1 Problemanzeige: „Zeichen der Zeit“ deuten

1 Problemanzeige: „Zeichen der Zeit“ deuten – eine Überforderung des Konzils?

1.1 Der Auftrag in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes und darüber hinaus

In den ersten Artikeln der Pastoralkonstitution umreißt das Konzil den Auftrag der Kirche in der Welt. Es geht ihr letztlich um einen „Dienst am Menschen“ (GS 3), an dessen „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (GS 1) die Kirche teilnehmen wolle. Sie wendet sich daher an „die ganze Menschheitsfamilie mit der Gesamtheit der Wirklichkeiten, in denen sie lebt“, die dazu bestimmt sei, „umgestaltet zu werden nach Gottes Heilsratschluß und zur Vollendung zu kommen.“ (GS 2) Hierzu bietet sie dem Menschengeschlecht „jene Heilskräfte“, die sie „von ihrem Gründer empfängt.“ (GS 3)

„Zur Erfüllung dieses Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.“ (GS 4)

Neben dem 4. Kapitel ist es vor allem das 11. Kapitel, in dem der Auftrag näher beschrieben und die Bedeutung der Unterscheidung angemahnt wird.

„Im Glauben daran, daß es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind.“ (GS 11)

In einer Reihe von weiteren Konzilsdokumenten kommt das Syntagma von den „Zeichen der Zeit“ vor[1], und es werden dabei auch eine Reihe von konkreten Zeitzeichen genannt.

Es wäre nun jedoch zu kurz gegriffen, den Auftrag, „Zeichen der Zeit“ zu deuten, allein mit dem Konzil zu rechtfertigen. Letztlich ist das Deuten der „Zeichen der Zeit“ ein Grundvorgang des Menschseins und insbesondere des Christseins. Denn unser Dasein in der Geschichte ist immer ein Ausdeuten von Zeichen.[2]

Und schließlich hat uns Jesus selbst mit großem Ernst dazu aufgefordert:

„Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten, warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12,54ff, vgl. auch Mt 16,3)

Freilich sind die Worte Jesu in einen spezifischen Kontext hinein gesprochen. Sie sind deshalb nicht ein-zu-eins mit dem gleichzusetzen, was wir heute unter den „Zeichen der Zeit“ verstehen. In seinem Kommentar über das Erste Kapitel des Ersten Teils von Gaudium et spes erklärt Josef Ratzinger die Zurückhaltung der Konzilsväter mit dem Bemühen um eine zeitgemäße Schriftanwendung, „das Dilemma zwischen historischer Genauigkeit, die die Schrift ins Damalige entrückt und sie darin festhält, und der Überzeugung, daß sie auch vom Heutigen handelt und darin angeeignet werden kann.“[3] Sehr genau analysiert Ratzinger, dass sich im Mangel an Regeln kerygmatischer Hermeneutik, auch im Blick auf die Pastoralkonstitution, das Dilemma der Kirche in unserer Zeit zeigt: „Gehört sie [die Kirche], indem sie sich auf das Zeugnis der Schrift bezieht, notwendig der Vergangenheit zu, oder kann sie, ohne sich selbst untreu zu werden, Kirche der Gegenwart sein?“[4]

Entsprechend der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum ist der Schriftsinn auch unter Berücksichtigung „der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens“ (DV 12) zu ermitteln. Aloys Grillmeier beschreibt im Kommentar zu dieser Stelle:

„Wenn die Schriftdeutung auf das Ganze der Offenbarung schauen muß […], so darf auch die eine Aussage im Lichte der anderen gesehen werden. Sie dürfen miteinander zu neuen Erkenntnissen verknüpft werden. Dies besagt die Analogie des Glaubens. Auch wenn die historische Exegese ihr Recht behält und stets Korrektiv sein muß, so darf der Theologe doch die originären Einzelaussagen der Schrift […] zusammenschauen und in Beziehung setzen zu den […] Dogmen.“[5]

Damit klingt bereits ein grundlegendes Problem beim Deuten von „Zeichen der Zeit“ an: Es ist die relative Unbestimmtheit der Anweisung, „im Licht des Evangeliums“ zu deuten. Damit verbunden ist das Problem des auf dem Konzil nicht genügend geklärten Verhältnisses zwischen Offenbarung, Kirche und Welt. Diesem Problem soll in Kap. 3.1.4. weiter nachgegangen werden.

Der von Jesus angesprochene Gesichtspunkt der Umkehr und der eschatologischen Dimension ist freilich im Konzept der „Zeichen der Zeit“ zu berücksichtigen. Doch es wäre der eben zitierten Möglichkeit und Forderung gegenüber restriktiv, den Begriff der „Zeichen der Zeit“ allein aus dem einen spezifischen biblischen Kontext abzuleiten.

1.2 Geschichte des Begriffs und seiner Rezeption

Schon vor dem Konzil war der Begriff im kirchlichen Milieu gebräuchlich. Während im 19. Jahrhundert vorwiegend im protestantischen Bereich die strenge biblisch-eschatologische Bedeutung des Syntagmas bewahrt wurde, erfolgte im 20. Jahrhundert eine Bedeutungs-verschiebung. „Zeichen der Zeit“ verbanden sich nun eher mit einer positiven Sicht der Gegenwart als Ort, an dem das sich ereignende Heil – wenn auch bruchstückhaft – aufleuchtet. Der italienische Theologe Guiseppe Ruggieri zeigt auf, dass sich dabei eine Tendenz entwickelte, „die eine Verbindung zwischen einer soziologischen Bedeutung der ‚Zeichen der Zeit‘ als Kennzeichen einer Epoche einerseits und dem Willen, die jeweils gegenwärtige Geschichte als theologischen Ort zu werten andererseits, anstrebte.“[6]

Es ist dann vor allem Papst Johannes XXIII., der den Begriff der „Zeichen der Zeit“ entscheidend prägt und wirkungsvoll ins kirchliche Bewusstsein hebt. Bereits in der Apostolischen Konstitution Humanae salutis, mit der er am 25.12.1961 das Zweite Vatikanische Konzil einberuft, macht er sich die Forderung Jesu zu eigen, die „Zeichen der Zeit“ zu deuten. In seiner letzten Enzyklika Pacem in terris (11.04.1963) benennt und würdigt er selbst drei solcher Zeichen und nimmt damit auch auf den weiteren Verlauf des Konzils Einfluss.[7] Johannes XXIII. bringt „Zeichen der Zeit“ dabei immer in Verbindung mit einer besseren Zukunft, die in ihnen aufscheint und Anlass zur Hoffnung gibt.

Die Debatten auf dem Konzil selbst liefen äußerst verworren und es würde zu weit führen, sie hier ausführlicher darzustellen. Hans-Joachim Sander hat in seinem Kommentar über die Pastoralkonstitution mit einem zeitlichen Abstand von über 40 Jahren ihre oft dramatische Geschichte ausführlich beschrieben und kommentiert.[8] Sie liest sich phasenweise wie ein packender Krimi. Die Entstehung des Dokuments zog sich über die gesamte Zeit des Konzils. Etliche Entwürfe wurden erstellt und von einer großen Zahl von Autoren beeinflusst und überarbeitet. Bis zuletzt war unklar, ob die Zeit reichen würde die Konstitution fertig zu stellen und ob sie überhaupt den Status einer Konstitution bekommen könne. Am 7. Dezember 1965, also am vorletzten Tag des Konzils, wurde sie dann mit großer Mehrheit von den Konzilsvätern verabschiedet.

