JoBr52-06_Fortsetzung_1

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[[205]] Aus der metaphysischen Beunruhigung der Massen, aus dem Auftauchen der Einzelwissenschaften aus dem kopernikanischen Raum und aus dem Auftreten von theologischen Themen in der Weltliteratur … Das alles weist darauf hin – so meint man – dass der Mensch anfängt, sich langsam, aber tatkräftig aus der Umklammerung von der Masse loszulösen und sich auf sich selbst, auf seine persönliche Freiheit und Würde, auf seine Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit, auf seine urpersönliche Liebesfähigkeit zu besinnen. Die den besagten Nullmeridian überschritten haben, fangen an, Waldgänger zu werden. Das Wort erinnert an eine Isländer Saga: darinnen ist die Rede von Geächteten, die den Weg in den Wald fanden, nachdem Acht und Bann über sie verhängt worden waren. Dadurch bekundeten sie den Willen zur Selbstbehauptung aus eigener Kraft. [1]

Waldgänger im übetragenen Sinne in heutiger Zeit zu sein – so singt und sagt man – ist das große Anliegen der Gegenwart. Es sei die Rettung aus der erschreckend großen Zeitnot, die zunächst eine freie Selbstentscheidung von den einzelnen verlange; auf Massenumkehr dürfe man vorerst nicht rechnen. „Ins Holz gehen“ das heißt, unbegangene, fremde Wege mutig gehen, die vom Holz zugedeckt sind, bedeutet im Kern dasselbe wie Waldgänger sein. Jünger nennt Wald- oder Holzgänger einen Menschen, der durch den grossen Kollektivierungsprozess vereinzelt, vereinsamt und heimatlos geworden ist, der sich der geistig-seelischen Vernichtung preisgegeben sieht und nunmehr zu sich selbst zurückfindet. [2] In den Wald, ins Holz gehen, besagt danach, in das tiefste Innere, in die Herzkammern des Seins, in die Quellen des Lebens, in das Kernstück der Persönlichkeit sich zurückziehen und sich dort neu und frei entscheiden und in den unterirdischen Gewölben des Selbst urpersönlich lieben zu lernen. Nicht neues Gesetz und neue Regel wird uns aus dem Chaos retten … auch nicht der übernationale Weltstaat. Ohne Wagnis der urpersönlichen Grundbeziehungen zu Sein und Leben, zum Ich und Du, zu Familie und Gesellsellschaft, gegenüber dem alles verzehrenden Mechanismus der Masse … des Nihilismus, ist Heilung und Rettung der Welt unmöglich. Waldgang wird genannt „die große Einsamkeit des Einzelnen.“ [3] Sie „zählt zu den Kennzeichen der Zeit. Er (der Einzelne) ist umringt, ist eingeschlossen von der Furcht, die sich gleich Mauern anschiebt gegen ihn. Sie nimmt reale Fomen an in den Gefängnissen, der Sklaverei, der Kesselschlacht. Das füllt die Gedanken, die Selbstgespräche, vielleicht auch die Tagebücher in Jahren, in denen er selbst den Nächsten nicht trauen kann.“

Unser konkretes Liebesbündnis mit der MTA im Heiligtum schließt einen derartigen Wald- und Holzgang in sich. Es setzt eine freie, wagemutige persönliche Entscheidung voraus und verlangt ein urpersönliches Lieben bis zur höchsten Vollendung. Was die heutige Weltpresse langsam anfängt zu ahnen, ist uns auf diese Weise als ein freies Gottesgeschenk seit Jahrzehnten unverdient in den Schoß gefallen. Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass unser Liebesbündnis diese erste große Funktion in einzigartiger Weise getätigt hat, mehr noch! – da wir das Liebesbündnis gleichzeitig miteinander schließen, bilden wir eine Einheitsfront, haben das richtige Grundverhältnis zwischen Mensch und Mensch gefunden und damit eine starke Stütze im Kampf gegen die Vermassungstendenz der Zeit.

Unsere Bündnis- und die sie tragende und vor ihr getragene Weihebewegung will kein Schlag ins Wasser sein, d.h. sie erschöpft sich nicht in einem feierlichen Akt, der im Augenblick der Begeisterung gesetzt wird, um dann schnell wieder vergessen zu werden und keine nachhaltige Wirkung zurückzulassen. Sie umfasst und umgreift das ganze Leben in seiner Länge und Breite, in seiner Höhe und Tiefe. Sie wehrt sich gegen bloße Übungsfrömmigkeit und religiöses Massenmenschentum – einerlei in welcher Form und auf welcher Ebene es sich entfalten möchte. Sie drängt ständig zu persönlichen Entscheidungen bis zur vollkommenen Lösung vom Ich und zur liebenden Hingabe und so zu einer vollendeten Überwindung des Kollektivmenschen in der Massendämonie. Hinter ihr steht – wie es sich für eine ausgesprochene Erzieher- und Erziehungsbewegung erwarten lässt, ein ganzes, [[206]] wohlausgebautes Erziehungssystem.

