Vorwort

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Vorwort

Als ich zum ersten Mal jemanden von der Victoria Patris – Sieg des Vaters und, in einer zweiten Möglichkeit der Übersetzung, Sieg über den Vater – sprechen hörte, war dieses Wort für mich eines der vielen Schlagwörter, die in der Schönstatt-Bewegung kursieren. Das war am 30. Oktober 1988. Das Referat, das Sr. Thereslore Thiel damals hielt, und die Predigt M. J. Marmanns sind mir bei der Arbeit an dieser Darstellung wieder begegnet.[1] Damals habe ich nicht genau verstanden, um was es im Detail geht, wenn man von der Victoria Patris sprach, doch war mir klar, daß dieses Schlagwort einen Inhalt verbarg, der für die Schönstatt-Familie in der Diözese Trier existentielle Bedeutung hat.

So begegnete mir dieses Thema oft wieder, auch im Zusammenhang mit der Frage, ob Schönstatt nun eine marianische Begegung sei oder ob Gott, der Vater, deutlicher im Mittelpunkt des Interesses und Strebens zu stehen habe. Die Sprache, die in Schönstatt gesprochen wird, erschien mir immer mehr als eine eigene Sprache mit eigenen Vokabeln, die man mit der Zeit zu verstehen lernte. So soll es wohl auch sein, denn J. Kentenich kommentierte eine Diskussion über die Sprache in Schönstatt während der Oktoberwoche 1967: „So meinen wir festhalten zu sollen: Wir für uns reden unsere Sprache, damit wir einander überhaupt verstehen. Wenn wir zu anderen sprechen, tun wir es in deren Art. Das haben wir immer getan.“[2] Aber es ist nicht immer vollkommen gelungen. So wuchs in mir der Wille, das aufzuarbeiten, was sich hinter dem Schlagwort Victoria Patris verbirgt. Dieser Wunsch wurde stärker, je mehr ich die Bedeutung dieses Themas erkannte.

Mit Stefan Andres[3] möchte ich nun fragen, in welchem Verhältnis die beiden Augen der Kirche, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, zueinander stehen, welches Motiv für das Handeln Gottes bedeutsamer ist. Ich bin überzeugt, daß J. Kentenich im Recht ist, wenn er behauptet, das große Problem der heutigen Zeit sei das Gottesproblem[4], vor allem in dem Sinn, wie der Mensch Gott heute sieht. Die Spiritualität der Kindlichkeit bietet einen faszinierenden Ansatz, das Verhältnis von Gott und Mensch zu denken. So betont auch H. Schlosser die Bedeutung dieser Spiritualität und weist auf ihre Konsequenzen hin. „Gotteskindschaft – ein Geschenk Gottes – hat als wichtigste Auswirkungen zur
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Folge: für den einzelnen Menschen Geborgenheit und Freiheit, in ihrer sozialen Dimension gleiche personale Würde und geschwisterliche Verbundenheit aller Menschen.“[5]

Die wahre Herausforderung liegt jedoch nicht nur darin, die Spiritualität der Gotteskindschaft bzw. der Kindlichkeit darzustellen, ihre Zuspitzung im Gedanken der Victoria Patris aufzuzeigen. Die wahre Herausforderung ist es, aus dieser Haltung heraus das Leben zu gestalten.

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1. Einleitung

„… Es hat doch einen Sinn, wenn nun unsere Trierer Priester und mit Ihnen der ganze Diözesanrat sich erneut verpflichten, dafür zu sorgen, daß die Vaterströmung im Raume der Familie niemals vergessen wird, daß die Vaterströmung in der Gesamtfamilie tiefer und tiefer wird und hineingelenkt wird in die ganze heutige Welt. Ich meine, in diesem Zusammenhang wäre es nun am Platze, den Wunsch unserer Trierer zu erfüllen und ihnen das Vaterauge feierlich zu überreichen:
(Herr Pater bittet die Vertreter der Diözese Trier, nach vorne zu kommen)

Nehmen Sie hin das Vaterauge und erinnern Sie sich allezeit daran, daß Sie damit die Aufgabe übernehmen, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß die Vaterströmung in der Familie nie zugrunde geht, aber auch dafür zu sorgen, daß der lebendige Dreifaltige Gott uns mehr und mehr zurückgibt die freie Benutzung unseres Urheiligtums und gleichzeitig die freie Benutzung unseres Urbildungsheimes.“[6]

Mit diesen Worten übertrug der Gründer Schönstatts, P. Joseph Kentenich, am 15. Oktober 1967 den Schönstättern der Diözese Trier eine Aufgabe, die bis heute nicht an Bedeutung verloren hat. Diese Aufgabe darzustellen, ihre Wirkungsgeschichte in der Trierer Schönstatt-Bewegung aufzuzeigen und ihre theologischen Hintergründe im Bezug auf das Gottes- und Menschenbild zu erhellen, soll Inhalt dieser Diplomarbeit sein.

