GdL-1965-11 Unsere Geschichte ist unsere Heilige Schrift (Fortsetzung)

GdL-1965-11 Unsere Geschichte ist unsere Heilige Schrift (Fortsetzung)

Aus: Vortrag 1965, 22. November

Fortsetzung von

Verstehen Sie, was das bedeutet? Damit ist an sich die ganze Verübernatürlichung des Familienlebens in die heutige Zeit hineingetragen. Das ist natürlich nur denkbar, seit wir – historisch gesehen – die Filialheiligtümer erlebt haben. Das Erlebnis überträgt sich dann assoziativ in meine Familie hinein. Das ist das große Anliegen: Die Familie muß heute, der Seinsordnung entsprechend, wieder als die Urzelle der menschlichen Gesellschaft auch die Urgegebenheit unserer ganzen Erziehung sein. Auch hier können wir sagen: Zurück zu den Urquellen! Was im Laufe der Jahrhunderte sich mehr und mehr von der Familie gelöst hat – verständlich auch durch die soziologische Umgliederung der Gesellschaft -, das muß jetzt wieder zurückerobert werden. Die Familie muß, wenn ich einen Ausdruck von Papst Pius X. gebrauchen soll, das Priesterseminar sein. Jetzt meinen wir nicht etwa nur das Seminar des besonderen Priestertums, sondern auch das Seminar des Laienpriestertums.

Bitte, überlegen Sie einmal, was das alles bedeutet für die Erziehung von Vater und Mutter! Ich habe Ihnen dargestellt, was für ein Experiment man jetzt drüben in Australien machen will: daß man uns als Schönstättern volle Freiheit gibt, die Familien zu erziehen, das Vereinsleben zu kürzen, so wie wir das für recht halten. Verstehen Sie wieder, wie die Vorsehung arbeitet? Da kommt von der Seite ein kleines Wässerchen und von jener Seite ein Wässerchen. Es muß strategisch immer unsere große Aufgabe sein, mit einem göttlichen Witterungssinn zu greifen, was der liebe Gott jetzt möchte. Sicher, manche aus unseren Reihen haben derartige Dinge früher schon einmal experimentiert, aber das geschah zu eigenwillig. Da haben wir selber etwas gewollt. Das bleibt das Wesentliche, man muß immer tasten: Was hat der liebe Gott vor, wie spricht er durch die Verhältnisse? Wir müssen also auch sehen, in unserer Sprache gesprochen, ob es der liebe Gott ist, der ein Türchen aufmacht, oder ob wir die Türen aufreißen. Wenn wir die Türen aufreißen, die der liebe Gott noch geschlossen wissen will, da ist die „Heilige Schrift“ eben falsch gedeutet worden.

Prüfen Sie nun bitte einmal, was das bedeutet für die Erneuerung der Welt! Denken Sie daran, daß ich Pius XII. seinerzeit das Versprechen gegeben habe, wir wollten uns dafür einsetzen, daß die Säkularinstitute für die Verchristlichung der Gesellschaftsordnung oder für die Erneuerung der modernen Gesellschaftsordnung so viel leisten, wie die alten Ordensgemeinschaften das früher getan haben. Prüfen Sie bitte einmal, wie der liebe Gott dieses Wort gleichsam als ein prophetisches gedeutet wissen will, und wie er im Hintergrund die ganze Weltgeschichte so dreht, daß die Dinge wahr werden! Denn das, was ich jetzt sage, ist nicht reflexiv konstruiert, das ist Stück für Stück geworden. Um was geht es hier? Es dreht sich um die ganze Gesellschaftsordnung, nicht nur um das Individuum. Von da aus verstehen Sie natürlich auch viel besser, was es heißt: Schönstatt eigenartigerweise eine neue göttliche Initiative für die gesamte heutige Kirche! Wir müssen nur geschlossen bleiben.

