5 Pastorale Anwendung der Prinzipien der seelischen Beheimatung in der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung

5 Pastorale Anwendung der Prinzipien der seelischen Beheimatung in der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung

In den vorherigen Kapiteln wurde mehrmals Bezug darauf genommen, dass seelische Beheimatung einerseits als Gabe und andererseits als Aufgabe erfasst werden muss. Wenn ein Mensch in einem gesunden Bindungsorganismus lebt, wird er dadurch selber in seinem persönlichen Wachstum reich beschenkt, indem er sich den anderen gegenüber öffnet und ihnen seine Liebe schenkt. „Zum reifen, erwachsenen Menschsein gehört es, anderen ein Stück ‚Zuhause‘ anbieten zu können, anderen Raum zu schaffen, damit sie sein können, da-sein, damit sie wachsen, sich entfalten und ihre Grenzen annehmen können.“[310] Die Spiritualität und Pädagogik der Schönstatt-Bewegung richtet ihren Akzent auf diesen Weg zum reifen und erwachsenen Menschsein, das in einem natürlich-übernatürlichen Bindungsorganismus beheimatet ist und gleichzeitig Beheimatung schenkt. In diesem Kapitel werden einige wichtige Aspekte dieser Spiritualität, die zur seelischen Beheimatung der Menschen beitragen, in einem kursorischen Durchgang vorgestellt.

5.1 Das gelebte „Liebesbündnis“ als Weg zur seelischen Beheimatung

Der geschichtliche Vorgang der Entstehung des Gnadenortes Schönstatt durch das am 18. Oktober 1914 geschlossene Liebesbündnis zwischen den Sodalen der marianischen Kongregation und der Person Marias in ihrem Kongregationskapellchen wurde im Punkt 3.2 kurz beschrieben. Kentenich ist der gläubigen Überzeugung, dass in diesem Vorgang die göttliche Initiative eine Antwort in der menschlichen Initiative gefunden hat.[311] Durch seinen Bundescharakter weist das Liebesbündnis viele Dimensionen auf, die auf die Gegenseitigkeit der personalen Bindungen und auf die Fruchtbarkeit hinweisen, die aus diesen Bindungen hervorgehen. Es gewinnt durch den Aspekt der gegenseitigen Hingabe eine dynamische Kraft. Denn der Mensch, der das Liebesbündnis mit Maria schließt, drückt dadurch aus, dass er sich von ihr zum reifen Menschsein und zum aktiven Apostelsein in der Nachfolge Christi erziehen lassen will.[312] Kentenich beschreibt diesen Vorgang der menschlichen Hingabe mit folgenden Worten: „Wir geben ihr von unserer Seite nochmals die Erziehungsrechte, die ihr kraft göttlicher Bestimmung ohnehin eignen. Wir erklären uns dadurch bereit, uns vorbehaltlos willig von ihr in die vollendete Christusform hineinformen und –bilden zu lassen.“[313] In der Dynamik des Liebesbündnisses bleibt dieser Aspekt nicht auf der Ebene der intimen personalen Bindung zwischen Mensch und Maria (Mensch und Gott), die dem Menschen seelische Beheimatung schenkt, sondern führt ihn zur „vertieften Beziehung zu anderen Menschen“[314] hin. Im Bund mit der Person der Gottesmutter, des vollkommenen Menschen, wird er mit ihrer Hilfe zum reifen, vollkommenen Menschsein wachsen und, ihrem vorbildlichen Charakter folgend, seine seelischen Kräfte im Dienst für andere einsetzen. Seine Bindungsfähigkeit wird dadurch gestärkt werden.

Der Vorgang des Liebesbündnisses hat seine Grundlage im Glauben

„an Gottes Wirken und Handeln in der heutigen Zeit (‚Vorsehung‘). [Dieser Glaube] versucht Gott und seine Wünsche in den Ereignissen, Begegnungen und Perspektiven des eigenen Lebens zu erkennen. Diese geschichtliche Hermeneutik […] [ist] nicht an Wundern und Privatoffenbarungen, sondern am Alltag interessiert […]. Nur im Rahmen einer so gearteten, ständig geübten, gläubigen und geschichtlichen Hermeneutik des eigenen Lebens wird die Rede von der Erzieherin [Maria], von der Gegenseitigkeit und von der Dynamik des Bündnisses konkret und kann geschichtliche Folgen haben.“[315]

Wer das Liebesbündnis ernst nimmt und darin verankert, geborgen, beheimatet ist, der gestaltet daraus sein Leben.[316] Er wird für die Gegenwart Gottes und sein Wirken im eigenen Leben und im Leben anderer Menschen „erfahrungsfähig werden“[317].