Dabei sollen jedoch Schwerpunkte gesetzt werden. Im ersten Teil dieser Arbeit wird die Entwicklung in der Schönstatt-Bewegung in der Diözese Trier im Blick auf den 15. Oktober 1967 hin dargestellt. In diesem Zusammenhang wird deutlich werden, daß die allgemeine Bezeichnung „Vaterströmung“ einen konkreten Ausdruck in der Rede von der „Victoria Patris“ gefunden hat.

Victoria Patris kann im Sinne eines genitivus subjectivus übersetzt werden als „Sieg des Vaters“ über Verstand, Wille, Herz und unterbewußtes Seelenleben des Menschen durch die Eingießung der drei göttlichen Tugenden und deren Vollendung durch die Gaben des Heiligen Geistes.[7] Sieg des Vaters heißt, daß der Mensch als Kind Gottes ihm Glaube, Hoffnung und Liebe entgegenbringt, nachdem er sich zuvor bereits von
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Gott angenommen und geliebt erfahren hat. J. Kentenich spricht vom Sieg des Vaters, wenn der Mensch als Kind Gottes in seiner menschlichen Ganzheit, mit Verstand, Wille, Herz, ja sogar im Unterbewußten, also auch in Gefühlen und Gemütsregungen, glaubt, hofft und vor allem liebt.
Übersetzt man Victoria Patris als genitivus objectivus, bedeutet es „Sieg [des Menschen] über den Vater“. Wie aber ist es denkbar, daß der allmächtige Gott zu „besiegen“ ist? Dem Menschen werden im Leben Grenzerlebnisse zugemutet, er erlebt Scheitern und Versagen. Bekennt er sich zu seiner Schwäche, vermag dieses Eingeständnis seiner Ohnmacht die Liebe Gottes herauszufordern, der sich seinem Kind gegenüber als barmherziger Vater erweisen will. Victoria Patris drückt aus, daß das Kind in seiner Erbärmlichkeit das Herz des Vaters zu erweichen versteht. Anthropomorph ausgedrückt: Gott, der barmherzig liebende Vater, kann nicht anders, als sich des Kindes zu erbarmen, ihm seine Vaterliebe trotz und gerade wegen des menschlichen Versagens zu beweisen. Dies will J. Kentenich sagen, wenn er wiederholt formuliert: „erkannte und anerkannte Armseligkeit des Menschen gegenüber Gott bedeutet Ohnmacht Gottes und Allmacht des Menschen“[8].

Es fällt auf, daß der in diesem Kontext verwendete Vaterbegriff vielschichtig ist. Vater ist im Denken J. Kentenichs der diesseitige und jenseitige Vater. Vornehmlich wird die Rede von Gott, dem Vater sein, aber auch von seinen Abbildern, den „irdischen Vätern“ – Familienvätern und Priestern – und noch einmal in besonderer Weise vom Gründer der Schönstatt-Bewegung, J. Kentenich, als geistlichem Vater.[9] Diese Arbeit soll sich jedoch auf die Darstellung dessen konzentrieren, was das Gottesbild betrifft. Allerdings würde man der darzulegenden Materie nicht gerecht, wenn von den „irdischen Vätern“ und J. Kentenich im besonderen nicht kurz gehandelt würde.
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Die Bedeutung der Vaterspiritualität zeigt sich daran, daß nach der Rückkehr J. Kentenichs aus dem Exil in Milwaukee/USA[10] seine Gedanken und Vorträge vor allem um ein neu gewonnenes Kindes-, Vater- und Gemeinschaftsbild kreisten.[11] Die Sicht Gottes als barmherzig liebender Vater wurde von den Schönstättern als befreiende Botschaft erfahren, was vor allem auf dem Hintergrund der vorkonziliaren Aszese verständlich wird.

Grundlage für das Bild von Gott als dem barmherzig liebenden Vater in der Schönstatt-Bewegung ist die Spiritualität der Kindlichkeit, die von J. Kentenich schon in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts in großen Exerzitienkursen thematisiert wurde.[12] J. Kentenich mißt dieser Spiritualität entscheidende Bedeutung für das Leben des Christen bei. Wiederholt kennzeichnet er die Kindlichkeit als die „Wurzel des Christentums“[13] und zentrale Botschaft Schönstatts. So bestätigt auch M. J. Marmann: „Als Kernstück der schönstättischen Geistigkeit bezeichnet er [J. Kentenich] die Grundhaltung offener, vertrauensvoller Kindlichkeit vor dem liebenden, barmherzigen Vatergott“[14]. J. Kentenich beruft sich dabei[15] auf die Aussage Jesu: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen! (Mt 18,3)“.

