JoBr52-06_261-270 Die Deutung des Schönstätter Mariengeheimnisses X

JoBr52-06_261-270
Die Deutung des Schönstätter Mariengeheimnisses X

Voraussetzungen f. d. Fließen d. Quelle – Wirkungen der Qu. – Doppelte Funktion d. Liebesbündnisses

Voraussetzungen für das Fließen der Quelle

Solch gläubige Erkenntnis, solches Ergriffensein von der Gabe der Frömmigkeit setzt bereits schlichten Kindessinn und einfältigen Demutsgeist bis zu einem gewissen Grade voraus. Das ist der zweite Gedanke, den wir uns erneut einprägen und zur Norm unseres Lebens machen wollen.

Es liegt in der Linie unserer Studie, daß wir für Wahrheiten, die uns geläufig sind, Zeugen aufrufen, um die eigene Auffassung von ihnen bestätigen zu lassen. Das wollen wir auch dieses Mal tun. Wir geben deswegen dem Laien Hengstenberg wieder das Wort. Wir wissen, daß er unser brauchbarer Bundesgenosse im Kampfe gegen den philosophischen Idealismus ist, der die übernatürlichen Wirklichkeiten entwirklicht und zu bloßen und blassen abstrakten Ideen verflüchtigt und so am Siegeszug des Kollektivismus mitwirkt. Hengstenberg schreibt:

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»Wir verstehen unter christlichem Realismus die vorbehaltlose Auslieferung an Gott in Christus ohne Rücksicht auf eigenes Wünschen und Wähnen. Zu dieser Auslieferung gehört aber auch, daß wir Gnaden von Gott anzunehmen bereit sind, die wir an dem betreffenden Orte, zu der bestimmten Zeit mit rationaler Vorhersage in keiner Weise erwarten konnten. Daß wir in den Sakramenten Gnaden empfangen, das haben wir gelernt. Aber daß wir an Gnadenorten unter von uns in keiner Weise gesetzten und beeinflußten Bedingungen Gnaden empfangen, die so an keiner anderen Stelle ausgeteilt werden, das ist uns ein Ärgernis. Man verargt Gott die ‚illegale‘ Austeilung von Gnaden. In der Tat, die Annahme solcher Gnaden und ihre Anerkennung verlangt von uns eine besondere Verdemütigung, wie sie durch eine Unterwerfung unter eine geistige Autorität so nie hätte erreicht werden können.

Aber gerade diese Verdemütigung ist uns heute not als Überwindung des idealistischen Rationalismus, der in unsere Frömmigkeit eingedrungen ist. Es gehört mit zum christlichen Realismus, der vorbehaltlosen Auslieferung an Gott in Christus. Ist es nicht tief sinnvoll, daß es solche Gnadenorte gibt, obwohl wir Christus mit seiner Gottheit in jeder Kirche im Sakrament haben? Christus ist dem Priester gewissermaßen in die Gewalt gegeben. Der Priester bestimmt Raum und Zeitpunkt der Wandlung. Ist es da nicht wie eine notwendige ausgleichende Verdemütigung, daß Gott Gnaden spendet an von uns nicht erwählten Orten? – In den Gnadenorten will Gott zeigen, daß er begnadet, wen er will und wann er will; daß man Gott da suchen muß, wo er sich zeigt; daß man ihn da hören muß, wo er spricht und dann hören muß, wenn er die Zeit dazu bestimmt. Das ist der christlich-realistische Sinn der Gnadenorte.

Wie die Gnadenorte für den Gebildeten oft ein Ärgernis bedeuten, aber gerade darin auf den Mangel in unserer ‚gebildeten‘ Frömmigkeit hinweisen, zeigt folgendes Er- /

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lebnis. Ein gelehrter Theologe fragte einen anderen: ‚Warum sollte nicht die Muttergottes in Fatima erscheinen können? Grundsätzlich kann man das doch nicht ausschließen?‘ ‚Gewiß kann sie das‘, war die Antwort, ‚aber so, wie ich Ihnen eine Ohrfeige geben kann!‘ Was nicht in den berechneten theologischen Rahmen paßt, ist eine Ohrfeige!

