CS27 CAUSA SECUNDA Text 27

CS27 CAUSA SECUNDA Text 27

Aus: Weihnachtstagung „Das Schönstattgeheimnis“ 1940

Unsere Christusgliedschaft ist die Quelle unermeßlichen Reichtums. Dieser besteht darin, daß Christi Eigentum auch unser Eigentum, daß seine Geheimnisse auch unsere Lebensgeheimnisse geworden sind. So hat Christus uns durch die Eingliederung in seinen mystischen Leib nicht nur seinen Vater als unseren Vater, nicht nur seinen Geist als unseren Heiligen Geist, sondern auch seine Mutter als unsere Mutter geschenkt. Uns hat er seine Mutter geschenkt, uns als den Gliedern seiner Kirche.

Zunächst wurde sie uns geschenkt als die vollendete Verkörperung der Werktagsheiligkeit, als das Ebenbild Gottes in seiner vollkommensten Ausprägung, soweit es überhaupt für Menschen möglich ist. In ihr ist ja nach einem Worte Dantes das Antlitz Christi am vollkommensten ausgeprägt. Christus ist sol iustitiae und die Gottesmutter ist speculum iustitiae. Alle Strahlen gottmenschlicher Vollkommenheit, die Jesus Christus ausstrahlt, hat sie aufgefangen und spiegelt sie wider. Es ist die schönste Aufgabe der Familie, historisch das ganze Leben der Gottesmutter und all ihrer einzelnen Vollkommenheiten nachzuleben. So hat sich hier im Laufe der Jahre das Wort der Urkunde ausgewirkt: „.., daß unser Kongregationskapellchen zugleich unser Tabor würde, auf dem sich die Herrlichkeit Mariens offenbarte“.

Die Gottesmutter soll sodann unsere Mutter sein, die fürbittende Allmacht. So steht sie vor uns als die Mittlerin zwischen Gott und uns, zwischen uns und Gott. Diese Mutterschaft und Mutterwürde Mariens wurde von Jesus Christus am Kreuze feierlich proklamiert mit den Worten: „Siehe da deine Mutter!“ (Jo 19,27) Das galt und gilt für die ganze Kirche, in Sonderheit für die Nachfolger des heiligen Johannes, die Priester. Promulgiert, nicht konstituiert wurde Mariens Mutterschaft am Kreuze. Mutter wurde Maria bei der Menschwerdung, des Gottessohnes leibliche Mutter, unsere in geistig-mystischer Weise. Was Christus gehört, das gehört auch uns als Gliedern seines mystischen Leibes, sein Geheimnis ist auch unser Geheimnis geworden.

Hier kommen folgende drei Gesetze zur Anwendung:

1. Das große Weltregierungsgesetz: Deus operatur per causas secundas liberas. Wir sprachen von dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung und wiesen in diesem Zusammenhang hin auf die Einsetzung unserer Eltern durch Gott, auf die Bedeutung von Freunden in unserem Leben. Auf diese überträgt Gott ein Stück seiner Macht und seiner Rechte. Das Gesetz kennt auch eine stufenmäßige Steigerung: in hervorragender Weise hat Gott seine Macht, Güte und Treue auf eine Person übertragen, die Gottesmutter, die unsere wirkliche Mutter ist. Alles, was dem Himmelsvater gehören soll, will die Gottesmutter in uns wecken, um es organisch weiterzuleiten und auf den Himmelsvater zu übertragen. Wer die Anwendung dieses Gesetzes kennt, für den kann es nicht befremdend klingen, wenn von Marienliebe und -verehrung gesprochen wird. Denn es sollte ja für jeden Menschen selbstverständlich sein, daß er dem Willen Gottes entsprechen muß und die Seinsordnung auch in seinem Leben anerkennt; deswegen sollen wir auf die Gottesmutter unsere Liebe, unsere Dankbarkeit und unsere Hingabe übertragen. Natürlich muß die Weiterleitung funktionieren. Aber wo es sich um echte Liebe handelt, wird das von selber wachsen. Die Liebe schafft ja Gebundenheit und Haltung. Und die Haltung der Gottesmutter ist ja restlose Hingabe an den dreifaltigen Gott. Die Erfahrung zeigt, daß diese Gedankengänge zurecht bestehen. „Ich habe meinen Jungen früher fast nie von der täglichen Kommunion gepredigt. Und doch empfingen alle täglich die Heilige Kommunion. Und das war damals durchaus noch nicht selbstverständlich. Es wurde von selber aus der Mariengebundenheit eine Christusgebundenheit. Man muß natürlich die großen Zusammenhänge sehen, um richtig greifen zu können.“

