GdL-1965-11 Unsere Geschichte ist unsere Heilige Schrift

GdL-1965-11 Unsere Geschichte ist unsere Heilige Schrift

Aus: Vortrag 1965, 22. November

Was heißt das: Unsere Geschichte ist unsere Heilige Schrift? Der liebe Gott kann sprechen, uns etwas mitteilen. Wodurch? Dadurch, daß er etwas schreiben läßt. Er kann auch etwas hineinschreiben in die Geschichte. Was ist das? Das verbum divinum incarnatum. Zeitenstimmen sind Gottesstimmen! Gott spricht! Wodurch? Durch die Entwicklung. Dieses Gesetz, das ich da herauskehre, gilt natürlich für alle Gliederungen und für jede Etappe der Geschichte. Ich habe das früher häufig unseren Patres gesagt, auch wenn ich im Ausland sprach: Was wir unsere Heilige Schrift nennen, die Ausdeutung der Geschichte, ist natürlich für uns deswegen so notwendig, so wesenhaft, es paßt ja alles zum Gesetz der geöffneten Türe. Der liebe Gott öffnet die Tür. Wodurch? Durch die Geschichte. Diese Auffassung ist ja heute so wesentlich. Der liebe Gott hat sie uns schon sehr früh geschenkt. Wie häufig haben wir im Laufe der Jahre sagen dürfen: Es gibt einen Gott der Altäre, es gibt einen Gott unseres Herzens und einen Gott des Lebens. Das ist heute das Kernstück: Wir müssen Gott im Leben begegnen! Gott spricht auch durch die Situationen des Lebens. Wir müssen – das ist jetzt eine andere Formulierung – immer festhalten, wir sind alle im verbum divinum mitgedacht und im Heiligen Geist von Ewigkeit mitgeliebt. Das sind so wesentliche, letzte Formulierungen, die Sie nie ausschöpfen können, Unsere ganze Lebensgeschichte wird eine Verwirklichung dieser doppelten Auffassung sein. Und wenn das alles wahr ist, was in der Heiligen Schrift steht, daß nicht einmal ein Härchen von unserem Haupte fällt… Ich weiß nicht einmal, wie die Exegese das ausdeutet. Es gibt eine bestimmte Art von Härchen. Ich vergesse gerne solche praktischen Dinge – was soll ich für ein Interesse an Haaren haben, ich habe ja auch nicht mehr viele Haare! -, ich weiß nicht, wie man die Härchen nennt: das sind so ganz kleine Dinge am Halse, die man sonst kaum beachtet, so soll das wohl zu deuten sein. Wenn der Herrgott auch dafür sorgt, was bedeutet das dann? Sehen Sie, daraus haben wir früher immer geschlußfolgert: Wir sind halt im Plane Gottes von Ewigkeit mitgedacht und mitgeliebt. Was ist das also? Vorsehungsglaube! Der Glaube daran, daß der liebe Gott von Ewigkeit einen Plan, und zwar einen Liebes-, einen Allmachts- und Weisheitsplan, auch von meinem Leben, auch vom Leben meines Volkes, auch vom Leben der heutigen Welt entworfen hat. Er ist der Gott des Lebens! Und dieser Plan wird haarscharf bis in alle Einzelheiten durchgeführt. Nur müssen wir uns dagegen wehren, etwa zu sagen: Für mich heißt Liebesplan: Kein Wind kommt an mich heran, es passiert mir nichts. Es wird mir viel passieren! Aber nichts, ohne daß es im Plane des Vaters einen tiefen Sinn hat. Oder wenn Sie den anderen Gedanken, das andere Bild noch einmal auf sich wirken lassen wollen: die Vögel des Himmels, die Lilien des Feldes… Der Heiland spricht immer populär. Von einem Bilde hebt er immer einen Teil hervor, wie man das populär tut und was wir „typisieren“ nennen. Der Heiland nimmt nur ein Stückehen (der Wahrheit), das jetzt hervorgehoben werden soll. Was heißt das: Der Vater sorgt für die Vögel des Himmels, für die Lilien des Feldes? Heißt das: Den Vögeln des Himmels passiert nichts? Heißt das: Keines der Vögelchen krepiert? Wie viele krepieren unterwegs! Das wird hier nicht hervorgehoben. Hier wird nur hervorgehoben, daß der Plan Gottes vorsieht: Sorge, Sorge, Sorge! Was leiden die Vögelchen trotzdem nicht alles! Es ist doch nicht so, als hätten sie immer gefüllte Krippen. Das heißt also – was heute sehr wichtig ist, zumal für Menschen, die so vorsehungsgläubig sind, wie wir das sein wollen -: Wir dürfen nicht etwa meinen: Na ja, lieber Gott, ich sage ja, dann passiert mir nichts!, sondern umgekehrt, dann passiert mir wahrscheinlich mehr. Auch rein theologisch gesehen, dürfen wir es durchaus für recht halten daß der liebe Gott uns ungezählt viele Schicksalsschläge erst dann sendet, wenn wir darum gebeten haben, Vieles wird er uns schicken, ohne daß es erbeten ist. Auch wenn wir die Inscriptio machen, kann es, dogmatisch gesehen, durchaus der Fall sein, daß der liebe Gott wartet mit dem Leid, bis wir Bitteschön sagen. Und wenn wir es nicht sagen, so ist der Plan ja doch bis in alle Einzelheiten in der Hand Gottes sehr klar umrissen, weil Gott von Ewigkeit vorausgesehen hat, was wir tun.

