GdL-1947-10 Praktischer Vorsehungsglaube

GdL-1947-10 Praktischer Vorsehungsglaube

Aus: Eröffnung der Bündniswoche – 14. Oktober 1947

Wir schauen auf das Bild unserer dreimal wunderbaren Mutter und Königin und möchten aus ihren Zügen, aus der Farbenmischung herauslesen auch die zweite und dritte Botschaft, um gleichzeitig das Gewissen zu erforschen, ob und inwieweit wir sie weitesten Kreisen gekündigt.

(Wir kündeten die zweite Botschaft von Schönstatt: vom praktischen Vorsehungsglauben)

Wir wissen, daß diese Botschaft eine ganze Welt in sich begreift. Darum beugen wir uns durch den praktischen Vorsehungsglauben dem Gott des Lebens. Überall sehen wir ihn auf der Zinne des alltäglichen Lebens und des Zeitgeschehens stehen und versuchen, ihm zu antworten durch die Tat des Lebens, durch die Tat des individuellen, des sozialen und gesellschaftlichen Lebens: durch die Tat des Individuums, will heißen durch eine ausgesprochene Werktags- und Werkzeugsfrömmigkeit, durch die Tat des sozialen und gesellschaftlichen Lebens, durch die Formung einer neuen Gemeinschaft, einer neuen Gesellschaft.

Ob wir alle diese großen Aufgaben und Botschaften im Bilde der Gottesmutter wiedererkennen und ob wir versucht haben, das Bild so der Masse zu deuten? Wie die Gottesmutter hier vor uns steht, verstehen wir sehr gut, wenn wir ein wenig Einblick haben in das biblische Leben, daß auch sie, ähnlich wie wir, sich bemüht hat, überall dem Gott des Lebens zu begegnen und sich ihm zu beugen. Die Familienverhältnisse haben sie nach Gottes Wunsch und Willen nach Bethlehem getrieben. Gott hat sie durch das Leben hinausgeschickt in die Wüste von Ägypten und nachher wieder zurückgeführt. Die damaligen Verhältnisse (ich denke an die Hochzeit zu Kana) haben sie angeleitet, erstmalig sich zu betätigen als große Fürbittmacht. In ihrem ganzen Leben werden wir finden: Überall ist es der Gott des Lebens, der sie trägt, weckt und inspiriert, der Gott des Lebens, der durch das Leben zu ihr spricht.

(MTA-Bild Symbol für Originalität unserer Frömmigkeit)

Und wie antwortet sie? Wir schauen die Züge des Bildes. Unserem hiesigen Geschmack mißfällt vielfach das Bild der Gottesmutter, wie es gezeichnet ist auf dem Bilde. Es scheint uns vielfach zu wenig sakral. Und doch, wenn Sie achten darauf und wenn Sie einmal hinaushorchen in andere Zonen und andere Welten, wenn Sie zumal orientalische Denkweise auf sich wirken lassen und darüber hinaus in den slawischen Lebensraum hineinhören, dann mögen Sie verstehen, was mir nach der Entlassung aus dem KZ ein russischer Künstler sagte: Er wußte ein Loblied auf das andere zu singen. Ich fragte ihn, wie das möglich sei, die russischen Ikonen wären doch anders. Antwort: Das ist es ja, um was wir russische Künstler ringen. Wir wollen aus dem überspannt Sakralen gerne unsere Heiligen wieder herunterziehen in das Alltägliche.

Sehen Sie so im Bild der Gottesmutter verkörpert ein Stück Werktagsheiligkeit.

Weiter, wenn Sie darauf achten: Im Bilde sehen Sie ihre Gestalt zum Teil über den Wolken, zum Teil in und unter den Wolken. Deuten Sie das bitte in unserem Sinne als eine Vermählung von Natur und Gnade; nicht nur jenseits der Wolken, sondern mitten im Leben! Und ihre Werkzeugsfrömmigkeit, wie sie im praktischen Leben sich bewährt. Spüren Sie, bitte, spricht denn das Bild nicht in alleweg zu uns? Ich habe die Aufgabe des Welterlösers mit zu lösen, zumal so, wie uns das im Bild der Gottesmutter gekennzeichnet ist.

Vorzüglich durch die beiden Verfasser, die ich genannt habe, können wir sie uns gar nicht mehr anders vorstellen denn als Dauerhelferin des Herrn beim gesamten Erlösungswerke. Ist das nicht gleichbedeutend mit Werkzeugsfrömmigkeit? Und geben wir die Antwort des Lebens durch die Tat der Reform des Gesellschaftslebens. Das Bild versinnbildet das Ideal der Familie und damit das Ideal der neuen Gemeinschaftsordnung.

Nun erneut die Frage, auf die ja heute abend wenigstens von ferne ein wenig Licht fallen soll: Wie haben wir diese Art Botschaft gekündet? Wie haben wir den Gott des Lebens gekündet, den praktischen Vorsehungsglauben?

Auf meinen Reisen habe ich mir des öfteren überlegt, wie es in der Heimat steht. Und je mehr ich alles auf mich wirken ließ, desto zuversichtlicher durfte ich mich draußen bewegen. Gott hat uns einen aus unserer Mitte geschenkt, der zur Lebensaufgabe das Liebesbündnis sich erwählt hat. Ich möchte ihn schier nennen einen „Bündnis-Theologen“.(4) Was wäre es Großes, wenn Gott uns aus unserem Kreise einen Vorsehungs-Theologen und einen Sendungs-Theologen schenkte; will heißen einen Fachmann, der für die wissenschaftliche Welt in wissenschaftlicher Formulierung die Lehre vom Vorsehungsglauben und vom Sendungsglauben kündete.

Wir sind überhaupt stark herausgewachsen aus primitiven Stufen. Wer nur ein klein wenig weiß um die öffentliche Stimmung in Deutschland, dem wird es sonnenklar, daß man uns gegenwärtig -zumal in der offiziellen Öffentlichkeit der Kirche – sehr ernst nimmt. Ein großer Fortschritt gegenüber früher. Man nimmt uns ernst, setzt sich mit uns auseinander, und wir müssen uns deshalb mit der breiten Öffentlichkeit auseinandersetzen.

Ich weiß, daß alles unmittelbar verknüpft ist mit dem Liebesbündnis. Ich komme noch darauf zurück, inwieweit dieses die Probleme der heutigen Zeit lösen wird. Das ist im gewissen Sinne gleichbedeutend mit dem Vorsehungsglauben, denn durch ihn lerne ich erkennen die Art, wie der Bündnisgott den Bündnispartner formen und gestalten will. Ich prüfe ferner: Wie habe ich mich persönlich verhalten zur Kündung der Werkzeugsfrömmigkeit und zur Neuformung der menschlichen Gesellschaft? Das große Lichtzeichen der großen Woche möchte auf alle diese Fragen Licht fallen lassen.

Aus: Eröffnung der Bündniswoche am Abend des Dienstag, 14. Oktober 1947, Seite 57 – 61

 

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