2 Grundlagen des kentenichschen Weltverständnisses im Hinblick auf die Bindungsthematik

2 Grundlagen des kentenichschen Weltverständnisses im Hinblick auf die Bindungsthematik

2.1 Die Zweitursachenlehre

Der Terminus der zweiten Ursache ist zentral im Denken Kentenichs. Er ist für unsere Zeit ungewöhnlich und nicht ohne weiteres zu verstehen. Theologen sind heute in ihrer Wortwahl insbesondere dann vorsichtig, wenn es um die Kennzeichnung Gottes als erste Ursache geht, die weiteren Ursachen vorangeht. Es soll das Missverständnis vermieden werden, Gott sei auf der gleichen Ebene anzusiedeln wie physikalische Ursachen der Weltentstehung wie z.B. den Urknall. Deshalb soll an dieser Stelle eine Erklärung folgen, wie Kentenich zu diesen Begrifflichkeiten findet und welche Bedeutung sie für ihn haben (vgl. Hrsg. Joseph Kentenich Institut 1979: 7-17).

Durch Plato und Aristoteles wurde das Denken über die Ursachen der Weltentstehung und des Weltgeschehens für den europäischen Kulturraum grundgelegt. Ab dem dritten Jahrhundert n. Chr. wurden die Bezeichnungen Ursache von allem und erste Ursache zur Bezeichnung Gottes geläufig. Der Begriff Zweitursache ist als Fachausdruck bei dem Neuplatoniker Proklos im fünften nachchristlichen Jahrhundert. gesichert. Im 12. Jahrhundert schrieb ein arabisch sprechender Philosoph das liber de causis, das Buch über die Ursachen. In der scholastischen Auseinandersetzung über das Verhältnis Gottes zu seinen Geschöpfen und über sein Mitwirken an ihrem Tun übte dieses Buch einen großen Einfluss aus, unter anderem auf Thomas von Aquin. In der Hochscholastik begann die Verlagerung des Schwerpunktes der theologischen Überlegungen von der Bedeutung der Größe und Vollkommenheit Gottes mehr und mehr zur Bedeutung des Menschen und dem Zusammenspiel Gottes mit ihm. Thomas von Aquin versuchte, die Eigenständigkeit des Menschen zu verbinden mit dem überall zu findenden Wirken Gottes. Die Zusammenfassung seines Prinzips, von Kentenich oftmals zitiert, lautet: „Deus operatur per causas secundas liberas“ (Hrsg. Joseph Kentenich Institut 1979: 9) – Gott wirkt durch freie Zweitursachen. In der weiteren Geistesgeschichte erfolgte dann ein Hin- und Herpendeln zwischen verschiedenen Standpunkten, so folgte auf die Renaissance mit ihrem humanistischen Ansatz die Reformation, in der im Extrem der calvinistischen Lehre die Freiheit des Menschen und die Mitwirkungsmöglichkeit an seinem Heil gänzlich geleugnet wurde.
Da Kentenich die Pädagogik als eine konkrete Anwendung der Seinsordnung und der Dogmatik verstand, wurde die Zweitursachenlehre für ihn zu einem Angelpunkt. Gott möchte in der Welt nicht allein wirken, sondern freie Zweitursachen an seiner Schöpferkraft teilhaben lassen. So können die Menschen Werkzeuge für Gott werden. In diesem Zusammenspiel sind natürliche und übernatürliche Ordnung aufeinander abgestimmt, Gott kommt dem Menschen in seinen Bedürfnissen entgegen und nimmt Rücksicht auf dessen Natur.

Im Zusammenhang mit der konkreten Anwendung der Zweitursachenlehre benutzte Kentenich den Begriff Übertragung, jedoch nicht im Sinne der Psychoanalyse. Dort wird unter Übertragung verstanden, dass der Klient die Beziehung zum Therapeuten nach den unbewussten Mustern zu gestalten sucht, die er in der Kindheit erfahren und verinnerlicht hat. Der Therapeut wird so zum Adressaten von Emotionen, die eigentlich den frühen Bezugspersonen gelten. Sinn der Therapie ist unter anderem, die Projektionen des Klienten diesem bewusst zu machen, so dass er sie verstehen und auflösen kann. Damit erweitert sich die Bandbreite seiner Verhaltensmöglichkeiten.

