10. Schluss

10. Schluss

10.1. Ergebnis

Ziel dieser Arbeit war es, das Entstehen der Gottesbeziehung auf der Grundlage natürlicher Beziehungen bei J. Kentenich anhand des von ihm entwickelten Gesetzes der organischen Übertragung und Weiterleitung darzustellen. Der Raum, den die Darstellung einnimmt, deutet schon darauf hin, dass J. Kentenich mit großer Reflexivität psychologische Zusammenhänge beschreibt und beachtet und sie in einer originellen Synthese zur Grundlage seiner Pädagogik macht.

Ich erlaube mir keine fachlich-inhaltliche Beurteilung der pädagogisch-psychologischen Konzeption von J. Kentenich – weder von der Theologie her (sie wurde viel zu kurz dargestellt), noch von der Psychologie her (vgl. die in der Einleitung gemachten Vorbehalte). Einige Ergebnisse dieser Untersuchung will ich aber festhalten:

Es muss erstaunen, in welchen Denkhorizonten J. Kentenich sich bewegt. Im Gang dieser Untersuchung kam immer wieder der Zusammenhang eines viel weiteren Konzeptes zum Vorschein, in dem J. Kentenich Psychologie und Theologie zusammendenkt und in einen gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Rahmen stellt.

In Bezug auf seinen psychologischen Ansatz kann festgehalten werden, dass J. Kentenich sich zwar von anderen bereichern ließ, aber hauptsächlich selbständige Forschungsarbeit geleistet und eine originelle, eigenständige psychologische Theorie entwickelt hat. Grundsätzlich stimmt J. Kentenich mit der wissenschaftlichen Psychologie überein, wo es um das „Technische“ geht, d.h. in der Analyse von psychischen Krankheiten, in der Beschreibung von psychischen Prozessen und in der Behandlung. In Einzelfällen setzt er andere Akzente oder hat er andere Deutungen. Er ist aufgeschlossen, sich von den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Psychologie bereichern zu lassen. Der Hauptunterschied zu den meisten Psychologen liegt in seiner Bewertung religiösen Lebens als reales Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch, die seiner gläubigen Überzeugung und persönlichen Erfahrung entspringt.

J. Kentenich schafft in seinem Denken eine Synthese von Psychologie und Theologie. Sicher muss gefragt werden, ob diese Synthese in der Weise durchgeführt werden darf und ob sie einer genaueren Überprüfung auf der Theorieebene aus psychologischer und theologischer Sicht standhalten kann. Eine solche Überprüfung scheint mir der Ansatz von J. Kentenich wert zu sein, da er einer der ersten Denker ist, der im Raum der katholischen Kirche den Versuch einer derartigen Synthese angestellt hat. Außerdem ist sein Ansatz praktisch wirksam geworden in der Schönstatt-Bewegung, so dass er von daher noch einmal Gewicht bekommt.

Mit der Integration der Psychologie in das schönstättische aszetisch-pädagogische System vollzieht J. Kentenich einen Bruch mit der traditionellen kirchlichen Askese. Sein Ansatz wurde daher zu seinen Lebzeiten missverstanden und von der Kirche angegriffen. Die Berücksichtigung psychologischer Gesetzmäßigkeiten im Glaubensvollzug des Menschen muss jedoch als ein Versuch gelten, Antwort zu geben auf die Herausforderungen der heutigen Zeit, in der die natürlichen Grundlagen für eine Gottesbeziehung nicht mehr selbstverständlich gegeben sind.

10.2. Ausblick

Auf dem Hintergrund der Schwierigkeiten, die einer Herausarbeitung der Konzeption J. Kentenichs im Wege stehen, würde man sich von J. Kentenich eine systematischere, wissenschaftlichere Darstellung seines Entwurfs wünschen. So stehen wir vor einem Berg von Material, das eine Menge von Problemen impliziert. Das Interessante und Schwierige zugleich bei J. Kentenich ist seine ganzheitliche Zusammenschau, die es der Analyse erschwert, die verschiedenen fachwissenschaftlichen Ebenen auseinanderzuhalten. Weitere Untersuchungen und Forschungsarbeit am Quellenmaterial sind daher nötig, wie die Einleitung in diese Arbeit schon nahelegt. Diese weiteren Forschungen mögen dann auch zu näheren Konkretionen und praktischen Anwendungen des Grundansatzes von J. Kentenich führen.

Ein weiterer Schritt, der zu tun ist und der Hand in Hand geht mit der Aufarbeitung des kentenichschen Ansatzes, ist die Übersetzung in heutige (Fach-)Terminologie und der Vergleich mit anderen psychologischen Schulen, vor allem auch mit neueren Ansätzen. Dann lässt sich vermutlich vieles von ihm wissenschaftlich erhärten, was er selbst nur angedeutet hat oder was bei ihm als Endergebnis dasteht, ohne dass er den Weg dorthin nachprüfbar beschrieben hat.

In der Frage, welchen psychologischen Schulen J. Kentenich nahesteht, weist die Lehre vom Bindungsorganismus in eine bestimmte Richtung: Es geht um die Bedeutung der Bindung oder Beziehung für die psychische Gesundheit des Menschen und um die Heilung des Menschen durch die Beziehung. J. Kentenich ist damit weniger mit der Psychoanalyse zu vergleichen, als mit moderneren gestalttherapeutischen und verhaltenstherapeutischen Schulen und der klientenzentrierten Methodik von C. Rogers.[448]


[448] Vgl.: Vautier 79 II, 45f.

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