Die Spiritualität der Kindlichkeit soll im dritten Kapitel grundlegend behandelt werden, wobei der Gedanke der Victoria Patris als Gliederungsprinzip für die Darstellung des Menschenbildes gewählt wurde. Das Gottesbild wird unter anderen Gesichtspunkten gegliedert, um unnötige Wiederholungen zu vermeiden. Durch die systematische Darstellung der Spiritualität der Kindlichkeit soll aufgezeigt werden, welches Gottes- und Menschenbild sich mit dem „Schlagwort“ der Victoria Patris verbindet.


[1] Thiel, Sr. M. Thereslore: Vom Urheiligtum aus – Victoria Patris-Familie. Referat zum Diözesanfamilientag am 30.10.1988 in Lebach, Manuskript, o.O.u.J.  – Künftig zitiert: Thiel, Victoria Patris-Familie    und  Marmann, Michael Johannes: Predigt am 30.10.1988, Manuskript, o.O.u.J.  – Künftig zitiert: Marmann, 1988.

[2] Kentenich, Josef: Oktoberwoche 1967, Manuskript, o.O.u.J., 151. – Künftig zitiert: Kentenich, Oktoberwoche 1967.

[3] Andres, Stefan: El Greco malt den Großinquisitor, München 1958, 35.

[4] Vgl. Kentenich, Josef: Exerzitien 19. – 24.11.1967, Manuskript, o.O.u.J., 70. – Künftig zitiert: Kentenich, Exerzitien 1967.

[5] Schlosser, Herta: Vom Patriarchat zum Matriarchat?, in: Regnum 26 (1992), 99-107, 106.  – Künftig zitiert: Schlosser, Patriarchat.

[6] Kentenich, Joseph: Oktoberwoche 1967, Tonbandabschrift Heinz Künster, Manuskript o.O.u.J., 2.  Künftig zitiert: Kentenich,Oktoberwoche 1967, Tonband. – Diese Abschrift weicht in Details von der von den Marienschwestern herausgegebenen Fassung der Oktoberwoche 1967 ab. Der Text der Überreichung ist darin nicht enthalten. Vgl. hierzu Kentenich, Oktoberwoche 1967, 93.

[7] Vgl. Kentenich, Exerzitien 1967, 91.

[8] Kentenich, Joseph: Kindsein vor Gott. Priesterexerzitien, bearb. von Günther-Maria Boll und Lothar Penners, Vallendar-Schönstatt 1979, 59.  – Künftig zitiert: Kentenich, Kindsein vor Gott.
Kentenich, Josef: Oktoberwoche 1950, Manuskript, o.O.u.J., 144 (künftig zitiert: Kentenich, Oktoberwoche 1950) bietet das Gesagte in anderer Formulierung. J. Kentenich greift jeweils auf die erste Formulierung des Sachverhaltes in der Veröffentlichung „Werktagsheiligkeit“ zurück, die wiederum selbst auf Vorträgen J. Kentenichs basiert. (Vgl. Nailis, M. A.: Werktagsheiligkeit, Aus Schönstatts Geisteswelt 3, Limburg / Lahn I./1948, 29).
P. Wolf weist darauf hin, daß der Gedanke der Gotteskindschaft insgesamt und das Bild Gottes, der aufgrund seiner Liebe und Barmherzigkeit „in seiner Vaterliebe geradezu besiegt werden möchte vom sündigen, erbarmungswürdigen Menschen“ (Wolf, Peter: „Wir gehen mit“, Manuskript, o.O.u.J., 9), gegen Ende des Lebens ein „Lieblingsgedanke“ (Ebd.) J. Kentenichs gewesen sei.

[9] Vgl. Marmann, Michael Johannes: Victoria Patris – Sendung der Trierer Schönstattfamilie. Vortrag am Delegiertentag der Trierer Schönstattfamilie, 17.02.1991 in Lebach, Manuskript, o.O.u.J., 15.  – Künftig zitiert: Marmann, Victoria Patris.

[10] Vgl. Monnerjahn, Engelbert: P. Joseph Kentenich. Ein Leben für die Kirche, Vallendar-Schönstatt 21979, 261-308.  – Künftig zitiert: Monnerjahn, P. Joseph Kentenich.

[11] Vgl. Kentenich, Joseph: Brief aus Rom an die Schönstatt-Priester vom 13.12.1965, Manuskript, o.O.u.J.  – Künftig zitiert: Kentenich, Rom.

[12] Kentenich, Kindsein vor Gott und
Kentenich, Joseph: Vollkommene Lebensfreude. Priesterexerzitien, bearb. von Michael Johannes Marmann und Georg Maria Ritter, Vallendar-Schönstatt 1984. – Künftig zitiert: Kentenich, Lebensfreude.

[13] Kentenich, Joseph: Vorträge unseres Gründers am 22.01.1967 in Dietershausen bei Fulda, Manuskript, o.O.u.J., 6.  – Künftig zitiert: Kentenich, Fulda.

[14] Kentenich, Lebensfreude, 22.

[15] Kentenich, Fulda, 6.

 

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