Kentenich hat nach seinen eigenen Aussagen die Schriften Freuds nicht gelesen. Er gebrauchte den Begriff Übertragung, zur pädagogischen und psychologischen Anwendung der Zweitursachenlehre, um den Vorgang des Teilnehmen- Lassens der Zweitursachen am Wirken der Erstursache zu beschreiben. Folgendes Beispiel soll das Gesagte verdeutlichen:

Der Liebe und Güte Gottes entspricht komplementär das Geborgenheitsbedürfnis des Menschen. Gott überträgt nun etwas von der Qualität seiner Liebe und Güte auf seine irdischen Zweitursachen, die als Stellvertreter und Platzhalter fungieren, zum Beispiel auf Eltern. Die Liebe Gottes wird auf und durch die Eltern übertragen und damit für das Kind konkret erfahrbar. Das Kind antwortet mit Anhänglichkeit, Vertrauen und Liebe, jetzt sind die Eltern die Empfangenden. Sie sollen aber diese Liebe nicht für sich behalten, sondern sie weiterschenken aneinander und weiterleiten an Gott, der die eigentliche Ursache der kindlichen Dankbarkeit ist. Kentenich bezeichnete diesen Vorgang als das Gesetz der organischen Weiterleitung. In ihm wird die Liebe zum Geschöpf nicht aufgehoben, sondern auf andere Zweitursachen oder auf Gott selbst hin erweitert. Die Liebe zwischen zwei Geschöpfen wird nicht überflüssig, wenn die Bindung an Gott erreicht ist, sie bleibt weiter bestehen und gewinnt von der Liebe zu Gott her eine besondere Tiefe. Es gibt also eine Liebeslinie Gott – Eltern – Kind und eine antwortende Liebeslinie Kind – Eltern – Gott. Gott bindet das Kind nicht direkt an sich, sondern durch die Übertragung der Liebe an die Eltern. Auch ohne dass das Kind es weiß, wird Gott in der Liebe zu den Eltern von ihm mitgeliebt. Im Laufe der Bewusstseins- und Glaubensentwicklung kann dann die Liebe zu Gott wachsen und zunehmend bewusst bejaht werden. Die Bindung an
Menschen gehört zum gottgewollten Bindungsorganismus und ist nicht, wie in manchen asketischen Strömungen, ein Hindernis auf dem Weg zu Gott. „Die natürliche Bindung bereitet die übernatürliche vor“ (Hrsg. Joseph Kentenich Institut 1979: 13). Immer wieder taucht bei Kentenich die begriffliche Trias Ausdruck, Mittel, Schutz in diesem Zusammenhang auf. Im Beispiel kann die Liebe der Eltern zum Kind auch Ausdruck der Liebe zu Gott sein, konkretisiert zum Beispiel in der Dankbarkeit der Eltern für das Kind. Zum anderen kann menschliche Liebe auch ein Mittel, ein Medium der Liebe zu Gott sein. Nach Kentenichs Auffassung ist insbesondere die in der Ehe vollzogene körperliche Begegnung von Mann und Frau geeignet, ein Medium der Liebe zu Gott zu sein. Schließlich schützt die Liebe zu einem Menschen aus Fleisch und Blut die Liebe zu Gott vor dem Verdunsten in rein intellektuelle Sphären. Ausdruck, Mittel und Schutz sind somit verschiedene Aspekte der Inkarnation der Liebe.

Die im Beispiel dargestellten Fälle sind ideal gedacht. Es ist aber auch möglich, dass ein Kind durch Entbehrung der Liebe frühzeitig auf Gott verwiesen ist, es wird in diesem Fall durch seine Enttäuschung weitergeleitet. Gott kann jeden Menschen individuell führen. Früher oder später erleben alle Menschen Enttäuschungen der Liebe. Gott kann dann, wenn der Mensch sich darauf einlässt, den Menschen direkter an sich binden. Kentenich sprach in diesem Zusammenhang von der Enttäuschungsfunktion der Geschöpfe.

Wenn die Gesetze der Weiterleitung nicht organisch angewandt werden, kommt es zu einer Verkürzung der Liebeslinie. Ein Beispiel hierfür ist die Vergötterung eines anderen Menschen, bei der Gott der Schöpfer nicht mehr mitgeliebt wird. Auch die bedingungslose Unterwerfung unter einen menschlichen Willen, z.B. im Führerkult des dritten Reiches, stellt eine Verkürzung dar, in welcher sich der Mensch auf Dauer seiner Würde als Gotteskind beraubt.

