A. Werde: Was du bist

A.       WERDE: WAS DU BIST
B.       GRUNDZÜGE EINER CHRISTLICHEN PERSÖNLICHKEITSERZIEHUNG BEI 12-16-JÄHRIGEN MÄDCHEN
1.       Christliche Persönlichkeit als Frage der Lebensgestaltung
1.1       Persönlichkeit: Versuch einer Begriffsdefinition
1.1.1       Der Mensch als Person: Grundlage seiner Einzigartigkeit und Würde
1.1.2       Ein interdisziplinärer Streifzug: Persönlichkeit im Streit der Wissenschaften
1.1.3       Auf den Punkt gebracht: den abstrakten Begriff Persönlichkeit in Worte fassen
1.2       Christliche Persönlichkeit: das gewisse Etwas
1.2.1       Das Christliche: Ursprünge im Neuen Testament
1.2.2       Neue kirchliche Dokumente: eine Schärfung des Profils
1.2.3       Josef Kentenich: die Vision vom Neuen Menschen
1.3       Ein Plädoyer: Erziehung zu christlichen Persönlichkeiten
1.3.1       Christliche Persönlichkeit: zwischen Anspruch und Wirklichkeit
1.3.2       Auffallend anders: Lebensgestaltung entgegen dem Zeitgeist
1.3.3       Die Herausforderung annehmen: Notwendigkeit einer christlichen Persönlichkeitserziehung

A. Werde: was du bist.

Es geht um Mädchen. Mädchen im Alter von zwölf bis 16 Jahren, mitten in der Adoleszenz, mitten im Werden. Sekretärin, Abiturientin, Frau werden sie. Einige von ihnen werden glücklich, einige unzufrieden, einige krank, einige erfolgreich.
Diese etwas ungewöhnliche Einleitung will aufmerksam machen, auf die Vielfältigkeit, die im Folgenden begegnet und die mit verschiedenen Fragen und Anfragen, verschiedenen Zeitgeistern und Problematiken konfrontiert. „Du sollst der werden, der du bist“[1] sagt Friedrich Nietzsche; was der Therapeut Klaus Mücke als einen Zuspruch versteht, dass der Mensch doch bereits alles habe, was er, um ein erfülltes und glückliches Leben zu führen, brauche, und nur das in ihm ruhende Potential zur Geltung zu bringen müsse.[2] Angelus Silesius hingegen fordert auf und erinnert schon im 17. Jahrhundert die Menschheit: „Mensch werde wesentlich“[3], wieder ein anderer spricht vom “Eigentlichwerden“. Was also ist der Mensch, dass er “nur“ noch werden muss? Martin Heidegger sieht genau darin das eigentliche Problem, dass nämlich „keine Zeit […] so viel und so Mannigfaltiges vom Menschen gewusst [hat] wie die heutige – und keine Zeit […] weniger [wusste], was der Mensch sei, als die unsrige.“
In einer „Epoche grandioser Unübersichtlichkeit“[4] fällt es nicht leicht, auf die Frage nach der Bestimmung und Berufung des Menschen eine klare und allgemeingültige Antwort zu finden. Angesichts schwerwiegender und verstärkt auftretender psychischer und somatischer Krankheiten, unter denen besonders junge Frauen leiden, angesichts der Sinnkrise oder sogar Sinnleere, die einige – nicht wenige – verspüren und dem immer weiter expandierenden pluralistischen Markt der Möglichkeiten in allen Bereichen des Lebens, breitet sich eine Ungewissheit in unserer Gesellschaft aus: „Worum geht’s im Leben?“
Diese Arbeit wird diesbezüglich kein Patentrezept geben, sondern das Werden einer neuen Generation von jugendlichen Mädchen im Blick haben und den Anspruch einer bestimmten Form der Lebensgestaltung vertreten. Konsequenz dessen wird eine Antwort aus dem Bereich der kirchlichen Jugendarbeit in Anlehnung an die Pädagogik Josef Kentenichs, dem Gründer der internationalen Schönstatt-Bewegung, sein, deren Ziel es ist, dass 12-16-jährige Mädchen werden, was sie sind: Christliche Persönlichkeiten.

B. Grundzüge einer christlichen Persönlichkeitserziehung bei 12-16-jährigen Mädchen

1. Christliche Persönlichkeit als Frage der Lebensgestaltung

1.1 Persönlichkeit: Versuch einer Begriffsdefinition

Unsere Zeit ist eine Zeit mannigfacher Veränderungen. Ob positiv oder negativ, das sei erstmal dahingestellt. Es ist die Zeit der Informationsgesellschaft, der Wirtschaftlichkeit und Wissenschaftsgläubigkeit; die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, beeinflussen Arbeits- und Lebenswelt eines jeden einzelnen. Dieser Wandel kann eine Chance sein, Leben neu zu sehen und sich darauf einzustellen. Es drängt sich aber auch die Frage nach den Werten auf, die sich ebenfalls wandeln oder teilweise sogar verloren gehen. Auch die Frage nach dem Sinn wird zum Kernproblem unserer Zeit: Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Woran soll ich mich orientieren? Wie kann ich gut leben?
In diesen Zusammenhang soll der Begriff der Persönlichkeit gestellt werden. Die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft und somit aller Personen, die diese Gesellschaft bilden, hinge wesentlich von einer Bildung- und Erziehungspolitik ab, die sich an echten Persönlichkeiten orientiert, so meinen z.B. Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie fordern v.a. für den Bereich Schule eine „Renaissance der Persönlichkeitsbildung“[5] und gründeten in diesem Zusammenhang im Februar 2000 die Initiative „Bildung der Persönlichkeit“.[6]
Es bleibt allerdings die Frage, was denn konkret unter Persönlichkeit zu verstehen ist. Meint es den Menschen an sich, ist es eine spezielle Form von Person-Sein oder etwa ein Synonym zu Charakter? Es ist nicht ganz einfach, die abstrakte Idee von der Persönlichkeit in wenigen Worten allgemein verständlich darzustellen. Im Folgenden soll all das genannt werden, was unter dem Aspekt des Christlichen von Bedeutung erscheint.

1.1.1 Der Mensch als Person: Grundlage seiner Einzigartigkeit und Würde

Wer verstehen will, was Persönlichkeit meint, der muss sich zuallererst mit dem Begriff “Person“ auseinander setzen. Von diesem, der schon früher zum Wortschatz der Menschen gehörte, leitet sich der relativ moderne Begriff der Persönlichkeit ab. Die etymologische Herkunft des Begriffs Person (lat. persona) ist nicht eindeutig geklärt. Doch gilt es als gesichert, dass es sich aus der Verwendung im Antiken Theater ableitet, denn persona bzw. das etruskische phersu bezeichnete die Maske, die der Schauspieler trug, und damit seine Rolle darstellte.[7]
Dass der Begriff aber im Laufe der Jahrhunderte für den Menschen verwendet wird, um ihn in seiner Besonderheit zu beschreiben, um ihn, den homo sapiens sapiens, von den anderen Geschöpfen abzugrenzen, ist nur durch die Diskussion um die Wesenheit Gottes möglich geworden. Ab dem dritten Jahrhundert n. Chr. entbrannte nämlich die Frage um das Verhältnis von Gottheit und Menschsein Jesu, woraufhin in der Trinitätslehre erstmals der Persona-Begriff vom Schauspiel auf den christlichen Gott, den Gott in drei Personen, übertragen wurde.[8] Boethiusdefinierte daraufhin persona als „rationalis naturae individua substantia“, d.h. Person-Sein galt „nunmehr als Bezeichnung für das vernunftbegabte Individuum“[9]. Damit wurde der Begriff über Jahrhunderte hinweg geprägt.
Person-Sein deutet den moralischen Status des Menschen. Es liegt in der Natur des Menschen – und unterscheidet ihn somit vom Tier – in Freiheit und mit Vernunft handeln zu können, und darin zeigt sich, dass er ein individuelles, sittliches Subjekt ist. Der Mensch ist sich seiner selbst bewusst, er weiß sich in Beziehung und Abhängigkeit zu seiner Umwelt und sieht sich in der Lage, Pflichten und Verantwortung zu übernehmen, Ziele zu verfolgen und das eigene Leben selbst zu gestalten. Eine Person ist demnach fähig zur Selbstreflexion und findet ihre Identität durch Rationalität, Selbstbewusstsein, Geschichtlichkeit und Beziehung.[10] Weiterhin impliziert Person-Sein eine Einheit des eigenen Seins, Wissens und Wollens. Immanuel Kant betonte, die Würde einer Person liege darin, dass sie stets Selbstzweck und niemals Mittel oder Zweck einer Sache sei.[11]
Die Menschen sind im Wesen einander ähnlich, da sie der gleichen “Spezies“ angehören, aber dennoch sind sie verschieden. Der Begründer der philosophischen Anthropologie, Max Scheler, zeigte auf, dass der Mensch als Teil der Natur gleichsam auf der obersten der systematischen Stufen der Natur steht und sich nur graduell vom Tier unterscheidet.[12] Erst durch den Geist wird ein Wesensunterschied deutlich, durch den dem Menschen eine „Sonderstellung“[13] im Kosmos zuteil wird. Die Sichtweise des Menschen als Person, als einmaliges und einzigartiges Individuum[14] wird zur unantastbaren Grundlage seiner Würde, die ohne Ausnahme zu achten ist. Gerade heute scheint dieses Postulat aber nicht so bedingungslos zu gelten, wie es sollte. Im “Zeitalter“ von Euthanasie und Abtreibung, von Terror und Folter[15], oder auch im Hinblick auf die bioethische Diskussion – hier sei nur auf Peter Singer[16] verwiesen – muss anscheinend wieder neu um die Bedingungen und Kriterien des Person-Seins gerungen werden.[17]
Indes wird der Begriff Person heute als „genuin praktischer Zuschreibungsbegriff“[18] verwendet, um den Menschen in seinem Wesen zu beschreiben, d.h. „jeder Mensch ist Person, er kann Personsein nicht lernen oder erst Person werden“[19], denn er ist es schon immer. Man redet also dort von Person, wo es um das „Menschliche im Menschen“, um das „eigentlich Menschliche“, um den Menschen selbst geht.[20]
In der christlichen Glaubensreflexion wird das Person-Sein auch in der Spannung gesehen zwischen Individualität und Sozialität. Beides ist wichtig, doch es zählt nicht nur die Beziehung zu anderen, sondern auch die Gottesbeziehung als die ursprüngliche Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf.[21] Denn – so sagt auch Guardini – wenn der Mensch das Ebenbild Gottes ist, der trinitarische Gott aber in sich Beziehung ist, so ist auch der Mensch als Person auf Beziehung angelegt.[22] Der Mensch wird als das Wesen betrachtet, das auf Transzendenz ausgerichtet ist und zu Transzendenz fähig ist.[23] Er ist in dem Maße Mensch, wie er das Ich-Du-Verhältnis zu Gott verwirklicht; tut er das nicht, hört er zwar nicht auf, Person zu sein, tritt aber in Widerspruch zu seinem Wesen. So wird das Person-Sein als Aufgabe verstanden: Der Mensch ist demnach in seiner Einmalig- und Einzigartigkeit von Gott berufen, in Verantwortung vor ihm zu leben inmitten des Beziehungsnetzwerkes zu seiner Mitwelt. So bildet sich sein Selbstsein und Selbstwerden durch gegenseitiges Geben und Nehmen.[24]
Romano Guardini beschreibt Person in seinem dialogischen Ansatz sowohl als Bau als auch als Akt. Er will sagen, dass zu einer Person das Statische und das Dynamische gehört. Der Status einer Person ist in ihrem Verhältnis zum Absoluten – Gott – grundgelegt, und doch ist jede Person im Werden und auf Entwicklung hin angelegt. In diesem Polaritätsgefüge realisiert sich also der Mensch, wird Persönlichkeit.[25]