Auf Weihe oder Liebesbündnis zielt von Anfang an alles hin, was in den einzelnen Gliederungen angeregt und verlangt wird: mag es sich dabei um Wallfahrtsbewegung, um Liga, Bund oder Verband handeln. Alle Ideen und erlebnismäßigen Höhepunkte des Schönstattlebens kreisen wiederum um die Weihe: hier um die Aufnahme, dort um die Elite- oder um die Lebensweihe. Umfassende Vor- und Nachbereitung, verbunden mit ernsten, bis zum Letzten drängenden Forderungen und praktischer Bewährung, sorgen für eine urpersönliche Stellungnahme, für tiefe Eindrücke und dauernde Wirkungen. Je höher die Gliederung ist, der man sich anschließt, je vollkommener der Schönstattgeist lebendig wirksam sein soll, desto persönlicher, d.h. desto mehr persönlichkeits-bildend und gemeinschafts-formend ist die Weihe. Sie wird mehr und mehr Ausdruck des persönlichen Gemeinschaftsideals. Sie wird Grundlage und Ziel der individuellen und Gemeinschaftserziehung. So wird es leichter, das große Familienziel – den neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft in doppelter Prägung – lebendig zu erfassen und originell zu gestalten. Jährliche feierliche Erneuerung bei Gelegenheit von Exerzitien oder Schulungskursen geben Gelegenheit zu persönlich-kraftvollen Neuentscheidungen, Willensbewegungen von unten und zur Gnadenbewegung von oben. Das ganze geistliche Leben gravitiert in all seinen Entwicklungsstufen bis zur Kreuzesliebe oder Inscriptio um die Weihe. Durch sie wird der Liebesverkehr mit Gott und Mensch, die Gottes-, Selbst- und Seelenliebe reguliert und ständig lebendig gehalten.

Hinter der ganzen Bewegung, die sich als Werkzeug in der Hand der Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt und als Träger eines großen Gnadenstromes berufen weiß, steht eine Pars motrix et centralis [5], deren Lebensaufgabe es ist, den Geist der Weihe oder den Bündnisgeist wach zu halten und wirksam werden zu lassen, um die vom Heiligtum aus flutenden Bündnisgnaden aufzufangen, weiterzuleiten und fruchtbar werden zu lassen; Die in den einzelnen Gliederungen geweckte und durch Kurse und plichtmäßige Übungen genährte und vertiefte Selbsterziehung und gegenseitige Verantwortung halten die Seele wach und aufgeschlossen für Gott und Göttliches, bewahren sie vor den Fallgesetzen der Natur, vor den Fallstricken des Teufels und den Spinngeweben des Weltgeistes.

Das alles muss man vor Augen halten, wenn man nachweisen will, inwiefern wir fähig sind, die Massendämonie zu überwinden. Man darf sich aber auch auf diese Gesamtschau berufen, wenn man nach Erklärungen dafür sucht, dass die Familie nicht das Schicksal verwandter Erneuerungsbewegungen teilt, sondern wider alles menschliche Erwarten von 1914 bis heute eine aufsteigende klare Linie zeigt. Dieser Tage besuchte ich den Hauptträger der Fatimabewegung in Milwaukee. Er erzählte mir, dass er bereits zehn Jahre lang für Fatima arbeite. Er käme aber nicht vorwärts. Etwa fünf Tausend machten einigermaßen mit. Alle Mittel, die Zahl zu erhöhen und die Wirkungen zu vertiefen, seien bislang fehlgeschlagen. Ohne aufrüttelnde Christenverfolgung in USA sei schwerlich ein Neuaufbruch des Lebens zu erwarten. Von anderer Seite wies man auf die von den Redemptoristen getragene Maria Hilf Bewegung hin. Nach anfänglicher Blüte sei auch sie schnell abgeflaut. Das scheint offenbar das normale Los derartiger Strömungen zu sein. Wollen wir uns davor bewahren, so müssen wir – wie wir es bislang mit Erfolg getan haben – uns stets auf unsere skizzierte Eigenart besinnen und sie sorgfältig festhalten und pflegen. Zunächst prägen wir uns ein, dass wir eine originelle Ideen- und Lebens- oder Erziehungs-, aber auch eine ausgesprochene Gnadenbewegung sind. Jedes Wort ist reich mit Inhalt gesättigt. Es klebt ein ganzes Stück bewährter Tradition daran. Darum will es auch mit seiner ganzen Fülle verstanden und verwirklicht werden. Wir haben ferner ein vielverzweigtes, weitmaschiges Organisationsnetz mit lokalen Mittelpunkten – mit dem Ur-Heiligtum und den Filialheiligtümern – in das der Ideen-, Lebens- und Gnadenstrom aufgefangen wird, das ihn trägt und von ihm getragen wird. Im Mittelpunkt stehen endlich Körperschaften, deren Lebensaufgabe mit den Pallottinern darin besteht, die Seele der ganzen Bewegung zu sein und so stets für Geist und Leben zu sorgen. [[207]]

