1 Einleitung

1 Einleitung

1.1 Persönlicher Zugang zum Thema

Ich bin in Litoměřice aufgewachsen, einer im Mittelalter bedeutenden, königlichen Stadt, die in der wunderschönen Landschaft des böhmischen Mittelgebirges liegt und deren Umgebung auch heute noch „Der Garten Böhmens“ genannt wird. Ich kann zu dieser Stadt und zu dieser Landschaft sagen: Das ist meine Heimat.

Die geschichtlichen Entwicklungen im 20. Jahrhundert haben jedoch diese Region, die sich im ehemaligen Sudetengebiet befindet, auf negative Weise stark verändert. Besonders die Vertreibung der deutschen Einwohner nach dem Zweiten Weltkrieg und die darauffolgende Diktatur des kommunistischen Regimes, die in wenigen Jahren nach ihrer Machtergreifung viele Zwangsumsiedlungen ihrer „Bürger“ durchführte, neue Industriestädte und -zentren ohne Rücksicht auf die sozialen und religiösen Bezugssysteme der Menschen baute und die Kirche(n) zu zerstören versuchte, verursachten dieser Region große Wunden, die bis heute nicht geheilt sind. Die Entwurzelung der Menschen aus ihrem „natürlichen und übernatürlichen“ Beziehungsgefüge richtete großen Schaden an, v.a. in ihren Seelen und auch in der „Seele“ dieser Landschaft. „Die Gesundung einer solchen Landschaft dauert lange Jahre. Es ist aber unsere Verpflichtung, uns zu bemühen, die Landschaft zu kultivieren, ihre Seele zu heilen, damit sich auch die Seelen ihrer Bewohner wandeln.“[1]

Meine Auseinandersetzung mit dem Thema „Beheimatung“ hat mit dieser Realität zu tun. Ich habe mich selber in meiner Kindheit mit der brennenden Frage nach Heimat weniger reflexiv beschäftigt. Als ich im November 2005 für längere Zeit mein Land verließ, weil ich ins Noviziat der Schönstatt-Patres in Deutschland eintrat, war diese Frage plötzlich lauter geworden. Die Sehnsucht nach der seelischen Beheimatung wurde durch diese Umstellung stärker und brauchte in dieser Zeit eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema, die seitdem nicht an Aktualität verlor. Die Frage nach der seelischen Beheimatung des Menschen in der natürlichen und in der übernatürlichen Ordnung war auch eine der Kernfragen P. Joseph Kentenichs (1885-1968), dem Gründer der Schönstatt-Bewegung. Wie er dieser Frage nachging und sie zu beantworten suchte, und wie sie in der Pädagogik und Pastoral der Schönstatt-Bewegung angegangen wird, soll in dieser Arbeit dargestellt werden.

1.2 Zum Aufbau der Arbeit

„Gott wohnt nicht an der Oberfläche“[2], so formuliert es der bekannte tschechische Theologe und Autor Tomáš Halík. In seinem Buch geht er der Frage nach der Möglichkeit des Glaubens und des Zugangs zu Gott in den erschwerten Bedingungen religiösen Lebens im Europa des 21. Jahrhunderts nach. Die Grundfrage ist dabei dieselbe, die auch dieser Arbeit zugrunde liegt: Das pastorale Anliegen, Sinn und Geborgenheit in Gott zu finden, Heimat bei ihm zu finden und diese zu vermitteln.

In einer Zeit der Umbrüche für das Verhältnis von Glaube und Religion zum einzelnen Menschen[3] ist es Ziel dieser Arbeit, einen konkreten Theorieentwurf und dessen pastorale Anwendung darzustellen. Im Leben und Werk Joseph Kentenichs finden sich eben diese Grundzüge. Im Leben, das meint die konkrete und existentielle Bedeutung von Geborgenheit, wie Kentenich sie persönlich erfahren hat und dadurch seine Identität und sein Schaffen integrieren konnte. Im Werk, das meint seine pastorale und pädagogische Anwendung im Aufbau und Begleiten der apostolischen Bewegung von Schönstatt.

