Einleitung: Schlechter Empfang?

Einleitung: Schlechter Empfang?

Kann es einen echten Dialog geben zwischen Gott und dem Menschen? Spricht Gott also vernehmlich und verständlich zu uns? Und dürfen wir damit rechnen, dass er auf unsere Anrufe reagiert und wirksam in unser Leben eingreift? Ein Blick in die Bibel lässt hier eigentlich keine Zweifel zu: In großer Direktheit und Eindeutigkeit spricht Gott zu den Menschen – vornehmlich zu prophetischen Gestalten. Beides, Unmittelbarkeit und Eindeutigkeit, scheint über die Jahrhunderte hinweg abgenommen zu haben. Die Erfahrung des heutigen Menschen, auch des gläubigen Christen, ist vielfach die, dass Gott schweigt – nicht nur im Leid, sondern ganz allgemein.

Ich denke, dass die komplexe und vielschichtige Kirchenkrise im Kern tatsächlich eine Glaubens- und Gotteskrise ist, näherhin eine Krise, die darin besteht, dass Gottes Gegenwart häufig höchstens noch als passive, nicht aber als eingreifende und sich mitteilende Gegenwart wahrgenommen wird. Woran mag das liegen? Vielleicht einfach daran, dass Gott tatsächlich schweigt? Oder sind wir Menschen schwerhörig geworden? Haben wir es verlernt, die Sprache Gottes zu entschlüsseln und zu verstehen?

Kommunikation kommt nur zustande, indem Zeichen einem Sender zugeschrieben werden und diesen Zeichen eine Mitteilung unterstellt wird. Derjenige, der anderen etwas mitteilen will, steht manchmal vor der nicht ganz leichten Herausforderung, seine Botschaft verständlich zu kommunizieren. Da die Kirche in Christus „Heilssakrament“ (LG 48), „Zeichen und  Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott“ (LG 1) ist, und es für eine tiefere Gemeinschaft mit Gott immer auch der Kommunikation bedarf, kann und soll ihre (heils-) vermittelnde Aufgabe auch darin bestehen, den Menschen zu helfen, Kommunikationsbarrieren aus dem Weg zu räumen und hermeneutische Hilfen dafür zu geben, Gottes Stimme, seine Botschaften an die Menschen, zu vernehmen. Johannes XXIII. hatte gemerkt, dass die Kirche hiermit große Schwierigkeiten bekommen hat. Die Welt und auch die Gläubigen haben die Lehre und Dogmen der Kirche immer weniger verstanden. Deshalb berief er im Jahre 1961 das Zweite Vatikanische Konzil ein. Dies war mit einer neuen Zuwendung zur Welt verbunden. Das Öffnen der Fenster und das programmatische „Aggiornamento“ des Papstes hatten für die Kirche große Bewegungen und auch manche Gefahren zur Folge. Wenn Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch eine „Entweltlichung“ der Kirche anmahnt, wird etwas von dieser Gefahr deutlich. Vor allem in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes hat sich die katholische Kirche während dem Konzil entschieden, ihr Verhältnis zur Welt zu erneuern und mit der Welt neu in einen Dialog zu treten. Der Begriff der „Zeichen der Zeit“ (GS 4) wird dabei häufig als Schlüsselbegriff qualifiziert und steht wesentlich für ein neues Paradigma in der katholischen Kirche. Die Konzilsväter hatten gemerkt, dass die Zeit zu knapp war, um eine ausgefeilte Methode der Hermeneutik auszuarbeiten, und verschoben diese Aufgabe auf später. Heute, 50 Jahre nach der Einberufung des Konzils, ist es der Kirche eigentlich immer noch nicht gelungen, ihrem Auftrag, die „Zeichen der Zeit“ zu deuten, in überzeugender Weise nachzukommen und dazu eine ausgefeilte Methode zu entwickeln. Jedenfalls finde ich die Ansätze, die mir dazu bisher begegnet sind, wenig überzeugend. Wenn es darum geht, Ereignisse und Strömungen, die die Menschen bewegen, auf ihren theologischen Sinn zu deuten und zu bewerten erlebe ich die Kirche meist als sprachlos und uninspiriert. Es kommt nicht sehr häufig vor, dass Priester in einer Predigt zeichenhafte Zeiterscheinungen aufgreifen und vom Evangelium her deuten. Und wenn dies geschieht, dann wirkt dies häufig banal, einseitig oder eindimensional moralisierend in scharfer Unterscheidung von schwarz und weiß.

Als Mitglied der Schönstattbewegung beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiver mit den Schriften ihres Gründers, Pater Josef Kentenich. Schon einige Jahre vor dem Zweiten Vatikantischen Konzil betont er die überaus wichtige Aufgabe der Kirche, Gottes Sprechen in der Zeit wahrzunehmen und zu deuten. Da er fest davon überzeugt war, dass Gott hinter den vielen Zeichen eine Botschaft an uns sendet, spricht er von „Zeitenstimmen“. Um diese zu vernehmen, hat J. Kentenich eine originelle Methode entwickelt. Diese Methode hier darzustellen und exemplarisch anzuwenden, ist das wesentliche Ziel dieser Arbeit.