1.1.2 Ein interdisziplinärer Streifzug: Persönlichkeit im Streit der Wissenschaften

Der Begriff Person vermittelt gemeinhin die Vorstellung von etwas Gegebenem und Statischem, Persönlichkeit wird dagegen mit dem Dynamischen in Verbindung gebracht. Allerdings findet der Begriff der Persönlichkeit im Sprachgebrauch verschieden Verwendung. Wir kennen eine großePersönlichkeit, eine kämpferische Persönlichkeit oder eine prominente Persönlichkeit. Wenn von abnormer Persönlichkeit gesprochen wird, dann handelt es sich meistens um Menschen, bei denen Persönlichkeitsstörungen wie Schizophrenie diagnostiziert wurden. Umgangssprachlich redet man also dort von Persönlichkeit, wo Personen „einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, hohes Ansehen genießen oder eine auffallende Rolle spielen.“[26] Dementsprechend sagt man von einer Person, die sich im sozialen Sinne nicht darstellen kann, dass sie keine Persönlichkeit habe.[27]
Ein kurzer Streifzug durch die Wissenschaften soll unterschiedliche Aspekte und Schwerpunkte in Zusammenhang bringen mit der Frage nach Erziehung von Persönlichkeiten.
Philosophie: der Mensch, erkennt, was er ist
Ein Gang durch die Geschichte der Philosophie zeigt auf, wie verschieden die Menschen um den Begriff Persönlichkeit gerungen haben. Mit John Locke kommt im 18. Jhdt. eine neue Sichtweise auf. Persönlichkeit meint das Bewusstsein des Ichs und die Erinnerung an sich selbst. Kant sieht ebenfalls in der Persönlichkeit die Möglichkeit sich selbst frei und sittlich zu bestimmen, was wiederum die hervorgehobene Stellung und Würde des Menschen verdeutlicht. Da der Mensch ja immer Selbstzweck sein soll, muss es das Ziel des Menschen sein, die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Nur so und im Zusammenwirken mit Pflichtbewusstsein und Bildung ist es möglich, diese Prämisse des Selbstzwecks zu realisieren. So ergibt sich erstmals eine moralische Aussage über die Autonomie der Persönlichkeit.[28]
Persönlichkeit gestaltet sich durch Geschichtlichkeit und ist das, was bestehen bleiben kann, auch wenn sich alles andere verändert. Sich selbst treu bleiben meint also, die Persönlichkeit, die man sich angeeignet hat, die gewachsen ist und somit den eigenen Charakter und die eigene Lebensweise prägt, nicht vorschnell aufzugeben. Persönlichkeit wird so zu einem absoluten Wert, an dem es sich zu orientieren gilt.[29]
Aufgabe des Menschen sei es deshalb, Persönlichkeit zu werden, wie es Rudolph Eucken in seinem Neuidealismus proklamiert. Schließlich ist der Mensch nicht nur Naturwesen, sondern Person und zu Selbsttätigkeit fähig.[30] Erst im Dialog mit anderen kann sich Persönlichkeit entfalten. Nötig für eine gute Entwicklung sind dabei grundsätzliche Erfahrungen: Zum einen spielt das Selbstbewusstsein eine wichtige Rolle, d.h. sich seiner unantastbaren Würde allein aufgrund des eigenen Daseins bewusst sein, sich nicht abhängig machen von Utilitarismus oder Hedonismus und das eigene Gewissen wahrnehmen und danach handeln, denn eine Persönlichkeit zeichnet sich aus durch vernünftiges Handeln, zu dem sie aufgrund ihres Person-Seins fähig ist. Außerdem sei die Selbstbestimmung genannt, die sich im Lauf des Erwachsenwerdens immer mehr und mehr zeigt. Eine Persönlichkeit kann ihr Gestern und Heute prägen und dadurch selbst geprägt werden, die eigene Lebensgeschichte, ja, das eigene Leben kann selbst gestaltet werden.
Psychologie: der Mensch will wissen, wer er ist und warum er ist, wie er ist
Der Mensch interessiert sich seit je her für sich selbst, für seine Art, sein Wesen und ist allzeit bestrebt, sich in “Kategorien“ einzuordnen. So hat sich seit der Typenlehre des Hippokrates bis hin zum zurzeit gängigen Modell der Big Five[31] scheinbar wenig verändert. Immer wieder dreht es sich um den Versuch Persönlichkeit zu fassen.
In der Psychologie gibt es viele unterschiedliche Definitionsversuche von Persönlichkeit. Manche Psychologen betonen mehr die Abhängigkeit von Genen und Trieben, andere legen den Schwerpunkt auf die kognitiven und physischen Gegebenheiten. Doch in der Regel versteht man unter Persönlichkeit die einzigartige Kombination der bei einem Individuum vorhandenen konstanten Merkmale. Dazu zählen Fähigkeiten, Temperamentseigenschaften, biologische und erworbene Motivation, grundlegende physische und psychische Merkmale, genetische Ausstattung, eigenes Selbst- und Welterleben, allgemeine und kognitive Fähigkeiten, Motive und Interessen, Gewohnheiten und Fertigkeiten, die sich wiederum auf das Verhalten, Denken und Erleben des Menschen auswirken.[32]
Eine einheitliche Meinung herrscht also in etwa in der Ansicht, „dass Persönlichkeit ein bei jedem Menschen einzigartiges, relativ stabiles und zeitlich überdauerndes Verhaltenskorrelat darstellt.“[33]Daneben wird Persönlichkeit aber auch als jenes System individueller Erwartungen und Bewertungen aufgefasst, die jemand im Hinblick auf die Konsequenzen von eigenen Handlungen oder von Ereignissen entwickelt hat, um sich dann in konkreten Situationen entsprechend zu verhalten.[34]
Der Mensch will auf vielfältige Art und Weise Gewissheit haben, wer er ist und warum er ist, wie er ist. So beschäftigt sich v.a. die Persönlichkeitspsychologie, ein spezielles Teilgebiet der Psychologie, mit dem Versuch, Persönlichkeit zu messen. Qualitative und quantitative Methoden, wie z.B. Tests oder Experimente sollen diesem Vorhaben dienen.[35] Die daraus folgenden Erkenntnisse können dann z.B. Verwendung finden in Beratung, Betreuung oder Therapie.[36]­ In den letzten Jahren nahm die interdisziplinäre Forschung in diesem Bereich stetig zu; die Frage der Persönlichkeit beschäftigt nunmehr auch die Neurologen, Genetiker und Sozialanthropologen.[37]
Wesentlich ist außerdem die unbestrittene Frage, dass der Mensch sich Zeit seines Lebens verändert. Sein Wesen, seine Persönlichkeit wird von der Umwelt, der eigenen Seelenwelt beeinflusst.[38] Die Psychologen erkennen, dass Erziehung einen wichtigen Einfluss hat auf die „Entwicklung und Verfestigung des individuellen Persönlichkeitssystems“[39] ausübt. Sie halten fest, dass Persönlichkeitsentwicklung dort möglich ist, wo ein Mensch sich bewusst verändern will. D.h. niemand ist nur aufgrund seiner Umwelt und Gene so wie er ist. Er ist sich selbst nicht hilflos ausgeliefert und kann sich daher auch nicht nur auf biologische und soziale Einflüsse berufen. Keiner ist gezwungen seinen Jähzorn auszuleben, niemand ist verpflichtet, Ausländern skeptisch gegenüberzustehen. Doch ohne Training und dem Wunsch, sich selbst zu erziehen, ist das nicht möglich; das zeichnet aber wiederum eine Persönlichkeit aus. Notwendig sind also dabei Regelmäßigkeit und Dauerhaftigkeit; zusätzlich hilfreich kann die Einführung in neue Erfahrungsbereiche durch erfahrene Personen sein.[40]