Das Syntagma von den „Zeichen der Zeit“ kann als „Schlüsselkategorie“ der Pastoralkonstitution aufgefasst werden. H.-J. Sander meint: „Der Begriff hat es also mit dem Ansatz des Textes selbst zu tun; er resultiert nicht aus dem, was dieser Text darlegt, sondern repräsentiert das, was er darlegen will. Er ist eine Schlüsselkategorie, ein Anwendungsbegriff.“[9] Und so kann von der Bewertung des Dokuments auch auf die Haltung hinsichtlich der „Zeichen der Zeit“ geschlossen werden. Bei vielen Theologen verbinden sich dabei Elemente der Faszination und Anziehung auf der einen Seite mit solchen der Abstoßung und Kritik auf der anderen Seite. Vielsagend ist beispielsweise die Einschätzung Karl Rahners, der das Dokument als „den Anfang des Anfangs“[10] bezeichnet. Peter Hünermann spricht vom „Dokument des Übergangs.“[11] Karl Lehmann spricht im Blick auf manche Schwierigkeiten bei der Entstehung, u.a. von der Suche nach einer angemessenen Sprache und nach adäquaten Modellen, von „Ermüdungserscheinungen in der häufigen Überarbeitung eines großen Dokumentes“[12] und auch von seiner „vorläufige[n] und unabgeschlossene[n] Form.“ Daraus folgert er: „Vielleicht ist das ‚Ethos‘ des Textes wichtiger als seine Lösungen.“[13] Im Dokument selbst wird die Forderung, „Zeichen der Zeit“ zu deuten, in gewisser Weise praktiziert, indem zu verschiedenen Zeiterscheinungen auch Stellung bezogen wird. Hinsichtlich dieser Bewertungen wird häufig ein naiver Optimismus in Gaudium et speskritisiert und eine zu große Nähe zu einigen immanenten Zeiterscheinungen. Ob dieses oft pauschale Urteil gerechtfertigt ist, wird aber verschiedentlich in Frage gestellt.[14]

In zeitlicher Hinsicht markiert Karl Lehmann drei Phasen der Rezeptionsgeschichte der Konzilsdokumente: Nach einer ersten „Phase des Aufbruchs und des Überschwangs“ folgte eine „Phase enttäuschter Hoffnung“. Die dritte Phase ist nun die aktuelle Zeit, in der es Hinweise für eine „Neuorientierung und Neubesinnung“ gebe.[15] Schließlich bemerkt K. Lehmann: „Ich hoffe auf eine vierte Phase, in der neue Generationen die heute noch gültigen Impulse neu entdecken.“[16]

Richtet man den Fokus zurück auf das Syntagma bzw. die Forderung, die „Zeichen zu Zeit“ zu deuten, kann unterschieden werden zwischen der theologischen Rezeption und der tatsächlichen kirchlichen Praxis. Vor allem in der Praktischen Theologie gab es verschiedene Ansätze einer Entwicklung und Weiterentwicklung einer Methode. Diese variieren jeweils den von Josef Cardijn eingebrachten Dreischritt: Sehen – Urteilen – Handeln.[17] Was die tatsächliche Praxis im Leben der Gläubigen und der Kirche angeht, muss doch häufig eine gewisse Ernüchterung und Resignation konstatiert werden. Karl Lehmann stellt dazu fest:

„Hat man sich früher eher begeistert an der Suche nach „Zeihen der Zeit“ beteiligt, so wollen heute viele die tatsächlich nicht selten inflationär verbrauchte und missbrauchte Rede von den „Zeichen der Zeit“ kaum mehr hören. Dennoch ist die damit verbundene Aufgabe unverzichtbar. Sie gehört zum zentralen Vermächtnis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wir müssen nochmals neu damit beginnen.“[18]

1.3 Aspekte der „Zeichen der Zeit“

Wie im vorigen Kapitel angedeutet, gibt es mehrere Möglichkeiten das Syntagma von den „Zeichen der Zeit“ zu verstehen. Um seinem inflationären Gebrauch entgegenzuwirken und auch um das Verständnis für die Herausforderung und die Methode zu schärfen, sollen nun erste klärende Unterscheidungen des Begriffs unternommen werden.  Manches kann zunächst nur angedeutet werden, soll dann aber im weiteren Verlauf expliziert werden. Denn es sind verschiedene grundsätzliche, dogmatische und erkenntnistheoretische Problemstellungen damit verbunden, die nach und nach entfaltet werden.

(1) Eine erste wichtige Unterscheidung liegt zunächst darin, ob mit einem ausschließlich soziologischen Blick wichtige soziale Entwicklungen für eine Gesellschaft und Epoche als „Zeichen der Zeit“ bezeichnet werden, oder ob sich in irgendeiner Weise Gegenwart und Wirken Gottes darin ausdrücken. Diese semantische  Verschiebung bzw. Erweiterung des Begriffs hin zu einem Verständnis, dass Gott in den Ereignissen zu uns spricht, ist für ein christliches Verständnis des Begriffs unumgänglich. Denn zur Identität des Christlichen gehört es, dass Gott geschichtsmächtig ist und in einer bestimmten Weise mit dem Lauf der Geschichte verbunden ist.[19] „Es gibt keine theologisch neutrale Welt“, betont Karl Lehmann.[20] So ist also trotz aller Unsicherheit bei der Ausdeutung davon auszugehen, dass potentiell an alle Zeitereignisse eine Botschaft Gottes geknüpft sein kann. H.-J. Sander stellt fest: „In ihnen [den Zeichen der Zeit] wird die schiere Gegenwart auf eine Präsenz hin überschritten, welche die Bedeutung dieser Gegenwart aufschließt.“[21] Soziologischer und theologischer Aspekt sind also nicht gegeneinander auszuspielen, sondern eng miteinander verbunden. „Zeichen der Zeit“ sind empirisch beobachtbar und theologisch zu deuten.

(2) Wesentlich ist auch, dass sich diese zeichenhaften Erscheinungen immer in der Spannung zwischen Heil und Unheil bewegen. Es sind zunächst einmal prekäre Zeiterscheinungen, in denen bestimmte Zeitnöte und auch Zeitbedürfnisse der Menschen von heute sichtbar werden, die oft auch als Kreuz erlebt werden.[22] Dabei gilt es, diese Ereignisse immer auch im Kontext der Heilsgeschichte zu interpretieren bzw. „im Licht des Evangeliums“, wie das Konzil sagt (GS 4). Es geht also um die Perspektive der Hoffnung für eine bessere Zukunft, die Zukunft Gottes.[23] Es ist die Perspektive des Heils, die auf Befreiung, Gesundwerdung, Subjektwerdung, Friede weist. Gleichzeitig bedarf es eines wachen und mitfühlenden Blickes für Situationen, wo dies genau noch nicht verwirklicht ist, sich jedoch Wege zum Heil Bahn brechen.

