JoBr52-06_208-218 Die Deutung des Schönstätter Mariengeheimnisses IV

JoBr52-06_208-218
Die Deutung des Schönstätter Mariengeheimnisses IV

Maria rettet die Gesellschaftsordnung

[208]

Maria rettet die Gesellschaftsordnung

Um das Verständnis für die oben gestreifte doppelte Funktion unseres originellen Liebesbündnisses(1) zu erleichtern, mag es jedoch der Mühe wert sein, jetzt schon den angeschnittenen Fragenkomplex von anderer Seite aus zu beleuchten. Was wir bisher von der üblen Wirkung der Massendämonie gesagt haben, läßt sich ohne weiteres auch so wiedergeben: Sie ist der Totengräber der gesamten christlichen Gesellschaftsordnung.

Da steht das Wort, das für uns einen vollen Klang hat, das uns wie ein Trompetenstoß aus dem Schlaf aufrüttelt und unser Verantwortungsbewußtsein wecktund steigert. Der »Schlüssel zum Verständnis Schönstatts« /

[209]

weist nach, daß Schönstatt Existenz und Fruchtbarkeit zum großen Teil seiner leitenden Idee verdankt: der Idee des neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft in doppelter Prägung(2). Sie ist gleichbedeutend mit Rettung des katholischen Menschen- und Gemeinschaftsbildes in seinen verschiedenen Spielarten. Von hier aus führt eine gerade Linie über das Versprechen, das ich im März 1947 bei Gelegenheit einer Privataudienz dem Heiligen Vater gegeben: ich wolle dafür sorgen, daß die Säkularinstitute in ihrer Weise an der Rettung der Gesellschaftsordnung mitwirkten(3), zum Kampf gegen die mechanistische Denkweise, die nach unserer Auffassung der Massendämonie überall bewußt oder unbewußt den Weg ebnet.

Wenn nicht alles täuscht, hat die Herz-Marien-Weihe die Aufgabe, die vielfältig erschütterte und bis ins Mark angekränkelte Gesellschaftsordnung zu retten und so dafür zu sorgen, daß das Wort einmal volle Wahrheit wird: Omnes haereses – etiam anthropologicas – tu sola interemisti in universo mundo(4).

Ob es nötig ist, erst einige Begriffe zu klären? Was unter Weihe zu verstehen ist, dürfte uns geläufig sein. Sie ist – wie wir wissen – ein vollkommenes gegenseitiges Liebesbündnis, das heißt ein vollkommener gegenseitiger Güter- oder Herzensaustausch oder eine vollkommene Herzensverschmelzung von zwei Bündnis- /

[210]

partnern. In unserem Falle sind die Partner die Gottesmutter und der Weihekandidat. Die seelische Haltung von beiden ist auf den Ton abgestimmt: Totum pro toto, alles für alles; Ganzhingabe für Ganzhingabe, Liebe um Liebe, Treue um Treue. Die Weihe schließt eine vollkommene gegenseitige Enteignung, Übereignung und Aneignung in sich. So bilden die beiden Partner eine [[175]] einzige große Lebens-, Wirk- und Zieleinheit: wie sie unter Werkmeister und beseeltem Werkzeug besteht.

Eine derartige Ganzhingabe an ein Geschöpf – hier an die Gottesmutter – kann nie absolut sein. Sie kann nur unter dem Gesichtspunkt seiner Gottbezogenheit, das heißt wegen Gott, in Gott und für Gott, getätigt werden. Verstanden wird sie nur von gesundem organischem Denken. Mechanistische oder separatistische geistige Art ist dazu nicht fähig: Sie reißt Erst- und Zweitursache auseinander. Sie sieht unübersteigbare Hindernisse und Gegensätze, wo Gott Ordnungen geschaffen hat, die – wie wir gesehen haben – zueinander finden sollen, um sich gegenseitig zu schützen, zu veranschaulichen und zu sichern.

Unter »Herz« versteht die Heilige Schrift das Kernstück der Persönlichkeit. Deshalb fordert Gott im Alten Testament auf: »Kind, gib mir dein Herz!« (Spr 23, 26). Und im Neuen erklärt der Herr: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften« (Lk 10, 27). Die christliche Philosophie geht zur Klärung des Begriffes »Herz« vom Gemüt aus(5). Gemüt nennt /

[211]

sie den Gleichklang des höheren und niederen Strebevermögens. Gemüt gibt die Grundhaltung an, wie wir gefühls- und willensmäßig den Werten oder den Gegenständen gegenüber reagieren. Dabei wird das Urteil des Verstandes als selbstverständlich vorausgesetzt. Herz besagt im wesentlichen dasselbe wie Gemüt, es hebt nur stärker den personalen Träger der seelischen Grundeinstellung zu den Dingen, Gütern und Werten hervor. So definiert man Herz also: Inbegriff aller seelisch-geistigen Kräfte, die in der individuellen Person zu einer einmaligen Gestalt und Ordnung verbunden sind.