Pädagogik: der Mensch weiß, wer er werden will
Genau dieses ist das Thema der Pädagogen: Entwicklung, Bildung und Erziehung; auch in dieser Fachwissenschaft wird über Persönlichkeit diskutiert. Der Unterschied zur Psychologie liegt aber wohl darin, dass Pädagogen weniger das Phänomen Persönlichkeit an sich sondern den einzelnen Menschen mit seiner Persönlichkeit und in seinem Werden im Blick haben. In der Pädagogik gibt es ebenfalls einen eigenen Bereich,[41] der sich hauptsächlich mit diesem Thema auseinander setzt. Die sog. Persönlichkeitspädagogik wird als eine Strömung innerhalb der “Reformpädagogik“[42] bezeichnet, die in der Persönlichkeit des Pädagogen den Hauptfaktor für das Gelingen bzw. Nicht-Gelingen von Erziehung sah. Ziel der reformpädagogisch geprägten Erziehung war die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu Persönlichkeiten, weshalb starre Erziehungs- und Unterrichtsmethoden, die aufgrund ihrer Struktur die Schüler eher einengen als ihnen zur Entfaltung zu verhelfen, abgelehnt wurden.[43] Allerdings blieb auch hier die Definition von Persönlichkeit ungenau. Angaben von Eigenschaften wie „innerlich produktiv, lebendig […] charakterfest, wertorientiert…“[44] wurden zur Hilfsformulierung.
Aus pädagogischer Sicht kann man ähnlich wie in der Psychologie verschiedene Aspekte bei der Betrachtung von Persönlichkeit unterscheiden. Zum einen ist das die Struktur, die konstituierende Merkmale beschreibt. Zum zweiten fällt der Blick auf die Dynamik, die sich auf das Werden, das Herausbilden der Persönlichkeit bezieht, und als dritten Gesichtspunkt die feld- und systemtheoretischen Aspekte, die die Interaktion zwischen „individuellen Merkmalen und situativen Bezügen“[45] mit einbeziehen.[46] Persönlichkeit bildet sich aus der Umwelt und gestaltet dadurch selbst die Umwelt und wird wieder von dieser geformt.
Die Bildung von Persönlichkeit wird von vielen Pädagogen als das höchste Ziel von Erziehung und Unterricht gesehen,[47] um „alle Anlagen des Kindes […] zur höchsten Entfaltung zu bringen.“[48]Die Entwicklung zur Persönlichkeit dauert dabei ein Leben lang. Sie vollzieht sich durch Aneignung und Entäußerung von Eigenschaften, Tätigkeiten, Beziehungen, Verhaltens- und Denkweisen, Bedürfnissen, Idealen und Anschauungen. Diese Schritte verlaufen sowohl unabsichtlich als auch aktiv. Kinder erleben ihre Eltern, Schüler ihre Lehrer, Jugendliche ihre Freunde. In diesen Beziehungen übernimmt man nicht selten die Überzeugungen und Verhaltensweisen des Gegenübers. Unbewusst gestaltet sich die eigene Persönlichkeit. Ein jeder ist aber auch in der Lage aus eigener Kraft Persönlichkeit zu formen. Die ernsthafte Beschäftigung mit einem Thema, die konkrete Auseinandersetzung mit Eigenschaften und Gedanken und die Reflexion des eigenen Handelns bleiben nicht ohne Wirkung. Pädagogik als Erziehungswissenschaft spricht sich für eine Persönlichkeitserziehung aus, in der die gesellschaftlich gewünschten Dispositionen realisiert werden und die positiven Anlagen in der Person Entfaltung finden.
Theologie: der Mensch ahnt, warum er ist, wie er ist
Auch in der Theologie hat Erziehung einen hohen Stellenwert, wurde Jahrhunderte lang aber nur als Katechetik verstanden und praktiziert. Ziel und Aufgabe einer ethischen Unterweisung sind moralische Persönlichkeiten.[49] Wie andere Ethiken betont auch die christliche die „Vermittlung ethischer Handlungskompetenzen und moralischer Identität“[50], sie sieht den Menschen aber in seiner Beziehung zu Gott und setzt diese Transzendenzverwiesenheit bei ihren Überlegungen voraus.[51]
Was also ist der Mensch, dass Gott an ihn denkt?[52] Die Schöpfungsgeschichten der Bibel erzählen von einem Schaffensakt Gottes, seinem Ebenbild (Gen 1), das er nur wenig geringer gemacht hat (Ps 8) und sich in Liebe seiner annimmt. Die Kirche verkündet die frohe Botschaft von der bedingungslosen Zusage und Liebe Gottes zu einem jeden einzelnen. In den Versuchen, die Frage nach dem Menschen zu beantworten, greifen Christen auf die Überzeugung zurück, dass jeder Mensch Person ist, in der eine “Uridee“ Gottes grundgelegt ist. Diese will im Laufe des Lebens entdeckt und entfaltetet werden. Dieses Göttliche, das von Anfang an in einem jeden liegt, zu leben, ist gleichsam die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.[53] Diese Glaubensgewissheit der Kirche beruht nicht auf einer Lehre sondern auf der Person Jesu, der diese Zusage allen Menschen zuteil werden ließ. Daher muss die Kirche sich stark machen gegenüber jeder Art von Ent-persönlichung, die gleichzeitig immer eine Verun-menschlichung ist.
Doch wie könnte der Mensch sich ohne Freiheit zum Guten entfalten? Nur in freier Entscheidung einer echten Annahme des eigenen Person-Seins, das Freiheit, Verantwortung, Umgang mit Schuld, Leid, Tod und Beziehung umfasst, realisiert sich Persönlichkeit.[54] Das will eben nicht heißen, dass Perfektion verlangt wird. Auch Schwächen, Spleens und Launen gehören zum Leben dazu. Doch Gottes unbedingt geltendes Ja zum Menschen, macht es möglich, auch die Schattenseiten des eigenen Lebens vor Gott zu bringen.
Die Kirche sieht sich herausgefordert, die Menschen auf ihrem Weg zu einer Persönlichkeit, die heute sowohl aufgrund der gesellschaftlichen und persönlichen Freiheiten viel intensiver möglich als auch wegen einer daraus entstehenden Überforderung der Menschen notwendiger ist, zu begleiten. Das II. Vatikanum hält fest, dass es schließlich Aufgabe der Kirche ist, der Welt das Geheimnis Gottes zu erschließen und somit dem Sinn der eigenen Existenz auf die Spur zu kommen.[55] Persönlichkeit kann Leit- bzw. Idealziel für gelingendes Leben sein, denn es ist „das äußerste, was ein Mensch sein kann“[56] und wozu er berufen ist[57].