Aus all dem oben Gesagten ergeben sich meines Erachtens weit reichende Konsequenzen für den Erzieher oder Seelsorger. Er ist eine freie Zweitursache und wirkt als solche auf das Kind, den Jugendlichen oder den Klienten ein. Als Mensch vertritt er in gewisser Weise Gott, er soll das Gesicht Gottes nicht entstellen durch seine persönlichen Mängel und Schwächen. Das heißt jedoch nicht, dass er keine Schwächen und Mängel haben dürfe. Unter Umständen ist ein Ungenügen des Erziehers bzw. Seelsorgers im Rahmen der Enttäuschungsfunktion der Geschöpfe sogar ein Weg zu Gott. Die Verantwortung des Erziehers bzw. Seelsorgers besteht zuerst in seiner Haltung. Diese soll darin bestehen, dass er der anderen Individualität, der anderen Berufung, selbstlos dient. Er soll mit dem anderen dessen persönliches Ideal finden und ihm helfen, dasselbe zu verwirklichen. Er soll zu Gott führen, eine Bindung an sich zulassen, und auch die Lösung der Bindung zulassen, wenn der andere sich soweit gefunden hat, dass er dies möchte. Er darf den von ihm geführten Menschen nicht missbrauchen zur Bestätigung seines Selbstwertgefühls, zum Ausleben seines eigenen Bindungsbedürfnisses, sowie zu anderen emotionalen oder vitalen Bedürfnissen. Der Erzieher oder Seelsorger soll selbst in erster Linie ein an Gott gebundener Mensch und damit ein Betender sein. Die Kraft des Gebetes als Hilfe in der Erziehung und Begleitung schätzte Kentenich dabei sehr hoch ein. Zum einen geht es im Gebet um die persönliche Vergewisserung über die eigene Gottesbindung, das Gebet ist Ausdruck, Mittel und Schutz der Gottesbeziehung. Zum anderen wirkt Gott vieles, wenn er aufrichtig darum gebeten wird. Darüber hinaus trägt der Erzieher oder Seelsorger aus den oben genannten Gründen auch Verantwortung dafür, dass er selbst in einem tragenden und für ihn befriedigenden Bindungsgefüge lebt. Für schwierige Begleitsituationen sollte er selbst eine Beratungsmöglichkeit oder Supervision haben. Dies sind sehr hohe Ansprüche an den Erzieher und es wäre unrealistisch zu erwarten, sie immer erfüllen zu können. Auch die Forderung Kentenichs, der Erzieher solle sich selbst binden, wirft Fragen auf, z.B. wie viele Bindungen für einen Erzieher möglich und zuträglich sind oder wie viele Bindungen seine Ehe oder sein zölibatärer Lebensentwurf vertragen. Dies wird im Einzelfall sehr verschieden sein. Aber ich halte es für sehr wichtig, trotz der Probleme, die die Praxis aufwirft, solche Ideale im Beruf zu haben. Sie geben eine Richtung vor und dienen dazu sich immer wieder neu an ihnen auszurichten. Auch ein Verfehlen des Ideals oder ein Zurückbleiben hinter ihm kann immer wieder Anreiz zu neuen Reifungsmöglichkeiten werden. Auch das Nicht- Können und das Scheitern sind fundamentale menschliche Seinsweisen. Darum sprach Kentenich in der oben zitierten Antrittsansprache als Spiritual auch davon, dass er den Jungen auch in seinem Nicht- Können zur Verfügung stehen wolle.

2.2 Die Bedeutung Marias

In der Lebensbeschreibung Kentenichs wurde auf die Weihe an Maria in seinem neunten Lebensjahr hingewiesen. Über die Bedeutung Marias für seine Kindheit und Jugend sagte Kentenich folgendes: „Sie hat mich persönlich geformt und gestaltet von meinem neunten Lebensjahre an. Ich mag das sonst nicht gerne sagen, aber ich glaube, hier im Zusammenhang darf ich das flüchtig erklären: Wenn ich zurückschaue, darf ich sagen: Ich kenne keinen Menschen, der einen tiefergehenden Einfluss auf meine Entwicklung ausgeübt hat. Millionen Menschen würden daran zerbrechen, wenn sie so auf sich selbst gestellt wären, wie ich gewesen. Ich musste vollständig innerseelisch allein aufwachsen, weil eine Welt in mir geboren werden musste, die später weitergetragen und weitergeleitet werden sollte (…) Ich weiß, dass ich damit viel sage“ (Kentenich in Monnerjahn 1975: 157). An diesen Formulierungen fällt auf, dass Kentenich von Maria spricht wie von einer lebendigen Person („ich kenne keinen Menschen…“). Offensichtlich hat Maria in seinem kindlichen Erleben die Mutterstelle eingenommen, nachdem die leibliche Mutter ihn aus Not im Waisenhaus abgegeben hatte. Über diesen seelischen Vorgang wären aus psychologischer Sicht viele Betrachtungen möglich. Kentenich hat sich jedoch nur sehr selten und zurückhaltend über seine seelische Verfassung zur damaligen Zeit geäußert. Deutlich wird aus dem obigen Zitat, dass er sich in einer lebensbedrohlichen Einsamkeit befand, in der die Gottesmutter für ihn als tröstende, reale Person anwesend war. Diese tiefe Einsamkeit deutete er später in dem Sinne, dass die Gottesmutter seine eigentliche und einzige Erzieherin war, und dass sie ihn so auf seine Lebensaufgabe vorbereitete. Die traumatisierende Erfahrung bekam einen weiterführenden, dem Leben dienenden Sinn und wurde dadurch erträglich. Sie legten den lebensnahen und lebenspraktischen Grund für Kentenichs Marienverständnis. Immer wieder betonte er den personalen Charakter Marias. Sie ist ein Mensch mit einer Geschichte, einer Aufgabe und einer Wirkung. Ihr Leben war trotz ihrer Erwählung keineswegs einfach, es war oftmals hart, dunkel, voller Prüfungen. Darin war sie uns ähnlich, ihr Leben eignet sich nicht für abgehobenene Verspiritualisierung oder romantische Verkitschung. Sie selbst zeichnete er als schlicht, voll menschlicher Wärme und Mitgefühl und bereit, den Willen Gottes im eigenen Leben ganz zur gestaltenden Kraft werden zu lassen. Darin ist sie den Gläubigen Vorbild und Helferin. In der Beziehung zu ihr geht es um eine lebensmässige Erkenntnis, die durch Begegnung mit ihr erlangt wird.