Wie der Mensch zum Unterschied vom Makrokosmos mit Recht Mikrokosmos genannt wird, wie alle Seins- und Lebensstufen in ihm einen Ableger, eine Zusammenfassung finden, so kann auch das menschliche Herz als Mikrokosmos der Wertordnung, als umfassende subjektive Wertempfänglichkeit, als verlebendigte, originelle und individuelle Wertverwirklichung aufgefaßt werden. So gesehen ist es Symbol für die Wertordnung, die in ihm beheimatet und in der es zu Hause ist.

Das unbefleckte Herz Mariens, das nie eine Unordnung gekannt hat, ist deshalb Symbol für eine Wertordnung, die den nie im geringsten gestörten, von Gott geplanten vollkommenen Ordnungskosmos lebendig darstellt. Es bejaht und verkörpert eine Werthierarchie, in der alle natürlichen und übernatürlichen Werte, immer richtig gesehen, zueinander und zu Gott in Beziehung gebracht worden sind. Es kennt einen persönlichen Bindungsorganismus, in dem in beiden Ebenen, in der natürlichen und übernatürlichen, alle Formen der Gebundenheit – der personalen, lokalen und ideenmäßigen – sowie alle Arten der Liebe – der naturhaften, natürlichen und /

[212]

übernatürlichen – den gottgewollten Platz in vollkommener Weise immerdar eingenommen haben.

Weihe an dieses unbefleckte Herz ist nach dem Gesagten über Wesen und Eigenart der Weihe gleichbedeutend mit Enteignung, das heißt mit Befreiung, mit Lösung des Herzens von allen Werten und Wertungen, die der Wertskala dieses Herzens nicht entsprechen, und mit Übereignung des Herzens an die im jungfräulichen Herzen Mariens verkörperten Werte und Ordnungen im Reiche der Natur und der Gnade.

Gegen dieses Ordnungsgesetz, gegen den Ordnungskosmos fehlt nicht nur, wer Gott absetzt, um an seine Stelle den Vater der Massendämonie zu setzen, nicht nur, wer dem Menschen die persönliche Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit nimmt und ihn der Massendämonie opfert, sondern auch, wer Natur und Übernatur im Bereich der Liebe aus- [[176]] einanderreißt: wer zum Beispiel außerhalb der natürlichen Familie nur übernatürliche Liebe kennt und deshalb gesunde naturhafte und natürliche Liebesäußerungen ablehnt und verdammt.

Solche Aufsplitterung und Zersplitterung rächt sich nicht selten bitter. Ausschließlich supernaturalistische Einstellung bereitet recht häufig, ohne es recht zu wollen, einen furchtbaren Ikarussturz aus den höchsten geistigen Höhen in niedrigste Sinnlichkeit vor. Wie die Gnade nicht frei in der Luft schwebt, sondern von der Natur aufgenommen und getragen werden muß, so geht es auch in etwa mit der übernatürlichen Liebe. Bloße naturhafte und natürliche Liebe ohne übernatürliche Liebe ist stets der Gefahr der Entgleisung ausge- /

[213]

setzt. Darum gilt ihr der Rat der heiligen Katharina: Man muß das Glas an die Fontäne halten. Glas ist die naturhafte und natürliche Liebe, die Fontäne der Strom der übernatürlichen Liebe, die durch Wertung der übernatürlichen Gottbezogenheit des Menschen ständig genährt wird. Man kann das Bild aber auch umkehren: Ist das Glas die übernatürliche Liebe, so darf als Fontäne in gewissem Sinne der Strom der naturhaft-natürlichen Liebe aufgefaßt werden.

Alle drei Formen wollen in das rechte Verhältnis zueinander gebracht werden. Das verlangt der Ordnungskosmos. Das meint der Herr mit seinem Hauptgebot: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, deinem ganzen Gemüte, mit allen deinen Kräften« (Lk 10, 27).