1.1.3 Auf den Punkt gebracht: einen abstrakten Begriff in Worte fassen

Person – Persönlichkeit: eine Verhältnisbestimmung
Viele verschiedene und sich teilweise widersprechende Begriffsdefinitionen begegnen in den Wissenschaften. Auffallend ist die relative Einigkeit darüber, dass Persönlichkeit als abstrakter Begriff nichts Statisches ist, sondern sich verändern kann. Im Positiven darf von Entwicklung, Bildung und Entfaltung gesprochen werden.[58] Der Mensch ist also von Anfang an Person, und doch ist er ebenso von Anfang auf einen lebenslangen Bildungsprozess angelegt. Vieles ist von Geburt an in den Menschen hineingelegt, die unterschiedlichsten Talente und Wesensmerkmale. Durch das, was ihn umgibt, was ihm Zeit seines Lebens begegnet, können diese zur Entfaltung kommen. In Auseinandersetzung mit seiner Umwelt wird der Mensch mit den verschiedensten Dingen konfrontiert und bildet seine Meinungen und Ansichten. In der bewussten Reflexion – als Christ selbstverständlich aus der Haltung des Glaubens heraus – schärft er daraufhin sein Profil.
Persönlichkeit ist das gestaltete Sein. Wenn Person also die einmalige und im Menschen unveränderliche Grundkonstitution bedeutet, dann bezeichnet der Begriff Persönlichkeit alle Vollkommenheiten und Eigenarten, die noch hinzu gewachsen sind.[59] Ziel des menschlichen Lebens wäre es – aufgrund des Geschenks Person zu sein – wäre es, eine „reife, geschlossene und verantwortungsbereite Persönlichkeit“[60] zu werden.
Sein oder Haben: das ist hier die Frage[61]Bei dieser Definition taucht eine wesentliche Frage auf: nämlich ob man eine Persönlichkeit hat oder eine Persönlichkeit ist. Hier treffen Wissenschaft und Alltagssprachgebrauch aufeinander. Es bietet sich bei Personen an zwischen “äußerer“ und “innerer“ Persönlichkeit zu unterscheiden. Letztere meint eine Person, die eine echte und gute Persönlichkeit – im Sinne ihrer Wesenseigenschaften und Charaktermerkmale unter ethisch-moralischen Aspekten – entwickelt hat, sodass man die Person zu Recht als Persönlichkeit bezeichnen kann. Es ist vergleichbar mit einer Frau, die auffallend schön ist, sodass man sie als Schönheit bezeichnet. Eine Eigenschaft, die sehr bezeichnend ist, in diesem Fall wäre es eine Persönlichkeit zu haben, wird nun zur Benennung des Menschen herangezogen.
Allerdings werden im Alltag auch Personen als Persönlichkeiten bezeichnet, bei denen es anzuzweifeln ist, ob sie denn wirklich eine Persönlichkeit entwickelt haben oder vielmehr nur einen Menschen mit einer heraus stechenden Eigenschaft, bspw. kämpferisch, oder aber eine Person der Öffentlichkeit, im Sinne einer prominenten Persönlichkeit, beschreiben.[62] Diese Zuschreibung von “äußerer“ Persönlichkeit findet in dieser Arbeit keine Beachtung. Der Begriff wird sowohl in der Bedeutung von einem „Gesamtsystem relativ zeitstabiler, individueller Persönlichkeitsmerkmale“[63] als auch im Sinne einer inneren Persönlichkeit verwendet.
Worauf es ankommt: Eckpunkte einer inneren Persönlichkeit
Es ist ein allgemein anerkanntes Ziel der westlich-europäischen Bildung, die Menschen zu Selbststand und Sittlichkeit zu befähigen.[64] Das Erziehungsziel Persönlichkeit ist demnach erreicht, wenn der Mensch in der Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zur Umwelt Selbst-, Sozial- und Fachkompetenz erworben hat.[65]
Unter Selbstkompetenz versteht man, dass sich eine Person selbst realistisch wahrnehmen und einschätzen kann, sich selbst gegenüber ein realistisches positives Selbstwertgefühl und Selbstkonzept aufgebaut hat, sich in verschiedenen Situationen wirkungsvoll zu verhalten weiß und das eigene Verhalten auf der Basis ethisch-moralischer Werthaltungen gestalten kann.[66] Sie kann außerdem Verantwortung übernehmen, hat realistische Ziele vor Augen, ist offen Neuem gegenüber und investiert Zeit und Anstrengung, um Aufgaben zu bewältigen. Außerdem ist ihr eine relativ große Unabhängigkeit von sozialem Anpassungsdruck ebenso wie Kritikfähigkeit zu Eigen.[67] Menschen, die selbstkompetent sind, sehen im Allgemeinen positiv in die Zukunft und vertrauen ihrem Können.[68]
Wer über hohe soziale Kompetenz verfügt, der zeichnet sich aus durch Kooperation, Hilfsbereitschaft und Aufrichtigkeit. Eine Persönlichkeit, die ihr eigenes Selbst annehmen kann, kann auch das des anderen akzeptieren und andere neben sich gelten lassen. Sie weiß mit Konflikten umzugehen und zeigt Empathiefähigkeit. Gerade die Wirtschaftsbranche entdeckt diese Persönlichkeitseigenschaft für sich und lernt diese sog. „soft skills“ immer mehr schätzen. Im zwischenmenschlichen Umgang sind Fähigkeiten wie Wahrnehmung, Toleranz und Aufbau von tragfähigen Beziehungen unverzichtbar.[69]
Der Erwerb von Fachkompetenz mag vielleicht auf den ersten Blick in Frage gestellt werden. Und doch scheinen Wissen und Kenntnisse unverzichtbar. Nur wer das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgt, kann seine Umwelt verstehen und begreift, warum etwas wie ist, und kann dann handelnd eingreifen und sich engagieren. Von einer Persönlichkeit erwartet man doch, dass sie in dem, was sie tut, kompetent ist. Wie könnte sie das aber sein – es sei denn, sie ist ein Allround-Naturtalent – ohne sich in den bestimmten Bereichen zu bilden und sich Wissen anzueignen.
Eine Bilanz: Persönlichkeit in der Kürze
An dieser Stelle tut es gut, einmal Bilanz zu ziehen und all die verschiedenen Betrachtungsweisen auf ein Wesentliches zu reduzieren, auf das im Folgenden der Arbeit verstärkt eingegangen werden soll. Eine Persönlichkeit kann sich also aufgrund ihres Person-Seins entfalten, sie begreift sich in ihrer Einmaligkeit und sieht sich in der Lage, ihr Leben zu gestalten (Philosophie). Zum anderen sind ihr aber von Natur aus Anlagen mitgegeben (Psychologie), und doch ist sie auf ein Werden angelegt, d.h. mit all ihren Fähigkeiten und Gegebenheiten kann sie sich weiterentwickeln (Pädagogik). Die dazu nötige Freiheit und Verantwortung ist ihr von Gott geschenkt worden (Theologie).
Damit sich Persönlichkeit entfalten kann, braucht es Selbstwertgefühl. Das ist die Grundlage zu Selbstannahme. Aber nur wer zudem Selbst-bewusstsein hat, der ist auch fähig zu Selbstbestimmung und somit zu Selbstverwirklichung.
All diese wichtigen Punkte sind aber leider nicht immer von Grund auf gegeben. Es ist daher Ziel von Erziehung, den Menschen zu befähigen, Persönlichkeit zu werden. Dazu müssen manche Voraussetzung geschaffen werden; dabei soll die Vorraussetzung, dass der Mensch ein erziehungsfähiges Wesen ist, als gegeben gelten. Auch die Frage nach der generellen Möglichkeit zu Persönlichkeit zu erziehen soll nicht explizit sondern implizit behandelt werden, indem die Grundlagen erarbeitet werden, die dafür notwendig sind.

1.2 Christliche Persönlichkeit: das gewisse Etwas

Für den Menschen ist es also notwendig, die Ziele seines Lebens zu erkennen und zu verwirklichen. Hierbei muss er sich über die Grundsätze seines Handelns bewusst sein. Persönlichkeit-Werden erfordert aktives Mittun, niemand reift zu einer echten Persönlichkeit ohne seinen Beitrag hierzu zu leisten. Das will heißen, „dass er dem biologisch und biographisch mitgegeben Material seiner selbst selbsttätig und handelnd entgegentritt und in sein eigenes Werden mitgestaltend mit eingreift“[70] und dadurch zum Autor seiner Lebensgeschichte wird.
Wenn es nun Aufgabe des Menschen ist, Autor seiner Lebensgeschichte zu werden, dann ist es doch Bestimmung eines Christen, zum Autor seiner Lebens- und Glaubensgeschichte zu werden. Wer bewusst glaubt und sein Leben auf einen Gott hin gestaltet, der versteht auch den Anspruch Persönlichkeit zu werden anders. Denn da ist dieser eine Bezugspunkt: Jesus Christus. Er selbst ist Person, ist Mensch und nicht Dogma oder Ideologie. Jedes Werden, jede Entwicklung und Erziehung hat ein Ziel. Christus-ähnlich-werden ist das Ziel aller, die an ihn glauben. Sie sind mit einer Person konfrontiert, besser formuliert: sie können sich an seiner Persönlichkeit orientieren.
Beispiele aus dem Neuen Testament und kirchlichen Dokumenten dienen dazu, Eckpunkte einer christlichen Persönlichkeit herauszuarbeiten.