Um das Maß voll zu machen, dürfen wir beifügen: auch an Verfolgungen hat es im Laufe der Jahre nicht gefehlt. Nach der Richtung sind wir niemals geschont worden, wir werden auch nicht so schnell zur Ruhe kommen. Jedenfalls haben wir die Bitte des hl. Ignatius verstehen gelernt, Gott möge seine Gesellschaft nie ohne Verfolgung lassen [6].

Solch klare Linienführung hebt die Unterschiede zwischen Schönstatt und anderen ähnlichen Bewegungen deutlich hervor. Die Unterschiede sind derartig tiefgreifend, dass sie – wie uns scheint – fähig sind, uns vor dem üblichen Los zu bewahren. Das setzt allerdings voraus, dass wir sie nicht verleugnen oder vertuschen; es genügt auch nicht, gelehrt darüber zu sprechen, im Gegenteil, sie wollen sorgfältigst herausgehoben und mit ganzer Inbrunst und tiefer Gläubigkeit gekündet werden. Ich hebe nochmals hervor: Die Weihe will an die Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt in ihrem Heiligtum adressiert werden. Das überragende innere und äußere Ziel der Familie muss klar bleiben. Es darf nach keiner Seite verfärbt werden. Das Erziehungssystem will mit ganzer Seele bejaht und dauernd angewandt, die lokale Verwurzelung und Zentrierung der Bewegung will vollkommen durchgeführt werden. Pars motrix et centralis muss sich seiner beseelenden und leitenden, seiner dienenden und führenden Hauptaufgabe bewusst bleiben und ihr die ganze Lebenskraft widmen. Tun wir das alles, so dürfen wir auf Gottes Segen hoffen, auch der äußere Erfolg wird nicht ausbleiben. Den Vorsprung, den andere Gemeinschaften und Bewegungen – ich denke etwa an Fatima – gewonnen haben, holen wir ein. Wir entwickeln uns zwar langsamer als sie, das Wachstum ist aber dafür gesünder, tiefer und stetiger.

Dass das Leben in der Vergangenheit bisweilen über Dämme und Ufer hinweg geflutet ist, darf als gutes Zeichen gebucht werden. Wir müssen auch künftig damit rechnen. Den Grund dafür gibt Newman an: „In dieser Welt ist Leben Bewegung und das bringt einen ständigen Wandlungsprozess mit sich. Lebendiges vervollkommnet sich, nimmt ab, stirbt. Keine Kunstregel wird die Wirkung dieses Naturgesetzes hemmen können, weder in der physischen Welt noch im menschlichen Geiste. Unregelmäßigkeiten vermögen wir allerdings entgegenzuarbeiten mit äußeren Abwehr- und Heilmitteln, aber der Prozess selbst, aus dem sie hervorgehen, kann nicht gehindert werden.

Das Leben hat gleiches Recht darauf zu schwinden oder kraftvoll aufzublühen. So ist es insbesondere auch mit großen Ideen. Man kann sie unterdrücken, ihnen keinen Raum gewähren, man kann sie durch fortwährenden Einspruch sozusagen foltern oder auch ihnen freien Lauf lassen und sich, anstatt jeder Übertreibung vorzubeugen, begnügen, solche Übertreibungen, wenn sie eingetreten sind, klarzustellen und zu unterdrücken. Nur zwischen diesen beiden Wegen hat man die Wahl und es dürfte wohl vorzuziehen sein, volle Gedankenfreiheit zu gewähren und erst ihren Missbrauch anzugreifen.