So sieht der gottgewollte Kosmos der Liebe aus. So finden wir ihn im Leben des Herrn verwirklicht; man denke etwa an sein Verhältnis zu Lazarus(6). So auch im Leben der Gottesmutter; man male sich ihre Beziehungen zu Johannes aus(7). Ich weiß nicht, was heute schwerer ist: der naturhaft-natürlichen Liebe eine objektiv normierte universelle übernatürliche Einstellung oder übernatürlicher Liebe eine gesunde naturhaft-natürliche Grundlage und damit eine gottgewollte Sicherheit, eine sichtbare Ausdrucksform und erhöhte Stoßkraft zu geben.

Man nenne mir einen namhaften Pädagogen, der den Grundsatz vertritt: Naturhaft-natürlich-übernatürliche Liebe ist nur in der natürlichen Familie gestattet, jede andere Form von Familie duldet nur übernatürliche /

[214]

Liebe. Es mag nur wenige Erzieher und Seelsorger geben, die um die ganze Tragik unserer verwilderten Auffassung über die einfachsten Lebensvorgänge wissen. Dieses Unheil verdanken wir nicht zum geringsten Teil dem philosophischen Idealismus mit seiner separatistisch-mechanistischen Denkweise. Wir suchen krampfhaft nach neuen Methoden und Mitteln, um die Menschen wieder auf die rechte Bahn zu bringen; dabei übersehen und vernachlässigen wir die wesentlichsten Dinge: die Reform unserer Grundeinstellung zum Leben, und kommen deshalb keinen Schritt weiter.

Es ist hier nicht der Platz, ausführlicher über solche Anliegen zu sprechen. Nur eines sei hervorgehoben: Auf solche Weise hindern wir die volle Wirkung der Weihe an das jungfräuliche Herz Mariens.

Weil die Weihe Zieleinheit mit dem Bündnispartner in sich schließt, ist in ihr die Pflieht enthalten, für die Verbreitung dieses Ordnungskosmos und für Vernichtung der entgegengesetzten Werte sich mit der Gottesmutter hochgemut und dauernd einzusetzen. Die Lebens- und Wirkeinheit mit der Bündnispartnerin läßt über persönliche Schwächen hinwegsehen und den Kampf um die gottgewollte Gesellschaftsordnung, die mit dem marianischen Ordnungskosmos und Bindungsorganismus identisch ist, mutig wagen und siegreich zu Ende führen, auch wenn er große und größte Opfer verlangt. So darf das Herz der Gottesmutter mit Recht als Muster der heiligen Ordnung angesprochen werden.

Man versuche von hier aus der Bedeutung der Weihe an das jungfräuliche Herz Mariens den rechten Platz in seinem Denken und Reden einzuräumen. Auf die etwa /

[215]

aufsteigende Schwierigkeit wegen des Verhältnisses zwischen Herz-Marien- und Herz-Jesu-Weihe glauben wir nicht näher eingehen zu sollen. Es kommt zwar nicht selten vor, daß man die Weihe an das jungfräuliche Herz Mariens aus der Furcht heraus nicht wagt, man käme in den Ruf, der Gottesmutter eine Macht zuzuschreiben, die dem Heiland nicht eignet. Das ist die ewig alte und ewig neue Not, die Gottesmutter trete und wirke an Stelle des Herrn. So liegt der Fall keineswegs. Es handelt sich immer nur, wie so oft schon dargestellt worden ist, um ein herzhaftes Ja zur gottgewollten Ordnung und der Stellung der Gottesmutter darinnen. Danach will Gott durch seine Dauerhelferin wirken. Er ist also durch sie tätig, nicht aber sie an Stelle des Herrn. Sie schützt, veranschaulicht und stärkt seinen Einfluß. Hier will alles wiederholt werden, was von den Lebensgesetzen und was vom Verhältnis der Ordnungen zueinander dargestellt worden ist.

Wir nannten das Herz Symbol für den Persönlichkeitskern(8). Weihe schließt füglich – im rechten Sinne verstanden – eine Art gegenseitiger Persönlichkeitsübereignung in sich. Sie überwindet die im Massenmenschen wurzelnde Entpersönlichung und bringt Person mit Person in innigste persönliche Liebeseinheit miteinander zum größten Vorteil für beide Teile. Es handelt sich dabei freilich um undurchforschte Geheimnisse der Liebe, die für die meisten modernen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln sind.

