CS54 CAUSA SECUNDA Text 54

CS54 CAUSA SECUNDA Text 54

Aus: Gespräch 1965

Sie müssen auch versuchen, den 31. Mai unter dem Gesichtspunkt zu sehen. Das ist das Wesentliche. Und zwar das Auflösen in die Kontaktstellen. Jetzt träte natürlich in den Vordergrund erstens die Gottesmutter. Aber damit ist immer – wenn wir Gottesmutter sagen, ist immer das Heiligtum mit gemeint. Und dann (zweitens) das Vaterprinzip. Das sind auch die beiden Gegenstände, um die der Kampf ging. Aber im Prinzip war das immer der Gedanke: Die Psychologie der Zweitursachen, das ist die Lösung aus den gigantischen Schwierigkeiten der heutigen Zeit.

Jetzt müßten Sie das Material von anno dazumal auf sich wirken lassen, dann würden Sie das besser verstehen. Rein historisch ist das ja sehr gut bekannt was wir so häufig miteinander erörtert haben. Mein Gedankengang ging sehr stark dahin: Wenn die Gottesmutter eine Sendung hat und wenn wir die Sendung haben, ihre Sendung für die heutige Zeit verwirklichen zu helfen, und wenn Deutschland nach der Richtung besonders begabt und begnadet war (und benutzt werden soll), dann heißt das praktisch: Wenn die Gottesmutter in Deutschland nicht angenommen wird, dann kann sie ihre Sendung auch von Deutschland aus nicht erfüllen. Und wo liegt der Grund, weshalb sie nicht anerkannt wird? Sie wissen ja den Gedankengang: Da ist eine Mauer. Diese Mauer ist nicht – nach meiner Auffassung; ich meine, das mag die Geschichte dann nachher weisen, ob das falsch oder richtig ist; aber nach wie vor halte ich daran fest -, das ist nicht primär das Dogmatisch-Biblische, das ist das Psychologische. Deswegen von da (das heißt von Deutschland) aus – wir haben das positiv ausgedrückt – der Kampf für das organische Denken und Lieben.

An zweiter Stelle, woran das ganze Beispiel veranschaulicht wird, stand dann das Vaterprinzip. (…)

Darum sind hier, in diesen beiden Streitobjekten, die damals zur Diskussion standen, sehr klar im vollen Umfange alle Prinzipien der Psychologie der Zweitursachen gedacht gewesen, und so sind auch die Antworten gewesen. Das (mit der Psychologie der Zweitursachen) ist nur ein anderer Ausdruck für organisches Denken: das organische Denken in Anwendung – jetzt könnten wir eigentlich sagen: auf die drei Kontaktstellen.

Der 20.1. (1942), was hat er uns gebracht? Die drei Kontaktstellen. Und dann der 31.5.1949? Die Psychologie der Kontaktstellen. Das setze ich Ihnen nachher nochmals auseinander. (…)

Ja wenn es sich jetzt dreht um den 31. Mai, dann kann man das sehen unter dem Gesichtspunkt des mechanistischen und des organischen Denkens. Das ist dann zentriert, auf Letztes zurückgeführt. Wenn das aber etwas geweitet wird, dann müßte man genauer sagen, was man darunter versteht. Wie wir das zu nennen pflegen? Das ist halt die Psychologie der Zweitursachen.

Um das einigermaßen verständlich zu machen, meine ich, müßte ich weiter ausgreifen und so sagen – was ich allerdings sage, mag als meine persönliche Auffassung aufgefaßt werden -: Wenn ich so zurückschaue auf all das, was im Abendland im Laufe der Jahrtausende geworden, dann sind das so im wesentlichen zwei große Leistungen – ich führe das jetzt nicht aus, deute es nur an, weil ich annehme, daß das bekannt ist -: das ist zunächst einmal die Leistung des heiligen Augustinus und dann die Leistung des heiligen Thomas.

Die Leistung des heiligen Augustinus. Er hat sich in der Hauptsache mit der Erstursache beschäftigt. Vom Platonismus ausgehend, von individuellen Ideen, (hat er) sie christlich getauft und übertragen auf den lebendigen Gott. Damit hat er den Boden bereitet für die damalige Wissenschaft und die Idee des Christentumes vorbereitet.