Aus diesem Grunde bezog sich Kentenich nicht auf übernatürliche Erkenntnisquellen wie Visionen, außergewöhnliche Erscheinungen oder Privatoffenbarungen. Immer wieder umkreiste er die spärlichen biblischen und die späteren theologischen und kirchlich anerkannten Aussagen über Maria und gewann daraus seine Einsichten.

Grundlegend sind die frühen dogmatischen Aussagen, dass Maria Gottesgebärerin und Jungfrau ist. Als Gottesgebärerin steht sie Jesus so nahe wie kein anderer Mensch. Sie ist Wegbereiterin, Helferin bei der Inkarnation, und nimmt durch ihre geistige Nähe zu ihrem Kind teil an dessen Sendung. Kentenich benutzte dafür gerne den Ausdruck Dauergehilfin.

Dabei wirkt und wirkte sie als freie Zweitursache. Der Engel der Verkündigung überbrachte eine Anfrage, keinen Befehl. Gott ist zwar allwirksam, möchte aber nicht alleinwirksam sein. Obwohl Maria ein Mensch ist und in Bezug auf Gott eindeutig auf der Seite des Menschen steht, also keine Halbgöttin ist, unterscheidet sie sich jedoch in einer Hinsicht wesentlich von uns. Nach katholischer Lehre ist sie von der Verwundung der Erbsünde durch den Willen Gottes ausgenommen. So stellt Maria die Würde und Freiheit des vollerlösten Menschen dar. Sie ist Vor-Bild, in ihr zeigt sich schon jetzt, was wir einmal sein werden. „Formell ist das Immaculata- Dogma ein negatives Privileg: die Bewahrung vor der Erbsünde. Kentenich ist an der positiven Seite dieser Freiheit (…) interessiert. Er erklärt die Urstandslehre (die Lehre von der Freiheit von Erbsünde, Anm. d. Verf.) unter anthropologischem, genauer pädagogisch- psychologischem Aspekt. So resultieren die Gesichtspunkte: ungebrochene Natur, Lebensfülle (natürliche und übernatürliche), Kampfesmut und Siegesgewis sheit (…) und an anderer Stelle: ungebrochene Liebesvereinigung (…)“ (Vautier 1981: 70). Darüber hinaus ist sie Urbild des freien, gottgebundenen Menschen in seiner Berufung zum ewigen Leben und Vorbild für den Christen. Sie ist ein Mensch des verlorenen und wieder gefundenen Paradieses. Die herausgehobene Stellung Marias interessierte Kentenich nicht als unpersönliches Privileg, sondern im Hinblick auf ihre Sendung, Aufgabe, auf ihr Amt hin, wie er gerne sagte. Er betonte damit stark ihre Wirksamkeit, ihren beständigen Dienst, den er vornehmlich als erzieherische Tätigkeit charakterisierte. Sie hilft dem einzelnen Christen, auf dem Weg der Erlösung voranzuschreiten, denn das Christentum als Leben ist in der Geschichte wie im einzelnen Menschen zunächst wie ein Keim enthalten, der sich nach und nach entwickelt. Maria wirkt zum einen durch ihre Vorbildlhaftigkeit, des weiteren durch ihr Mutter-Sein gegenüber den Gläubigen und durch ihre fürbittende Allmacht. Diesen Terminus hat Kentenich des Öfteren verwendet und möglicherweise der orthodoxen Theologie entlehnt. Im Westen ist außer bei Kentenich nicht geläufig. „Maria hat Sitz und Stimme im Rat des dreifaltigen Gottes“ ist eine von Kentenich oft wiederholte Aussage.

Im Sinne der Zweitursachenlehre und den Gesetzen der Übertragung und der organischen Weiterleitung kommt Gott mit Maria dem Mutterbedürfnis des Menschen entgegen. Die Mutter- Kind- Beziehung auf der natürlichen Ebene hat eine Entsprechung in der übernatürlichen. Maria erinnert mit ihrer Mütterlichkeit an die mütterlichen Qualitäten Gottes. Die Fähigkeit zur Bindung und die Bindung an Geschöpfe ist unverzichtbare Voraussetzung der Personwerdung und der personalen Gottesbeziehung. Würde man den Weg zu Gott als eine Leiter darstellen und die Bindungen an Menschen als Sprossen der Leiter, wäre Maria die oberste Sprosse. Bei Gott vertritt Maria die Menschheit, Gott liebt in ihr alle Menschen, sie ist die stellvertretende personale Spitze der Schöpfung.