[[196]] Was uns heute not tut, ist der Gehorsam des Syrers aus dem Morgenlande, der gesagt bekam von Elisäus: ‚Wasche dich siebenmal im Jordan, so wirst du gesund!‘ (2 Kön 5,10). Das war eine überraschend einfache Verordnung. Der Syrer konnte sagen, und er hat es zuerst gesagt: Gibt es nicht auch in meiner Heimat Ströme genug? Mußte ich deshalb kommen? Wasche ich mich nicht auch sonst? Aber indem er gehorsam Folge leistete, wurde er gesund(22).«

Die Anwendung der vorgetragenen Gedanken auf Schönstatt fällt nicht schwer. Zur Abrundung sei daran erinnert, daß die lokale Gebundenheit von denselben Gesetzen der organischen Übertragung und Weiterleitung gelenkt wird wie die personale.

Die Wirkungen der Quelle

Die Wirkung solch gläubiger Überzeugung von dem Schönstätter Mariengeheimnis macht sich allenthalben im Ausland bemerkbar. Bisherige Erfahrungen mit der Schönstattbewegung lassen nur dort Erfolge erwarten, wo mit dem Bau des Heiligtums begonnen, wo seine Bedeutung vorbehaltlos anerkannt und wo es zur Grundlage und zum Mittelpunkt der ganzen Arbeit gemacht wird. Meine Aktensammlung redet hier eine deutliche /

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Sprache. Man lese nach, was über die Geschichte der Bewegung in Chile(23) berichtet wurde. Von jedem ausländischen Heiligtum läßt sich eln Gleiches sagen.

Um nicht zu ausführlich zu werden, beschränke ich mich auf den Bericht des jüngsten Heiligtums in Australien. (…) [Es] ist eine Art Gründungsurkunde, die ich auf Bitten in Buenos Aires geschrieben habe.

»Buenos Aires, den 25. April 1952

Meine Lieben! Unscheinbar mag die äußere Feier sein, die uns heute hier miteinander verbindet. Nach dem Plane Gottes soll sie aber für Ihre Seele und für Ihr Volk eine tiefe Bedeutung bekommen. Wie uns die Päpste künden, bricht ein neues marianisches Zeitalter an. Hat sich bisher in der Kirchengeschichte das prophetische Wort des Magnifikat erfüllt: ‚Er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd‘ (Lk 1,48), so soll künftig das andere Wort formend und gestaltend in Welt und Leben eingreifen: ‚Großes hat an mir getan, der da mächtig und dessen Name heilig ist‘ (Lk 1,49); von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter‘ (Lk 1,48). Das Bild der lieben Gottesmutter soll in einer Farbenpracht vor den Blicken der Menschen erscheinen und sich in einer Weise ihren Herzen einprägen, wie das bisher verhältnismäßig selten der Fall war. Sie schreitet als die große Volkserzieherin durch die Welt. Sie möchte überall Christus neu gebären, um so die gefährdete christliche Persönlichkeit, um die bedrohte Welt- und Gesellschaftsordnung zu retten. Darum sucht sie Orte, von denen aus sie ihre erziehliche Tätigkeit in hervorragender Weise entfalten kann.

Heute wählt sie feierlich dieses Heiligtum zu ihrem Lieblingsplatz, zu ihrem Gnadenort, zur Stätte ihrer besonderen Wirksamkeit. Von hier aus will sie ihre Schätze austeilen und /

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Erziehung von Volk und Führern in die Hand nehmen. Sie tut es unter dem Titel der ‚Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt‘. Unter diesem Titel hat sie einen Siegeszug durch die Welt angetreten: durch Europa, Afrika, Amerika. Überall, wo sie ihren Fuß hinsetzt, weckt sie neues, frisches, sprudelndes Leben. Überall schenkt sie ihren Verehrern in überreichem Maße die Gnade der seelischen Wandlung, der seelischen Beheimatung und der seelischen Fruchtbarkeit. Sie tut das, von der der selige Vinzenz Pallotti sagt: ‚Sie ist der große Missionar, sie wird Wunder wirken(24)!

Überall finden ihre Verehrer den Weg zu ihrer Gnadenstätte. Sie kommen aber nicht mit leeren, sondern mit reichgefüllten Händen. Sie werden nicht müde, der Gottesmutter jeweils die Opfer der ernsten Selbsterziehung anzubieten, die die Mitwirkung mit der Gnade im täglichen Leben von ihnen verlangt. Das tun sie besonders in großen Massen je- [[197]] weils am 18. jeden Monats. Sie gehen nach Hause, innerlich reichlich beschenkt mit neuen Anregungen und Beistandsgnaden für das große Werk ihrer Umformung in Christus.