Später kamen dann die großen Schwierigkeiten vom Standpunkt der Araber, die den Aristoteles interpretierten und die Zweitursachen sehr stark in den Vordergrund stellten. Da ist der heilige Thomas aufgestanden. Und das scheint seine größte Leistung geworden zu sein, daß er die Erst- und Zweitursache miteinander in Verbindung gebracht hat, also was wir so nennen die Philosophie der Zweitursachen: Deus operatur per causas secundas liberas (Gott wirkt durch freie Zweitursachen). Operatur per causas secundas liberas – das war ja dann die Hauptsache. Augustinus (hat) hingeführt zum letzten Prinzip, zu Gott, und der heilige Thomas (hat) mit hinein bezogen die großen Gesetzmäßigkeiten Gottes bei der Weltregierung: Deus operatur per causas secundas liberas. Wenn Sie jetzt nun mal beobachten, was gegenwärtig akut und aktuell ist in der Kirche, gemessen etwa nach den Maßstäben des Konzils, müßte man wohl zunächst feststellen, (…) es geht im wesentlichen um die Sendung des heiligen Augustinus, daß die causa prima so ganz in den Vordergrund gestellt wird. Was aber weniger durchgedacht und deshalb noch nicht reflexiv bewußt geworden ist, das ist an sich die Sendung, die der heilige Thomas gehabt hat. Ich will damit nur so sagen: Diese Leistungen der beiden Geistesheroen, die wollen auch heute wieder neu als Leistung getätigt werden, wenn meinetwegen auch in etwa geänderter oder neu genormter Form. (…) Die Grundsätze darüber – Deus operatur per causas secundas liberas – haben wir ja im II. Teil der Werktagsheiligkeit ganz ausführlich dargelegt; da ist eigentlich alles wissenschaftlich grundgelegt – auch wo es sich dreht um die prophetische Dinggebundenheit, um die priesterliche Dinggebundenheit. (…)

Sehen Sie, das sind die Aufgaben, die auch heute noch zu lösen sind, die wir deswegen auch nicht als erledigt beiseiteschieben dürfen.

Nun aber die dritte, die wichtigste Aufgabe, so dünkt mich. Ich nenne das einmal die Psychologie der Zweitursachen. Wir haben eine Entwicklung der menschlichen Seele, die darauf ausgeht, alle Bindungen zu zerstören. Deswegen auch hier die Frage. Die Psychologie der Zweitursachen, das heißt: nach wel – chen psychologischen Gesetzen wollen die Zweitursachen ausgedeutet werden? Dafür haben wir die einfache Form gefunden: das Gesetz der organischen Obertragung, das Gesetz der organischen Weiterleitung. Von Gott aus gesehen das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung, vom Menschen aus gesehen auch, das ist das Grundverhältnis zwischen Erst- und Zweitursache.

Das gilt jetzt im großen und ganzen, das will aber angewandt werden auf alle Bindungen, die möglich sind: auf ideenmäßige Gebundenheiten, auf personale Gebundenheiten und auf Formgebundenheiten oder auf Ortsgebundenheiten – wir sind ja auch gebunden an einen Ort. Das ist immer Gesetz: Gott überträgt etwas auf den Ort, und wir müssen etwas auf den Ort übertragen, was letzten Endes Gott gebührt. Ich glaube, mehr brauche ich für uns zu diesem Zwecke nicht zu sagen. Wir sehen jedenfalls eine ungeheuer große Aufgabe, die da vor uns steht; vor uns steht rein wissenschaftlich: daß das bis ins einzelnste nachgewiesen wird. Aber noch schlimmer: Ich glaube nicht, daß Sie auf die Dauer das Problem der Seelsorge lösen, wenn Sie nicht diese Dinge einbauen.

Jetzt kommen wir wieder auf das zurück, was wir so häufig besprochen haben (…): Geschlossenheit! Sie müssen die Fragen zunächst in unserem eigenen Kreise lösen. Wenn wir nicht versuchen, den ganzen Bindungsorganismus im eigenen Kreise lebendig werden zu lassen, dann sind Sie halt morgen oder übermorgen auch aus dem Sattel herausgeworfen. – Das wäre die erste Gedankenlinie.

Jetzt die zweite Gedankenlinie: Wie hängt das mit dem 31. Mai zusammen? Da müssen Sie zunächst vom Historischen ausgehen. Das Historische, das heißt das Werden des 31. Mai, das setzt zunächst einmal voraus meine persönliche Grundeinstellung dem Marianischen gegenüber. Wo es darum geht, das Marianische als Exponent der Zweitursachen zu fassen, müssen Sie klar sehen, was das bedeutet. Das Marianische kann in seinem Eigenwert und in seinem Symbolgehalt gesehen werden. Hier wird es primär gesehen in seinem Symbolgehalt; will also heißen, was grundsätzlich gilt von der Psychologie der Zweitursachen, gilt per eminentiam von der Gottesmutter. Jetzt, historisch betrachtet, wollen Sie sich gefälligst daran erinnern, wie das in mir geworden, ausgehend von der persönlichen Oberzeugung, daß wir die Aufgabe haben, die Sendung der Gottesmutter heute gleichsam in die Hand zu nehmen, daran teilzunehmen. (Eine solche Überlegung) macht uns darauf aufmerksam: die Gottesmutter kann ihre Sendung nicht erfüllen, wenn sie überhaupt nicht anerkannt wird. Jetzt muß ich denken, da liegt das Hindernis für die Anerkennung – gewiß, mag sein: alle die theologischen, biblischen Gründe. Aber nach meiner Auffassung geht es bei (den) wesentlichsten Ursachen, zumal in dem Raum, auf den es ankam, (um etwas anderes).

