III) Herz – Zentrum des Menschen und Wohnort des Geistes

III) Herz – Zentrum des Menschen und Wohnort des Geistes

1) Das Herz als Personmitte

Sowohl im Neuen Testament[1] wie auch in der Kentenich eigentümlichen Wortprägung „Herzensheiligtum“ wird das menschliche Herz als Ort der Einwohnung charakterisiert. Im folgenden Teil soll die Verwendung dieses Wortes und dessen Bedeutung genauer untersucht werden.

a) Der Begriff Herz als „Urwort“ unserer Sprache

Für Rahner[2] gehört das Wort „Herz“ zu den sog. „Urworten“ unserer Sprache. Es meint nicht nur das physische Organ im Körper, sondern betrifft die existentielle Mitte des Menschen.

Im profanen Sprachgebrauch wird das Herz oft als Zentrum der Gefühle angesehen. Man spricht davon, „daß jemand ein Herz hat für…“ oder davon, daß jemand „herzlich“ ist. Sendet man jemandem „Herzliche Grüße“ so will man diesen eine besondere persönliche Note geben; man sendet sie nur jemandem, zu dem man in einem besonderen Verhältnis steht. Es ist ein Wort, mit dem sich eine menschliche Erfahrung verbindet. Oft wird Herz als bloßes Symbol für die Liebe verwendet. Das ist aber eine Reduktion, bei dem vieles, was es eigentlich meint, verloren geht. Der Begriff „Herz“ verweist uns auf eines der ent­scheidenden Geheimnisse des menschlichen Daseins[3]: die untrennbare Ganzheit der Per­son, deren Mitte das Herz ist. Es ist das „ursprüngliche, hintergründige, einheitsstiftende Innen seiner einen Wirklichkeit“.[4]

Ein Herz in diesem Sinne hat daher nur der Mensch. Dieses ist der Punkt, wo der Mensch an das Geheimnis Gottes stößt und sich diesem entweder ganz schenkt oder versagt.

Zusammenfassend gesehen meint das Wort Herz ein tiefes Geheimnis im Menschen, das nur schwer zu umschreiben ist. Doch ist gerade dieses nötig, um sich der Bedeutung anzu­nähern. Hierzu sind viele verschiedene Umschreibungen und Begriffe nötig, die alle einen Aspekt herausgreifen, aber nur in ihrer Einheit ein umfassendes Bild geben. Daher möchte ich im folgenden einfach verschiedene Begriffe und Bilder sammeln, die für eine Erklärung hilfreich sein könnten.

b) Bilder und Umschreibungen für den Begriff „Herz“

Das Wort Herz steht für das Gesamte der menschlichen Persönlichkeit, die Mitte der Per­son, ihren innersten Kern, ihr Zentrum, die Seinsmitte, gleichsam der Knotenpunkt des ganzen Menschen. Es meint das Innere einer Person, deren Tiefe, das Gewissen, die Seele, den Geist, die Psyche, aber auch den Leib. Das Herz ist Zentrum der Liebesfähigkeit des Menschen, seine Kraftquelle, das Zentrum der personalen und religiösen Beziehungen und Bindungen.

Es ist ein gleichzeitiges Symbol für die geistig – seelische Wirklichkeit des Menschen wie für dessen leibliche Dimension. Das Herz meint das Gemüt, die emotionale Schicht, das Bewußtsein, wie das Un- und Unterbewußte. Rahner faßt die Bedeutung wie folgt zusam­men: „Herz …meint die … ursprüngliche und innerste Mitte der menschlichen Person, in der sich das ganze konkrete «Wesen des Menschen, wie es sich in Seele, Leib und Geist gebiert, auseinanderfaltet und verströmt…, in eins genommen und gefaßt wird (und bleibt), in der es gleichsam zentral verknotet und befestigt ist» (H. Conrad-Martius), von der aus sich darum der Mensch ursprünglich und ganz zu anderen Personen und vor allem auch zu Gott verhält“.[5]

c) Der Begriff „Herz“ bei Kentenich:

Herz ist bei Kentenich ein symbolischer Begriff, den er gerne verwendet.