1.2.1 Das Christliche: Ursprünge im Neuen Testament

Jesus von Nazareth: “christliche“ Persönlichkeit
Wie also über christliche Persönlichkeit reden, ohne von Jesus selbst, der in seiner Person und durch seine Persönlichkeit das Christliche begründet hat, zu reden? An seiner Persönlichkeit, die Christen aller Herkunft und durch die Jahrhunderte hinweg fasziniert, kommt so leicht keiner vorbei. Die historischen Beweise über die Existenz Jesu sind sehr gering und bei der Frage nach seiner Persönlichkeit auch nicht entscheidend. Uns bleibt nur, die Evangelien zur Hand zunehmen, die uns – natürlich aus nachösterlicher Sicht und somit theologisch gefärbt – von seinem Auftreten, seiner Wirkung, seiner Botschaft und seiner Lebenshaltung erzählen. Was ist es, das die Persönlichkeit Jesu so einzigartig, so faszinierend macht, dass es immerzu Menschen gibt, die sich an ihr orientieren und danach streben, dass ihre eigene Persönlichkeit seiner ähnlich wird? Einige Blitzlichter können darauf Antwort geben.
Er muss eine Persönlichkeit gehabt haben, die überzeugt. So manche haben ihr altes Leben zurückgelassen (vgl. Mt 4,18-23), um ihm zu folgen, sich für seine Botschaft einzusetzen und letztendlich um für ihn zu sterben (vgl. Apg 7,54-60).
In der Bergpredigt (Mt 5-7) stellt Jesus heraus, was wirklich wichtig ist im Leben und wie rechtes Handeln geht. Er zeigt seinen Zuhörern neue Werte und Ziele, die es zu erstreben gilt. Gleichzeitig – und das ist für diese Arbeit interessant – ergibt sich daraus das Bild von einem Neuen Menschen (vgl. Röm 6,4): Wer sich verhält, wie Jesus es rät, der wird anders, der entfaltet eine andere Persönlichkeit. Der ist barmherzig (Mt 5, 7), der ist gerecht (Mt 5,8), der ist friedfertig (Mt 5,5) – wir würden das heute als ausgeprägte soziale Kompetenz bezeichnen – der handelt nicht nur gut, sondern denkt und fühlt, wie es Gott gefällt (vgl.
Mt 5,21-30). Wer auf Gott vertraut, der ist frei „von der Sorge um sich selbst“[71], kann optimistisch in die Zukunft schauen, und verfällt nicht dumpfer Zukunftsangst (vgl. Mt 6,19-34;
7,7-11). Persönlichkeit zeichnet aus, ein realistisches Selbstbild zu haben, sich selbst auch kritisch zu betrachten und die eigene Stärken als auch die eigenen Schwächen und Fehler zu sehen (vgl. Mt 7,1-5).
Dass Schwächen und Fehler nämlich nicht unverzeihlich sind, auch das wird an der Persönlichkeit Jesu deutlich. Gerade um die Menschen, die sich in ihren Sünden verstrickt haben, macht er keinen Bogen; er nimmt sie an und sieht sie als Person, nicht als den Zöllner
(vgl. Mt 9,9), als die Hure (vgl. Joh 8,1-11) oder als den Krüppel (vgl. Mt 9,1-8). Es sind nicht die Konventionen, die ihn zurückhalten würden, nicht die Blicke oder Verschwörungen der Gegner, die ihn einschränken könnten und auch nicht die Aussicht auf einen gewaltsamen Tod, die ihn von seiner Überzeugung und seinem Handeln abbringen würden. Er bleibt sich trotz allem Druck selbst treu, setzt sich ein, wofür es sich zu leben lohnt, und geht seinen Weg bis zum Ende und bleibt somit authentisch und innerlich frei.
Vermutlich ist das ein großer Grund, warum Jesus als Persönlichkeit so viele Menschen hat, die ihm damals und bis heute folgen. Nicht Gesetz oder Ideologie, sondern Jesus als Person mit seiner Persönlichkeit hat die Menschen bewegt.
Paulus: eine “Persönlichkeitstheologie“
Auch Paulus gehört zu den Menschen, die, vom Glauben bewegt und von der Person Jesu fasziniert, viel riskiert haben, sich unermüdlich für die christliche Botschaft engagiert und dadurch bewusst die eigene Persönlichkeit gestaltet haben. So könnte man in Anlehnung an die Persönlichkeit Jesu auch einen kurzen Überblick über die Persönlichkeit eines Paulus schreiben, die sicherlich ebenfalls in ihren Bann zieht und überzeugend wirkt. Doch finden wir auch Grundlegendes zum christlichen Persönlichkeitsbewusstsein in den paulinischen Briefen, was im Folgenden betrachtet werden soll. Paulus definiert dabei keineswegs, was unter einer christlichen Persönlichkeit zu verstehen ist, aber er nennt wesentliche Punkte beim Namen, die zu Christen gehören.
Paulus betreibt eine Art Brieftheologie. Durch diese Texte will er die unterschiedlichen Gemeinden und Personen bewegen, sich ansprechen zu lassen und für ihr eigenes Glaubensleben Konsequenzen zu ziehen.[72] Gleich zu Beginn des ersten Briefs an die Thessalonicher begegnet dem Leser die Trias Glaube-Hoffnung-Liebe (1Thess 1,3), die heute als die drei göttlichen Tugenden bezeichnet werden. Paulus ruft den Christen dieser Gemeinde zu, sich von Götzen loszusagen, um dem einen Gott zu dienen. Im Brief an die Galater zeigt der Apostel sittliche Maßstäbe auf, die klare Weisungen für die religiöse Führung im Alltagsleben geben; so sind weder Unzucht, ausschweifendes Leben, Feindschaften, Jähzorn, Eigennutz noch Missgunst oder Essgelage für einen Christen rechtens (Gal 5,19-21).
Eine christliche Persönlichkeit hat der, der auch in Bedrängnis Geduld hat und am Evangelium festhält, der das Wirken des Geistes in seinem Leben wahrnimmt und dadurch die Welt anders deutet,[73] und der, der aus dem Glauben heraus seinen Mitmenschen annehmen kann, so wie er selbst von Gott angenommen ist.[74] Im Brief an die Philipper ermutigt Paulus alle, „aus dem Weg Christi […] Konsequenzen für ihren eigenen Glaubensweg [zu] ziehen“[75], gerade im Umgang mit Leid kann dieser Weg ein gelingender werden.
Nur wer sein Leben und Handeln selbst verantworten kann, der wird als Persönlichkeit bezeichnet. Anders eine christliche Persönlichkeit, die ihr Verhalten nicht nur vor sich selbst rechtfertigen, sondern dies auch vor Gott tun muss. Paulus beantwortet ebenfalls die Frage nach der Selbstverwirklichung des Menschen anders, denn Selbstverwirklichung im christlichen Sinn meint keineswegs maßlose Selbstdarstellung und Ausnutzen der Freiheit. Die verschiedenen Geistesgaben sind Geschenke, die dem Wohl aller und dem Aufbau einer lebendigen Gemeinde dienen sollen und somit keinen Selbstzweck haben (vgl. Röm 12,4-8; 1Kor 12.14,3-26).
Im Hohen Lied der Liebe (1Kor 13) stellt Paulus eben die Liebe als das Charakteristikum und als das Wesentliche im Leben und Glauben heraus. Sie ist es, die alle Schranken durchbricht, die lebensnot-wendig ist, die zur Quelle des Neuen Lebens in Christus wird. Ein Christ ist kein Christ, wenn er diese Liebe nicht hat, d.h. eine christliche Persönlichkeit zeichnet sich im Umgang mit sich selbst und ihren Mitmenschen durch diese Liebe aus, eine Liebe, die auch ihre Beziehung zu Gott bestimmt.
Paulus, der selbst Christuszeuge ist und sein Leben nach ihm ausrichtet, leitet die Menschen an, sich am Weg und an der Person Jesu zu orientieren. Jesus soll das Vorbild eines jeden Christen sein (Vgl. Phil 1,27-30; 2,1-18).[76] Paulus will ihnen helfen, dass jeder einzelne fähig wird, „in jedem Fall als Christ zu handeln […] als Christ zu sehen, zu denken und zu entscheiden“[77], was wiederum nur durch beständiges eigenes Arbeiten an sich selbst möglich ist. D.h. der Alltag ist entscheidend, hier wird die wahre Gottesbegegnung deutlich (Vgl. Röm 12,1). Im ersten Brief an die Korinther nennt Paulus die Christen Tempel Gottes, weil die Gegenwart Gottes in ihnen deutlich werden soll (1Kor 3,16). Auf diese Weise können andere Menschen in der Begegnung mit christlichen Persönlichkeiten und deren Lebensgestaltung aus dem Glauben heraus Gott erfahren. Und auch Paulus plädiert nicht für einen Glauben ohne dazugehöriges Handeln,[78] wer sich also Christ nennt, der fällt auf, weil er nicht nur von Gott redet, sondern auch so lebt, dass er nach ihm gefragt wird.