(3) Es lassen sich schließlich verschiedene trinitarische Bezüge herstellen. In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass Gott als Vater und Schöpfer der Welt, einen (Liebes-)Plan für die Menschen hat, den er gemeinsam mit ihnen zu realisieren sucht. Lebens- und Weltgeschichte werden im „praktischen Vorsehungsglaube“[24] auch als Bundesgeschichte aufgefasst. Dabei fragt der Mensch immer wieder nach dem Willen Gottes. Die „Zeichen der Zeit“ helfen dem Menschen, den  individuellen und gesellschaftlichen Heilsplan nach und nach zu entschleiern.

(4) Zeit und Geschichte werden außerdem in ihrem eigentümlichen Ineinander von natürlichen und übernatürlichen Kräften betrachtet. Gottes Einwirkung in die Geschichte wird dabei in einem weiteren Sinn auch als fortgesetztes inkarnatorisches Handeln aufgefasst. Der Konzilstheologe Marie-Dominique Chenu bringt den Sachverhalt prägnant auf den Punkt:

„Das ganze Gewebe der menschlichen Geschichte, […]die ganze […] Kultur bilden jenen Körper und jene Sprache, in denen sich das Wort Gottes und der Glaube ausdrücken und leben. Hier und jetzt, in der ganzen Mächtigkeit der aufstrebenden Geschichte der Völker vollzieht sich die geheimnisvolle Ankunft Gottes, der in der Fleischwerdung seines Wortes in Jesus Christus, aber auch in jedem Menschen, der sich selbst entdeckt und in der Erkenntnis Gottes zu sich selber kommt, in diese Welt eintritt.“[25]

„Zeichen der Zeit“ sind also immer hingeordnet auf das Ziel einer heilvollen Subjektwerdung des Menschen nach dem Vorbild des Jesus von Nazareth.

(5) Entsprechend der oben genannten Schriftstelle (Lk 12,54ff) haben „Zeichen der Zeit“ auch immer eine eschatologische Bedeutungsdimension. Sie sind messianisches Hoffnungszeichen und rufen auf zur persönlichen Umkehr und zum Wachstum ins Reich Gottes.

(6) Von zentraler Bedeutung ist, dass „Zeichen der Zeit“ als Form der Offenbarung aufgefasst werden. Sie aktualisieren und vertiefen aus der jeweiligen Zeit heraus das in Christus eine besondere Verdichtung erfahrende Heilshandeln Gottes, das in den Dogmen der Kirche einen Ausdruck findet, aber einer vertiefenden, zeitgemäßen und lebensgeschichtlichen Erschließung bedarf.[26]  Dies wird in der Kirche auf ihrer „irdischen Pilgerschaft“ (GS 45) ermöglicht durch das Wirken des Heiligen Geistes.[27]

(7) „Zeichen der Zeit“ zeigen sich weniger in einzelnen Ereignissen als vielmehr in (Lebens-)Strömungen, die sich dann jedoch an Ereignissen konkretisieren und in ihnen ausdrücken.[28]Ereignisse sollen wiederum durch eine schöpferische Deutung Bewusstwerdungsprozesse anregen.[29]

(8) Da sich Lebensströmungen v.a. in und zwischen menschlichen Bewusstseinen bzw. Seelen entwickeln, sind „Zeichen der Zeit“ in besonderer Weise in den Seelen der Menschen aufzuspüren. Dies kommt in der Pastoralkonstitution zum Ausdruck, wenn davon die Rede ist, dass in den „Wünschen und Bedürfnisse“ (GS 11) der Menschen die Zeichen der Gegenwart und Absicht Gottes anzutreffen sind.[30]

(9) „Zeichen der Zeit“ haben angesichts der Wahrnehmung von Unheil immer auch handlungsauffordernden Charakter. In ihnen drückt sich der Heils- und Beziehungswille Gottes aus. Da die Zeichen auch Mitteilung und Teil einer Kommunikation sein wollen, zielen sie von Gott her immer auch auf ein Antworten der Menschen.[31]

(10) Adressaten der „Zeichen der Zeit“ können sowohl Individuen als auch Kollektive sein, wie z.B. Ehepaare, Gruppen, die Kirche, Gesellschaften. Je größer die Einheit ist, desto komplexer wird das Deuten in der Regel. Die vorgestellte Methode der Deutung von Zeitzeichen gilt zwar prinzipiell und lässt sich auf die verschiedenen Ebenen übertragen. In dieser Arbeit wird aber vor allem eine Methode für das Deuten von Kollektiven vorgestellt. Der Fokus richtet sich dabei auf die katholische Kirche in Deutschland.

1.4 Das Zueinander von Zeichen, Spur und Stimme

Es gab während des Konzils eine große Kontroverse über die Frage, ob von den Zeichen der Zeit gesprochen werden soll, oder ob man die Zeit auch als Stimme Gottes (vox temporis vox dei) qualifizieren könne. Die Formulierung im Züricher Text der Unterkommission zur Erarbeitung der Pastoralkonstitution, die Zeit sei für die Kirche „Zeichen und Stimme“, wurde von verschiedenen Theologen heftig Kritisiert.[32] In einem ausschließenden Denken wurde darüber debattiert, ob die Zeichen der Zeit rein soziologisch aufgefasste werden sollten, oder doch auch theologisch. Damit verbunden war letztlich die Befürchtung, man würde die Differenz aufgeben zwischen Zeit und Gott. In seinem Kommentar über die Pastoralkonstitution schreibt Josef Ratzinger von den damaligen Anfragen: „Ist nicht mit Christus als dem wirklichen ‚Zeichen der Zeit‘ gerade die Antithese zur Maßgeblichkeit des Chronos gesetzt, wie sie aus dem Wort von der vox temoris spricht?“[33]

M.-D. Chenu, der wohl einflussreichste Konzilstheologe im Blick auf die „Zeichen der Zeit“, trug maßgeblich zur Klärung dieser Fragen bei: „Es ist nicht die Zeit, die als solche ein Zeichen ist, sondern die menschliche Wirklichkeit, insofern sie in einem bestimmten geschichtlichen Kontext menschlich bewusst wird.“[34] Mit dem Begriff der potentia oboedientialis gratiae als Ausdruck unmittelbarer Gottbezogenheit aus der Gnadenlehre betonte er, dass allen Zeichen immer ein Potential der Stimme Gottes immanent sei.[35] Nicht jedes zeichenhafte Ereignis in der Zeit ist also automatisch Stimme Gottes. Vieles mag zwar zeichenhaft, bedeutungsschwanger daher kommen, muss aber zuerst als ein Zeichen mit einer bestimmten Botschaft entschlüsselt bzw. gedeutet werden. Die Stimme ist nur ein Fall in der Gesamtmenge von vielen Zeichen. Doch jedes Zeichen, jedes Ereignis kann potentiell zur Stimme werden.[36]