Immer wieder beschäftigte sich Kentenich mit der Psychologie der Marienverehrung. Im Unterschied zu psychologischen Ansätzen sind für ihn religiöse Beziehungen wie die zu Maria reale Beziehungen, für den Psychologen handelt es sich um innerseelische Vorgänge (vgl. Vautier 1981: 192). Die Verehrung Marias ergibt sich für ihn organisch aus ihrer Stellung im Heilsplan Gottes. „(Gott) will und wünscht deswegen, dass wir sie (=Maria) als ein heiliges Band benutzen, an das wir uns in inniger Weise binden, um mit ihr emporgezogen zu werden in sein eigenes Herz“ (Kentenich in Vautier 1981: 172). Wichtig ist ihm vor allem der lebendige Bezug zu ihr, das heißt, die Liebe zu ihr, weniger die kultische Form. Liebe bedeutet Einbindung in den natürlich- übernatürlichen Bindungsorganismus und ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Erlösung. In der Liebe zu Maria kann die Liebe gleichsam geübt werden, damit sie als Seelenkraft immer mehr wirksam werden kann. Nach Kentenich ist es möglich, mit Maria ein regelrechtes Bündnis zu schließen: das Liebesbündnis. Dieses steht in der Tradition der Weihe an die Gottesmutter, wie sie in verschiedenen marianischen Kongregationen gepflegt wurde. Sinn des Bündnisses ist es, Ausdruck, Mittel und Schutz für die Liebe zu sein. Kentenich spricht von vier Elementen der Liebe und wendet sie auf das Liebesbündnis mit Maria an: „Liebeshingabe kennt eine vierfache Funktion: eine lösende, eine vereinigende, eine verähnlichende und eine bewegende seelische Kraft.“ Kentenich in Vautier 1981:283). Darauf wird in Kap.4.4 dieser Arbeit ausführlich eingegangen. Die Liebe zu Maria und das Bündnis mit ihr hat also eine dynamische, den Menschen verändernde Kraft.

In Bezug auf die oft gestellte Frage, ob denn die Marienverehrung hier nicht überbewertet werde meinte Kentenich, dass bei einer organischen, also nicht einseitigen Marienverehrung eine Weiterleitung auf Christus hin erfolge. Maria selbst möchte zu Christus führen, weil sie ihm sehr nahe steht. Sie soll vom Gläubigen nicht abgöttisch geliebt werden, sondern in ihrer speziellen Nähe zu Christus und zur Dreifaltigkeit. Auch kann sich der Bezug zu Maria im Laufe des Lebens verändern, er kann auch phasenweise verschieden sein. Kentenich machte bezüglich der Marienverehrung keine Vorschriften, allerdings war es für ihn aufgrund der Stellung Marias im Heilsplan unvorstellbar, Maria nicht zu verehren.

2.3 Das Vorsehungsverständnis

Auch die hohe Bedeutung, die Kentenich dem Vertrauen auf die Vorsehung Gottes beimisst, dient der Praxis des christlichen Lebens und ist an ihr orientiert. Sie ist zum großen Teil gewonnen aus dem Umgang mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Es geht primär um eine praktische, aktive und konkrete Anwendung des Glaubens im individuellen wie im gesellschaftlichen Leben, viel weniger um bestimmte Glaubensinhalte. Grundvoraussetzung ist die Überzeugung, dass Gott die Welt und jeden einzelnen Menschen liebt und seit der Schöpfung nicht aufgehört hat, in der Welt zu wirken und für seine Geschöpfe zu sorgen. Dies geschieht überwiegend durch freie Zweitursachen. Gott greift nicht unmittelbar ein, wenn Zweitursachen, z.B. Menschen sich entscheiden, gegen das Leben zu handeln, denn dies würde deren Freiheit in hohem Maße einschränken. Er hofft aber, dass es eine Bekehrung gibt und steht mit seiner Liebe denen bei, die leiden müssen. Gottes Plan ist voller Weisheit, Güte und Macht, allerdings ist er für den Menschen nur in sehr begrenztem Maße einsehbar und verständlich. Er bleibt ein Geheimnis und ist dem Menschen unverfügbar. Trotzdem gehören göttlicher Plan und menschliche Freiheit zusammen, da der Mensch zu verantworteter Lebens- und- Geschichtsgestaltung berufen ist. Doch nicht nur Menschen wirken als Zweitursachen, sondern auch äußere Ereignisse oder Lebensumstände, die von Gott gewollt oder zugelassen werden. Kentenich war davon überzeugt, dass gemäß der Lehre des Paulus denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen.

