IV) Der Mensch als Heiligtum Gottes

IV) Der Mensch als Heiligtum Gottes

1) Die Metapher „Heiligtum“

Heute ist in weiten Kreisen eine neue Sensibilität für ganzheitlich-symbolhaftes Denken festzustellen. Wenn man das Herz und damit den ganzen Menschen ansprechen will, kann das leichter über Symbole, als über Ideen geschehen. Kentenich als psychologisch orientierter Pädagoge war sich dieser Erkenntnis bewußt und hat daher oft für theologische Wahrheiten Symbole und Bildworte gesucht und neu geprägt. Für die Tatsache der Einwohnung Gottes im Menschen wählt er verschiedene Bilder, wie der Mensch als „Wohnung Gottes“, als „Monstranz“, als „Dreifaltigkeitskirchlein“ oder als „Dreifaltigkeitsheiligtum“. Heiligtum wird zum zentralen Wort für diese Wirklichkeit. Es ist ein Wort, zu dem der heutige Mensch scheinbar nur wenig Zugang zu haben scheint, was generell für alle Begriffe gilt, in denen das Wort „heilig“ vorkommt. So soll im folgenden versucht werden, Zugänge zu diesem Begriff zu erschließen und zu untersuchen, weshalb gerade dieser Begriff eine so zentrale Bedeutung erlangen konnte.

a) Das Heilige[1]

Religionswissenschaftlich bedeutet das Heilige immer das Unverfügbare. Es ist das, was dem menschlichen Zugriff entzogen ist, was ihm nicht zur Verfügung steht. Es gilt als Deutungs- und Bewertungsbegriff, um das Religiöse vom Profanen zu unterscheiden und umfaßt damit alles, worin der Mensch seine Beziehung mit dem Göttlichen erfährt.

„Das bestimmende Moment des Heiligen im AT ist, wenn man seinen Gegensatz zum Pro­fanen … bedenkt, wohl nicht so sehr die unheimliche göttliche Macht, sondern eher dies, daß man bei bestimmten Orten, Gegenständen und Zeiten in eine relativ direkte Berührung mit der göttlichen Macht gerät“.[2]

Im biblisch-theologischen ist „heilig“ ein Attribut, das nur Gott zukommt, bzw. weiteren Wesen in seiner unmittelbaren Umgebung (vgl. Ps 89,6.8; Hiob 15,15). Die Bezeichnung „Heilige“ für die Christen (vgl. Röm 15,16; Eph 3,16; 2 Thess 2,13) ist eine Besonderheit des Neuen Testaments, die aussagen will, daß der heilige Gott die Christen mit Heiligkeit beschenkt hat und sie zur Heiligkeit beruft.

Das Heilige ist ein Synonym für die Göttlichkeit Gottes und für seine Macht. Gleichzeitig spricht es von der Erfahrung, daß dieser Gott eine Beziehung zu sich ermöglicht und Anteil gibt an seinem göttlichen Lebensvollzug. Daher kann auch der Mensch in seiner Person­würde heilig und unverletzlich bezeichnet werden.

Gott macht auch geschaffene Dinge zu Medien seiner Zuwendung: Personen, Orte, Völker und ihre Handlungen werden zu heiligen Zeichen Gottes.

b) Das Heiligtum im Alten Testament

Das Wort Heiligtum begegnet uns in der Bibel 216 mal.[3] Hauptsächlich wird es dabei im Alten Testament verwendet.

In der Patriarchenzeit hat das Heiligtum noch wenig Bedeutung. Die vorherrschende Got­teserfahrung ist der Gott, der mit ihnen geht. Doch baut Abraham diesem Gott immer wie­der einen Altar, an Orten, wo er Gott begegnet ist (vgl. Gen 12,7; 13,18). So entstehen erste „heilige Stätten“. Sie sind heilig, weil Gott sie erwählt hat, und weil er hier erfahren wurde. Die Initiative liegt also nicht beim Menschen, sondern bei Gott. Er macht ein Stück Land zum „Heiligtum“.