Diese ernste Mitarbeit mit der Gnade verlangt die Gottesmutter von heute ab auch von uns. Sie ruft uns gleichsam ähnlich zu, wie sie das 1914 im Schönstattheiligtum getan hat: Macht euch keine Sorgen um die Erfüllung eurer Wünsche. Ego diligentes me diligo. Beweist mir erst durch die Tat, daß ihr mich liebt, dann will ich beweisen, daß ich euch liebe(25). So schließen wir denn heute das Liebesbündnis mit der lieben Gottesmutter. Wir vertrauen ihr das Schicksal von Volk und Vaterland an. Wir bringen ihr fleißig Beiträge zum Gnadenkapital. Wir finden in allen Situationen den Weg zu ihrem Heiligtum.

Wir schreiten voller Zuversicht in die Zukunft und werden nicht müde, das Wort des seligen Vinzenz Pallotti zu wieder- /

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holen: ‚Mater habebit curam(26)!‘ Sie übernimmt die Sorge für unser Heil und für das Wohl von Volk und Vaterland, dessen dürfen Sie versichert sein, darob dürfen Sie sich freuen alle Tage Ihres Lebens. Darum gratuliere ich Ihnen zur heutigen Feier und wünsche von Herzen, daß sie einen tiefen Eindruck in Ihrem Gemüte zurückläßt, daß sie einen Einschnitt bedeutet in der Geschichte Ihres Lebens und Ihres Volkes.

Kürzlich hat der Heilige Vater das Bild der Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt dem Bischof von Botucatu/Brasilien geschenkt. Es wurde in der Kathedrale der Bischofsstadt feierlich aufgehängt und wird nun dort unter dem Titel ‚Madonna del Papa‘ vom Volke verehrt. Möge dasselbe Bild von hier aus sich den Ehrentitel verdienen: ‚Madonna populi Australiensis(27)‘. Den Bericht über die Einweihung des Bildes in Botucatu lege ich bei.«

[[198-203]] (……)(28)

Als Anschauungsunterricht oder – wenn man will – als Prüfungsstoff für die vorgetragenen Gedanken füge ich zwei Bilder aus dem Leben bei. Sie geben Gelegenheit, alles Gesagte nodn einmal kurz zu überschlagen und geistig neu zu durchdringen.

Erstes Bild: Irgendwo eine Universitätsstudentin. Ihr Heimatkaplan, ein Schönstätter, war tüchtig und hat für Schönstatt gearbeitet. Das imponiert ihr, und sie geht in seinen Fußstapfen. Da wird er plötzlich versetzt. /

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Sein Nachfolger ist Mitglied der Legio Mariae. Mit ihm bricht aktives Leben im Heimatort auf. Schönstatt tut er ab mit dem Hinweis: Schönstatt redet, wir aber arbeiten. Dabei ist er äußerst sozial und apostolisch. Das Gedankengut, das er weitergibt, ist dem von Schönstatt ähnlich. All das hat die Studentin plötzlich umgeworfen, vor allem deshalb, weil unsere lokale Gebundenheit – nach ihrer Auffassung das einzig Originelle gegenüber der Legio – als bloß psychologisch-pädagogisch wirksame Angelegenheit zu betrachten ist. Dogmatisch stehe fest, daß sich im mystischen Christus alle Gnadenbewegung vollziehe. Wozu also Gnadenorte? Der Bericht- [[204]] erstatter fügt bei:

»Es hielt sehr schwer, sie davon zu überzeugen, daß unsere Wallfahrtsgnaden von Gott mit dem Ort verbunden sind, daß sie also nicht bloß als psychologische Angelegenheit betrachtet werden dürfen … Es ist sehr schwer, solhe Dinge verständlich zu machen, wenn gewichtige Persönlichkeiten alles in Schönstatt in ‚psychologisches Gerede‘ auflösen wollen. Andererseits fällt es dem modernen Denken wieder schwer, Gnade real zu nehmen. Gott sei Dank, daß wir tausendfach die Realität der Wallfahrtsgnaden erfahren haben!«

Zweites Bild: Es handelt sich wieder um Akademiker. Sie halten Gruppe. Plötzlich schneien zwei junge, sehr gelehrte Dominikaner herein. Sie erklären, Schönstatt wende sich nur an den Willen, nicht an den Verstand. Dieser Voluntarismus erziehe Massenmenschen auf religiöser Ebene. Bindung an einen ständigen Beichtvater sei das beste Mittel zur Entpersönlichung und Verdummung. Unsere Marienverehrung sei unhaltbar; das habe auch Sträter durch den Platz, an den er Pater Kastners Artikel gebracht, zum Ausdruck gebracht so- /

