6 Resümee

6 Resümee

Ausgangspunkt der Arbeit waren die zahlreichen Probleme und Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit der Bindungsthematik in unserer Gesellschaft und in der Lebenssituation jugendlicher Schwangerer und Mütter ergeben und die Frage der Werteorientierung und Wertevermittlung in einem säkularen Umfeld. Durch die Beschäftigung mit dem christlich- katholischen Ansatz Kentenichs in Pädagogik und Seelsorge, erweiterte und differenzierte sich für mich der Gegenstand der Arbeit ganz erheblich.

Vom christlichen Glauben ausgehend ist ein anderer Zugang zur Bindungsfrage und Bindungsstörungen aller Art eröffnet, als es im Rahmen der Psychologie möglich ist. Den christlichen Zugang erfahre ich als sehr lebensbejahend, die Hoffnung und den Mut zur Liebe und damit auch zur Bindung fördernd. Da der Gnade Gottes keine Grenzen gesetzt sind außer der, dass der Mensch sich verschließt, gibt es prinzipiell keine hoffnungslosen Fälle. Bleibt der äußerlich sichtbare Erfolg einer Behandlung oder Maßnahme aus, bedeutet das nicht, dass sie umsonst war. Wohl sind diese Glaubensüberzeugungen und Wertentscheidungen nicht beweisbar, aber diskutierbar. Letztlich bleibt es dann der Entscheidung des Einzelnen überlassen, ob und in welchem Maße er dieses Fundament akzeptiert, modifiziert, oder ablehnt.

Das Denken Kentenichs über die Welt und das Leben erweist sich nach meinem Dafürhalten als in sich schlüssig und kohärent, es ist ganzheitlich und organisch. Für mich sehr gewinnbringend ist die Einbettung der Bindungsthematik in einen Lebenssinn stiftenden Gesamtzusammenhang und in die sich ergänzende und bedingende Polarität von Freiheitsstreben und Bindungswunsch. Dadurch vermeidet Kentenich eine isolierende und verabsolutierende Betrachtung, die besonders bei Menschen mit Störungen der Bindungsfähigkeit zu einer starken Verunsicherung und Defizitorientierung führen kann. Gerade weil die Qualität der frühen Bindungen in hohem Maße das Lebensgefühl und die Selbsteinschätzung prägen, führen starke Negativerfahrungen oftmals zu Resignation und Bitterkeit. Frühe Bindungserfahrungen sind unwiderruflich und erfolgen in einer Zeit, in der das Kind noch keinen bewussten Einfluss darauf hat, was ihm an Gutem oder Schlimmen angetan wird. Daher ist es umso wichtiger, Bereiche zu eröffnen, in der der Einzelne sich nicht als ohnmächtig erfährt, sondern als fähig, das eigene Leben sinnerfüllt und freudig zu gestalten, ihm eine Richtung und ein Ziel zu geben. Dies wird möglich und gefördert durch die Entdeckung und Entwicklung des P.I. Hier hat der Mensch Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten, er kann sein Leben selbst in die Hand nehmen. Eine weitere Möglichkeit, das Leben positiv zu gestalten statt es passiv wie ein Schicksal zu erleiden bietet die Selbsterziehung. Während das P.I. sich auf grundlegenden Seelenqualitäten und Strebungen aufbaut und einen persönlichen Zielhorizont eröffnet, ermöglicht die Selbsterziehung, Teilziele und konkrete Übungsschritte auf diesem Weg zu benennen, die eigene Entwicklung konkret zu überprüfen und die Teilziele dem Entwicklungsstand immer wieder neu anzupassen. Dadurch wird das Ich geformt und gestärkt. Depressive Entwicklungen, Ängste im Zusammenhang mit Kontrollverlusten und erlernte Hilflosigkeit können positiv beeinflusst werden. Auf diese Weise wird die Bindungsfähigkeit indirekt gefördert, denn je höher der Grad der persönlichen Freiheit ist, desto verlässlicher ist die Bindungsfähigkeit.