In der Tradition der Bundeslade und des Offenbarungszeltes kennt Israel gleichsam ein „wanderndes Heiligtum“. Es ist Zeichen und Unterpfand für Gottes Bundeszusagen und für seine Initiative in ihrer Mitte. (Vgl. Ex 25,22)

Mit dem Bau des Tempels wird das Heiligtum Gottes zum zentralen Thema für Israel. Das Thema bekommt mit der Seßhaftwerdung des Volkes eine ganz neue Bedeutung. Es ent­wickelt sich eine Art „Theologie des Heiligtums“.[4] Der Tempel ist religiöser Mittelpunkt des Volkes. Er hat „die Funktion, den Glauben und die Berufung des Volkes zu vertiefen und es gegen drohende geistige Umwelteinflüsse abzuschirmen.“[5]

Nach dem alttestamentlichen Zeugnis ist „Heiligtum“ ein Ort der Gottesbegegnung und der Gotteserfahrung. Das Heiligtum ist der Ort des Bundesschlußes zwischen Gott und dem Volk Israel, es ist ein Ort, wo sich gleichsam Himmel und Erde berühren. Daher ist dieses Stück Land besonders Gott geweiht.

c) Jeder Mensch braucht sein Heiligtum

„Jeder braucht sein kleines Heiligtum“ so ist in einem Artikel in der Frauenzeitschrift „Maxi“ zu lesen.[6] Darin stellen US-Psychologen fest, wir Menschen heute brauchen et­was „was Geist, Seele und Körper beruhigt: einen Sessel am Fenster, eine Parkbank, eine Stunde am einsamen See.“

Es scheint so, daß nicht nur das Volk Israel sein Heiligtum brauchte, sondern auch die Menschen in unserer Zeit. Daß viele Menschen heute persönliche „Heiligtümer“ haben, be-legt die Ausstellung beim Aachener Katholikentag 1986, die sich mit den Heiligtümern Jugendlicher beschäftigte.[7]Jugendliche machten sich Gedanken, was ihnen heilig ist und waren aufgerufen, ihr „Heiligtum“ zur Verfügung zu stellen. Sie waren gebeten, das mitzu-bringen, was ihnen „heilig“[8] ist:

„Heilig, weil ich es nie wegwerfen würde
Heilig, weil ich daran hänge
Heilig, weil es mir lieb ist
Heilig, weil es mir etwas besonderes ist
Heilig, weil ich es nicht ersetzen oder austauschen könnte
Heilig, weil ich in ihm das sehe, was mich trägt und prägt
Heilig, weil ich darin meinen Glauben sehe.“[9]

Die gesammelten Gegenstände kann man nach Hemmerle in drei große Gruppen eintei­len[10]:

a) Heiligtümer der Erinnerung und der Lebensgeschichte als Ausdruck von Erlebnissen und Erfahrungen, die einem unvergeßlich und wertvoll sind, die einen besonders geprägt haben.

Hier finden sich Dinge, wie das Rennrad, das vom ersten selbstverdienten Geld gekauft wurde; ein Foto als Erinnerung an die Kindheit; ein Stein oder ein Penny aus dem Urlaub; die Uhr, die jemand zur Erstkommunion geschenkt bekam; Turnschuhe und Jeansjacke, die einen Jugendlichen lange begleitet haben; die Gitarre, die jemanden immer daran erinnert, was er besonders gut kann: Musik machen; ein Symbol für das eigene Zimmer, in dem man Zuhause ist.

Ein Mensch, der solche Heiligtümer hat, lebt nicht nur im Augenblick. Er hat eine Ge­schichte und er möchte wichtige und kostbare Erinnerungen und Erlebnisse mit in die Zu­kunft nehmen, in Form eines solchen Heiligtums. Dieses sagt: Meine Geschichte ist mir unverfügbar, ist mir heilig, und ich möchte ihr treu sein.

b) Heiligtümer der Beziehung als Ausdruck, daß mir der andere heilig ist.

Als Beispiele könnte man hier nennen: Den Brief, der der Beginn einer wichtigen Freund­schaft war; das Kreuz, das jemandem von einem Freund geschenkt wurde und das mit ihm verbindet; Briefe, in denen die Liebe der Mutter steckt; der Teddybär, den eine Freundin selbst gebastelt hat.

Diese Dinge zeigen die Liebe eines Menschen, sie erinnern an die Person und an die Beziehung, in der man zu ihr steht. In ihnen ist gleichsam die andere Person gegenwärtig. „Heiligtümer sind Knotenpunkte gelebter Beziehung.“[11]

g) Heiligtümer, in denen Ideale, Ziele und Werte Gestalt annehmen als Maßstab und Mahnmal fürs eigene Leben:

Ein Holzschnitt, der die Sehnsucht nach Frieden ausdrückt; eine Lampe als Mahnmal zur Versöhnung; eine Schaufensterpuppe, die Symbol für Oberflächlichkeit und Anpassung ist und zu Mitmenschlichkeit ermahnen soll; ein Jesusbild, das den Glauben der Person ausdrückt.

