6 Fazit

6 Fazit

„Ich plädiere dafür, dass wir unsere Gemeinden und Seelsorgeeinheiten viel stärker als bisher als Orte profilieren, indem wichtige Grundvollzüge eingeübt werden. Und damit sind wir beim Kirchlichen: Die Gemeinschaft der Glaubenden, sie stützt, lehrt und vermittelt. Sie bezeugt den Mut zur Gestalt und zur Form. […] An uns liegt es, dass unsere Kirche mehr und mehr Ort ist, wo man schlicht und einfach in der Gemeinschaft des Glaubens das gelingende Leben einüben kann, anspruchsvoll und so bodenständig wie nur eben möglich.“[339]

So plädiert Zollitsch eindringlich im Schlusswort seines Vortrages zur Neuevangelisierung. Damit auch Gemeinde ein Raum der Beheimatung werden kann, braucht es eben auch den Schritt hin zum Konkreten, das Wagnis, eine echte Bindung einzugehen.

Was hier vom gemeindlichen Leben gesagt ist, ist jedoch auch vom Einzelnen her zu betrachten: Jeder Mensch braucht Orte dieser Beheimatung, in denen sein Leben wirklich gelingen kann.

Von den anthropologischen Grundbedingungen ausgehend sollte bei dem Weg, den diese Arbeit gegangen ist, gezeigt werden, auf welche Weise und auf welchem theologisch- pädagogischen Fundament aufbauend, die Kategorie der Gebundenheit und der Heimat in der Konzeption Kentenichs für menschliches Leben fruchtbar geworden ist und immer noch fruchtbar wird.

Heimat, so sollte dabei deutlich werden, ist nicht eine veraltete und romantische Idee, sondern ein anthropologisches Grundbedürfnis, dass sich auch als Sehnsucht nach Gebundenheit ausdrücken lässt. Diese entsteht jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern in konkreten Bedingungen. Im vierten Kapitel sind Mechanismen und Linien der sog. organischen Übertragung und Weiterleitung als wichtige Aspekte der Bindungspädagogik Kentenichs deutlich geworden. Wie im dritten Kapitel gezeigt wurde, entstanden diese in seinem Leben und flossen nach reiflicher Reflexion und einer Straffung auf Prinzipien in seine Konzeption der Wachstumsgesetze und schließlich der konkret pastoralen Anwendung in den verschiedenen Formen seines Wirkens in der Schönstatt-Bewegung ein. Diese drücken sich durch die lokale Gebundenheit an Orte, wie sie im „Schönstatt-Heiligtum“ und im „Hausheiligtum“ veranschaulicht wird, wie auch durch die personale Gebundenheit aus, die durch das psychisch-seelische Wachstum im konkreten Beziehungsgeschehen das „Beheimatet-Werden“ in Gott ermöglicht.

Einige Konsequenzen sind aus dem bisher Gesagten zu ziehen und einige Perspektiven aufzuzeigen:

Ausgehend von der Problemanzeige zunehmender religiöser Heimatlosigkeit ist mit dem hier Dargestellten eine mögliche Antwort auf diese Zeitenstimme gegeben: Religiöse Beheimatung setzt personelle Bindungen voraus. Nur durch konkrete Personen und auch damit verbundene gelebte, authentische Vermittlung kann hier eine mögliche Antwort liegen.

Die vorliegenden Wachstumsgesetze sind von Kentenich aus Beobachtungen und Erfahrungen pastoraler Arbeit erwachsen. Auch wenn sie nur schematische Versuche einer Systematisierung darstellen, so sind dennoch darin pastoral relevante und bedeutungsvolle Schwerpunkte getroffen:

Geborgenheit setzt einen Bindungsorganismus voraus, der sich durch langsames, authentisches, organisches und ungleichmäßiges Wachstum auszeichnet.

Kentenichs originelle Verwendung der Begriffe organischer Übertragung und Weiterleitung erlaubt einen Zugriff und eine Fruchtbarmachung seiner Konzeption für pastorale Anwendung. Durch das menschliche Bindungsgeschehen wird auch ein Raum für die Vermittlung religiösen Bindungsgeschehens, eben Beheimatung in Gott, vermittelt.

Pastorale Fruchtbarkeit dieser Gedanken entfaltet sich damit sowohl auf dem Feld der Persönlichkeitsentwicklung und Einzelseelsorge, wie auf dem der Gemeinschaftsbildung.

Die Stärke und Originalität dieses anthropologischen Zugangs liegt vor allem in der Konkretisierung in sozialen Strukturen: Das symbolvermittelte Geschehen, welches im Heiligtum der Schönstatt-Bewegung gefasst ist, sticht durch den konkreten Akt des Bündnisschlusses als einendes Element hervor. Die konkrete Erfahrung wird schließlich durch den Bündnisschluss mit Maria als personaler Bindungsvorgang und nicht primär als Frömmigkeitsform erfahren.

In den Ausdrucksformen, die den Alltag prägen, z. B. in der Form des Hausheiligtums oder in den verschiedenen Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens, ist immer wieder das vielfältige organische Bindungsgeschehen deutlich: Ansetzend bei persönlichen, gemeinschaftlichen und dabei stets konkreten Erlebnissen wird immer wieder der religiösen Erfahrung ein Raum geöffnet. Heimat in Gott bleibt damit nicht eine Phrase, eine Sehnsucht oder ein fernes Ideal, sondern wird zum erfahrungsvermittelten konkreten Geschehen. Psychologische und pädagogische Weiterführungen dieser Gedanken sind noch zu entwickeln. Hier sollte es nur darum gehen, die Grundzüge des Bindungs-geschehens darzustellen und die Bedeutung für die Frage nach Heimat sichtbar zu machen.

Kentenichs persönlicher Weg führte ihn durch innere und äußere Krisen. Durch den in dieser Arbeit thematisierten Bindungsorganismus ist das deutlich geworden, was ihm dabei Heilung war: Eine Geborgenheit in Gott, die durch vielfältige und oft unscheinbare Wege ihre Ausprägung fand.

Damit ist kein pastorales Allheilmittel an die Hand gegeben, dennoch ist vielleicht eine Perspektive beschrieben, die eine Antwort auf eine grundlegende Sehnsucht der Menschen sein kann, der Sehnsucht nach Geborgenheit in Gott.


[339] Zollitsch, Robert, Gott erfahren in einer säkularen Welt, 19f.

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