5.2 Gemeinschaft in der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung als Ort der seelischen Beheimatung

Das Liebesbündnis hat sowohl persönlichen als auch gemeinschaftlichen Charakter. Es soll der „Erneuerung und Ratifizierung des persönlichen Taufbundes“[318] dienen, und steht somit im Dienst der Gemeinschaft der Kirche.[319] In der pastoralen Praxis der Schönstatt-Bewegung werden beide Aspekte – der persönliche und der gemeinschaftliche – betont. Verschiedene „Ausdrucksformen, wie z.B. eine Vorbereitungszeit auf den Bündnisschluss hin, ein persönliches Weihegebet, die regelmäßige Erneuerung, persönliche Entscheidungen, […], die Wahl oder Erarbeiten konkreter Symbole und Erinnerungszeichen für die Weihe“[320], betonen den persönlichen Charakter des Liebesbündnisses. Es ist jedoch üblich, dass die Vorbereitung und der feierliche Bündnisschluss gemeinsam mit anderen vollzogen werden. Es kann z.B. eine Gruppe von Jugendlichen oder ein Ehepaar bzw. eine Gruppe von mehreren Ehepaaren sein. Weil das Liebesbündnis die Charakterzüge eines natürlich-übernatürlichen Bindungsorganismus trägt, ist es nicht nur auf die „vertikale“ Bindungsebene (also auf die Bindung zwischen dem Menschen und Gott bzw. der Gottesmutter), sondern auch auf die „horizontale“ Bindungsebene (also auf die Bindungen zwischen den Menschen) ausgerichtet. Es bildet ein „Sinn- und Beziehungsgefüge“[321] und zielt auf eine tiefe Verbundenheit der Menschen untereinander.[322] Ein Mensch, der das Liebesbündnis schließt, ist

„ein Dialog-Mensch. Aus dem eigenen Leben, das er führen und in dem er sich durchaus bewahren soll, muss ihm die Offenheit erwachsen, sich auf andere Menschen einzulassen, im Austausch mit ihnen zu bleiben, sich an Vereinbarungen zu halten, seinen Eigenraum anzubieten, von seinen Erfahrungen unaufdringlich zu erzählen. Und dies im Gegensatz zu einem unpersönlichen Nebeneinander.“[323]

In der föderalen Struktur der Schönstatt-Bewegung, die verschiedene Gemeinschaften umfasst, ist das Liebesbündnis die Grundlage, die sie miteinander verbindet und dadurch eine gemeinsame Identität stiftet.[324]

Eines der wichtigen pastoralen Felder, das in der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung wurzelt, ist die Begleitung von kleinen Gruppen, v.a. im Rahmen der Jugendpastoral. Die Gruppe versteht sich dabei nicht primär als eine Arbeitsgemeinschaft, sondern als eine Gemeinschaft, in der „Lebensaustausch“ stattfindet und Lebenserfahrungen geteilt und weitergegeben werden. Dabei wird ein großer Wert auf die Ausbildung der Gruppenleiter gelegt, die für verschiedene Gruppenprozesse genug sensibel sein und dafür sorgen sollten, dass jedes Mitglied der Gruppe sich in dieser angenommen und beheimatet fühlen kann. Die Gruppe, in der alle seelischen Bindungen des Menschen gefördert werden, trägt zur Reifung einer freien Persönlichkeit bei. Das Wachstum der Bindung an Gott steht dabei im Vordergrund. In einer Schönstatt-Gruppe wird auch besonders dazu angeleitet, dass ihre Mitglieder apostolisch aktiv werden bzw. sich im sozialen Bereich engagieren. Dadurch soll die Erfahrung der seelischen Beheimatung weitergetragen werden.[325] Wo es möglich ist, soll eine Gruppe (nicht nur geistiger Weise) einen Anschluss an die lokale Mitte des Liebesbündnisses, an ein „Schönstatt-Heiligtum“, haben.