Vorsehungsglaube bedeutet nicht, sich blind an eine jenseitige Macht auszuliefern, deren Absichten unbekannt sind. Ebenso wenig ist er ein Weg, im Handstreich wichtige Fragen und Entscheidungen zu erledigen. Vielmehr handelt es sich um ein dialogisches Geschehen, um ein Erspüren, um Frage und Antwort, wobei beide Seiten Fragende und Antwortende sein können. Gott bringt seinen Plan gleichsam ins Spiel, er bietet ihn dem Menschen an, der sich ihm tastend nähert. Durch den Plan Gottes ist der Einzelne hineingewoben in einen größeren Heilszusammenhang.

Nun stellt sich die Frage, wie das Wirken und Handeln Gottes und sein Wille erkannt werden können. Übernatürliche und damit exklusive Quellen wie Visionen, Auditionen zieht Kentenich, wie bereits im Kapitel über Maria festgestellt, nicht zu Rate. Vier Quellen sind für ihn aussagekräftig (vgl. Penners 1983:306 ff.):

  1. Das Sein als Erkenntnisquelle: „Das Axiom ordo essendi est ordo agendi erweist auch hier seinen fundamentalen Stellenwert“ (Penners 1983: 308). In den strukturellen Gegebenheiten, in den Ordnungen der Natur, im Lichte des Glaubens und des Wissens gesehen, bilden sich die Absichten des Schöpfers ab. Im genauen Achten auf das Sein, gerade auch in seinen Veränderungen, kann der Mensch sic h rückbinden an den Schöpfer und seinen Subjektivismus überwinden.
  2. Die Zeit als Erkenntnisquelle: durch Beobachtung von Einzelereignissen, situativen Gegebenheiten und Zeitströmungen ist es möglich, die Werte einer Zeit und ihr Verhältnis zueinander zu ermitteln sowie ihre besonderen Aufgaben und Notlagen. In negativen Trends sind oftmals positive, jedoch entstellte Werte zu erkennen, die gehoben werden müssen.
  3. Die Seele als Erkenntnisquelle: hiermit sind nicht allein spirituelle Erfahrungen des Einzelnen gemeint, sondern der Mensch mit seiner individuellen Lebensthematik, zu der auch die sozialen Bezüge gehören. Auch die Ebene der Gnadenwirksamkeit ist gemeint, alles, was zu seiner Personalität gehört.
  4. Das „Gesetz der geöffneten Tür“ (Penners 1983: 313): Dies meint das aufeinander Bezogen- Sein von inneren und äußeren Umständen. Gerade in Entscheidungssituationen zwischen mehreren Möglichkeiten lohnt es sich, hinzuschauen auf das, was sich im Außen, vielleicht wie von selbst anbietet. Dies könnte auf eine von Gott nahe gelegte Handlungsweise hindeuten.

Die praktische Anwendung des Vorsehungsglaubens ist nach meiner Meinung für die meisten Menschen unserer Zeit sehr schwierig, weil die Voraussetzungen für einen derartigen Glauben oft fehlen. Wer zum Beispiel als Kind nicht erfahren hat, dass der Glaube die Eltern von innen her trägt, hat es sehr schwer, sich selbst einen tragenden Glauben zu erarbeiten. Ein weiteres Problem sind unbewusste negative Gottesbilder, zum Beispiel das Bild eines kontrollierenden oder strafenden Gottes. Diese müssen zunächst entmachtet werden, zumeist durch schmerzhafte Bewusstwerdungsprozesse, und auch hier dauert es lange bis positive Erfahrungen mit Gott eine stabile seelische Grundlage bilden.

Eine weitere Schwierigkeit auf dem Weg zu einem praktischen Vorsehungsglauben ist die Virulenz der Theodizeefrage in unserer Zeit. Gerade Jugendliche, sofern sie an Gott glauben, fragen sehr vehement, wie Gott denn in seiner Liebe das Leid der Welt zulassen kann.

Kentenich wusste um diese Schwierigkeiten. Sein Ansatz für mögliche Antworten war einzelfallbezogen. Mit Hilfe eines hermeneutischen Zugangs zur Biographie des Einzelnen und zur Geschichte wollte er mit den von ihm begleiteten Menschen einen Weg zu vertieftem Gottvertrauen und tieferer Lebensfreude finden. In den Ereignissen des eigenen Lebens können und sollen Gottes Spuren gefunden werden. Es war Kentenich wichtig, Gott ganz real zu nehmen, sich von ihm angeschaut, angehört und angesprochen zu fühlen. Immer wieder empfahl er, mit dem Satz: „Ich bin die Lieblingsbeschäftigung Gottes“ umzugehen (King 2001: 230). Wenn mit der Zeit die Beziehung zu Gott tragfähiger wird, ist es möglich nach dem konkreten Willen Gottes für sich selbst zu fragen und sich innerlich für eine Antwort zu öffnen. Im Umgang mit Leid riet er, es nicht mit aufgesetztem Heldentum zu tragen: „(…) wir sollten das Leid nicht tragen wie ein Rekrut, sondern – das gilt für die Gemeinschaft und für jeden einzelnen – wie ein Kind; und das Kind darf im Leiden auch schon mal schreien (…). Wissen Sie, wenn wir militärisch strammstehen beim Leiden – ich meine, das verwüstet in der Natur ein Stück Kindlichkeit, das macht roh“ (Kentenich in King 2001: 261). Durch diese tiefgehende Zwiesprache mit dem eigenen Leben und dem Gott des Lebens können Glaubenswahrheiten existentiell durchlebt werden. Die Sinnfrage wird nicht durch eine mehr oder weniger abstrakte theologische Erklärung beantwortet, sondern durch das liebevolle Mitgehen der Wege Gottes.