Wie komme ich jetzt zu dem Gedankengang? Was wir also vor Augen halten müssen ist das Gesetz, daß unsere Familiengeschichte sich immer kreisförmig bewegt. Das will heißen, wenn ich die Familiengeschichte studiert habe, dann weiß ich im wesentlichen, was morgen und übermorgen passiert. Und umgekehrt werde ich, sobald mir in der Familiengeschichte ein neues Glied lebendig gegenübertritt, instinktiv schauen, ob das nicht irgendwo schon einmal da war. Sie werden es so immer wieder finden. Die Dinge wiederholen sich, aber vielleicht gefüllter, vielleicht anregender, drängender, schöpferischer, auf einer anderen Ebene. Wir haben dafür ja verschiedene Beispiele genannt und sind nachher stehengeblieben bei zwei Beispielen, die sich entsprechend lassen anpassen auf unsere jetzige Situation.

Als erstes haben wir uns vergegenwärtigt, was wir vor dem Abschluß der ersten Gefangenschaft gelebt und erlebt haben. Der zweite Gedanke: Was haben wir damals alles getan zur Vorbereitung auf den Abschluß der ersten Verfolgung? Verstehen Sie, wie das auch für heute zutrifft? Ich muß bloß immer nachschauen: Wie war es damals?

Beim ersten Punkt erinnerten wir uns an den Vortrag, den ich am Vorabend unserer Entlassung aus Dachau gehalten habe: Procedamus in pace in nomine Domini et Dominae! Amen. Ich mag jetzt nicht wiederholen, was wir miteinander überlegt haben von der großen Linie, die davon ausgeht, daß das ganze Leben unserer Familie aufgefaßt werden kann als eine Prozession, die vom Herzen Gottes ausgeht wie der Heiland, hinein in diese Welt und wieder zurück zum Vater. Was hier besonders bemerkenswert ist, ist die ausgeprägt religiöse Färbung. Wenn wir dazu kommen, will ich später das andere Bild, das im Dankeslied verarbeitet ist, auch einmal auseinandersetzen. Sie werden wieder finden, da stecken alle Dinge drin, die sich in der Geschichte bis heute entfaltet haben. Denken Sie einmal an die Strömungen, die heute bei den jungen Priestern lebendig sind: die Wallfahrten, die Pilgerfahrten. Das steht alles drin, natürlich bloß mit einem Wort, Von Anfang an haben wir das Leben so aufgefaßt, zur letzten Wurzel drängend, und auch die entsprechenden Bilder gebraucht: „… auf schwerer Pilgerreise …“ Überlegen Sie einmal, was hier mit dem Worte wiedergegeben ist. Wenn wir soweit kommen, setze ich Ihnen das auseinander, wie wir damals die „schwere Pilgerreise“ aufgefaßt haben und wie wir sie heute auffassen. Sie werden immer feststellen: derselbe Inhalt, nur gefüllter, tragischer, tiefer, heroischer, Es wiederholt sich alles, alles ist Kreislauf.