1.2.2 Neue kirchliche Dokumente: eine Schärfung des Profils

In Jesus Christus und der frühen Kirche grundgelegt und indirekt als Aufforderung zur Lebensgestaltung an die Christen der Zeit herangetragen, setzt sich auch heute noch Kirche mit der Thematik einer christlichen Persönlichkeitserziehung auseinander. Wenn der Kirche an der Reifung der Person und an der Entfaltung zu Persönlichkeiten liegt, dann sind ihre Beweggründe, Ansichten und Konkretisierungsanweisungen anderer Art, als es dies bei einer rein philosophisch-ethischen, pädagogischen oder psychologischen Ausgangsweise ist. Es ist der Kirche ein Anliegen, Menschen zu mündigen Christen zu erziehen, die aus der Vernunft und dem Glauben heraus ihre Lebensgeschichte und damit Weltgeschichte gestalten. Besonders in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils, dem Dekret über das Laienapostolat „Apostolicam actuositatem“ und der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“, als auch im Katechismus der Katholischen Kirche werden Orientierungspunkte für christliche Persönlichkeiten deutlich.
Eine christliche Persönlichkeit gestaltet ihr Leben – wie bereits bei Paulus erwähnt – aus dem Glauben heraus, d.h. auch der Alltag ist geprägt von Gerechtigkeit und Liebe. Dieser Glaube, dieses Vertrauen wird zum Antrieb für alles gute Handeln. Die eigene Berufung wird auf Gott hin gedeutet und als Auftrag verstanden, alle Talente im „Dienst Gottes und zum Wohl der Menschen“[79] einzusetzen. D.h. es ist nicht mehr möglich die Hände in den Schoß zu legen und sich lethargisch zurück zu lehnen. Man spürt im Inneren den Drang sich seiner Fähigkeiten bewusst zu werden und diese zu nutzen.
So wird es zur Aufgabe der Kirche, die Menschen zu lehren, alles im Licht des Glaubens zu betrachten, zu beurteilen und zu tun.[80] Wenn es denn nun für eine Persönlichkeit im Allgemeinen gilt, sich ihres Verstandes und ihrer Vernunft zu bedienen, das eigene Leben und die Welt kritisch zu reflektieren und sich daraufhin bewusst einzusetzen, dann darf ein Mensch, der aus der Quelle des Glaubens ebenso lebt, zurecht als christliche Persönlichkeit bezeichnet werden.
Wenn ein Christ sich zudem ganz an Christus und seiner Persönlichkeit orientiert, dann zeichnet eine christliche Persönlichkeit z.B. aus, dass sie Zeugnis für die Wahrheit ablegt, dass sie dient und nicht bedient werden will.[81] Ganz ausgerichtet auf Gott, wird sie zum Spurensucher und deutet die Zeichen der Zeit im Licht des Glaubens.[82] Sie nutzt ihre „Vernunft und [schöpferische] Gestaltungskraft“[83], müht sich, die „ewigen Werte recht zu erkennen“[84] und will auch geistlich wachsen und reifen.
Eine christliche Persönlichkeit fühlt sich gerufen und tritt ein für Gerechtigkeit und eine gute Ordnung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Sie macht sich stark dafür, dass Menschen zu ihrem Recht kommen und setzt sich ein für die Unantastbarkeit der menschlichen Würde und das Bewusstsein darüber.[85] Treu dem eigenen Gewissen strebt eine christliche Persönlichkeit danach, immer das Gute zu tun und in Liebe zu handeln. Weil auch das Gewissen trügen kann, ist es wichtig eine Art Gewissenspflege, Gewissensbildung[86] zu betreiben, um nicht abzustumpfen. Es gilt daher sich Kompetenz zu erarbeiten in moralischen Fragen.[87] Um standfest zu sein, wahrhaft innerlich frei und überzeugt, ist es unerlässlich, immer wieder um die Erkenntnis des Guten zu ringen, sich um ein tugendhaftes Leben zu bemühen und in Askese das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren. So ist es einer christlichen Persönlichkeit möglich, sich nicht von Trieben leiten zu lassen, sondern sich aufgrund des eigenen Willens möglichen Abhängigkeiten zu widersetzen.[88]
In der christlichen Tradition werden die drei Grundfähigkeiten und Kennzeichen einer Person, nämlich Verstand, Gedächtnis und Willen, umgedeutet zu Glaube, Hoffnung, Liebe, den göttlichen Tugenden.[89] Sie weisen hin auf das Größere, das den Menschen zwar übersteigt, jedoch nicht außerhalb seiner Bestimmung liegt, denn sonst hätte er nicht die Kraft des Transzendierens. Selbstverwirklichung aufgrund des Person-Seins wird daher von Christen verstanden als ein Leben aus dem Glauben, in der Hoffnung und erfüllt von der Liebe. Wo diese drei wahrhaft realisiert werden, da entfaltet sich eine christliche Persönlichkeit.
Alle Christen sind dazu aufgerufen, tugendhaft zu leben. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung sollten daher Kennzeichen jener Persönlichkeiten sein.[90] Gerade Personen, die Verantwortung in Staat und Gesellschaft übernommen haben, können so Zeugnis von ihrer christlichen Wurzel geben. Als christliche Persönlichkeit ist es eben z.B. nicht möglich „zu buckeln vor der Obrigkeit“[91] wie Reinhard Mey es in einem seiner autoritätskritischen Lieder besingt.

1.2.3 Josef Kentenich: die Vision vom Neuen Menschen

Die Frage nach einer christlichen Persönlichkeitserziehung wurde immer wieder von verschiedenen Leuten und Gemeinschaften innerhalb der Kirche aufgegriffen. Josef Kentenich[92] zum Beispiel, Gründer der internationalen Schönstatt-Bewegung, stellt diese Problematik in den Mittelpunkt seiner pädagogischen und theologischen Arbeit. Er lebt in einer Zeit, in der junge Menschen unter harten Bedingungen erzogen werden, um eine Rolle zu übernehmen und dadurch den Ansprüchen von Kirche und Gesellschaft zu gefallen. Er nimmt die Vermassungstendenzen aufgrund von Industrialisierung und politischen Entwicklungen wahr und sieht – wie Guardini – dass der Druck der Masse Persönlichkeit zerstört.[93] So entsteht unter seinem Wirken bereits in den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in Vallendar bei Koblenz eine neue geistliche Gemeinschaft, die sich am Ideal des “Neuen Menschen“[94]  orientiert. Inhaltlicher Schwerpunkt ihrer Strömungsarbeit ist die christliche Persönlichkeitsbildung.[95]
In seiner Tätigkeit als Spiritual der Pallottiner will Kentenich vorrangig Erzieher sein und geht entgegen dem damals verbreiteten Drill seinen eigenen Weg. Er will seine Schüler zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung aktivieren und sie zu Persönlichkeiten erziehen, weshalb er sie anleitet, ihr persönliches Ideal zu entdecken. Josef Kentenich gründet eine Marianische Kongregation, die zum Grundstein für die internationale Schönstatt-Bewegung wird. Die Bewegung versteht er als seinen Beitrag zur Erneuerung der Kirche, er will so Wesenselemente der christlichen Botschaft wirksam machen für veränderte Bedingungen in einer veränderten Gesellschaft.[96]
Seine Vision vom Neuen Menschen verlangt schon damals eine umfassende Persönlichkeitsbildung gegenüber der modernen “Patchwork-Identität“, wie wir heute das Phänomen einer tendenzielle Zersplitterung der Persönlichkeit im 20. Jahrhundert, bezeichnen. Es ist „die eigenständige, die beseelte, die entscheidungsfähige, -freudige und –willige, die selbstverantwortliche und innerlich freie Persönlichkeit.“[97] In Anlehnung an Immanuel Kant sieht Josef Kentenich die Freiheit als wesentliche Voraussetzung für Persönlichkeit, die er als allerdings nicht nur vernunftbedingt sondern als gottgegeben versteht.[98] Vernunft reicht nicht aus, um sittliche Werte zu erziehen und auf Dauer aufrecht zu erhalten. Kentenich macht sich stark für die Realisierung eines ganzheitlich integrierten Lebensvollzugs, um Persönlichkeiten zu bilden, die sich in der Liebe Gottes beheimatet wissen und daraus ihren Alltag gestalten[99], die „durchseelt“, “durchsittlicht“ und “durchgöttlicht“ sind.[100] Ziel aller Erziehung – und die Schönstatt-Bewegung versteht sich selbst als eine Erziehungs-Bewegung – soll demnach die persönliche Reifung und Erziehung zu freien und festen Charakteren unter dem Schutze Mariens sein.[101]
In Maria, der Mutter Jesu, sieht Kentenich das Vorbild des Neuen Menschen.[102] Sie, die sich bewusst auf Gott einlässt, gläubig ihr Leben nach seinem Liebesplan gestaltet, die treu ist und voller Hoffnung.[103] Ihr ist in der Tradition der katholischen Kirche die Aufgabe zuteil geworden, die Menschen der Welt zu Christus hinzuführen, sie auf ihrem Weg zu Gott zu begleiten.[104] Maria kann als unsere Mutter[105] Schwester im Glauben und Vorbild[106] in der Lebensgestaltung und somit auch Vorbild in der eigenen Persönlichkeitserziehung sein.
So ist auch heute noch das Thema Persönlichkeitsbildung eines der Zentralthemen in der Bewegungsarbeit Schönstatts, nicht nur innerhalb der Jugend. Ab Oktober 2006 gibt es bspw. eine einjährige Akademie für junge Menschen,[107] die sich in konkreter und wissenschaftlicher Weise mit dieser Frage befasst: Wie kann es heute möglich sein, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und zugleich mit dem Herzen in Gott verankert zu sein –und so originelle christliche Persönlichkeit zu sein?[108] Auf diese Frage gilt es also Antworten zu finden und ebenfalls Stellung zu beziehen.