Gott steht vor uns als der große Vertrauenspädagoge. Einmal hat er diese seine Pädagogik in gigantischer Weise üben wollen. Er hatte das ganze Schicksal der ganzen Welt in die Hände eines Mannes gelegt. Aber er ist, menschlich gesprochen, enttäuscht worden. Aber Gott bleibt der Vertrauenspädagoge. Nach Jahrtausenden hat er sich eine schlichte Magd erkoren und in ihre Hände das Schicksal der Welt gelegt. Gott zwingt nicht. Frei soll Maria ihr Ja sagen. Und sie hat ihn nicht enttäuscht. Seitdem liegt es dem Kinde Gottes im Blute, die Methode Gottes nachzuahmen. Nachdem der Vater das Schicksal der Menschheit in die Hände Mariens gelegt, ist es für uns selbstverständlich, daß wir all unser Schicksal in die Hände der Mutter legen, um mit ihr zum Vater zu gehen. Dieses feine Gesetz der Vertrauenspädagogik Gottes und des Vertrauens der Menschen wird vor allem wirksam in Zeiten der Entscheidung, wenn die Welt bersten will. Dann steht da das apokalyptische Weib, das wartet, bis die Völker wieder ihr Geschick in ihre Hände legen, damit sie so der Welt wieder Christi Bild aufprägen könne.

2. Das große Weltordnungsgesetz findet seine Anwendung bei Maria. Wir sind Glieder Christi, wir alle. Aber es gibt eine stufenmäßige Abwandlung dieses Gesetzes. So ist es uns verständlich, daß ein Wesen Christusgliedschaft in einzigartiger Weise verkörpert: Maria. Sie steht vor uns als die in einzigartiger Weise Christus angeeinte Braut. – Eine menschliche Natur ist in einzigartiger Weise in Gott hineingezogen: die menschliche Natur des Gottmenschen. Eine menschliche Person ist in einzigartiger Weise mit dem dreifaltigen Gott verbunden: die Gottesmutter. – Hier steht die Gottesmutter mehr als das Vorbild der gottgeeinten Seele vor uns, während wir vorhin mehr ihre mütterliche Tätigkeit im Auge hatten. Die Gottesmutter ist das vollkommenste Werk Gottes in Natur und Gnade. Gott hat sie, menschlich gesprochen, in der Ekstase geschaffen. Allen Reichtum, den er verschenken konnte, hat er in sie gebannt.

3. Das Weltvervollkommnungsgesetz: Opera Dei perfecta (vgl. DT 32,4): Was Gott schafft, schafft er vollkonmen. Hat Gott ein •Mutterbedürfnis in die menschliche Natur hineingelegt, dann muß er ihm auch entsprechen in der übernatürlichen Ordnung. Da finden wir wiederum die Harmonie zwischen Natur und Obernatur, „an der ich mich persönlich nie satt sehen kann“. Scheeben meint, es sei in der Obernatur dasselbe wie in der Natur, daß die Mutter alle kindliche Liebe im Kinde wecken und zur Entfaltung bringen müsse, um sie dann auf den Vater weiterleiten zu können. So müsse auch unsere Himmelsmutter all unsere Kindlichkeit wecken, damit wir diese ganz dem Vater schenken könnten.

„Ecce Mater tua. – Et ex illa hora accepit eam discipulus in sua“. Johannes nahm Maria an als seine Mutter. Er tat das im Namen der ganzen Kirche. Aber ihm war sie doch in besonderer Weise anvertraut. So ist die Gottesmutter auch uns, der Schönstatt-Familie und die Schönstatt-Familie der Gottesmutter, in hervorraqender Weise anvertraut. Und so nahm Schönstatt sie in „sein Eigentum“.

A priori halten wir eine solche Anvertrauung an einen besonderen Kreis für wahrscheinlich. Das liegt auf der Linie der gewöhnlichen Gnadenordnung. Der Heilige Geist verteilt in der Kirche große Gesamtaufgaben an einzelne Personen oder Gemeinschaften. Ein Glied hat diese, ein anderes Glied jene Sonderaufgabe zu lösen (1Kor 12,28). Hat nicht die Kirche den Auftrag bekommen, die Gottesmutter zu ehren? Da ist es ja von vornherein wahrscheinlich, daß besondere Gemeinschaften diesen Auftrag besonders bekommen.

Gott kennt ähnlich wie wir das Gesetz der Arbeitsteilung. Vcn Ebenbilde Gottes her sollten wir alle menschliche Tätigkeit sehen. Wir freilich kennen Arbeitsteilung aus Begrenztheit und Enge heraus. Gott übt diese aus Fülle und Reichtum heraus. Gott könnte alles allein machen, aber er will es nicht. Er will die Menschen, die Abglanz seiner Eigenschaften sind, benutzen, daß sie teilnehmen an seiner schöpferischen und verschenkenden Tätigkeit.