Noch einmal die Folgerung: Wir dürfen keine Ruhe haben, bis die ganze Familiengeschichte in uns lebt. Das gilt jetzt aber nicht etwa nur von der gesamten Familiengeschichte. Ich möchte Sie dringend bitten – in diesen Tagen kommt man allerdings nicht dazu, irgend etwas zu unternehmen -, nehmen Sie einmal die Geschichte jeder Gliederung für sich, ob das unsere Priester oder unsere Frauen sind, oder ob das die Liga oder der Bund ist. Das müßten Sie mit großer Akribie tun, denn unsere Geschichte ist so überreich, das heißt, das Eingreifen Gottes, das Sprechen Gottes ist so tiefgreifend. Die Heilige Schrift, die gesprochene Heilige Schrift, ist so überaus reich. Und wie wir mit der geschriebenen Heiligen Schrift nie fertig werden, so werden wir auch mit der gesprochenen oder der getätigten Heiligen Schrift nie fertig. Deswegen ist die Art der Betrachtung, wie sie bei uns beliebt ist, nicht nebensächlich: das Nachkosten und das Nachprüfen der göttlichen Erbarmungen und der menschlichen Erbärmlichkeiten, oder das Vorprüfen und Verkosten auf die Zukunft hin, Das ist heute wesentlich, wesentlicher als früher, daß Sie in der gesamten Familie eine wirklich klare Erziehung und Durchbildung genießen. Ich darf jetzt das Wort wieder gebrauchen, das in meinem Munde schon bald ein Schlagwort geworden ist: pluralistische Gesellschaft, pluralistische Gesellschaftsordnung! Das ist nicht nur in der menschlichen Gesellschaft als Ganzes der Fall, sondern auch im Raum der Kirche. Heute besteht ja die Gefahr, daß wir morgen überhaupt kein eigenes Bild einer Genossenschaft mehr haben. Heute besteht die Gefahr, daß alle in ein Einerlei hineinwachsen: alle werden Jesuiten, alle werden Benediktiner. Nein, nein! Heute ist es viel wichtiger, daß jeder sein Eigenbild festhält, mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit festhält, und das können wir nur, wenn wir an unserer Geschichte dazu heranreifen.

Ich weiß nicht, ob es eine Gemeinschaft gibt, die so eindeutig, auch metaphysisch klar, ihr eigenes Bild klar sieht. Wenn schon der Vorsehungsglaube die einzigartige Erkenntnisquelle, die dauernde Erkenntnisquelle, die überaus gut ausgenutzte Erkenntnisquelle ist, verstehen Sie, wie wichtig es dann ist, daß wir die Geschichte, dieses Sprechen Gottes in der Vergangenheit, immer wieder neu untersuchen. Darin liegt ja wohl auch eine große Stärke der Jesuiten. Wie stark leben die aus ihrer Vergangenheit! Ich weiß zwar nicht, ob sie die Geschichte als Sprechen Gottes so klar sehen wie wir. Aber schon rein natürlich gesehen: was haben die für eine Vergangenheit und Tradition, was ist von ihnen nicht alles Mögliche geschrieben, wie viele Jahre leben und streben und sterben sie aus ihrer Gedankenwelt! Das gibt der Gemeinschaft etwas Grundsatzfestes. Darum ist es auch für uns so wichtig, daß jede Gliederung die eigene Geschichte schreibt. Es ist ja nicht so, als hätte der liebe Gott jetzt nur geschrieben, lebensmäßig geschrieben, Mitteilungen gemacht für die eine Gliederung.

Die Gesamtfamilie hat eine Geschichte, eine heilige Geschichte, eine Heilige Schrift. Und um beim Bild zu bleiben, meine ich, müßte ich jetzt sagen: Jede einzelne Gliederung hat in dieser Heiligen Schrift ein bestimmtes Buch. Dieses Buch will nachgeschrieben werden, damit es nachgelesen werden kann. Das muß mit großer Sorgfalt geschehen. Das heißt zunächst: historisch kritisch, klar. Bei unseren Schwestern war es früher Brauch – ich nehme an, daß das heute auch noch so ist -, daß von der Leitung jeden Abend notiert wurde, was der liebe Gott während des Tages gefügt hat. Was heißt das? Das muß nicht Deutung sein – das ist zu schwer. Viele Dinge kann man erst morgen deuten. Aber die nüchterne Tatsache will festgehalten werden. Es muß aber nachher jemand da sein, der das tatsächlich entziffert. Dann werden Sie finden, übermorgen ist das so wie bei der geschriebenen Heiligen Schrift: der Heilige Geist spricht auch dadurch. Es ist ja die große Tragik, daß wir nicht mehr vom Wirken Gottes heute überzeugt sind. Was haben wir, die wir älter geworden sind – ich will nicht sagen: wir hier, aber im allgemeinen ist das so -, was haben viele früher nicht alles mögliche gelernt und gelehrt: Die Kirche der Vergangenheit ist vom Heiligen Geist getragen! Aber die Kirche der Gegenwart? Man hat Gott wohl immer gewittert in der vergangenen Kirchengeschichte, aber das interessiert den heutigen Menschen an sich nicht sonderlich. Uns muß es natürlich interessieren, weil es ja immer derselbe Gott ist, der spricht, und weil wir daran festhalten, daß unsere Geschichte immer kreislaufartig isto Wir sind also überzeugt: Es wiederholt sich im wesentlichen alles.