1.3 Ein Plädoyer: Erziehung zu christlichen Persönlichkeiten

1.3.1 Christliche Persönlichkeit: zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Es ist eine große Herausforderung, denn christliche Persönlichkeit zu sein ist Ideal, christliche Persönlichkeit zu werden ist lebenslange Aufgabe. Jeden Tag neu muss gerungen werden um eine wahre christliche Lebensführung und Glaubenshaltung. Die Grundkraft für dieses Streben liegt im lebendigen Glauben an Gott. Die bedingungslose Annahme und Gotteskindschaft lassen das Lebens anders sehen: zufrieden sein können, Lebensfreude haben, um die eigene Würde wissen, sich selbst nicht zu wichtig nehmen, verzichten können, sich nicht ausnutzen lassen, Vertrauender sein.
Die Liebe Christi drängt (2 Kor 5,14) zum Engagement für andere, Hier und Jetzt das Beste geben. Es ist nicht möglich die Augen zu verschließen vor dem, was rund herum geschieht. Vielmehr sind Christen aufgefordert über den eigenen Tellerrand zu schauen, nicht gleichgültig gegenüber Strömungen der Gegenwart, für die Zeichen der Zeit zu sein. Sie sollen ihre Stimme erheben und sich stark machen für andere, Anwalt der Armen sein.
Echt und überzeugend, das sind Kriterien, an denen sich eine christliche Persönlichkeit messen lassen muss. Als Zeugen für gelebtes Evangelium und mutige Bekenner ihres Glaubens können sie keine Massenmenschen,[109] keine triebgesteuerten Menschen[110] sein. Auch ihre Sichtweise ist eine andere: Sie gestalten bewusst ihr Leben, haben Visionen und sind wagemutig, denn Gott hat den Menschen zu seinem Mitschöpfer und somit zum Gestalter seines Lebens und seiner Welt berufen.[111]
Die Orientierung an Christus und seiner Persönlichkeit wird der Motor für das eigene Bemühen um Persönlichkeit. Wertbewusstsein, Standfestigkeit, Offenheit und Echtheit aus dem Glauben heraus sollen Erkennungszeichen sein. Dies zu erlangen ist nicht einfach, Scheitern gehört dazu. Aber die Mühe um eine solche Lebensweise, das immer Neuanfangen und die alltägliche Selbsterziehung führen zum Ziel, denn manchmal – und so auch hier – kann auch der Weg bereits das Ziel sein.

1.3.2 Auffallend anders: Lebensgestaltung entgegen dem Zeitgeist

Auch wenn heute die Zeit des Nationalsozialismus und seiner totalitären Erfassung des Menschen vorbei ist, lebt unsere Gesellschaft doch immer noch in einer Zeit der Vermassung. Josef Kentenichhat die modernen Sichtweisen vom Menschen schon damals als vitalististisch (Triebbündel, hochgezüchtetes Tier), materialistisch (origineller Exponent der Materie) und kollektivistisch (ersetzbarer Teil einer Maschine) analysiert.[112] Eine Gesellschaft, die den Mensch als Person aus dem Blick verliert, kreiert den entpersönlichten Einheitsmenschen aufgrund einer entwürdigenden Einheitskultur.
An Aktualität und Stimmigkeit hat diese Beobachtung nicht verloren. Viele Menschen neigen dazu sich treiben zu lassen, sie werden passiv, sehen sich ihren Trieben, den Umständen, Situationen und Trends hilflos ausgeliefert. Sie agieren nicht, sondern re-agieren nur, sie lassen an sich handeln, anstatt selbst ihre Umwelt kreativ zu gestalten.[113] Sie werden zu unreifen und unmündigen Menschen, wenn sie versuchen sich ihrer Freiheit, die sich z.B. im bewussten Treffen von Entscheidungen äußert, zu entziehen. Sie halten sich an jene, die Sorglosigkeit versprechen und die ihnen das Denken abnehmen.[114]
Dem soll die christliche Persönlichkeit gegenüberstehen, „auffallend anders“[115] soll sie sein. Ein widerstandsfähiger, charaktervoller, katholischer Mensch inmitten einer glaubensfremden Welt.[116]Sie weiß um ihren Wert, aber dazu sind Selbstverherrlichung und Selbstvergöttlichung nicht von Nöten. Nicht der Mensch, sondern Gott als das Maß aller Dinge. So können Christen den “Todessprung“ wagen von der Welt des Wissens und des Umsichkreisens in die Welt des Glaubens.
Christen stellen sich der Frage: Und was machst du aus deinem Leben? Sie haben die Kraft, sich gegen den Strom zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Sie gehen den ersten Schritt auf dem Weg zu einer freien Persönlichkeit, der darin besteht, eine gute Selbstkenntnis über alle Fähigkeiten, Eigenschaften und Vorlieben zu haben, aufgrund derer es möglich ist, sich selbst zu finden. Der christliche Glaube will dabei helfen, Ängste und Hemmungen, die diese eigene Sichtweise blockieren, zu überwinden, um den inneren Reichtum zu entdecken. Mit Hilfe der notwendigen Selbsterziehung kann der Mensch an seinem eigenen Profil arbeiten; das wiederum kann im christlichen Sinne als Selbstverwirklichung bezeichnet werden.

1.3.3 Die Herausforderung annehmen: Notwendigkeit einer christlichen Persönlichkeitserziehung

Aus den Unsicherheiten unserer Tage, der Bindungslosigkeit und der vielerorts verbreiteten Sinnleere, entwachsen nicht wenige Krankheiten. Gerade die Symptome Essstörungen, Psychosen und Patchwork-Identität geben Zeugnis von der Bedrohung des Lebens. Das Leben heute gleicht einem Drahtseil. Wir haben Angst und den Wunsch, festen Boden unter den Füßen zu haben, worin sich z.B. der Versuch zeigt “alles selbst zu machen“. Im Vertrauen auf einen Größeren kann der Mensch mit seinem Versagen und mit seinem Können ganz anders umgehen, der Glaube soll die Basis sein, um gesund an Leib und Seele zu sein.
Die Erkenntnisse von Psychologie und Pädagogik zeigen auf, dass Veränderung der Persönlichkeit durch Erziehung möglich und oft wichtig ist. Und die Bandbreite an Therapiemöglichkeiten, Kursen zum Aufbau von Selbstbewusstsein, Trainingsangebote aller Art spiegeln doch die Suche der Menschen der westlichen Kultur nach Sinn und Lebenszielen wieder. Die Menschen wollen wieder ein Gesicht haben und nicht nur eine Nummer sein, sie wollen die eigenen Stärken erkennen, Meinungen formulieren und vertreten.
Darauf kann und muss das Christentum Antwort geben. Aus der christlichen Kultur sind Selbst-bewusstsein und Selbstwertgefühl entstanden, wer könnte es also den Menschen von heute besser zurückgeben?
Kirche will den heutigen Menschen zu ihrer Menschwerdung verhelfen.[117] Ziel kirchlicher Erziehung kann es also nicht sein, leidenschaftslose und langweilige Menschen zu erziehen. Glaube soll froh und frei machen, soll helfen mit dem Scheitern und der Schuld zurechtzukommen. Wichtiger als viele Worte ist dabei das gelebte Glaubenszeugnis.[118] Religiöse Erziehung dient dazu, den jungen Menschen zu helfen, sich selbst zu erkennen, Standfestigkeit zu gewinnen, sich anzunehmen und eine belastungsfähige Ich-Stärke unter dem Zuspruch Gottes zu entwickeln. [119]
Die Frage nach der Erziehung von christlichen Persönlichkeiten ist auch eine Frage nach der Qualität: Will die Kirche möglichst viele, gesichtslose und Steuer zahlende Einheitschristen, oder will sie Persönlichkeiten, die ihr Glaubensleben bewusst gestalten, die die christliche Botschaft inmitten der Welt leben und die somit überzeugen? Die Politiker, Wirtschaftsbosse und Stars von morgen, sollen das egozentrische, geschminkt und doch farblose, nur am Nutzwert orientierte Personen sein – oder etwa christliche bzw. christlich geprägte Persönlichkeiten?
Es ist die Vision von einer Kirche von morgen, die sich wieder auf ihre Wurzeln besinnt, sich stark macht und ihren Erziehungsauftrag zu Qualität ernst nimmt und deren Antwort auf die Frage wie Leben gelingt realisierbar ist. Eine Kirche von morgen fängt im Heute an.