In einem ersten Schritt soll der Begriff der „Zeichen der Zeit“ von seiner Entstehung sowie in seiner Bedeutung vom Konzil her dargestellt werden (1.1. u. 1.2.). Es folgt eine nähere Definition des Syntagmas (1.3.) und eine Zuordnung zu verwandten Begriffen (1.4.). In einem weiteren Schritt wird der Frage nachgegangen, was die zugrundeliegenden Bezugsprobleme sind, die zu einer Konjunktur dieses Begriffs geführt haben (1.5.). Um die Methode besser verständlich zu machen und ihre Anwendungsmöglichkeiten für die Praxis aufzuzeigen, wird an dieser Stelle beispielhaft ein Zeitzeichens eingeführt: Es ist die Zeitenstimme „Frausein“ (1.6.). Die Deutung dieser Zeitenstimme zieht sich dann durch die gesamte Arbeit.

Mit seiner Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung gelingt es dem Soziologen Niklas Luhmann, sichtbar zu machen, wie wir in verschiedenen Kontexten die Welt beobachten. Während meines Soziologiestudiums bin ich auf Luhmanns funktionale Systemtheorie aufmerksam geworden. Teilweise habe ich mich auch sehr an ihr gerieben. Im Blick auf die Fragestellung dieser Arbeit scheint die Theorie großes Erklärungspotential zu haben. Vor allem hilft sie, die Bedingungen unserer Beobachtungen zu eruieren und dann auch zu prüfen, was und wie wir beobachten. Die Theorie und die dazugehörige Erkenntnistheorie werden zunächst in sich dargestellt (2.1.). Es folgt dann der erkenntnistheoretische Ansatz von J. Kentenich (2.1.). Elemente aus der Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung werden anschließend mit dem Ansatz von J. Kentenich verglichen und in diesen integriert (2.3.).

Im 3. Kapitel werden einige fundamentaltheologische und dogmatische Probleme und Fragen aufgezeigt und – soweit es im Rahmen dieser Arbeit möglich ist – erörtert. Zu klären ist dabei v.a. das Verständnis der Offenbarung Gottes in der Geschichte (3.1.) und die Rolle, die dabei den „Zeichen der Zeit“ zukommt. Auch das Verhältnis des Dogmas zur Pastoral ist dabei von Interesse, sowie die Denkform der Relativität (3.2.).

Der methodische Ansatz, die Erfahrungen der Menschen neu mit der Lehre der Kirche in Beziehung zu bringen, ist der Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln von Josef Cardijn. Die Methode wird zunächst analysiert und in erkenntnistheoretischer Hinsicht kritisch reflektiert (4.1.). Bevor die eigentliche Methode von J. Kentenich vorgestellt wird, folgen weitere erkenntnistheoretische Überlegungen: „Zeichen der Zeit“ stellen sich nicht nur als Ereignisse, sondern immer auch in Verbindung mit einer schöpferischen Deutung der Ereignisse dar, die letztlich auf die Konstituierung der eigenen Identität abzielt (4.2.). Dabei spielt immer auch die eigene Weltanschauung eine bedeutende Rolle. So wird weiter gefragt wie das Wahrnehmungsorgan des gläubigen Christen beschaffen ist (4.3.) und inwiefern die jeweiligen theologischen Auffassungen über die Kirche und das Reich Gottes die Wahrnehmung prägen und strukturieren (4.4.). In Kapitel 4.5. wird dann der methodische Vierschritt nach J. Kentenich vorgestellt: Beobachten – Vergleichen – Straffen – Anwenden.  Hier zeigt sich, dass jedes Beobachten bereits eine Unterscheidung vornimmt, die beim Deuten der “Zeichen der Zeit“ darüber entscheidet, ob die Botschaft Gottes erfasst oder ob sie systematisch ausgeblendet wird (4.6.). J. Kentenich schlägt nun eine doppelte Unterscheidung vor (4.6.1.), die möglich wird, wenn es dem Menschen gelingt, sich in Strömungen einzufühlen und gleichzeitig ein Gegensatzbewusstsein auszubilden (4.6.2.). Einige Überlegungen zu verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen des Zeichendeuters (4.7.) schließen dieses Kapitel ab.

Ziel der Arbeit ist es nun, aufzuzeigen, dass diese Deutungen von „Zeichen der Zeit“ trotz ihrer Kontingenz und Subjektivität auch intersubjektiv plausibel gemacht werden können. Daher sollen am Ende einige kairologische Realisierungs- und Verifikationsprinzipien aufgezeigt werden, die die Wahrscheinlichkeit für eine gültige Deutung erhöhen (Kap. 5.).

Im Schlussteil (Kap. 6.) werden dann wesentliche Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst und  auch einige Konsequenzen für die diakonische Praxis aufgezeigt. Denn nur wenn die Kirche ihr Selbstverständnis und ihre Lehre auch in ihren konkreten Selbstvollzügen lebt und in erfahrbare Haltungen und Praktiken zu übersetzen versteht, hat sie Aussicht glaubwürdig und überzeugend zu sein.

Die Arbeit in eine lineare Form zu bringen, hat sich während der Erarbeitung als besondere Herausforderung gezeigt. Vieles, was bereits von Beginn an angedeutet wird, kann erst im Laufe der Arbeit expliziert und erläutert werden. So ergibt sich am Ende das Gesamtbild einer Methode, die als organisches Ganzes zu verstehen ist, in der verschiedene Elemente ineinandergreifen.

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