Wenn dies von lebendigen, wirksamen Ideen im allgemeinen schon gilt, um wie viel mehr von religiösen Angelegenheiten! Die Religion wirkt auf das Herz, die Affekte; wer kann diese, sind sie einmal erregt, hindern, sich in voller Kraft zu entfalten und überzuschäumen? In sich selbst finden sie kein angeborenes natürliches Prinzip, das ihnen Selbstbeherrschung und Maßhalten lehrt. Sie eilen geradeswegs auf ihren Gegenstand zu und oft missachten sie das Wort ‚Eile mit Weile’. Ganz erfüllt von ihrem Ziele, sehen sie nichts außer demselben.

Von allen Leidenschaften ist Liebe am schwersten im Zaume zu halten. Ich würde nicht einmal viel geben um eine Liebe, die nie in Übermaß geriete, stets bedächte, was angemessen ist und bei allen Vorfällen nach korrektem Takt handeln würde. Welche Mütter, welche Gatten, welcher verliebte Jüngling oder welches Mädchen sagt nicht aus Zärtlichkeit tausend törichte Dinge, die Freunde nicht hören dürften und trotzdem denjenigen, an den sie gerichtet sind, freuen. Manchmal werden sie unglücklicherweise niedergeschrieben, manchmal geraten sie in Zeitungen; und was sogar anmutig klingt, wenn es frisch aus dem Herzen sprudelt, verstärkt noch durch Stimme und Miene, nimmt sich übel aus, wenn es kalt vor des Lesers Auge kommt. [[208]]

So verhält es sich auch mit religiösen Gefühlen. Flammende Gedanken und Worte werden so leicht kritisiert und gehören doch gar nicht vor das Auge des Kritikers. Was rein für sich betrachtet extravagant ist, kann bei einzelnen Persönlichkeiten angemessen und schön sein und unterliegt erst dann dem Tadel, wenn man es von anderen nachgeahmt sieht. Niedergeschrieben in Form von Betrachtungen oder Andachtsübungen stoßen diese Gefühle ab, wie Liebesbriefe in einem Polizeibericht“. [7]

Weshalb wir die Stelle zitierten? Weil sie klare Antwort auf Fragen gibt, die im Laufe der letzten Jahre des Öfteren aufgeworfen worden sind. Sie umschreiben in klassischer Weise die schlichte Antwort, die wir stets wiederholen durften: Wo echtes Leben ist, da schäumt es auch schon einmal über die Ufer, da findet es zuweilen Ausdrucksformen, die nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen, aber doch durchaus gesund sind. Auf Einzelheiten näher einzugehen, liegt nicht im Sinne der Studie. Das mag später einmal geschehen. Da mir aber gerade eine Notiz über eine pädagogische Tagung zugeleitet wird, will ich daraus einige Gedankensplitter hersetzen. Sie stören den Gesamtwurf nicht, sie lenken auch nicht von Zentralgedanken ab, sie möchten nur zum Nachdenken anregen. Der Bericht skizziert vor allem einen Vortrag über Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung. „Die erste Grenze ist selbst gezogen, d.h. der Erzieher, der sich zu einen rein diesseitigen (liberalen) Welt- und Menschenbild bekennt, schließt eine ganze Welt von seiner Erziehung aus: die Übernatur. Für ihn ist Erziehung nicht mehr Teilnahme an der schöpferischen und sich verschenkenden Tätigkeit Gottes und an der erlösenden Wirksamkeit des Sohnes Gottes, sondern ein untätiges Wachsen lassen dieser Welt.

Unsere Antwort von Schönstatt aus lautet: Bündnispädagogik. Es gibt eine weitere Grenze, die dem Erzieher von außen gesteckt wird: Film und Radio. Sie zerfasern den inneren Menschen und machen die Bildungsarbeit unwirksam. Schönstatts Antwort: Liebespädagogik. Eine letzte Grenze wird von oben gesteckt: Es ist das Bild, das Gott von Ewigkeit hatte und im Menschen grundlegte. Unsere Antwort: Idealpädagogik … Sehr wertvoll war, dass gezeigt wurde, wie vor allem im zweiten Fall Grenzen zu Möglichkeiten werden. Die Gefahren des Filmes z.B. müssen – so hieß es durch Erziehung zur gesunden Kritik und zu selbständigem Denken und durch viel schöpferisches Tun unwirksam gemacht werden. Im Übrigen wurden Film und Radio nicht so sehr wegen des Inhaltes abgelehnt, sondern wegen der ständigen Überbeanspruchung der Erlebnisfähigkeit, die keine Tiefe mehr zustande kommen lässt. Auch der religiöse Film wurde aus demselben Grunde abgelehnt … Sehr fein war das Schlusswort über die Bescheidenheit des Erziehers, der ja den eigentlichen Erfolg seiner Arbeit nie sieht.“ [8]

Es ist gut, wenn wir alle diese Gesichtspunkte in unsere Bündnis- und Weihebewegung einbeziehen, damit sie den ganzen Menschen erfasst und umgestaltet.