In der Schönstattbewegung hat sich der Begriff der „Spurensuche“ etabliert, um Gottes Wille und Wünsche in der Zeit abzulesen.[37] Der Begriff der „Spur“ ist im Grunde ein Nahbegriff zum Zeichen. Spuren kann man zum einen in der Schöpfung finden. Die religiöse Tradition spricht von den „Vestigia dei“. Diese verweisen auf den Schöpfer selbst, sind Anhaltspunkte für seine Weisheit, Güte, Macht und Liebe. Der Begriff „Spuren“ verweist also zunächst mehr auf das Gegenwärtigsein Gottes in seiner Schöpfung.[38] Doch da Gott im Christentum auch als geschichtsmächtig und -wirksam gedacht wird, kann er auch im Geschehen, in den Ereignissen der Geschichte erfahren werden. Auch hier kann man von Gottes Spuren sprechen. Mit dem Faktor Zeit stellt sich dann auch die Frage nach dem Sinn oder nach einem Plan individueller wie auch gesamtgesellschaftlicher Verläufe. Die religiöse Tradition spricht hier auch von der Vorsehung. Im Denken von Josef Kentenich hat der „praktische Vorsehungsglaube“ eine wichtige Bedeutung.[39]

Man könnte weiter unterscheiden: Der Begriff Spur gibt mehr eine Antwort auf die Fragen: Wo ist Gott? Ist oder war er gegenwärtig in bestimmten Ereignissen? Zeichen lassen eher fragen: Was will Gott mir oder uns mit den Ereignissen sagen? Durch einen Prozess der Deutung können sich ein oder mehrere Zeichen dann zu einer Stimme mit einer bestimmten Botschaft verdichten. Im weiteren Verlauf kann diese Deutung sich entwickeln, verstärken aber auch wandeln. Ggf. muss sie auch korrigiert werden.

In der unterschiedlichen Verwendung der Begriffe Spur, Zeichen, Stimme werden v.a. zwei Aspekte deutlich: „Zeichen der Zeit“ Erkennen ist immer mit einem Prozess der Deutung verbunden[40] und es ist Ausdruck des Glaubens selbst, der mehr und mehr lebendiges Beziehungsgeschehen werden will. Da J. Kentenich sehr stark diesen dialogischen und personalen Beziehungscharakter des Glaubens hervorhebt, spricht er häufig von „Zeitenstimmen“ und seltener von „Zeichen der Zeit“. Die Begriffe sind aber meist in äquivalenter Weise verwendbar.

1.5 Wenn die „Zeichen der Zeit“ die Antwort sind – was war dann die Frage?

Wie bereits erwähnt, wurde in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils neu erkannt, dass es Aufgabe und Verpflichtung der Kirche sei, „die Zeichen der Zeit“ zu deuten. Um Sinn und Notwendigkeit der Zeichendeutung besser zu verstehen, soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, was hierfür die Impulse oder die zugrundeliegenden Handlungsprobleme waren. Sind die Bezugsprobleme[41], die diesen Auftrag in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils Aktualität und Dringlichkeit verliehen haben, heute noch aktuell? Oder sind neue Bezugsprobleme dazu gekommen?

1.5.1 Verheutigung der Verkündigung

Der erste Impuls, einen neuen Blick auf die Welt zu wagen, ging von der Erkenntnis aus, dass die Kirche in eine große Spannung zur modernen Welt und seinen Menschen geraten war, und dass ihre Lehre bzw. die Verkündigung ihrer Heilsbotschaft von vielen Menschen nicht mehr verstanden wurde. Es war v.a. Johannes XXIII., der in wirkungsvoller Weise eine neue Öffnung zur Welt gefordert hatte, um das depositum fidei aktueller und verständlicher verkündigen zu können. Das zum geflügelten Wort avancierende „Aggiornamento“, das man mit „Verheutigung“ übersetzten kann, bringt dieses Anliegen prägnant auf den Punkt. G. Ruggieri betrachtet das Syntagma von den „Zeichen der Zeit“ als „eine Chiffre des pastoralen Aggiornamento, indem sie die geschichtliche Instanz des hic et nunc, des hier und jetzt für die Verkündigung ausdrücken.“[42] Die Verkündigung bzw. die Pastoral sind in dieser Perspektive das, was sich verändern sollte. Um den Menschen wieder zu erreichen, gilt es seine aktuelle Situation, die Probleme und Nöte der Zeit wahrzunehmen und tiefer zu verstehen. Um effektiver evangelisieren zu können, bedarf es also zunächst einer Zuwendung zu den Menschen von heute, ein Erforschen ihrer Situation und Fragen, ihrer Freuden, Hoffnungen, Ängste, Bedürfnisse und Wünsche.[43] Hierin gilt es schließlich die „Zeichen der Zeit“ zur erforschen, um so vom Evangelium her das der Kirche anvertraute Glaubensgut neu verkündigen zu können.[44] Johannes XXIII sprach zu Beginn des Konzils auch von der pastoralen Ausrichtung des Konzils. Viele gingen anfangs davon aus, dass es sich um ein reines Pastoralkonzil handeln sollte, und dogmatische Fragen ausgespart werden sollten. Im Laufe der Zeit wurde immer klarer, dass dies ein großes Missverständnis ist.

1.5.2 Aktualisierung von Dogma und Tradition

Erhellend ist in dieser Frage die Eröffnungsansprache für das Konzil von Johannes XXIII. Darin sagt er: „Denn eines ist die Substanz der tradierten Lehre, d.h. das depositum fidei; etwas anderes ist die Formulierung in der sie dargelegt wird.“[45] Das Evangelium sei dabei immer wieder neu in die jeweilige Geschichte zu übersetzen. Damit bricht sich ein Verständnis hinsichtlich der Lehre der Kirche Bahn, nach dem diese sich mit der Zeit zu entwickeln habe und die geoffenbarte Wahrheit als Substanz der tradierten Lehre von der jeweiligen Zeit aus neu beleuchtet, erleuchtet und vertieft. Mit dieser Einsicht hängt ein schwieriger Fragenkomplex zusammen, der bis heute für manche Verwerfungen innerhalb der Kirche sorgt. Es geht dabei u.a. um das Verhältnis von Dogma und Zeit und in welcher Weise die Tradition im Laufe der Zeit sich entwickelt hat, bzw. sich entwickeln darf.[46] Auch das Verständnis über die Offenbarung wurde auf dem Konzil erneuert.[47] Das Verhältnis der Kirche zur Welt (ad extra) und in ihrem Selbstbezug (ad intra) wurde neu bestimmt.[48] Man erkannte, dass Pastoral und Dogma zwar analytisch und als Disziplinen unterscheidbar sind, aber nicht voneinander getrennt werden können. Der Bezug zu den Menschen und zur Welt wurde somit konstitutives Element der Beschreibung des „Innen“ bzw. der Identität der Kirche. Damit wurde ein Paradigmenwechsel hin zu einer neuen Systematik in der Theologie eingeläutet.[49]