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wie dadurch, daß er nichts dazu bemerkt habe(29). Unsere lokale Gebundenheit erinnere stark an den Brauch der Nazis, an ihr Bestreben, München zur Hauptstadt der Bewegung zu machen. Wir hätten das alles den Nazis gut nachgemacht. Der Bericht fährt fort:

»Es war mir natürlich leicht, diesen Anachronismus mit einfachen Daten zu widerlegen: Wir 1914 – München 1923, bekanntgemacht 1933. Ich erklärte ferner, daß man an der lokalen Gebundenheit der Nazis gut ein Gesetz des Kampfes um das Gottesreich ablesen könne. Hat der Teufel einmal erfaßt, daß der Herrgott etwas Großes werden läßt wie bei uns in Schönstatt, so ahmt der Affe Gottes es sofort nach. München also doch in Verbindung mit unserer lokalen Gebundenheit! Wir sprachen dann schlicht-gläubig über den Gnadeneinbruch in unserem Mariengeheimnis, betrieben nebenbei auch ein wenig Gehirnmassage. So fielen die von den Dominikanern erhobenen Schwierigkeiten nicht mehr ins Gewicht.«

Lange haben wir uns mit der Originalität unseres Liebesbündnisses beschäftigt. Es war gut so. Von jetzt ab klingt in dem schlichten Satz »Liebesbündnis mit der Gottesmutter von Schönstatt in unserem Heiligtum« mehr als bisher eine Welt von großen, übernatürlichen Wirklichkeiten mit.

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DIE DOPPELTE FUNKTION DES LIEBESBÜNDNISSES

Wir haben diesem Bündnis eine doppelte Funktion zugeschrieben: Es bewahrt uns vor den Gefahren des Kollektivismus und des mechanischen Denkens(30).

Ob ich diese Behauptung des näheren beweisen muß? Wir haben die Gedankengänge bereits so geordnet, daß die Konsequenzen daraus nach der angedeuteten doppelten Richtung leicht gezogen werden können. Wir mögen uns beim Abschluß unserer Überlegungen fast wie ein Photograph vorkommen, der die meiste Zeit auf die Vorbereitungsarbeit – auf die richtige Stellung oder Verteilung von Licht und Schatten – verwendet. Das Knipsen ist nur eine Momentsache. Das trifft auch in unserem Falle zu.

Ich denke zunächst an den Kollektivismus. Sein Bild steht klar umrissen vor unseren Augen. Wir haben uns ja redlich bemüht, ihn so zu zeigen und zu zeichnen, wie er sich der heutigen Welt kundtut. Kennt man den Gegner, seine Gefährlichkeit und Schliche, so kann man sich leichter dagegen wehren, kann leichter sichere Gegenmittel ergreifen.

Die Weltpresse atmet – wie es scheint – allmählich etwas auf, nicht deshalb, weil sie sich außerhalb der Gefahrenzone der Massendämonie weiß, sondern vielmehr, weil sie dem Gegner das Visier vom Antlitz weggerisssen hat und ihm nunmehr Auge gegen Auge gegenübersteht. Wir sind – so kündet sie allenthalben – über die Linie, wir sind, wenigstens mit dem Kopf, jenseits /

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des Nullmeridians der Verzweiflung. Wir haben gelernt – so liest man in zeitphilosophischen Erwägungen -, daß wir in den »Wald«, daß wir ins »Holz« gehen müssen.

Aus drei Tatsachen schließt Jünger, daißwir die Linie, den bezeichneten Nullmeridian bereits überschritten haben:

(Fortsetzung folgt)(31)

22. H.E. Hengstenberg, a.a.O., S. 81-83. Die Hervorhebungen stammen von Hengstenberg.

23. Vgl. Bd. I, S. 169-227.

24. Vgl. oben, S. 231.

25. Vgl. Schönstatt, Die Gründungsurkunden, 26 f.

26. Die Mutter wird Sorge tragen. Vgl. J.Frank, Vinzenz Pallotti, I. Bd., Friedberg 1952, 336.

27. Madonna des Papstes – Madonna des australischen Volkes.

28. Hier mußten einige Aktenstücke mit Rücksicht auf lebende Personen ausgelassen werden.

29. Gemeint ist das Sammelwerk »Katholische Marienkunde« (Hrsg. Paul Sträter, 3. Bd.: Maria im Christenleben, Paderborn ²1952, mit dem Aufsatz von F. Kastner, Die Marienverehrung Schönstatts, ebenda S. 294-322).

30. Vgl. oben, S. 22 f.

31. Eine Fortsetzung folgte nicht mehr.

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit, Vallendar-Schönstatt 1972, 278 S. – www.patris-verlag.de

 

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