Eine direkte Einflussnahme auf die Bindungsfähigkeit geschieht im Erziehungs- und Selbsterziehungsprozess, indem die schwächer ausgeprägten Bindungsformen gefördert werden. Bei einer zu starken personalen Bindung an den Erzieher oder Seelsorger sucht dieser behutsam die Idealgebundenheit oder die lokale Beheimatung zu stärken. Auch bei sich organisch ergebenden Lösungsprozessen ist es hilfreich, den Klienten dahingehend zu unterstützen, sein Bindungsnetz zu erweitern. Dagegen wird bei einer überstarken Idealgebundenheit die personale Ebene stärker ins Spiel gebracht. Sollte die lokale Gebundenheit eine geistige Enge hervorrufen, wie dies zum Beispiel in den seltener werdenden geschlossenen traditionellen katholischen Milieus der Fall ist, wird auf umfassendere geistige Ideale hin abgehoben. Die Ergänzung- und Ausgleichsmöglichkeiten, die sich durch die drei genannten Bindungsformen ergeben, halte ich für eine gute Möglichkeit ressourcenorientierten Vorgehens,

Die Auseinandersetzung mit persönlichen Idealvorstellungen und Lebenszielen und den drei Bindungsformen ist prinzipiell auch möglich, wenn die Klienten nicht oder nur wenig christlich gebunden sind. Liegt aber eine christliche Grundeinstellung vor, eröffnet sich ein Zugang zur Bindung an Gott und an Menschen im Sinne der Zweitursachenlehre. Die Meditation über den Gedanken, Gottes geliebtes Kind, oder gar, wie Kentenich immer wieder sagte „Lieblingsbeschäftigung Gottes“(King 2001: 230) zu sein, ist meines Erachtens ein wirksames Heilmittel für seelisch entwurzelte oder aus der Bahn geworfene Menschen. Dieser Gedanke setzt direkt an der gottgewollten Würde des Menschen an. Indem der Einzelne das Bindungsangebot Gottes annimmt und es übt, sich ihm immer wieder neu anzuvertrauen, können auch sehr starke seelisch Verletzungen heilen. Dabei ist die Bindung an einen Erzieher oder Seelsorger, der die Bindung weiterleitet und sie nicht für sich vereinnahmt meist unabdingbar, oft der eigentliche Heilfaktor, in jedem Falle aber eine große Unterstützung.

Der kentenichsche Entwurf des natürlich- übernatürlichen Bindungsorganismus legt die Analogie zu Systemen wie dem menschlichen Körper mit seine vielgestaltigen internen Regelkreisen und den Verflechtungen in die Umwelt nahe. Dies ermöglicht eine vieldimensionale Betrachtungsweise einzelner Bindungen und bewahrt den Betrachter vor voreiligen Rückschlüssen und Interventionen. Gleichzeitig impliziert das Wort Organismus ein geordnetes, auf Harmonie ausgerichtetes Wachstum und damit auch den Gedanken an Selbstheilungskräfte.

In meinem beruflichen Alltag in der sozialpädagogischen Arbeit kann es nicht primär um die Vermittlung von Glaubensüberzeugungen gehen. Aber es geht um das Handeln aus dem Glauben heraus, um die innere Haltung, um den selbstlosen Dienst an fremden Leben und fremder Eigenart, wie Kentenich Pädagogik verstand (vgl.Kap.1.2). Auch der nicht religiös gebundene Sozialpädagoge oder Erzieher handelt aus einer Haltung heraus, aus einem spezifischen Welt- und Menschenbild, selbst wenn dieses unbewusst oder wenig reflektiert sein sollte. Ich halte bei einer wenig reflektierten Lebenseinstellung die Gefahr, den Klienten zu beeinflussen, nicht für geringer als bei einer klaren reflektierten und vertretenen Glaubensüberzeugung. Im Gegenteil, gegenüber einer klar vertretenen, aber nicht missionarisch eifernden Lebenseinstellung kann sich der Klient besser abgrenzen als gegenüber unausgesprochenen Haltungen und Prämissen.

Im Verlauf dieser Arbeit konnte ich meine eigene berufliche Haltung von einem mehr gefühlten, intuitiven Vorgehen aus meiner christlichen Bindung heraus zunehmend in Worte fassen. Durch das zunehmende Verstehen auch auf der kognitiven Ebene fand eine Selbstvergewisserung statt, die mir hilft, mein Handeln zu begründen und zu verantworten und darüber in einen Austausch mit Interessierten zu kommen.

Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass in christlich geprägten Einrichtungen der christliche Hintergrund klar benannt wird und in ethisch- moralischen Fragen das Vorverständnis offengelegt und transparent gemacht wird als Voraussetzung für einen Dialog mit Andersdenkenden und mit Klienten.

Außerhalb der Kreise der Schönstatt- Bewegung ist Kentenich mit seiner pädagogischen Arbeit bisher wenig bekannt. Ich halte sein Denken und Vorgehen für sehr bereichernd und befruchtend für die pädagogische Diskussion in Fachkreisen wie auch in kirchlichen Kreisen. Für die Zukunft bleibt die Aufgabe, sein Werk weiter zu erschließen, es zunehmend auszuschöpfen und in die Fachdiskussion einzubringen.

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