In dieser Fragerichtung erfüllen die „Zeichen der Zeit“ also nicht mehr primär die Funktion, die Verkündigung zu ändern, sondern im Dienste einer erneuerten Verkündigung und Pastoral, die Lehre zu entwickeln. Die Fragen nach den Zeichen der Zeit speist sich dann aus dem Interesse, neues zu sagen bzw. altes neu zu sagen. Dabei wurde deutlich, dass die neue Systematik der Theologie auch methodischen Rang hat. Daher  wurde die neue Methode des Dreischritts Sehen – Urteilen – Handeln eingeführt, die jedoch während des Konzils nicht mehr hinreichend reflektiert werden konnte.[50]

1.5.3 Nach Wirken und Willen Gottes in der Zeit fragen

Es kann nun noch eine dritte Fragerichtung aufgezeigt werden, für die die „Zeichen der Zeit“ der Lösungsweg sind. Es sind die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen nach Gott selbst, seiner Erfahrbarkeit im Leben und damit der Fragen nach seinem Willen. Das Konzil hatte diese Fragen in der drängenden Aktualität, wie sie sich heute zeigen, so kaum im Blick. Vermutlich ist hier auch ein wesentlicher Grund auszumachen, warum es nicht die erhofften Wirkungen erzielen konnte und die Kirche seither in mancherlei Hinsicht schlechter da steht, als vor dem Konzil. Karl Lehmann hält fest: „Bald nach dem Konzil wurde deutlich, dass inzwischen die Gottesfrage in eine grundlegende Krise kam. Das Konzil konnte noch relativ beruhigt von Gott reden und das Bekenntnis an ihn voraussetzen. Inzwischen sind alle Selbstverständlichkeiten, wenn sie es je waren, in diesem Bereich Vergangenheit.“[51]

Es ist also die nicht mehr selbstverständliche Erfahrbarkeit Gottes im eigenen Leben und in der Geschichte, die den Menschen dann dazu bewegten, in den Ereignissen des eigenen Lebens nach Gottes Willen und Wirken zu fragen, nach Weisung für Entscheidungen von kleiner und größerer Tragweite. Ein „Zeichen der Zeit“ kann z.B. die Begegnung mit einem bedürftigen Menschen sein, die mich auffordert, ihm zu helfen. Es können Erlebnisse meiner Lebensgeschichte sein, die mir in der Frage nach meiner persönlichen Berufung den Weg weisen. Es können gesellschaftliche Ereignisse sein, die der Kirche neue Akzentsetzungen in ihrer Arbeit aufzeigen. Immer verweisen sie auf den sich mitteilenden Gott und helfen so, die Beziehung zu ihm zu vertiefen. Der Gläubige, Kollektive, auch die Kirche als Ganze, sind in dieser Frageperspektive also existenziell darauf angewiesen, Zeitenstimmen zu erlauschen.

Alle drei aufgezeigten Fragerichtungen (Verheutigung der Verkündigung, Aktualisierung von Dogma und Tradition und die Frage nach der Erfahrbarkeit Gottes) haben ihre Berechtigung. Zu betonen ist nun, dass diese drei genannten Bezugsprobleme eng miteinander zusammenhängen. Für das Deuten der „Zeichen der Zeit“ ist es auf der einen Seite wichtig, den Fragehorizont zu erweitern und die Zusammenhänge der Bezugsprobleme zu kennen. Auf der anderen Seite gilt es jedoch auch aus der Zeit heraus das konkret vorliegende Bezugsproblem zu erkennen, zuzuspitzen und Gesichtspunkte herauszugreifen. Es gilt zu schauen, was der Gesichtspunkt ist, den man gerade besonders betonten möchte. Dabei gilt es die anderen Gesichtspunkte implizit mitzuführen, also sich zumindest des prinzipiellen Zusammenhangs bewusst zu sein. Mit der Einführung eines Beispiels soll nun dieser Zusammenhang veranschaulicht werden und die Hauptfragerichtung in dieser Arbeit aufgezeigt werden.

1.6 Zum Beispiel: Zeitenstimme „Frausein“

Das „Zeichen der Zeit“, das in dieser Arbeit immer wieder zur Veranschaulichung der Methode sowie auch der Methodologie angeführt wird, soll die sog. „Frauenfrage“ sein.[52] Damit ist eigentlich ein ganzes Fragen- und Themenfeld verbunden: Wie lässt sich heute die weiblich Identität beschreiben? Wie sind die vorherrschenden Frauenrollen und -bilder zu bewerten? Können sich Frauen heute in der Gesellschaft und in deren Teilbereichen (so auch in der Kirche) in guter Weise frei entfalten, so dass sie Glück und Heil erfahren können? Werden Frauen in ihrem Wert und ihrer Würde so betrachtet und behandelt, wie es gut ist, wie es dem Willen Gottes entspricht? Wird ihr Potential auch im Dienst einer erlösteren Daseinsweise von Menschen sowie für Kultur und das Miteinander in der Gesellschaft und in der katholischen Kirche[53] ausgeschöpft? All diese Fragen sollen mitklingen, wenn das „Zeichen der Zeit“ hier gestrafft als Zeitenstimme „Frausein“ bezeichnet wird.

In der Formulierung des Zeitzeichens in Frageform klingt bereits an, dass an die Diagnose ein Problembewusstsein gekoppelt ist. Die These geht also in die Richtung: Trotz den großen Erfolgen und segensreichen Veränderungen im letzten Jahrhundert sind die Entwicklungen noch nicht an einen Punkt gekommen, an dem man zufrieden sein kann. Es gibt immer noch (zum Teil auch durch die Frauenbewegung ausgelöste) Verunsicherungen darüber, wie Frauen ihr Frausein leben können oder sollen. Frauen erfahren aufgrund ihres Geschlechts in vielen Bereichen immer noch nicht genügend Gerechtigkeit. In ihrer Selbstentfaltung werden sie häufig behindert. Mit der wohlfeilen Rede über den hohen Wert und die hohe Würde der Frau geht häufig ein gegenteiliges Verhalten (in Wort und Tat) einher – auch in der Kirche. Entsprechend der unter 1.3. formulierten Beschreibung  geht es auch hier um ein prekäres Zeitzeichen, für das zutrifft, was H.-J. Sander allgemein als Merkmal für „Zeichen der Zeit“ beschreibt: dass sie „etwas freilegen, was verschwiegen wird, aber für die Auseinandersetzung um Humanität und menschenwürdige Verhältnisse repräsentativ ist. In den Zeichen der Zeit ringen Menschen um die Anerkennung ihrer Würde, die ihnen bestritten und beschnitten wird.“[54]

Das Problembewusstsein ist in diesen aufgeworfenen Frauenfragen sicher unterschiedlich. Ich teile aber die These der Journalistin Marie Schmidt, die hier einen Verblendungszusammenhang aufspürt und  im Rückgriff auf den Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme von einem „halb bewussten Dämmer zwischen Selbsttäuschung und Betrogenwerden“ spricht.[55] Im Laufe der Arbeit soll an verschiedenen Beispielen illustriert werden, dass in der Zeitenstimme „Frausein“ Identitäts- und Bewusstwerdungsprozesse im Gange sind, die sowohl in der Gesamtgesellschaft als auch in ihrem Teilbereich der katholischen Kirche noch nicht an ihr Ziel gekommen sind. In der katholischen Kirche gibt es hier m.E. widerstrebende Tendenzen. Neben positiven (Gutes bewahrenden sowie  fortschrittlichen) Strömungen gibt es – gerade im Vergleich zur Gesamtgesellschaft – auch ein Zurückbleiben hinter dort vollzogenen positiven Entwicklungen. Die Theologin Margit Eckholt spricht von einer „Gnadenchance“ der Kirche, in der Frauenfrage endlich einen entschiedenen Weg in der Verbindung von Tradition und Neuem zu gehen, „gerade wenn sie sich nicht von den modernen und postmodernen Lebenswelten der Frauen, vor allem der jüngeren Frauen abschneiden will.“[56] De facto zeigt sich aber ein zunehmender Exodus gerade junger, moderner Frauen aus der katholischen Kirche.[57] Es wird also höchste Zeit, hier zu handeln.