Das sind Fragen, die wir nachher noch einzeln miteinander zu überlegen haben: wie der äußere Werdegang sein muß, und wie die inneren Werdegesetze (unserer Erziehung) sich auswirken sollen, damit wir der Zeit gegenüber gewappnet sind, einen festen Standort haben und gleichzeitig auch immer geöffnet sind für all das, was der liebe Gott uns neu sagt, Sie müssen festhalten, der liebe Gott hat nicht nur gesprochen durch die vergangene Generation, er spricht jeden Tag, nicht nur durch, sondern auch zu uns. Darum müssen wir immer geöffnet sein für alles, was in der Zeit vor sich geht, aber immer. Das können wir aber nur, wenn wir standfest sind, nach dem alten Gesetze: „Quidquid recipitur ad modum recipientis recipitur.“ Wenn wir sind, wie die heutigen Menschen insgesamt, auch wie viele katholische Menschen, dann hat der Bolschewismus eigentlich einen glänzenden Erfolg davongetragen. Es gibt keine Standfestigkeit mehr. Ich sage: nicht mehr, meine aber: nicht genug. Es gibt keine Wurzelhaftigkeit, Wurzelfestigkeit mehr. „Quidquid recipitur ad modum recipientis recipitur.“ Wir müssen erst einen Standort haben, der muß in Fleisch und Blut übergegangen sein. Das muß etwas absolut in sich Gefestigtes sein, aber so, daß die Geöffnetheit immer bleibt.

Ich muß noch einmal wiederholen, was ich schon zwei- oder dreimal gesagt habe: von welcher Bedeutung für diese Standfestigkeit beim Universalismus unserer Familie der Partikularismus ist. Sie müssen immer vor Augen halten: Universalismus ohne Partikularismus ist morgen Nihilismus! Von welch großer Bedeutung sind (in diesem Zusammenhang) die drei Kontaktstellen, das Schönstattgeheimnis! Sicher, das ist eine Konkretisierung, scheinbar eine Einengung, das ist aber an sich die Wurzel unseres möglichen Seins. Wir können nicht existieren ohne diese Einengung. Das ist es ja gerade, der heutige Mensch ist so universell eingestellt, und durch die Öffnung, die das Konzil gebracht hat – wie Johannes XXIII. meinte: die Fenster sind offen, die Türen sind aufgeriegelt -, kommt viel mehr Luft von draußen hinein in die Kirche als von drinnen nach draußen geht. Das wird die große Frage sein, wie weit wir es morgen fertigbringen, durch die Fenster und Türen, die geöffnet sind, auch Kirchenluft, unsere Luft – von Schönstatt aus gesehen: „Schönstattluft“ – in die Welt hinausfließen und -fluten zu lassen.

Deswegen noch einmal: Von welcher Bedeutung ist das, was wir angedeutet haben und worüber Sie sich, wenn Sie wollen, ausführlich orientieren lassen können: die Hausheiligtümer. Das ist eine ganz große Welt. Was wir durch die Lehre von den Filialheiligtümern als überreiche Frucht eingehamstert haben, will nunmehr als eine wertvolle Frucht der verflossenen Jahre und unter dem Gesichtspunkt des Hausheiligtums neu gesehen werden. Ich versage mir jetzt, ausführlich darüber zu sprechen, es soll ja nur eine Richtlinie sein. Sie haben wissen wollen, welche Deutung wir dem Gegebenen jetzt zu schenken haben mit Rücksicht auf das Künftige. Vergessen Sie bitte nicht das Wesentliche, was wir herausgestellt haben, vergessen Sie aber auch nicht die Bedeutung der Hausheiligtümer.

Ein Letztes zum Abschluß des Gedankenganges – ich sage überhaupt nichts Neues, grundsätzlich ist das ja alles bekannt: Jetzt muß in gleicher Weise das Herzensheiligtum kultiviert werden. Das klingt an sich komisch, wie eine gewisse Gegensätzlichkeit. Wenn Sie überlegen, was wir im Laufe der Jahre an Gedankengängen formuliert oder an Ausdrücken weitergegeben haben: fast mit einer beispiellosen, freilich muß ich beifügen: organischen Einseitigkeit haben wir den Gott des Lebens gekündet. Jetzt kommt auf einmal der Gott des Herzens wieder dazu. Das ist gleich wesentlich für die heutige Zeit. Sie müssen sich einmal die Dinge vergegenwärtigen, die Sie in der Presse so häufig gelesen, worüber Sie wahrscheinlich gelächelt haben: daß die Astronauten, meinetwegen russischer Prägung, wenn sie wieder zur Erde herunterkommen, jubilierend sagen: Wir sind nirgendwo dem Herrgott begegnet! Wissen Sie, heute ist die Welt geistig durcheinander.

Aus: Vortrag 1965, 22. November (C)

in: Rom-Vorträge I (D, A 5), S. 155-204, Seite 161 – 176

 

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