2.4. Die Zeitanalyse

Kentenich nahm sein Leben lang Anteil an der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und militärischen Entwicklung in der Welt. Die Anfänge seines Wirkens fielen mit den Vorbereitungen, dem Ausbruch und Verlauf des ersten Weltkrieges zusammen. Später erkannte und benannte er die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging und geriet deswegen in Haft und schließlich ins Konzentrationslager Dachau.

Nach seiner Überzeugung befindet sich die Welt insgesamt und auch die Kirche in einer epochalen Umbruchsituation, die er als Zeitenwende charakterisierte und in ihrer Bedeutung dem Epochenwechsel vom Mittelalter zur Renaissance nicht nachstehe. Für die jetzige Zeitenwende veranschlagte er eine Dauer von mehreren Jahrhunderten, ihre Anfänge datierte er in den Beginn der Industrialisierung. Von der Tiefe der Umwälzungen und der Heftigkeit der Auseinandersetzungen her schloss er, dass es sich nicht nur um ein rein menschliches Ringen handle, sondern um ein hintergründiges Ringen göttlicher und widergöttlicher Kräfte (vgl. Penners 1983: 196).

Er war sich sicher, dass der endgültige Ausgang dieses Ringens positiv sein werde, das heißt, dass die göttlichen Kräfte den Sieg davontragen werden. Für die fernere Zukunft rechnete er mit einer umfassenden Erneuerung des christlichen Menschen- und Gemeinschaftsverständisses: „Der Geschichtstheologe weiß gläubig, dass Gott letzten Endes seinen Heilsplan siegreich durchführt“ (Hrsg. Joseph Kentenich Institut 1979: 127). Nach seiner Analyse kam es im Zuge der Industrialisierung und Technisierung zu einer zunehmenden Entwurzelung des Einzelnen aus lokalen, traditionellen und familiären Gebundenheiten. Dadurch fühlten sich viele Menschen isoliert und verloren, umgekehrt wurde die Welt oftmals bedrohlich fremd empfunden. Gleichzeitig rückten fremde Menschen, Völker und Kulturen einander immer schneller immer näher zu einer noch nie dagewesenen Schicksalsverwobenheit. Im Jahre 1948 schrieb Kentenich: „Die geistige Revolution ist schon jetzt so universal und radikal geworden, dass kaum ein Lebensgebilde davon verschont geblieben ist. Die moderne Technik bringt die Menschen einander so nahe, dass ihre Schicksalsverwobenheit in einer Weise in Erscheinung tritt wie noch nie in der Weltgeschichte. Alles drängt zu unerhörter Einerleiheit und Vermaßung und bringt in Brauch und Denkweise, in Lebensauffassung und Gewohnheit den Neger in seiner entlegenen Hütte und den verwöhnten Kulturmenschen fast über Nacht auf dieselbe Ebene. (…). Ein ganz neues Welt- und Menschenbild ist am Werden. Die große Frage, (…), ist immer dieselbe: Wird dieses Bild von dämonischen oder göttlichen Kräften geprägt?“ (Kentenich in Penners 1983:196). Nach Kentenichs Überzeugung zeigt sich der Epochenwandel in Veränderungen des Menschen-, Gottes-, und Gemeinschaftsverständnisses. Die derzeitige Art des Denkens bezeichnete er als mechanistisch, dies zeige sich zum Beispiel in einseitiger naturwissenschaftlicher Akzentuierung, Vernachlässigung der Ganzheitlichkeit und der Unkenntnis der menschlichen Einbindung in einen natürlich- übernatürlichen Bindungsorganismus. Durch das Auseinanderreißen von Gott und Mensch, von Idee und Leben und durch das Zerfallen von Beziehungen wird die psychische Integrität vieler Menschen gefährdet. Wenn Kentenich in Bezug auf das veränderte Menschenbild von der Gefahr des Kollektivismus und des Bolschewismus sprach, wusste seine Hörerschaft im dritten Reich, dass der Nationalsozialismus ebenfalls gemeint war. Den Kollektivismus kennzeichnete er durch eine Entwertung der Individualität, durch die der Einzelne austauschbar und ersetzbar werde, sowie durch eine Missachtung der persönlichen Freiheit. Politische, wirtschaftliche und militärische Gegebenheiten würden zu Zwangslagen, in denen persönliche Entscheidungen innerhalb des Systems fast nicht mehr möglich sind.