In der katholischen Kirche kommt hier immer wieder die Frage nach dem Diakonat und dem Priestertum der Frau auf. Trotz der eindeutigen Aussprache von Johannes Paul II. gegen die Ordination von Frauen aus dem Jahr 1994[58] gehen die Diskussionen darüber weiter. Zumindest im deutschsprachigen Raum der katholischen Kirche mehren sich in letzter Zeit wieder Wortmeldungen und Forderungen, über diese Frage neu nachzudenken.[59] Die Frage nach einer theologisch-anthropologischen Begründung des Weihepriestertums hat zwar seine Berechtigung. Doch die Frauenfrage in der katholischen Kirche darf nicht auf diese Frage verengt werden. Es gibt m.E. einige andere Felder, wo nach neuen Wegen einer besseren Verwirklichung gottgewollter Identitätsfindung von Frauen, sowie nach einer größeren Verwirklichung ihres Potentials gesucht werden sollte. Hier gilt es auch vorhandene Gestaltungsspielräume entschiedener zu nutzen.[60]

An dieser aufkommenden Frage nach dem Weihepriestertum der Frau lässt sich aber veranschaulichen, was im vorigen Kapitel mit den verschiedenen Bezugsproblemen und Gesichtspunkten gemeint war. Interessensperspektive bzw. Bezugsfrage bei der Frage nach dem Priestertum der Frau kann eine Reformulierung der Lehre der Kirche sein. Also die Frage nach dem Wesen oder der Situation der Frau. Diese (seinsstimmenmäßige[61]) Fragerichtung ist eine berechtigte und nicht unwichtige, in dieser Arbeit ist sie jedoch sekundär.[62] Primär geht es darum, ausgehend von Ereignissen und Strömungen in der Zeit in großer Offenheit nach der der dahinterliegenden (zeitenstimmenmäßigen) Botschaft Gottes zu fragen, nach der Stimme Gottes im Stimmengewirr der Zeit. Die Frage nach dem Frauenpriestertum ist dann vor allem als nicht abebbende Frage relevant. Sie zeigt offensichtlich eine Unzufriedenheit, die ganz verschieden Ursachen bzw. Bezugsprobleme haben kann. Die Frage nach dem Frauenpriestertum kann also nach einer eingehenden Analyse und Unterscheidungsarbeit zum Zeichen der Zeit werden und dann doch wieder eine Botschaft für Wesen oder Identität der Frau auch im Blick auf die Amtsfrage haben. Somit können die Zeitenstimmen helfen, Tradition und Dogma[63] nach dem Willen Gottes zu aktualisieren. Die Gesichtspunkte hängen also miteinander zusammen, sind aber analytisch zu trennen.

Noch einmal anders und zugespitzter auf die drei Fragerichtungen aus dem vorigen Kapitel formuliert: „Zeichen der Zeit“ können helfen, die Situation der Frau in der Welt wahrzunehmen, um dann die Verkündigung an die aktuellen Themen, Fragen und (Bezugs-) Probleme von Frauen anzupassen (1.5.1.). „Zeichen der Zeit“ können helfen, Neues über weibliche Identität bzw. Wesen, Rolle und Aufgabe der Frau von heute zu sagen und so die Lehre der Kirche im Licht des Evangeliums aktualisieren (1.5.2.). Und „Zeichen der Zeit“ können helfen, in eine lebendige Beziehung zu Gott zu kommen. Sie können konkrete Handlungshinweise beinhalten, wie sich das Individuum, aber auch Gruppen und die Kirche als Ganze entsprechend dem sich offenbarenden Willen Gottes verhalten sollen (1.5.3.). Alle drei Fragerichtungen sind wichtig und durchdringen sich. In dieser Arbeit wird der Fokus v.a. auf die dritte Fragerichtung gesetzt. Denn die Aufgabe einer Erneuerung der Verkündigung (die sich auf echte Fragen und Probleme der Menschen beziehen soll) und einer Reformulierung vieler Lehrsätze der Kirche stehen bei J. Kentenich letztlich im Dienst, tiefer in die heilvolle Beziehung zum dreifaltigen Gott zu finden.[64] So lautet seine Zeitdiagnose aus dem Jahr 1967: „Das Problem der heutigen Zeit ist das Gottesproblem! DasProblem der heutigen Zeit ist das Verhältnis zwischen Erst- und Zweitursache!“[65]


[1]    Vgl. PO 9; AA 14; SC 43; UR 4.

[2]    Vgl. Hünermann, Peter (2006): Gottes Handeln in der Geschichte, 117–120.

[3]    Ratzinger, Joseph (1968): Kommentar zum Ersten Kapitel des Ersten Teils der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 313.

[4]    Ratzinger, Joseph (1968): Gaudium et spes, 314.

[5]    Grillmeier, Aloys (1967): Kommentar zum Dritten Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Ofenbarung ‚Dei Verbum‘, 556.

[6]    Ruggieri, Guiseppe (2006): Zeichen der Zeit, 61.

[7]    Hierbei handelt es sich um die Armut vieler Völker und ihre Entwicklung, die gleiche Würde der Frau sowie die Verteidigung und Durchsetzung der Menschenrechte. Vgl.Johannes XXIII. (1963): Enzyklika „Pacem in terris“, 13f.

[8]    Vgl. Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar zur Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute.

[9]    Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, 676.

[10]    Rahner, Karl (1966): Das Konzil – ein neuer Beginn, 14.

[11]    Hünermann, Peter (1997): Die Frage nach Gott und der Gerechtigkeit, 138.

[12]    Lehmann, Karl (2006): Das II. Vatikanum – ein Wegweiser, 20.

[13]    Ebd., 22.

[14]    Vgl. Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, 849ff.

[15]    Vgl. dazu: Lehmann, Karl (2006): Vatikanum, 23f.

[16]    Lehmann, Karl (2006): Vatikanum, 23. Im Rahmen dieser Arbeit kann hier keine ausführliche Beschreibung der weiteren Rezeptionsgeschichte erfolgen. In den folgenden Kapiteln wird jedoch immer wieder etwas von den Kontroversen dargelegt, jedoch nur insofern sie für den Argumentationsgang der Arbeit von Relevanz sind. Verwiesen sei jedoch erneut auf den umfangreichen Kommentar von Hans-Joachim Sander, vgl. Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, insbes. 827-869.