Der Massenmensch jeglichen Formats ist zu bequem, um wahrhaft zu lieben. Es fehlt ihm auch die Tiefe, die Innigkeit und die Treue, die dazu nötig ist. Er will nicht /

[216]

erobern und gewinnen, er mag nicht hegen und pflegen; das duldet seine Betriebsseligkeit nicht. Er will genießen, genießen, genießen. So fehlt ihm mit dem tiefen persönlichen Liebeserlebnis der Vergleichspunkt für Herausstellung des Unterschiedes zwischen dem Hinweggeschwemmtwerden des Persönlichkeitskernes im Massenmenschen durch Massendressur und der Rettung des Persönlichkeitsganzen durch wahre, eehte Liebe. Diese gipfelt in geheimnisreicher Liebeseinheit oder Herzensverschmelzung. Sie schenkt zunächst eine wundersame Lebensübertragung: die Bereicherung durch ein persönliches Du. Sie stärkt aber auch, wenn sie richtig angenommen wird, den Kern der eigenen Persönlichkeit in einer Form, wie es sonst nicht möglich ist. Diese unerforschte persönlichkeitsbildende Kraft echter Liebe meint der Herr mit seinem klassischen Wort: Wer seine Seele um meinetwillen verliert, der wird sie gewinnen; wer sie aber gewinnen will, der wird sie verlieren(9).

[[178]] Es wäre leicht, hier ein Kapitel über Liebespädagogik, über ihr Wesen, ihre Gesetzmzaigkeiten und ihre Bedeutung für die heutige Zeit beizufügen. Alle Welt klagt über Mangel an religiöser Ansprechbarkeit. Mehr und mehr kommt das Wort vom Ersterben des religiösen Organs allerorten in Umlauf. Wissenschaftliche Untersuchungen werden angestellt, um aufgrund des Experimentes Wege aus dieser Sackgasse zu finden. Alle Länder ringen in ihrer Art mit dem Problem; das gilt auch für Nordamerika. Bereits 1945 schreibt ein amerikanischer Jesuit:

»Ich kann nur sagen, daß wir seit drei Jahren ein Komitee in unserer Provinz haben und daß wir keine Lösung finden /

[217]

für das Problem ‚Religion‘ im Kolleg. Ich habe an alle englischsprechenden Provinzen der Gesellschaft Jesu geschrieben, ebenso an die verschiedenen Kollegs in den Vereinigten Staaten unter Leitung anderer religiöser Orden. Fast alle fühlen das Versagen, den jungen Männern des Kollegs die katholische Lebensform in ihrer Ganzheit, das katholische Ethos zu vermitteln. Aber niemand findet eine Lösung für das Problem.«

Wenn diese Feststellung schon für diese Kollegien gilt, wie mag es dann allgemein mit der Jugend der namhaft gemachten Länder stehen?

Uns scheint die Lösung im Hinweis auf den Ordnungskosmos und Bindungsorganismus zu liegen, das heißt in der Kunst, naturhaft-natürlich-übernatürliche Liebe zu geben und zu wecken. Wir stehen mit dieser Auffassung nicht allein. Ungezählt viele Theoretiker erklären: Ohne Liebespädagogik gibt es keine fruchtbare und dauernde Erziehung. Liebe ist Anknüpfungspunkt, Liebe ist Durchgangs- und Endpunkt für jede Art Erziehung. Sie muß am Anfang stehen, sie muß in der Mitte, sie muß am Ende ihren Platz haben. Sie ist und bleibt der Zauberschlüssel, der das Herz des Menschen auch dann aufschließt, wenn es bereits religiös abgestorben zu sein scheint, der aber auch gleichzeitig Zugang zu den höchsten Höhen des Vollkommenheitsberges gewährt. Wir erinnern uns an das, was an anderer Stelle im Sinne des heiligen Franz von Sales über das Welt- und Lebensgrundgesetz der Liebe gesagt worden ist(10). Hier fügen wir bei: Es muß gleicherweise zum Erziehungsgrund- /

[218]

gesetz werden. In der Theorie mögen sich alle einig sein; schwer ist es nur, die Theorie in die Praxis zu übertragen.

1. Vgl. oben, S. 22 f.

2. Vgl. Schlüssel zum Verständnis Schönstatts, Abschnitt »Die leitende Idee«.

3. P. Kentenich hatte am 14.3.1947 unmittelbar nach der Veröffentlichung der Constitutio »Provida Mater« und vor seinem Abflug nach Brasilien diese Audienz bei Pius XII.

4. Alle Häresien – auch die anthropologischen – hast du allein überwunden auf der ganzen Welt.

5. Vgl. H.E. Hengstenberg, a.a.O., 37-39.

6. Vgl. Jo 11.

7. Vgl. Jo 19,27.

8. Vgl. oben, S. 210 f.

9. Vgl. Mt 10,39 parr.

10. Vgl. M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit, Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937, 232 und 240 (Auflage 1964: 180 und 186).

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit, Vallendar-Schönstatt 1972, 278 S. – www.patris-verlag.de

Back