Ein solches Heiligtum sagt, ich habe mir diesen Maßstab gesetzt, ich habe etwas als wichtig erkannt für mein Leben. Ich möchte, daß dieser Maßstab gilt und bleibt.

„Geschichte, Beziehung, Maßstab: diese drei Größen machen etwas zu einem persönlichen Heiligtum. Wir entdecken, wie in einer völlig säkularisierten Welt Einstiege zum Heiligen sich andeuten.“[12] Hemmerle stellt fest, daß in diesen gesammelten Heiligtümern sich zeige, daß der Mensch einen „Ursinn für das Heilige“[13] habe.

Die Heiligtümer Jugendlicher sind Zeichen für sehr persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und Empfindungen. So haben sie mit den Heiligtümern der Kirche gemeinsam, daß sie Zei­chen für etwas sind und erst in dieser Zeichenhaftigkeit ihre Besonderheit, ihre „Heiligkeit“ gewinnen.[14]

2) Das Schönstatt-Heiligtum

In der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung hat sich der Begriff „Heiligtum“ als Bezeichnung für die ursprüngliche Kongregationskapelle (das sog. „Ur-Heiligtum“) am Ort Schön-statt und später auch für die originalen Nachbildungen dieser Kapelle auf der ganzen Welt („Filial-Heiligtümer“) herausgebildet.

a) Das Heiligtum als geschichtlicher Ort der Schönstatt-Bewegung

a) Das Heiligtum: Ort des historischen Bündnisschlußes

In den frühesten Zeugnissen über heilige Orte sind dies zunächst Orte, die eine Erfahrung mit Gott festhalten und bezeugen wollen.[15] In diesem Sinn erinnert das Schönstatt-Heiligtum an die Gründung Schönstatts, den Bündnisschluß vom 18. Oktober 1914. An diesem Tag haben der dreifaltige Gott und die Gottesmutter mit P. Kentenich und einigen Jugendlichen ein Liebesbündnis geschlossen.[16] Dadurch verbanden sich an diesem Ort Himmel und Erde: ein Stück dieser Welt wird von Gott berührt, ihm ganz geweiht und zu eigen, also zum Heiligtum. Ein profaner Ort, ein ehemaliger Abstellraum,[17] der zum Versammlungsraum einer Gruppe Jugendlicher wurde, wird zu einer sakralen Stätte. Kentenich selber zieht den Vergleich mit biblischen Stätten der Gottesbegegnung: „Wäre es nun nicht möglich , daß unser Kongregationskapellchen zugleich unser Tabor werden würde…“[18] und „Das Alte Testament macht uns bei Gelegenheit darauf aufmerksam, wie Moses zu dem brennenden Dornbusch hingerufen wurde und dabei den Befehl erhielt: `Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land[19]` (…). Es dünkt uns, daß derselbe Ruf, derselbe Befehl auch an uns ergeht, so häufig wir unsere Heiligtümer besuchen. …`Ziehe deine Schuhe aus, den der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land!`“.[20]

In der gläubigen Überzeugung der Schönstatt-Bewegung handelt es sich bei dem Liebes­bündnis vom 18.10.1914 um eine Initiative Gottes,[21] die von Kentenich und den Jungen lediglich aufgenommen und beantwortet wurde. Diese Kapelle erinnert an diesen geschicht-lich wichtigen Moment und die damit verbundene Gotteserfahrung. „Die Eigenart des Schönstatt-Heiligtums ist folglich bestimmt vor allem durch seinen Grundcharakter als Bündnisstätte und die aus dem `Liebesbündnis´ erwachsene geistliche Erfahrung.“[22]

b) Das Heiligtum: Ursprung und Zentrum der Schönstatt-Bewegung

Im Bündnisschluß 1914 ist die Schönstatt-Bewegung entstanden. Eine kleine Kapelle ist der Ursprungsort für eine große weltweite Bewegung und ist daher für viele Menschen zu einem wichtigen Ort geworden. Es ist aber auch heute noch die geistige Mitte dieser Bewegung, die Quelle und der Ort, der Verbindung schafft zwischen den einzelnen Mitgliedern, den Gliederungen, den Diözesen, Ländern und Kontinenten. So war es Kentenich ein wichtiges Anliegen, daß jedes Mitglied der Schönstatt-Familie zu einer tiefen Bindung an die lebendigen Mitte kommt.