[1] Nietzsche, F.: Die fröhliche Wissenschaft; KSA 3; Aphorismus 270; S. 519

[2] Vgl. Mücke, K.: Hilf Dir selbst und werde, was Du bist; S. 20

[3] Silesius, A.: Zufall und Wesen; in: Deutsche Lyrik; S. 57

[4] Zink, J.: Dornen können Rosen tragen; S. 90

[5] http://www.kas.de/themen_projekte/bildung/607_webseite.html

[6] Vgl. http://www.kas.de/themen_projekte/bildung/607_webseite.html

[7] Vgl. Wildfeuer, A.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 42

[8] Vgl. Wildfeuer, A.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 43

[9] Fuhrmann, M: Person; in: HWP 7; Sp. 279f

[10] Vgl. Wildfeuer, A.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 44f

[11] Vgl. Böhm, W.: Wörterbuch der Pädagogik; S. 412

[12] Vgl. Pfafferott, G: Scheler, Max Ferdinand; in LThK³ 9; Sp. 122

[13] Scheler, M.: Die Stellung des Menschen im Kosmos; S. 12

[14] Vgl. Greshake, G.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 46

[15] Das Stichwort „Guantanamo Bay“ ruft die jüngsten Schlagzeilen hinsichtlich der Verletzung von Menschenrechten in einer Gesellschaft wach, die sich als eine humane und humanistische versteht.

[16] Peter Singer (* 1946), australischer Philosoph und Ethiker, ist Vertreter einer utilitaristischen Moral im Bereich der Bioethik und aufgrund dessen sehr umstritten ist. Vgl. P. Singer: Praktische Ethik; 2., revidierte und erweiterte Auflage; Stuttgart: 1994

[17] Vgl. Greshake, G.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 45

[18] Wildfeuer, A.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 42

[19] Böhm, W.: Wörterbuch der Pädagogik; S. 413

[20] Vgl. Speck, J.: Person; in: Handbuch pädagogischer Grundbegriffe; S. 290

[21] Vgl. Greshake, G.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 49

[22] Vgl. Scherer, G.: Person; in HWP 7; Sp. 318

[23] Vgl. Rahner, K.: Grundkurs des Glaubens; S. 30-32

[24] Vgl. Greshake, G.: Person; in: LThK³ 8; Sp. 50

[25] Vgl. Guardini, R.: Welt und Person

[26] Gymnich, R.: PädPsych: Das pädagogische Lexikon für Schule und Studium; S. 84

[27] Vgl. ebd.; S. 84

[28] Vgl. Dierse, U./ R.Lassahn.: Persönlichkeit; in: HWP 7; Sp. 345-346

[29] Vgl. ebd.; Sp. 346-347

[30] Vgl. ebd.; Sp. 349

[31] Dazu zählen die Faktoren Extroversion, Soziale Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen

[32] Vgl. Schneewind, K: Persönlichkeit; in: Lexikon der Psychologie; S. 237

[33] Häcker, H.: Persönlichkeitspsychologie; in: Dorsch Psychologisches Wörterbuch; S. 627

[34] Vgl. Fröhlich, W.: Wörterbuch Psychologie; S. 330

[35] Vgl. Häcker, H.: Persönlichkeitspsychologie; in: Dorsch Psychologisches Wörterbuch; S. 627-628

[36] Vgl. ebd.; S. 629

[37] Vgl. Vernon, P.: Persönlichkeit; in: Lexikon der Psychologie 2; Sp. 1580

[38] Vgl. Klimesch, Wolfgang.: Persönlichkeitsentwicklung; in: Dorsch Psychologisches Wörterbuch; S. 696

[39] Schneewind, K. Persönlichkeit; in: Lexikon der Psychologie; S. 238

[40] Vgl. Schneewind, K.: Persönlichkeit; in: Lexikon der Psychologie; S. 239

[41] vgl. Böhm: Wörterbuch der Pädagogik; S. 412

[42] Traditionelle Bezeichnung der pädagogischen Epoche von ca. 1890-1933

[43] Vgl. Böhm, W.: Wörterbuch der Pädagogik; S. 412

[44] Vgl. ebd.; S. 412

[45] Roth, E.: Persönlichkeitstheorie; in: Lexikon der Pädagogik; S. 284

[46] Vgl. Roth, E.: Persönlichkeitstheorie; in: Lexikon der Pädagogik; S. 284

[47] Vgl. Keller, J./ Novak, F.: Kleines Pädagogisches Wörterbuch; S. 279

[48] Oversberg, M.: Stichwort: Erziehen; S. 217

[49] Vgl. Krone, W.: Persönlichkeit; in: LThK³ 8; Sp. 65

[50] ebd.; Sp. 65

[51] Vgl. ebd.; Sp. 65

[52] Vgl. Ps 8

[53] Vgl. GS 11

[54] Vgl. Rahner, K./H. Vorgrimler; Persönlichkeit; in: Kleines Theologisches Wörterbuch10; S. 328

[55] Vgl. GS 41

[56] Krone, W.: Persönlichkeit , in: LThK³ 8; Sp. 65

[57] Vgl. GS 11

[58] Vgl. Hemminger, H.: Persönlichkeitsveränderung; in: LThK³ 8; Sp. 66

[59] Vgl. Speck: Art. Person; in: Handbuch pädagogischer Grundbegriffe; S. 295

[60] Trillhaas, W.: Persönlichkeit; in: RGG³ 5; S. 227

[61] In Anlehnung an Shakespeares “Hamlet“: „Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage“

[62] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Persönlichkeit

[63] Prandini, M.: Persönlichkeitserziehung und Persönlichkeitsbildung von Jugendlichen; S. 65

[64] Vgl. Böhm, W.: Die „Idee“ der Pädagogik; in: Pädagogik – wozu und für wen?; S. 19

[65] Vgl. Prandini, M.: Persönlichkeitserziehung und Persönlichkeitsbildung von Jugendlichen; S. 79

[66] Vgl. ebd.; S. 186

[67] Vgl. ebd.; S. 180

[68] Vgl. ebd.; S. 193

[69] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Kompetenz

[70] Wellek, A.: Die Polarität im Aufbau des Charakters; S. 350

[71] Conzelmann, H./A. Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament; S. 471

[72] Vgl. Conzelmann, H./A. Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament; S. 225

[73] Vgl. Niebuhr, K.-W.: Die Paulusbriefsammlung; in: Grundinformation Neues Testament; S. 205

[74] Vgl. ebd.; S. 207

[75] ebd.; S. 260

[76] Vgl. Conzelmann, H./A. Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament; S. 252

[77] Limbeck, M.: Mit Paulus Christ sein; S.126

[78] Vgl. Feldmeier, R.: Der Jakobusbrief; in: Grundinformation Neues Testament; S. 341

[79] GS 41

[80] Vgl. AA 29

[81] Vgl. GS 3

[82] Vgl. GS 4

[83] GS 4

[84] GS 4

[85] Vgl. GS 9

[86] Vgl. KKK  1783-1787

[87] Vgl. GS 16

[88] Vgl. KKK 1734

[89] Vgl. KKK 1812-1829

[90] Vgl. KKK 1805-1811

[91] Reinhard Mey: Nein, meine Söhne geb’ ich nicht; CD; 1986

[92] 18.09.1889 – 09.11.1968

[93] Vgl. Kentenich: Philosophie der Erziehung; S. 155

[94] Vgl. ebd.; S. 49

[95] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6nstatt-Bewegung

[96] Vgl. Schmiedl, J.: Pater Josef Kentenich; in: Schönstatt-Lexikon; S. 195

[97] Vgl. Kentenich: Philosophie der Erziehung; S. 49

[98] Vgl. Schlickmann: Die Idee von der wahren Freiheit; S. 89-91

[99] Kentenich prägt in diesem Zusammenhang den Begriff “Werktagsheiligkeit“, also der im Alltag gelebte und vollzogene Glaube

[100] Vgl. Kentenich, J.: Das katholische Menschenbild; S. 34-44

[101] Vgl. Kentenich, J.: Schönstatt; S. 19

[102] Vgl. Vautier, P.: Maria; in: Schönstatt-Lexikon; S. 245/LG 65

[103] Vgl. LG 61

[104] Vgl. LG 60

[105] Vgl. LG 60

[106] Vgl. LG 53

[107] Vgl: http://www.junges-schoenstatt.de/index.php?pagId=460&print=1

[108] Vgl. http://www.schoenstatt-mannesjugend.de/Ueber_uns/lebensbewegt03.html

[109] Vgl. Kentenich, J.: Das katholische Menschenbild; S. 148

[110] Vgl. ebd.; S. 15

[111] Böhm, W.: Was heißt christlich erziehen; S. 37

[112] Vgl. Kentenich, J.: Philosophie der Erziehung; S. 47

[113] Vgl. ebd.; S. 153

[114] Böhm, W.: Was heißt: christlich erziehen?; S. 43

[115] Jahresparole der Schönstatt-Mannesjugend Deutschland im Jahr 2001

[116] Vgl. Kentenich, J.: Philosophie der Erziehung; S. 131

[117] Vgl. Exeler, A.: Religiöse Erziehung als Hilfe zur Menschwerdung; S.13

[118] Vgl. ebd.; S. 22

[119] Vgl. ebd.; S. 32

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