Dazu kommt folgender Grund: die heutige Welt ist am krachen. Der Vesuv ist ausgebrochen. Er ergießt seine Lava überall hin. Es scheint als ob alles Bestehende umgeworfen werden sollte. Bei derartigen großen und tiefgreifenden Zeiterdbeben hat Gott jeweils die Gottesmutter als lebendiges Werkzeug benutzt. Er will eben wirken durch Zweitursachen. „Cunctas haereses (tu) sola interemisti in universo mundo.“ Das wird auch gelten von den antropologischen Irrlehren von heute: „Du wirst sie überwinden durch deine Fürbitte und dein Beispiel.“ So halten wir es für selbstverständlich, daß heute ensprechend der Gefahr für die Kirche ein neues marianisches Zeitalter anbrechen muß. Und es wird uns nicht wundern, wenn diese Aufgabe, Werkzeug in der Hand der Gottesmutter zu sein, einer besonderen Gemeinschaft anvertraut wird. Als letzten Grund der Wahrscheinlichkeit, daß die Gottesmutter uns anvertraut sei, führen wir dies an: Auch bei uns innerhalb der katholischen Kirche spürt man ein starkes Hin- und Herfluten unter dem Einfluß von außen. Die Fundamente werden neu geprüft. Da wundert es uns nicht, daß starke Spannungen und Gegenströmungen entstehen. Einerseits sorgt der Geist der Kindschaft dafür, daß sich die Kirche ihrer Aufgabe gegenüber der Gottesmutter bewußt werde. Andererseits löst eine solche Lebensströmung starke Gegenströmungen aus. So wird eine erleuchtete Marienverehrung in weiten Elitenkreisen der Kirche heute abgelehnt. Ist es da nicht wahrscheinlich, daß eine Gemeinschaft den besonderen Auftrag der Marienverehrung bekommt?

Hat Gott denn diesen Auftrag unserer Familie gegeben? Wir antworten: Ja! Wir sind zu dieser Aufgabe in besonderer Weise berufen von Schönstatt aus. Wir sind ein auserlesenes Werk und Werkzeug in der Hand der lieben Gottesmutter von Schönstatt zur sittlichen-religiösen Erneuerung der Welt in Christus von Schönstatt aus.

Ist es viel, was wir damit behaupten, was wir glauben? Wir wollen zuerst die Tragweite dieser Behauptung zu ermessen suchen.

Wir sind ein auserlesenes Werk, ein Werk der lieben Gottesmutter, Wir haben als Familie einen Ruf bekommen von ihr. Wir fragen nach den Ursachenreihen: Wer hat die Bewegung geschaffen? Causa efficiens principalis ist Gott. Causa efficiens instrumentalis meritoris ist der Gottmensch. Und Maria, die Gottesmutter, ist causa efficiens instrumentalis impetratoria.

Werkzeug: Sie will uns benutzen, ihre Aufgabe in der Kirche heute zu lösen. Wir sind zu sehen als moralisches Werkzeug: Durch ihre Fürbitte erfleht sie uns die Gnade, daß wir die Kraft haben, diese Aufgabe auszuführen.

Ein auserlesenes Werkzeug: Schönstatt will und muß stets gesehen werden im Rahmen der gewöhnlichen Gnadenordnung. Zeigen wir das an einen Beispiel. Da ist eine ganz verkommene Familie. Der Vater ein Säufer und Lump, die Mutter eine Hure, alle Kinder Taugenichtse. Aber ein Junge wird aus dieser Familie berufen zum Priester – ohne alles eigene und fremde Verdienst. So, ganz ohne unser Verdienst, sind wir auserlesen und gerufen zu dieser großen Aufgabe und Sendung. Dieser Gedanke gibt uns tiefen Demuts-, aber auch starken Siegesgeist.

Was ist causa materialis, wer ist als Werk und Werkzeug berufen? 1. Unser kleines Heiligtum; 2. alle, die zur Familie berufen sind. Es gibt eine Berufung zum Bunde, und diese muß umso stärker, deutlicher sein, je näher sie an die Bundesaufgaben heranführt. Also Selektionsprinzipien anwenden, klar sehen, bestimmt zugreifen!

Was ist causa finalis? Die Verherrlichung Gottes! In concreto: Marianische Christusgestaltung der Welt; Christi Antlitz der Welt aufzuprägen; dafür zu sorgen, daß möglichst viele Christus eingegliedert werden.

vervielfältigt/Wachs, 18 Seiten A4, S.1-3 *

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