CS55 CAUSA SECUNDA Text 55

CS55 CAUSA SECUNDA Text 55

Aus: Zum Verständnis Schönstatts 1965

Zum Verständnis Schönstatts und seiner Lage im Kreuzfeuer der gegenwärtigen kirchlichen Diskussionen muß man vor Augen halten, daß es zwar mit allen Fasern im Wurzelboden bewährter katholischer Tradition wurzelt, aber seine Originalität darin glaubt erblicken zu dürfen, in seinen Gliedern und Gliederungen vorsichtig das Bild der Kirche am neuesten Zeitenufer unter ständiger kirchlicher Kontrolle zu verwirklichen.

Vor allem sind es fünf Punkte, die hier in Frage kommen. Sie greifen die Gesamtproblematik der heutigen Zeit auf und versuchen, deren Sinn zu erfassen und in die Tat umzusetzen.

1. Es geht dabei zunächst um die umfassende Sendung der Kirche in der heutigen Zeit, wie sie durch die Auflösung aller natürlichen und übernatürlichen Bindungen in Welt und Kirche nahegelegt wird. Genauer gesagt: um zeitgerechte Weiterführung des Anliegens eines heiligen Augustinus, dem das Verdienst eignet, durch Anpassung an platonische Gedankengänge die Theologie der Erstursache der damaligen Zeit verständlich zu machen, und das Anliegen des heiligen Thomas, dem die Kirche durch Anlehnung an aristotelische Auffassungen die Philosophie der Zweitursachen verdankt. Thomas hat aus solcher Grundeinstellung heraus das bekannte Prinzip formuliert: Deus operatur per causas secundas liberal und auf solche Weise die relative originelle Eigenständigkeit der Zweitursachen geretttet. Heute kommt es nun darauf an, die säkulare Leistung beider Kirchenlehrer neu zu sehen, sinngemäß zu verwirklichen und vorsichtig zu ergänzen durch deren Psychologie.

Grund für diese Einstellung und Zielsetzung ist in der vox temporis als vox Dei zu finden. Heute geht es ja in der Welt und Kirche um Auflösung aller gottgewollten Bindungen in beiden Ordnungen: in der natürlichen und der übernatürlichen. Darum verlangt die vox temporis die vollkommene Rettung und Wiederherstellung und gesicherte Vollendung all dieser Bindungen durch eine ausgesprochene katholische Bindungslehre, genauer: durch die Theologie und Philosophie und Soziologie und Pädagogik eines katholischen Bindungsorganismus.

Es geht dabei in der Hauptsache um die Anwendung der so gesehenen Bindungs- und Organismuslehre auf das Weltregierungs- und Weltordnungsgesetz, das vom Bolschewismus radikal geleugnet und auch in katholischen Kreisen nicht selten bedenklich gefährdet ist. Alle einschlägigen Gesetze sind in klassischster Weise veranschaulicht an einem ausgezeichneten Fall: an Sein und Leben sowie an Ausstattung und Sendung der Gottesmutter.

So schenkt ihr Bild einen einzigartigen, einen ausgezeichneten Anschauungsunterricht zur Lösung schwerster moderner Zeitfragen. Aufgabe der Kirche scheint es zu sein, dafür zu sorgen, daß die Geschichte einmal das Wort wagen darf: Omnes haereses, etiam anthropologicas, tu sola interemisti in universo mundo.

Das Weltregierungsgesetz repräsentiert sich vom psychologischen Standpunkte aus als das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung. Das Weltordnungsgesetz stellt vom selben Standpunkte aus fest, daß beide Ordnungen in ihrer Art Ausdruck, Mittel und Schutz füreinander sind. Damit ist eine feste Grundlage für die Oberwindung und Sinnerfüllung bolschewistischer Geistigkeit gefunden. Wie sehr das der Fall ist, beweist der Bolschewismus selber. Ein bolschewistischer Fachgelehrter (Hubert Mohr) hat neuerdings festgestellt, daß Schönstatt gerade durch seine Theorie und Praxis seiner Organismuslehre auf dem Wege sei, der gefährlichste und wirksamste Gegner bolschewistischer Geistigkeit zu werden. Daß es gegenwärtig der Zahl nach noch nicht gar zu groß sei, verschlage nichts ob der besagten Tatsache.

2. Besagte Psychologie der Zweitursachen greift in wirksamer Weise ein anderes Problem auf, das die moderne Psychoanalyse in ihrer Art zu lösen trachtet. Schönstatt hat von Anfang an ein Doppeltes unterschieden: das Anliegen der Psychoanalyse: die Erfassung des unterbewußten Seelenlebens womöglich bis in die letzten Wurzeln, und die Methode, die sie zu diesem Zwecke vorschlägt und anwendet. Die Methode, zumal in ihrer materialistischen und pansexualistischen Art, hat Schönstatt allezeit grundsätzlich abgelehnt. Das Anliegen – gerade wegen der schicksalshaften Auflösung aller wurzelechten Bindungen – allezeit vor Auge gehalten. …

3. Bei Auflösung aller natürlichen und übernatürlichen Bindungen in Welt und Kirche oder – anders ausgedrückt – bei vollkommener Auflösung der christlichen Gesellschaftsordnung nimmt die Stellung des Vaterprinzips einen besonderen Platz ein. Was heute allgemein nach dieser Richtung hin diagnostiziert und als Prognose gepriesen wird, hat Schönstatt bereits seit den zwanziger Jahren, in denen die gesamte christliche Literatur fast ausschließlich mit dem Mutterprinzip sich beschäftigte, erfaßt und seinen Aufgabenkreis dadurch bestimmen lassen. Seit dieser Zeit hat es sich sorgfältig bemüht, das Problem kulturgeschichtlich zu klären, philosophisch zu durchleuchten und psychologisch verständlich zu machen. Nicht nur die Diagnose, sondern auch die Prognose wurde sorgfältig gesucht und praktisch durchexperimentiert. Vor allem stellte es fest, daß die von ihm gegründeten Säkular-Institute ohne sinngerechte Anwendung des Vaterprinzips in ihrer Art und gottgewollten Sendung nicht lange existieren und fruchtbar sein könnten.

4. Bei Auflösung aller Lebensbänder und -bindungen will als besonderer Leidträger der christliche Gehorsam gesehen werden. Tatsächlich spricht man heute in allen Kreisen von der Krise des Gehorsams. Allerorten verlangt man nicht nur eine Wiedergeburt, sondern auch eine Neugeburt des Gehorsams, vornehmlich in Anpassung an die moderne Lebensauffassung der Kirche von sich selber. Macht man ernst mit der Idee des Volkes Gottes, so ist die naturgemäße Folgerung daraus, daß die Kirche heute mehr denn je als Familie Gottes gesehen und gewertet werden will. Nichts ist deshalb verständlicher als der immer lauter werdende Ruf nach einem familienhaften Gehorsam, der nicht ohne erleuchteten Freimut existieren kann. Das ist der Gehorsam, den Schönstatt von Anfang an gepflegt und in allen – auch in den kritischsten – Situationen zu leben versucht hat.

5. Das Gehorsamsproblem kennt eine doppelte Form: es will unter dem Gesichtspunkte des Verhältnisses zwischen Gehorsam und Freiheit oder unter der Sicht von Amt und Charisma gesehen werden. Wo es sich in letzterem Falle um konkrete Anschuldigungen handelt, gibt Anlage eine abgewogene, sachliche Antwort.

vollständiger Text vom 18.9.1965 ***

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