[17]    Diese Methode und ihre Reflexion werden in Kap. 4.1. erörtert.

[18]    Lehmann (2006): Neue Zeichen der Zeit, 45.

[19]    Die Frage nach der Art und Weise des Eingreifens Gottes wird sich durch die gesamte Arbeit ziehen, siehe insbes. Kap. 3.1.3.

[20]    Lehmann, Karl (2006): Vatikanum, 22.

[21]    Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, 717.

[22]    Karl Lehmann bemerkt in diesem Zusammenhang: „Das Kreuz Christi, muss im Weltverständnis eine viel größere Bedeutung erhalten: Ausgeliefertsein an eine unausweichliche Realität, Leiden, Vergeblichkeit, Mühsal, Scheitern. Die einzige wirkliche Weltveränderung geschieht in der Passion der Liebe, in der ‚Zivilisation der Liebe‘, wie Papst Johannes Paul II. immer wieder formuliert.“ Lehmann, Karl (2006): Vatikanum, 22.

[23]    Dieser Zug zur Hoffnung drückt auch die jesuanische Verwendung des Begriffs aus. Eine ausführliche exegetische Betrachtung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Von Bedeutung scheint mir dabei auch eine Aussage von Johannes XXIII., wenn er die Hoffnungsdimension betont und sie zur Aussage Jesu in Bezug setzt „Wir aber möchten unser festes Vertrauen auf den göttlichen Erlöser des Menschengeschlechts setzten, der die von ihm erlöste Menschheit niemals verläßt. Ja, wir möchten uns die Forderung Christi zu eigen machen, ‚die Zeichen der Zeit (Mt 16,4)‘ zu erkennen, und glauben deshalb in all der großen Finsternis nicht wenige Anzeichen zu sehen, die eine bessere Zukunft der Kirche und der menschlichen Gesellschaft erhoffen lassen.“ Johannes XXIII. (1962): Ansprache zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962).

[24]    J. Kentenichs Konzept des Praktischen Vorsehungsglaubens wird in Kap. 2.2.2. erläutert.

[25]    Chenu, Marie-Dominique (1991): Kirchliche Soziallehre im Wandel, 71.

[26]    Siehe ausführlich zum Thema Offenbarung 3.1.

[27]    Dass das Deuten der „Zeichen der Zeit“ wesentlich pneumatologischen Charakter hat, wird in der Pastoralkonstitution v.a. in GS 11 beschrieben.

[28]    Siehe dazu den Abschnitt zum Thema Zeit in Kap 2.2.2.1.

[29]    Vgl. ausführlich dazu Kap. 4.2.

[30]    Vgl. den Abschnitt zum Thema Seele in Kap 2.2.2.2.

[31]    Zur kommunikativen Struktur der „Zeichen der Zeit“ siehe v.a. Kap 3.1.1. und 3.1.8.  Das Handeln als Teil der Methode wird in 4.1. und 4.5. beschrieben.

[32]    Vgl. Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, 630ff, sowie Ruggieri, Guiseppe (2006): Zeichen der Zeit, 65f.

[33]    Ratzinger, Joseph (1968): Gaudium et spes, 313.

[34]    Zitiert nach: Ruggieri, Guiseppe (2006): Zeichen der Zeit, 65f.

[35]    Hans Joachim Sander ergänz dazu: „Wenn in der Zeit Historie und Gnade zugleich benennbar sind, dann hat die Zeit selbst einen signifikanten Gottesanteil, der nicht mit ihrer Historie identisch ist, aber zugleich ohne sie nicht zu benennen ist.“ Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, 630. Auch J. Kentenich geht darauf ein: „Wollen wir innerlich genügend vorbereitet sein, um dem ewigen Vatergott, dem ewigen dreifaltigen Gott einen Platz in unserer Seele zu gewähren, dann muss in unserer Seele die sogenannte potentia oboedientialis durchaus auf der ganzen Linie entfaltet werden. Potentia oboedientialis, das ist die Empfangsbereitschaft für das Göttliche.“ Kentenich, Josef (1965): Vortrag zur symbolischen Grundsteinlegung für das Rom-Heiligtum am 08.12.1965, 17.  In der Rahnerschen Terminologie kann man auch von einem übernatürlichen Existential sprechen. In signifikanten historischen Ereignissen wird hier die Würde der Menschen befördert.

[36]    Siehe dazu v.a. Kap 4.2. u. 4.3.

[37]    Mehrere Mitglieder der Schönsattbewegung haben in der Zeitschrift „Lebendiges Zeugnis“ 2006/1 sechs Artikel über die Spurensuche geschrieben. Siehe hier zur Methode Brantzen, Hubertus (2006): „Spurensuche“; zur Theologie beispielsweise King, Herbert (2006): Überlegungen zu einer Theologie der Erfahrung des Wirkens Gottes und Vautier, Paul (2006): Die Spuren Gottes lesen lernen.

[38]    Zum Zusammenhang von Spur und Vorsehung im Denken P. Kentenichs siehe Penners, Lothar (2006): Von der Spur zur Vorsehung.

[39]    Siehe dazu Kap. 2.2.2.

[40]    Vgl. Kap. 4.2.

[41]    Der Begriff „Bezugsproblem“ stammt aus der funktionalen Analyse der Systemtheorie und wird in Kapitel 2.1.4. näher beschrieben. Ein Verhalten wird dabei auf einen zugrundeliegenden Handlungsimpuls zurückgeführt. Der Begriff ist etwas missverständlich, denn dieser Impuls muss nicht unbedingt ein tatsächliches Problem darstellen.

[42]    Ruggieri, Guiseppe (2006): Zeichen der Zeit, 64.

[43]    Vgl. GS 1 u. GS 11.

[44]    Karl Lehmann betont in diesem Zusammenhang: „Der christliche Glaube ist wie kaum eine andere Religion in der Lage, die Frohe Botschaft Jesu Christi durch den alle endlichen Grenzen immer wieder durchbrechenden Geist Gottes allen Epochen, Kulturen und Sprachen zugänglich zu machen. Der christliche Glaube muss darum auch immer wieder neue vergegenwärtigt werden, auch wenn er derselbe bleibt. Er ist in besonderer Weise zukunftsfähig, und zwar nicht durch eine zuerst vom Menschen her versuchte Anpassungsstrategie, sondern von innen heraus.“ Lehmann (2006): Neue Zeichen, 5.

[45]    Johannes XXIII. (1962): Konzilseröffnung, 136.

[46]    Auch die Frage, ob das Zweite Vatikanische Konzil in einer Hermeneutik der Kontinuität oder in einer Hermeneutik des Bruches zu lesen ist, resultiert u.a. aus diesen neu aufgekommenen Fragen. Siehe zu diesem Fragekomplex v.a. Kap. 3.2.

[47]    Vgl. Kap. 3.1.

[48]    Vgl. Kap. 3.2.4.

[49]    Vgl. Kap. 3.2.1.

[50]    Die Methode wird in Kap. 4.1. ausführlich dargelegt und reflektiert.