Der kollektivistische Mensch zeichnet sich laut Kentenich durch drei Merkmale aus: Diabolisierung, Bestialisierung und Fanatismus (vgl. Monnerjahn 1975: 144 ff).

  1. Diabolisierung: die religiöse Anlage des Menschen, seine Hinordnung auf die Transzendenz wird geleugnet, das entsprechende Streben wird abgefangen und für innerweltliche Zwecke missbraucht. Es findet keine organische Weiterleitung statt. Auf diese Weise wird es möglich, dass totalitäre Systeme die entstehende Lücke füllen und als Ersatzreligionen fungieren. Erlösung wird zu einem rein innerweltlichen Geschehen. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Idee, dass der germanische Herrenmensch durch die Endlösung der Judenfrage von dem ihn aussaugenden Untermenschen gleichsam erlöst werden müsse. Theologisch gesprochen geschehen in der Diabolisierung eine bewusste, grundsätzliche Abwendung von der Wahrheit und eine ebenso bewusste Hinwendung zur Lüge.
  2. Bestialisierung: sie ergibt sich aus der Diabolisierung. Wenn der Mensch nicht mehr aus seiner Gottbezogenheit heraus verstanden wird und mit der Wahrheit nach Belieben verfahren werden kann, wird der Mensch vom Tier her erklärt und tierische Instinkte werden handlungsleitend. In der Konsequenz gilt dann auch in der Politik das Recht des Stärkeren, als minderwertig erklärte Minderheiten werden entrechtet, schließlich getötet.
  3. Fanatismus: diesen verstand Kentenich als eine heroische Huldigung des Irrtums und fragte sich, ob diese nicht mitverursacht sei dadurch, dass „die Wahrheit in unseren Reihen vielfach zu banal gesehen wurde“ (Kentenich in Monnerjahn 1975: 145).

Die Gefahren aus der Veränderung des Gottesbildes beschrieb Kentenich mit den Worten: Vermenschlichung, Entmenschlichung und Entpersönlichung (vgl. Vautier 1981: 135 ff).

  1. Die Gefahr der Vermenschlichung Gottes: sie resultiert daraus, dass das Verständnis der Größe und Erhabenheit Gottes weithin schwindet und damit die Transzendenz Gottes an Bedeutung für den Glauben verliert.
  2. Die Gefahr der Entmenschlichung Gottes: wenn von theologischer Seite die Transzendenz Gottes einseitig betont wird, zum Beispiel in der einseitigen Rede von Gott als dem „ganz Anderen“, geht das Vertrauen in die Immanenz Gottes und die Anknüpfungspunkte für eine lebendige Beziehung zu ihm verloren.
  3. Die Gefahr der Entpersönlichung: die in der Bibel begründete personale Beziehung zu Gott verflüchtigt sich zunehmend zu einer rein intellektuellen Idee von Gott. Dadurch verliert der Glaube an Gott an Bedeutung, der Weg zum Agnostizismus und Atheismus ist nicht weit.
    Seine eigene Gründung verglich Kentenich mit dem Bau der Arche Noah. „Wenn die Sündflut kommt, muss unsere Arche fertig sein“ (Kentenich in Monnerjahn 1975: 146). Seine Schulungen und Gemeinschaftsgründungen dienten dazu, den einzelnen Christen zu befähigen, sein Leben aus einer tiefen Gottesbeziehung heraus zu gestalten, sich fest in Gott zu verankern und sich untereinander durch Netzwerke zu unterstützen.

Die katholische Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden sah er vor große Veränderungen gestellt, die sie selbst erst später, zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils erkannte und die heute noch nicht abgeschlossen sind. Dazu gehörte die Erkenntnis, dass der Schwerpunkt der Kirche sich zunehmend von Europa weg verlagern würde und dass Kirche immer mehr zur Weltkirche werden müsse. Dies folgt aus der Tatsache, dass die Kirche in Europa zunehmend aufgrund der oben genannten Entwicklungen an Boden verliert, in der dritten Welt durch das dortige Bevölkerungswachstum jedoch zunimmt. Auch sollte die Kirche nach Kentenichs Auffassung zunehmend auf materielle Werte verzichten und sich stattdessen immer mehr im Übernatürlichen verankern. In ihrem Wirken solle die Kirche auf ihre Verwurzelung in Gott vertrauen und sich nicht mit nationalen oder internationalen politischen Strömungen identifizieren. Auch die zunehmende Auflösung traditioneller katholischer Milieus und die Schwierigkeiten, die Diasporasituationen für die Weitergabe des Glaubens schaffen, schätzte er frühzeitig treffend ein.

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