Ich darf noch einmal darauf hinweisen, wenn Sie von da aus „Himmelwärts“ betrachten, dann verstehen Sie erst eigentlich seinen tiefen Sinn, weil das alles Metaphysik der Metaphysik ist. Das ist nicht Gedicht, also Gemüt, wie man es sonst wohl hat, oder Phantasie, das ist so nüchtern, so herb. Aber weil es so nüchtern ist, weil es die letzten Gedanken herausstellt, werden Sie sich immer daran orientieren können. Die geschichtlichen Ereignisse wiederholen sich immer wieder, nur müßte es natürlich immer mit größerer Fülle geschehen. Deswegen noch einmal: Wir haben überprüft, was das Wort heißt am Vorabend des Schlusses der ersten Gefangenschaft, “ Procedamus in pace in nomine Domini et Dominae! Amen.“

Wenn wir bei dem Begriff „Prozession“ bleiben, schließt das in sich einerseits die ausgeprägt übernatürliche Prägung unseres ganzen Lebens – ich muß das wiederholen, das können wir nicht genug betonen -, außerdem aber auch, daß an jedem Altar die Frohbotschaft, das Evangelium verkündet wird. Was ist das für ein Evangelium? Das Evangelium des Lebens. Alles ist vom Leben abgelauscht und wird hineingetragen ins Leben. Der Gott des Lebens will in uns das Kind des Lebens wecken. Der Gott des Lebens ist immer wieder tätig. Alles, was er tut, ist ein Liebeswerben für mich, für die heutige Familie, nicht für gestern und vorgestern. Es ist also nicht etwa so, daß Gott früher im Leben tätig war und heute dort oben am Schlafen ist, daß er kein Interesse an der Geschichte mehr hat, keine Macht mehr hat. Gott ist tot! – so sagt man. Nein, nein! In meiner Geschichte, in meiner persönlichen Lebensgeschichte, in der Geschichte der Familie haben wir immer den Zugriff, den Einbruch Gottes, und den müssen wir erfassen, damit die Seele aufgeriegelt, aufgebrochen wird, damit Göttliches und Menschliches sich immer wieder neu miteinander vermählt.

„Procedamus in pace!“ Das ist also auf der einen Seite die übernatürliche Einstellung – Prozession! -, auf der anderen Seite aber auch die Ausdeutung dessen, was wir in dieser Etappe erlebt haben. Wir haben das kurz zusammengedrängt in das eine Wort: Baustelle Heiligtum! Damals – zur Zeit der ersten Gefangenschaft – stand im Mittelpunkt das Zentralheiligtum, das Urheiligtum, Heute – jetzt können Sie nachprüfen, wie reich der liebe Gott inzwischen den Begriff „Baustelle Heiligtum“ gefüllt hat -: Filialheiligtum, Hausheiligtum, Herzensheiligtum.

Ich darf Sie noch einmal bitten, das, was wir nunmehr vom Hausheiligtum gesagt haben, einmal hineinzustellen in die ganze heutige soziologische Ordnung, in die ganze Hilflosigkeit der heutigen Seelsorge. Vergleichen Sie das einmal miteinander! Sie müssen einmal überschauen, wie bei uns Glied um Glied, Kreis um Kreis durchdrungen ist von dem Gedanken „Baustelle Heiligtum“. Ich bin also so stark von der Heiligtumsatmosphäre umgeben, durchtränkt, durchdrungen in einer Zeit, die von Heiligtum, die von Gott und Göttlichem kaum noch etwas wissen will. In einer heidnischen Atmosphäre bin ich ganz vom Göttlichen umgriffen. Heiligtumsatmosphäre, wenn ich an die Kirche, an unser Heiligtum denke. Von Heiligtum zu Heiligtum! Heiligtumsatmosphäre, wenn ich zu Hause bin!

Fortsetzung

Aus: Vortrag 1965, 22. November (C)

in: Rom-Vorträge I (D, A 5), S. 155-204, Seite 161 – 176

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