Diese Dimension persönlicher Erfahrung liegt allem weiteren Denken des Gründers der Schönstatt-Bewegung zugrunde. Nach einem überblicksartigen Eingehen auf die Bedeutung des Begriffs „Heimat“ unter theologisch-anthropologischer Perspektive (Kapitel 2) soll in einem zweiten Schritt deswegen diese biografische Dimension näher betrachtet werden (Kapitel 3), wobei die Frage nach der Erfahrbarkeit von Heimat stets Orientierungsfaden bleibt.

In einem dritten Schritt werden die Grundzüge der pädagogisch-psychologischen Konzeption Kentenichs umrissen (Kapitel 4), wie sie sich bei ihm um den zentralen Gedanken des „Bindungsorganismus“ in seinem Denken und Wirken zeigen.

Mit einem Blick auf die pastorale Anwendung in der Schönstatt-Bewegung soll anhand verschiedener Ausdrucksformen schließlich die Bedeutung der personalen und lokalen Gebundenheit für die Frage nach einer Gottesbeziehung und Heimat in Gott veranschaulicht werden (Kapitel 5).

1.3 Quellenlage

Joseph Kentenich war Seelsorger und Pädagoge. Er war kein Wissenschaftler und sein Reden und Schreiben entzieht sich vielfach der Möglichkeit eines hermeneutischen Zugangs. Doch die Wirksamkeit seiner Ansätze, Methoden und Gedanken sind in der Schönstatt-Bewegung als reale Wirklichkeit zu sehen. Trotz der schwierigen Quellenlage, die sich auf Vortragsskizzen, Mitschriften, Tonbandaufnahmen und geschriebene Arbeiten bezieht und damit in ganz unterschiedlicher Qualität das authentische Gedankengut Kentenichs enthält, soll im Folgenden eine Verwendung der zugänglichen Überlieferungen erfolgen.

Paul Vautier analysierte und kategorisierte im Rahmen seiner Promotionsarbeit das überlieferte Quellenmaterial und konnte so unterschiedliche Qualitätskategorien innerhalb der vorhandenen Texte und Aufnahmen ermitteln.[4] Der für den Untersuchungsgegenstand maßgebliche Text der Tagung aus dem Jahr 1951[5] ist demnach ein vom Tonband übertragener Text, der für die Publikation aufbereitet wurde und dem ein hoher Grad an ursprünglichen Gedankengut zuzusprechen ist.[6]

Eine zweite wichtige Quelle ist die historisch-wissenschaftlich mehrfach aufgearbeitete Biographie Kentenichs.[7] Beim Nachgehen der Frage nach Bindungen und Bindungszusammenhängen in seinem Leben, sollen in der weiteren Darstellung die Wichtigkeit und Auswirkungen dieser Zusammenhänge in seiner pastoralen Konzeption hervorgehoben werden.

In der Betonung verschiedener Elemente, welche Kentenichs Gründung prägen und sowohl der Spiritualität ihr Spezifikum, wie der kentenichschen Pädagogik ihre Sinnspitze verleihen, ist mit der pastoralen Gestalt schließlich eine dritte Quelle genannt.

Diese pastorale Gestalt, die Biografie des Gründers und das in der Pädagogischen Tagung 1951 reflektierte Bindungsgeschehen sind die für das Folgende wesentlichen Quellen.


[1] Duka, Dominik, Geleitwort zum Katalog der Ausstellung „Vernichtete Kirchen Nordböhmens 1945-1989“, Praha 2012.

[2] Halík, Tomáš, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Freiburg im Breisgau 2011, 11.

[3] Vgl. z.B. Höhn, Hans-Joachim, Fremde Heimat Kirche. Glauben in der Welt von heute, Freiburg im Breisgau 2012; Graf, Friedrich-Wilhelm, Kirchendämmerung, München 2011.

[4] Vgl. Vautier, Paul, Maria, die Erzieherin. Darstellung und Untersuchung der marianischen Lehre P. Joseph Kentenichs (1885-1968) (= Schönstatt-Studien 3), Vallendar-Schönstatt 1981, S. 324-348.

[5] Kentenich, Josef (1951), Dass neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie, Vorträge der Pädagogischen Tagung 1951, bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 21978.

[6] Vgl Ebd., 341.

[7] Vgl. dazu v.a. Schlickmann, Dorothea M., Die verborgenen Jahre. Pater Josef Kentenich; Kindheit und Jugend (1885-1910), Vallendar 22007.

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