5.3 Das „Schönstatt-Heiligtum“ als Ort der seelischen Beheimatung

5.3.1 Das „Urheiligtum“

„Der Vorgang Liebesbündnis hat sich lokalisiert und hat dadurch eine Bindung an diesen Ort geschaffen.“[326] Der seit 1947 kirchlich anerkannte Wallfahrtsort ist das lokale Zentrum der Schönstatt-Bewegung.[327] Die Bezeichnung „Heiligtum“ weist auf den Bundescharakter des Liebesbündnisses hin.[328] Aufgrund seiner Beobachtung spricht Kentenich, „um die Besonderheit des Gnadenortes Schönstatt zu kennzeichnen, von den drei Wallfahrtsgnaden: die Gnade der seelischen Umwandlung, der Beheimatung und der apostolischen Fruchtbarkeit“[329]. Diese drei Aspekte beziehen sich auf das Leben im Liebesbündnis. Sie hängen eng zusammen: Wem seelische Umwandlung geschenkt wird, der erfährt seelische Beheimatung und kann dadurch fruchtbar apostolisch wirken.

Im Gründungsvorgang des „Schönstatt-Heiligtums“ wird der gegenseitige Charakter des Liebesbündnisses hervorgehoben.[330] Die Wirksamkeit des Gnadenortes Schönstatt hängt nach der gläubigen Überzeugung der Mitglieder der Schönstatt-Bewegung wesentlich von der menschlichen Mitarbeit ab.[331] Wenn sich Menschen mit dem „Schönstatt-Heiligtum“ verbunden wissen und darin füreinander beten und füreinander ihre alltäglichen Beiträge (z.B. ihre Sorgen, Schmerzen, Bemühungen) bringen, hat dies einen wichtigen gemeinschaftlichen Aspekt, der zur innigen seelischen Verbundenheit miteinander führt und Beheimatung schenkt.[332]

5.3.2 Die „Filialheiligtümer“

Durch die internationale Ausbreitung der Schönstatt-Bewegung in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand die Idee, das „Urheiligtum“ in Schönstatt nachzubauen. 1943 wurde das erste „Filialheiligtum“ in Nueva Helvecia (Uruguay) eingeweiht.[333] Ähnlich wie bei einigen anderen Gnadenorten (z.B. Loretto, Einsiedeln) hat sich in der Schönstatt-Bewegung die Identifizierung mit dem Heiligtum so stark eingeprägt, dass es heute weltweit etwa 200 Filialheiligtümer gibt.[334] Kentenich betonte immer die Verbundenheit jedes Filialheiligtums mit dem „Urheiligtum“. Weil jedes Filialheiligtum ein Nachbau des „Urheiligtums“ ist, gemeinsame Symbole trägt und mit der Vermittlung der drei Wallfahrtsgnaden verbunden ist, können sich Menschen hier beheimatet fühlen. Der Raum dieser Beheimatung ist in erster Linie durch die Elemente der Wiedererkennbarkeit und der Selbstidentifikation durch den persönlichen Bezug.

5.3.3 Das „Hausheiligtum“ als lokale Mitte im Leben des Menschen (besonders der Familie)

Ein großes Anliegen Kentenichs war die Anwendung der Bindungspädagogik auf die Familienpastoral. Der Aspekt der seelischen Beheimatung spielt dabei eine entscheidende Rolle. 1948, auf Anregung Kentenichs, errichteten viele Familien in ihren Häusern einen Ehrenplatz für die Person Marias, wo sie ihr Bild, ein Kreuz und andere ihnen wichtige Symbole aufstellten. Um die Wirklichkeit des Liebesbündnisses auf konkrete Weise im alltäglichen Leben der Familie sichtbar zu machen, entwickelte sich später die Idee, ein sog. „Hausheiligtum“ als den Ort des gelebten Bündnisses mit Maria im Haushalt der Familien zu errichten. Das Hausheiligtum ist, wie das Filialheiligtum, mit dem Gnadenort Schönstatt eng verknüpft.[335] So entstand der Brauch, ein „originell gestaltetes Hausheiligtum in einer Feier einzuweihen und die damit verbundenen Anliegen in ein Weihegebet zu fassen“[336]. Im Hausheiligtum wird das Leben der Familie geteilt. Es ist üblich, dass jedes Mitglied der Familie ein eigenes Symbol darin hat, das ihm wichtig ist. Für die Familie ist das Hausheiligtum ein wichtiger Ort des religiösen Vollzugs, wo der natürlich-übernatürliche Bindungsorganismus in konkreter Weise erfahrbar wird. Insofern es möglich ist, versammeln sich jeden Tag alle Mitglieder der Familie im Hausheiligtum zum gemeinsamen Gebet. Dieser „Gnadenort“ inmitten der Familie fördert das Wachstum der gegenseitigen Beziehungen und führt zur seelischen Beheimatung und damit schließlich zum Geborgensein in Gott.