Er verwendet das Wort im oben genannten Sinn: er meint das Ganze der menschlichen Persönlichkeit. Er definiert Herz als „Inbegriff aller seelisch-geistigen Kräfte, die in der individuellen Person zu einer einmaligen Gestalt und Ordnung verbunden sind.“[6] Es ist bei ihm auch Symbol für die Wertordnung, die einen Menschen beheimatet und in der dieser zu Hause ist. Es ist „Inbegriff und Kern der ganzen Persönlichkeit“[7] und zugleich Symbol des Gemütes, das das Un- und Unterbewußte mit umfaßt[8].

d) Das Herz als Wohnung des dreifaltigen Gottes nach Kentenich

Spricht Kentenich nun vom „Herz als Wohnung des dreifaltigen Gottes“, so heißt das: „Meine Seele – und mit meiner Seele die ganze Persönlichkeit, der ganze Mensch – ist dem Heiligen Geist geweiht und ist vom Heiligen Geist bewohnt.“[9]

Gott ist aber nicht nur lokal anwesend; er ist auch in den inneren Tätigkeiten des Men­schen, wie Denken und Fühlen anwesend. „ Gegenüber einer mehr dinghaft- sachlich- örtlichen Lokalisierung Gottes soll ein mehr dynamisch – bewußtseins- und lebensgefühlsmäßiger ´Ort´ Gottes ausgemacht werden. Für diesen Ort steht das Wort ´Herz´. Dieses ist Symbol für die gestaltete und zu gestaltende Persönlichkeitsmitte des Menschen.“[10]

2) Erfahrung der Gegenwart des Geistes in der Tiefe

Man kann die menschliche Person in ihren Schichtungen sehen. Es gibt die Oberfläche und immer tiefer werdende Bereiche im Inneren des Menschen. King beschreibt diese bildlich: „In der Tiefe begegnen wir den Quellen, ganzen Quellgebieten, dem Entstehungsort von Fontänen, den eigentlichen Antriebskräften unseres Selbst.“[11]

a) Die Bedeutung der „Tiefenseele“

Kentenich hat schon sehr früh die „Tiefenseele“ mit ihren un- und unterbewußten Vorgängen und Möglichkeiten ernstgenommen und berücksichtigt. Nach seiner Erfahrung und seinen wiederholten Aussagen, wird ein Großteil des menschlichen Handelns mehr von un- und unterbewußten Voreinstellungen als von der bewußten Entscheidung bestimmt.

Daher setzt er sich immer wieder für eine Religiösität ein, die den ganzen Menschen er­faßt[12], gerade auch in seinen un- und unterbewußten Seelenschichten[13]. Für ihn ist Chri­stentum der Zukunft nur möglich, wenn der Christusglaube erlebnismäßig in die Tiefen­schichten unserer Seele eindringt. Sein ganzes seelsorgerliches Bemühen zielte darauf ab, den Menschen nicht nur von der rationalen Schicht seiner Persönlichkeit zu erfassen, sondern die religiöse Wahrheit in der Seele Wurzeln fassen zu lassen.

Kentenich nennt es den „besonderen Sinn der Gaben des Heiligen Geistes“, daß sie in das unterbewußte Seelenleben hineingreifen.[14] Sie können die Seelentiefen berühren, erfassen, durchdringen, läutern, durchseelen und durchgöttlichen. Ihre Aufgabe ist es sozusagen, dafür zu sorgen, daß die Seele bis in die letzten Tiefen für Gott und für Göttliches geöffnet wird und bleibt.

b) Der Hl. Geist als verändernde Kraft

Am Grund unserer Persönlichkeit, an ihrer Wurzel, stoßen wir also auf den Heiligen Geist, der hier wohnt[15] und  sich mit dem Wesensgrund des menschlichen Seins verbindet.[16] So wird der Heilige Geist zur Quelle, die tief im Menschen sprudelt (Joh 7,37-39) und ihn heilmachen will.[17]Wenn der Heilige Geist in der Seele herrscht, ist dort „immer spru-delndes übernatürliches, jenseitig orientiertes Leben.“[18]

Der Mensch, der so vom Heiligen Geist ergriffen ist, ist ein harmonischer integrierter Mensch: er lebt aus einer Mitte und alle Schichten und Bereiche seiner Persönlichkeit stehen in Einklang.[19]

Um diese Integration so weit wie möglich auf Erden zu erreichen, ist es nötig, daß der Mensch mit der Gnade mitwirkt, indem er den Heiligen Geist an sich wirken läßt und die verschiedenen Erkenntnisse der Psychologie berücksichtigt[20]. Beides muß miteinander verbunden werden. Kentenich vergleicht die Gnaden Gottes einmal mit Saatkörnern, die dieser in den Menschen einsenkt.[21] Meines Erachtens ist dieser Vergleich sehr passend, da er die Freiheit des Menschen in der Annahme sehr gut verdeutlicht: ein Saatkorn geht nicht automatisch auf; es braucht guten Boden, Wasser, Licht und Dünger. Und doch kann das Wachstum zwar vom Menschen beeinflußt, aber nicht bestimmt werden.


