Zweitursachen und durch Zweitursachen nach dem Gesetze der organischen Übertragung und der organischen Weiterleitung. Kurz sei das präzisiert, ausführen kann ich das jetzo nicht.

Zweitens das Weltordnungsgesetz. Psychologisch ausgedeutet heißt das so: Die niedere Ordnung ist (für die)•der höheren Ordnung gegenüber – ich sage: die niedere Ordnung, ganz allgemein, wo es sich um die Kreatur handelt. Niedere Ordnung, also die natürliche Ordnung, ist für die übernatürliche Ordnung erstens sinngerechter Ausdruck, zweitens Schutz und drittens Mittel. Sie ahnen vielleicht gar nicht, welche Zusammenhänge hier klaffen, welche Zusammenhänge sich uns hier eröffnen. Und es mag noch etwas dauern, bis die kirchliche Öffentlichkeit diese Zusammenhänge wittert, erkennt und berücksichtigt, berücksichtigt in der Lehre, berücksichtigt im Leben, berücksichtigt in der Erziehung individueller Art und soziologischer Art.

Drittens Weltvervollkommnungsgesetz. Der liebe Gott vervollkommnet die Welt, vervollkommnet seine Schöpfung stufenweise, eine Stufe nach der andern, und an der Spitze dieses Weltvervollkommnungsgesetzes, da steht die Person der lieben Gottesmutter. Was von ihr gilt in ihrem Verhält – nisse zu Gott und von Gottes Verhältnis zu ihr, das ist alles nach dem Gesetze der ausgezeichneten Fälle zu sehen, zu sichten und zu deuten, paßt aber secundum quid auf jede Zweitursache. Verstehen Sie deswegen wenigstens eine Folge und Folgerung: Im Bilde der lieben Gottesmutter sehen wir per eminentiam anschaulich verkörpert das eigene Persönliche Ideal. Alles, was der liebe Gott der Gottesmutter geschenkt per eminentiam, nach dem Vervollkommnungsgesetze läßt er auch uns im gewissen Sinne nach irgendeiner Richtung daran teilnehmen.

4. Vortrag **

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