„Das Hausheiligtum stärkt das Selbstverständnis der Familie, ‚Kirche im Kleinen‘ zu sein. Maria führt, ihrem Wesen entsprechend, alle Glieder der Hauskirche zu Christus und verbindet sie mit ihm. Für Ehepaare ist dies eine dauernde Verlebendigung mit Christus.“[337] Weil das Hausheiligtum das alltägliche Leben der Familie prägt, hat es auch eine apostolische Dimension. „Es wirkt als Ort und durch die in ihm geprägten Menschen apostolisch in die Gemeinden, Kirche und Gesellschaft hinein als Salz, Licht und Sauerteig.“[338]


[310] Vonholdt, Christl R., Bei dir zu Hause – in mir zu Hause. Bindung als Grundlage von Identität, in: Salzkorn 2 (2013), 74.

[311] Mohr-Braun, Heiligtum, 28.

[312] Vgl. Vautier, Maria, die Erzieherin, 188.

[313] Kentenich, Maria – Mutter und Erzieherin, 275.

[314] Vautier, Maria, die Erzieherin, 189.

[315] Ebd., 190.

[316] Vgl. Ebd., 189.

[317] Csermák, Péter, Ehe und Familie als Subjekt einer Pastoral der Neuevangelisierung, Diplomarbeit zur Erlangung des Grades eines Diplom-Theologen an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2012, 54. Näheres zum Thema „religiöse Erfahrungsfähigkeit“ s. Ebd., 54-64. Vgl. dazu auch Zollitsch, Gott erfahren in einer säkularen Welt; King, Herbert, Anschluß finden an die religiösen Kräfte der Seele, Vallendar-Schönstatt 1999. Vgl. dazu Punkt 2.3. und 4.2.2.

[318] Vautier, Maria, die Erzieherin, 189.

[319] Vgl. Penners, Art. Liebesbündnis, 231f.

[320] Vautier, Maria, die Erzieherin, 190.

[321] Wollbold, Kirche als Wahlheimat, 31.

[322] Vgl. dazu Punkt 4.2.2.

[323] Locher, Bündnis-Kultur, 112.

[324] Vgl. dazu Punkt 3.2.

[325] Vgl. Fernández de A., Rafael, Manual del dirigente (= Cuaderno de formación 8), Santiago (Chile) 42007; vgl. auch Polívka, Petr, Jugendleiterschulungen in Jugendverbänden, Orden und geistlichen Bewegungen, zur Erlangung des Diploms in Katholischer Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2007, 51-57.

[326] Locher, Peter, Bündnis-Kultur, Vallendar-Schönstatt 2011, 105. Zum geschichtlichen Vorgang der Entstehung des „Schönstatt-Heiligtums“ s. Punkt 3.2.

[327] Vgl. Penners, Lothar, Art. Heiligtum, in: Brantzen u.a. (Hg.), Schönstatt-Lexikon, 148.

[328] Vgl. Vautier, Maria, die Erzieherin, 217. Vgl. dazu Punkt 2.2. und Punkt 4.2.3.

[329] Ebd., 213.

[330] Vgl. Kentenich, Vortrag vom 18.10.1914, 289f.

[331] Vgl. Vautier, Maria, die Erzieherin, 214-216.

[332] Mohr-Braun, Heiligtum, 33.

[333] Vgl. Hug, (Welt)Geschichte eines Heiligtums, 9.

[334] Vgl. Ebd., 311-335.

[335] Vgl. Rebbe, Maria u. Winfried, Art. Hausheiligtum, in: Brantzen u.a. (Hg.), Schönstatt-Lexikon, 139f. Vgl. auch Niehaus, Jonathan, Die Entstehung des Hausheiligtums.

[336] Ebd., 140.

[337] Ebd., 140.

[338] Ebd., 140.

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