[1] Vgl. Röm 5,5; Gal 4,6; Eph 3,17.

[2] Vgl. für diesen Abschnitt: Rahner: Schriften zur Theologie III, 379-415.

[3] ebd., 381.

[4] ebd., 384.

[5] Rahner: Schriften zur Theologie III, 392f.

[6] Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts II, 211.

[7] Kentenich: Vortrag v. 08.12.1944. (3. Gründungsurkunde, 3. Teil). In: Die Gründungsurkunden, 73-87, hier: 77.

[8] Vgl. Schlosser: Neuer Mensch. In: SST-Lex, 281-284, hier: 282.

[9] Kentenich: Aus dem Glauben leben 17, 166.

[10] King, Gott in mir, 5f.

[11] King, Gott in mir, 45.

[12] „.. was wir unterbewußt wollen, tun wir bedeutend eher und mehr als das, was wir bewußt wollen. Darum hängt ja für unsere Erziehung, auch für die übernatürliche Erziehung, so ungemein viel davon ab, daß es uns glückt, das unterbewußte Seelenleben des Menschen, auch das eigene Seelenleben zu reinigen, zu verklären, zu durchgöttlichen.“ Kentenich: Rom-Vorträge II 1965, 261f., Zit. nach: King: Marianische Bundesspiritualität, 217.

[13] Zur Begrifflichkeit des „Un- und Unterbewußten“ bei J. Kentenich vgl. Czarkowski, 202f.

[14] „ Die Dogmatik hat seit je dafür eine Stelle vorgesehen, die aber so übernatürlich ist, daß sie meistens nicht recht verstanden wird: Das ist der Sinn der Gaben des Heiligen Geistes. Sie greifen ins unterbewußte Seelenleben hinein.“ Kentenich: Vortrag v. 01.12.1965. Zit. nach Texte über das Herzensheiligtum, 79.

„Was verstehen wir unter den Gaben des Heiligen Geistes? … Unter den Gaben des Heiligen Geistes schlechthin verstehen wir übernatürlich eingegossene Fertigkeiten, die die begnadete Seele fähig und geneigt machen, den Antrieben des Heiligen Geistes schnell, sicher, freudig und heroisch zu folgen.“ Kentenich: Kindsein vor Gott, 393.

[15] siehe III.1.

[16] Vgl. Kentenich: „Der Heilige Geist verbindet sich mit der tiefsten Wurzel meines persönlichen Seins, wohnt in mir.“ Marienlohn, 38.

[17] Allerdings ist nicht jede Regung in der Seele geistgewirkt. King weist daraufhin, daß es nötig ist zu unterscheiden, was vom eigenen Geist kommt und was von Gott. Vgl. King: Heiliger Geist. In: SST-Lex, 140-146, hier: 144 f.

[18] Kentenich: Aus dem Glauben leben 17, 175.

[19] Vgl. zum Verständnis von „Integration“ bei Kentenich auch Schlosser: Neuer Mensch.

In: SST-Lex, 281-284, hier: 282.

Kentenich betont aber, daß eine solch vollkommen integrierte und harmonische Persönlichkeit auf Erden nie erreicht werden kann. Erst in der visio beata wird diese völlig erreicht. Vgl. Kentenich: Daß neue Menschen werden, 156.

[20] Kentenich betont hier v.a. die Bedeutung des Erlebnisses und des vorherrschenden Lebensgefühls. Ausserdem weist er daraufhin, daß beim heutigen Menschen, der oft in seiner Seele „angekränkelt“ ist, es nötig ist, daß erst „eine ganze Schicht innerlich gelockert werden“ muß, damit das Religiöse ins Unterbewußte dringen kann. (Vgl. Kentenich Vortrag v. 04.01.1966. In: Marianische Bundesspiritualität, 181) Es stellt sich hier also auch eine pädagogische und pastorale Aufgabe.

[21] „Wenn der liebe Gott Gnaden schenkt, sind sie als Saatkörner aufzufassen, die sich entfalten sollen.“ Kentenich: Daß neue Menschen werden, 222.

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