Das muß ich jetzt nicht auseinandersetzen, von welcher Bedeutung Deutschland für die Degenerierung der heutigen Welt ist: Deutschland erstens einmal das Exportgebiet des Bolschewismus, dann zweitens der Ort, wo an sich der Kampf zunächst entbrennt, wo er ausgekämpft werden muß.

Die große Frage: Worin liegt jetzt das große Hindernis, das entfernt werden muß? Die Antwort kennen Sie ja; (Nichtbeachtung der) Psychologie der Zweitursachen oder mechanistisches Denken.

Wenn Sie sich nochmals darauf aufmerksam machen lassen, was wir vorher schon berührt und was tatsächlich von großer Bedeutung ist – wenn Sie etwa an ein Saatkorn und die immanenten Triebkräfte denken: es ist an sich die Triebkraft eines Saatkorns nicht nur von der Immanenz des Saatkorns selber abhängig, sondern auch von der Aufnahmefähigkeit des Bodens. Das ist ja von wesentlicher Bedeutung! Wenn deswegen der Boden der deutschen Seele nicht vorbereitet ist, nicht die Hemmnisse, die Wände entfernt sind, dann kann man theoretisieren, dann kann man studieren soviel man will, man kommt halt nicht zum Ziele. Jedenfalls war das vom Standpunkt der (Schönstatt)familie aus der große Gedanke, der große Wurf: Wenn die Gottesmutter ihre Sendung von Schönstatt aus erfüllen will, dann haben wir zunächst die Aufgabe, daß der deutsche Geist, die deutsche geistige Haltung gewandelt wird. Geschieht das nicht, dann stoßen wir uns alle wund; geschieht das nicht, dann können wir schaffen wie und was wir wollen, wir werden immer wieder zurückschrecken. Darum, selbst wenn es sich jetzt um Tod und Leben handelt, muß halt der Versuch gewagt werden, dieses mechanistische Denken (zu überwinden) oder – wenn Sie jetzt den anderen Ausdruck gestatten wollen – (die) Psychologie der Zweitursachen in Anwendung auf die Gottesmutter durchzuführen.

Das war an sich der tiefe Grund, der damals die Kraft gegeben hat, das Wagnis zu unternehmen. (…)

Dann kam ein zweites Problem hinzu, das wohl von einer anderen Seite aus die ganze Sachlage anging, aber doch letzten Endes auf dasselbe hinausging, das war halt im Zusammenhang mit der Schwesternschaft, um die es sich ja zunächst handelte, das Vaterprinzip. Und im Vaterprinzip, da klingen dieselben Prinzipien wider. Das ist so: da haben wir auf der einen Seite das marianische Prinzip als einen Exponent der Psychologie der Zweitursachen und (auf der anderen Seite) das Vaterprinzip – wohl auch ein Exponent, und zwar ein sehr triebkräftiger Exponent der Zweitursachen. (…)

Alles in allem: Was ist der Sinn des 31. Mai 1949? Das ist die Oberwindung eines überaus großen Hemmnisses für die Sendung der Gottesmutter und für die Formung des neuen Menschen – für die Formung des neuen Menschen, symbolisiert durch Vaterprinzip und Vaterpersönlichkeit.(…)

Jetzt die dritte Gedankenlinie, die wir zum Teil gestern besprochen haben: Was bedeutet in dem Zusammenhang Einschaltung, und was bedeutet Gleichschaltung?Gleichschaltung ist eine einfache Sache: Wir übernehmen mit dem 31. Mai die Aufgabe, auf der einen Seite im eigenen Kreise den ganzen Bindungsorganismus zu verwirklichen und zu bejahen, auf der anderen Seite suchen wir ihn auch überall zu vertreten und zu verteidigen, wo wir die Möglichkeit haben. Das ist Gleichschaltung. Das war ja die Aufgabe, die ich damals lösen wollte.

Wenn man nun von einer Einschaltung sprechen will, dann ist das natürlich nur eine Einschaltung, die analog wie die Einschaltung zum 20. 1. 1942 nur für uns Bedeutung hat, nicht für andere; also für uns, die wir zur Familie gehören. Dann wird das heißen, wir schalten uns insofern ein, daß wir uns in dem ganzen Kampfe auch von dem Paterfamilias leit- und lebensmäßig abhängig wissen. Das ist ja der Unterschied zwischen Gleichschaltung und Einschaltung.

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