Wem es liegt, der möge die angeschnittenen Gedanken verarbeiten und die angedeuteten Vergleiche bis in Einzelheiten durchführen. Je mehr er sich hinein vertieft, desto fester wird die Überzeugung, dass Kollektivismus und Schönstätter Liebesbündnis sich zueinander verhalten wie Feuer und Wasser, dass es also unmöglich ist, Schönstätter und Kollektivmensch zu sein.

Das gelebte Liebesbündnis bewahrt vor mechanistischem Denken

Dieselbe unvereinbare Gegensätzlichkeit besteht zwischen gelebtem Liebesbündnis und mechanistischem Denken. Man halte vor Augen: Wir schließen das Bündnis mit der Gottesmutter. Wir tun es nach dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung … wir tun es im Sinne der drei Ordnungsgesetze. Überall bewegen wir uns füglich in einem geschlossenen Lebensgefüge. Hier im Bindungsorganismus, dort im lebendigen Ordnungskosmos. Da dürfte es doch selbstverständlich sein, dass nur der den Weg in diese Welt hinein findet, der mit mechanistischem Denken gebrochen hat oder schlechthin nicht davon angekränkelt worden ist. Ebenso selbstverständlich ist es, dass seine Denkstruktur umso gesünder ist, je heimischer er im Organismus des Liebesbündnisses lebt. [[209]]

Die Liturgie wendet den Satz: „qui me invenerit, inveniet vitam et hauriet salutem a Domino“ [9] auf die Gottesmutter an. Wir deuten das Wort Leben im zitierten Text zunächst im üblichen Sinne. So verstehen wir darunter den ganzen übernatürlichen Organismus: ob es sich dabei um die übernatürlichen Personen oder um die übernatürlichen Lebensvorgänge handelt. Danach schenkt und sichert Marienliebe – dasselbe gilt vom Liebesbündnis – den übernatürlichen Bindungsorganismus in seiner vielverzweigten Wirklichkeit. Zwecks Vertiefung unseres Wissens fassen wir kurz einige Wahrheiten zusammen, mit denen die Studie sich bislang auseinandergesetzt hat.

Wer Maria – besonders in Form unseres Liebesbündnisses – gefunden hat, wer sie so liebt, wie ihre objektive Stellung das verlangt, wer ein Bündnis mit ihr schließt, für den ist nicht nur das Tor zu Christus, sondern auch zum dreifaltigen Gott weit geöffnet; mehr noch, er hat den leichtesten, kürzesten und sichersten Weg zur Christusinnigkeit und Dreifaltigkeitsergriffenheit gefunden; er ist in einen Christus- und Dreifaltigkeitsstrudel, in ein vorwärtsdrängendes Christus- und Dreifaltigkeitsgefälle hineingezogen, dem er sich nicht so leicht entwinden kann… Damit ist gleicherweise das persönliche innerliche Leben in seinen organischen und rhythmischen Wachstumsgesetzen gesichert: mag es sich dabei um den Bindungsorganismus oder den Ordnungskosmos, mag es sich um Liebespreis- und Liebeshingabe oder um Liebesweitergabe und Liebesansprüche handeln.


[1] Vgl. aaO. Klappentext und 40
[2] Vgl. aaO 28
[3] AaO 56
[4] ebd
[5] Übersetzt: „bewegender und zentraler Teil“ Vgl. dazu J. Schmiedl, Pars motrix et centralis, in: Schönstatt-Lexikon, Vallendar-Schönstatt 1996,301-302
[6] Verfolgung und Schmähung hatte Ignatius für seine Gesellschaft vom Himmel erfleht als Zeichen des göttlichen Wohlgefallens. Auch das Jubeljahr der Gesellschaft Jesu sollte nicht enden ohne eine Verfolgung. (Aus: Die katholischen Missionen, Jg. 1915)
[7] John Henry Kardinal Newman, Polemische Schriften. Abhandlungen zu Fragen der Zeit und der Glaubenslehre, Mainz 1959, 56-57 (hier in leicht anderer Übersetzung als bei Kentenich)
[8] Vermutlich zitiert hier J. Kentenich aus dem Brief eines Teilnehmers oder Teilnehmerin.
[9] Übersetzung: Wer mich sucht, findet das Leben und schöpft das Heil vom Herrn.

Lebensgeheimnis Schönstatts Fortsetzung (mit Seitenzahlen).pdf (254 KB)

Zur Struktur des Joseph-Briefes.pdf (243 KB)

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