CS42 CAUSA SECUNDA Text 42

CS42 CAUSA SECUNDA Text 42

Aus: Oktoberwoche 1950

Während wir diese Aufgabe zu lösen trachten, stehen die großen Verheißungen vor unserem geistigen Auge, die wir so gerne hören: „Qui ne invenerit, inveniet vitam et hauriet salutem a Domino“ (Spr 8,35). „Wer mich findet, findet das Leben, und er wird Heil vom Herrn trinken.“ Die mich in das Licht rücken, die meine Apostel sind, die Apostel der Marienverehrung, der ganzheitlichen Marienverehrung sind, die werden das ewige Leben haben.

Geben Sie mir die Erlaubnis, das Wort vita anders zu deuten. Wir wissen, was es zu sagen hat; wir kennen die alte Überlieferung. Was ist das für ein Leben? Das Leben ist Christus. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Jo 14,6). Wer die Gottesmutter findet, kommt zu Christus. Der Christusbezug der Gottesmutter ist das Zentralste in ihrem Leben. Wer sie findet, wird das Leben haben.

Lassen Sie mich das Wort Leben nun anders deuten, damit ich den Zentralgedanken, den ich immer festhalten will in diesen Tagen, niemals verliere. Das „Leben“ kann noch etwas anderes besagen. Es kann das natürliche Leben bedeuten und – was uns durchweg in Deutschland, zumal in Akademikerkreisen abhanden gekommen ist – ein gesundes naturhaftes Denken.

„Wer mich findet, findet das Leben“, auch ein gesundes natürliches Leben, auch ein gesundes, natürliches Denken. Weil uns das abhanden gekommen ist, deswegen haben wir nicht das entsprechende Organ für das Verhältnis der einzelnen Wahrheiten zueinander. Krankhaft ist unser Denken geworden, erstlich durch den Protestantismus, dann durch das Aufklärertum und den sogenannten philosophischen Idealismus, der das Religiöse lediglich als eine Idee sieht, als System, nicht aber als Leben, als sprudelndes Leben. „Wer mich findet, findet das Leben“, ein gesundes, naturhaftes Leben und Denken.

Wie sieht ein derartiges Denken aus?

Es ist zunächst ein symbolhaftes Denken. Lassen Sie mich das jetzt schon vorwegnehmen. Später kommen wir vom pädagogischen Standpunkt aus nochmals darauf zurück.

Der nüchterne Realismus der heutigen Menschen, der Mechanismus, Liberalismus und Industrialismus bringen es nicht fertig, über die gewöhnlichen Schranken des Seins hinwegzusehen und in den Erkenntnisgegenständen Ideen verkörpert zu sehen. In dem Buch „Werktagsheiligkeit“ lesen Sie von prophetischer Dinggebundenheit. Alle geschaffenen Dinge sind Propheten, die über sich hinausweisen. Ein solches symbolhaftes Denken kennt der heutige Mensch weniger. Will eine Erneuerung wirklich tiefer gehen, muß sie hier ansetzen.

Naturhaftes Denken ist zweitens ganzheitliches Denken, nicht mechanisches Denken. Mechanisches Denken reißt auseinander, was zusammengehört. Organisches Denken kennt die Grundbeziehungen zwischen Erst- und Zweitursache, bleibt also weder bei der Erst-, noch bei der Zweitursache allein stehen. Ganzheitliches Denken versteht es deswegen auch, im Lichte Gottes die Gottesmutter, im Lichte Gottes auch die Eltern und jegliche Autorität zu sehen. Wenn wir nicht brechen mit dem mechanischen Denken, sind wir innerlich unfähig, religiös zu werden, jedenfalls unfähig, den Katholizismus richtig zu sehen und zu deuten.

Gesundes natürliches Denken ist drittens ein zentriertes Denken. Aus der großen Welt der Erkenntnisgegenstände weiß gesundes Denken Zentrales hervorheben. Für unser schönstättisches Denken war von Anfang an der zentrale Punkt die Einheit, die Verbindung zwischen Mutter und Kind. „Mutter und Kind, in Liebe verbunden“ Wir haben stets an der Grundbeziehung zwischen Marien- und Christusliebe, zwischen Maria und Christus festgehalten. Von Anfang an war das unsere große Sendung. Und diese Sendung tritt nun durch die Dogmatisierung in ein ganz neues, helles, strahlendes Licht.

vervielfältigt/Offset, 443 Seiten A5, 5.60-63 **

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