[51]    Lehmann, Karl (2006): Vatikanum, 24.

[52]    Es mag überraschen, dass ein Priesterkandidat ausgerechnet dieses Beispiel wählt, um einen bestimmten Ansatz der Deutung von Zeitzeichen vorzustellen. Ohne Zweifel ist dies ein gewagtes Unterfangen. Denn das Thema neigt zur Polarisierung, Ideologisierung und schafft bei Männern wie bei Frauen schnell einen hohen Grad an Betroffenheit. Es sei vorweg betont, dass ich im Rahmen dieser Arbeit das Thema nicht sehr umfassend beleuchten kann und dass Einseitigkeiten nicht auszuschließen sind. Dies gilt eigentlich für jede Deutung von „Zeichen der Zeit“. Doch indem persönliche Prägungen, Motive und Vorurteile reflektiert werden, können diese auch leichter kontrolliert und als Quellen von Einseitigkeiten reduziert werden.
Hintergrund für das Anführen dieses Beispiels ist eine tatsächlich wahrgenommene Unheilsituation bei der Frauenfrage. Gibt es eigentlich parallel dazu nicht auch eine ähnlich gelagerte „Zeitenstimme Mannsein“? Davon gehe ich aus. Und zwar auch deshalb, weil Mannsein und Frausein immer Verhältnisbegriffe bzw. -realitäten sind und sich gegenseitig bedingen. Jeder Mensch braucht für die Bestätigung seiner (Geschlechter-) Identität die Anerkennung durch das andere Geschlecht. Bernhard von Clairvaux zitierend geht J. Kentenich  so weit, zu sagen: „‚Non erigitur vir nisi per feminam!‘ Der Mann wird nicht erlöst, es sei denn durch die erlöste Frau.“ Kentenich, Josef (1965): Vortrag vom 17.12.1965, 186. Insofern ist hinter der Wahl der Zeichenstimme nicht nur ein echtes Interesse am Heil von Frauen, sondern auch ein Interesse am Erlöstsein des eigenen Geschlechts, das entsprechend der These von J. Kentenich auch vom Erlösungszustand der Frauen abhängt. Hinter der Männer-, wie der Frauenfrage steht schließlich auch das große Thema der heutigen Zeit: die Frage nach Identität überhaupt.

[53]    Die Anfrage ergeht in gleicher Weise an die Evangelische Kirche. Um hier jedoch spezifischere Aussagen treffen zu können, soll in dieser Arbeit v.a. die katholische Kirche in den Blick genommen werden. Wenn im Folgenden von der „Kirche“ die Rede sein wird, ist aus Gründen der sinnvollen Eingrenzung in der Regel speziell die Katholische Kirche gemeint.

[54]    Sander, Hans-Joachim (2005): Theologischer Kommentar, 868.

[55]    Schmidt, Marie (2012): Schlachtfeld Frau, 47. Schmidt bezieht sich dabei u.a. auf ein Buch der britischen Autorin und Aktivistin Laurie Penny (Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus) und kritisiert Fernsehsendungen wie Germany’s Next Topmodel („die einflussreichste Erzählung unserer Zeit über erfolgreiche Weiblichkeit“), in denen ein Zwang zur Selbstoptimierung des weiblichen Körpers forciert wird. Diese Ideologie, dass sich der Selbst- und Marktwert von Frauen vor allem an ihrem Äußeren und fest macht, ist sehr subtil. Das zwanghafte Arbeiten am eigenen Körper wird als selbstbestimmt wahrgenommen. Penny macht jedoch deutlich, dass gesellschaftliche Verhältnisse und Strukturen wesentlich daran beteiligt sind. Der Artikel zeigt, dass die Frauenbewegung auch heute noch lebendig, aber auch sehr vielfältig ist, und sich in unterschiedliche Strömungen differenziert.

[56]    Eckhold, Margit (2006): „Ohne die Frauen ist keine Kirche zu machen!“, 113.

[57]    Michael N. Ebertz belegt dies anhand aktueller Zahlen und stellt fest: „Die derzeit noch beobachtbare, aber stagnierende, wenn nicht auslaufende Feminisierung wird hauptsächlich noch getragen durch die mittleren und älteren Generationen von Frauen – insbesondere in den kleinen Städten und im ländlichen Raum.“ Ebertz, Michael N. (2006): II- 1.2.8. Frauen und die katholische Kirche in Deutschland, 5.

[58]    Vgl. Johannes Paul II (1994): Apostolisches Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“, Nr. 4.

[59]    Zu nennen ist hier die Forderung nach dem Diakonat für Frauen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken im November 2012. In einem Artikel in der Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ vom Februar 2012 fordert  Johanna Rahner, die Frage nach dem Amt theologisch neu zu durchdringen. Vgl. Rahner, Johanna (2012): Die Zeit drängt. Erinnert sei auch an den Artikel „Priestertum der Frau?“ von Karl Rahner aus dem Jahre 1977. Darin betont er die Notwendigkeit für diese Frage eine theologisch-anthropologische Klärung herbeizuführen.  Er stellt fest: „Wenn die Frau in der Kirche praktisch und auch institutionell jene Bedeutung gefunden haben wird, die sie an sich haben müsste, […] die sie aber faktisch noch nicht hat, dann erst sind die Voraussetzungen lebensgemäßer Art für eine allseits befriedigende Lösung des engeren Problems gegeben. Wie dann die Lösung ausfällt, kann und muss man in Geduld abwarten […] Nur sollte diese Geduld nicht überbeansprucht werden, weil die Zeit drängt und man gewiss nicht ohne Schaden für die Kirche 100 Jahre warten kann.“ Rahner, Karl (1977): Priestertum der Frau?, 521f.

[60]    Diese Ansicht vertritt auch Daniela Engelhard, Seelsorgeamtsleiterin der Diözese Osnabrück in einem Interview mit der Herder Korrespondenz, vgl. Engelhard, Daniela (2012): „Die Beweislast liegt nicht bei den Frauen“.

[61]    Der Begriff wird in Kapitel 2.2.2.3. näher ausgeführt.

[62]    Auf eine Position hinsichtlich der Ämterfrage der Frau soll daher hier verzichtet werden. Aber ich teile die Position von Johanna Rahner, dass es sich hierbei nicht um eine Geschmacks-, Meinungs- oder Gesinnungsfrage handelt, sondern dass es eine Frage der Theologischen Wahrhaftigkeit ist, über das Traditionsargument hinaus gehend nach theologisch-anthropologischen Gründen für oder wider eine männliche Exklusivität des Weihesakraments zu suchen. Vgl. Rahner, Johanna (2012): Die Zeit drängt.

[63]    Wobei die Exklusivität des Priestertums für Männer im eigentlichen Sinne nicht dogmatisiert ist.

[64]    Und es entspricht Wesen und Berufung der Kirche, als „Zeichen und Werkzeug für die innigster Vereinigung mit Gott“ (LG 1) hierbei immer wieder neu Wege zu suchen.

[65]    Kentenich, Josef (1967): Weihnachtstagung 1967, 4. Vortrag.

 

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