b) Das Schönstatt-Heiligtum als Knotenpunkt der Beziehungen

a) Ort der Gottesbegegnung und des Bündnisschlusses

Auch heute ist das Schönstatt-Heiligtum der Ort, wo das Liebesbündnis zwischen Gott und Mensch geschlossen wird. Jeder Mensch, der in der Schönstatt-Kapelle das Liebesbündnis[23] schließt vollzieht damit das historische Bündnis vom 18.10.1914 nach und schließt sich in diesen Lebensvorgang ein. Dieses „Sich-Einschließen bedeutet, nicht nur sich nach damals hin erstrecken, sondern eben auch die zeitlich-geschichtliche Struktur übernehmen und neu ausprägen.“[24] So wird aus dem historischen Ort der Gotteserfahrung ein Ort heutiger Gottesbegegnung. Das Heiligtum ist nicht mehr nur Erinnerungspunkt und Symbol für ein historisches Ereignis, sondern für das Bündnis jedes Einzelnen mit Gott und seinem persönlichen Erlebnis.

b) Ort zur Intensivierung der Gottesbeziehung: Das Heiligtum als Gnaden- und               Wallfahrtsort

Seit 1947 ist das Schönstatt-Heiligtum ein kirchlich anerkannter Wallfahrtsort.[25] Für viele Menschen, Schönstätter und Nicht-Schönstätter, ist es zu einem Brennpunkt und Quellort für neues religiöses Leben geworden. Oft erfahren Menschen es wie eine Oase, in der sie neu auftanken und Kraft schöpfen können. Die Gegenwart Gottes wird hier sehr lebendig erfahren.[26]

„An dieses Heiligtum bindet er [ein Schönstätter] sich. Gleichzeitig erfährt er, daß etwas ihn bindet. Ihn birgt. Ihm Geborgenheit schenkt. Ebenso daß er `seelisch` umgewandelt wird. Ebenso daß er `seelisch fruchtbar` wird in seinem Engagement. Es sind diese drei `Gnaden`, die er besonders dort empfängt.“[27] Kentenich vergleicht das Heiligtum daher oft mit einem Kurort.[28] Immer wieder machen Menschen die Erfahrung, daß sie hier geborgen sind, sich beheimatet fühlen. Das Heiligtum ist damit Symbol für die Beheimatung in Gott[29]: „Im Rahmen der zweitursächlichen Ordnung soll die lokale Zentrierung die Verwurzelung und Beheimatung in der jenseitigen Welt vorbereiten, ausdrücken und sichern.“[30]

g) Das Heiligtum als Knotenpunkt der Beziehung untereinander

Aufgrund vieler gemeinsamer Erfahrungen und Erlebnisse wird das Heiligtum auch zur Heimat ganzer Gemeinschaften und Gliederungen. Das Heiligtum als Mittelpunkt verbindet diese untereinander. So ist es von großer Bedeutung, daß sich Menschen auch geistig mit dem Ort verbinden. Das Heiligtum wird zu einem geistigen Treffpunkt für viele Schönstätter. Kentenich selbst regt sie dazu an in einem seiner in Dachau entstandenen Gebeten: „ Im Geiste knie ich vor deinem Bilde,…. vereint mit allen, die sich dir geweiht.“[31]

Ein wichtiges Moment der Schönstatt-Zentren ist auch, daß es bei jedem Heiligtum ein Bildungshaus gibt. Sie werden zu richtigen Begegnungszentren: hier ist Möglichkeit miteinander ins Gespräch zu kommen und Gemeinschaft zu erleben. Hier entstehen zwischenmenschliche Beziehungen.

Das Schönstatt-Heiligtum ist also eng mit dem Leben dieser Bewegung verknüpft und hat eine ganz zentrale Bedeutung. Daher sind mittlerweile viele dieser Heiligtümer weltweit entstanden, die „Filial-Heiligtümer“. Sie sind Ausdruck des Wunsches und des Bedürfnisses der Schönstätter in den verschiedenen Diözesen und Ländern, vor Ort ihre Heimat-, Erziehungs- und Bündnisstätte zu haben, wie sie sie in Schönstatt erlebt haben.

Sie erfüllen dieselbe Funktion wie das Urheiligtum, sie sind Mittel- und Stützpunkte: „Was in Ur-Schönstatt im Laufe der Jahre geworden, wiederholt sich in verhältnismäßig kurzer Zeit in den ausländischen Filialheiligtümern.[32] Allgemein erregt es große Verwunderung, wie schnell diese Mittelpunkt einer umfassenden und tiefgreifenden Erneuerungsbewegung in fremden Ländern mit fremder Sprache und fremder Kultur geworden sind.“[33]

Später schritt die Dezentralisierung noch weiter fort: es entstanden die sog. Hausheiligtü­mer. Viele Menschen machen die Erfahrung, daß der Weg zu einem Schönstatt-Heiligtum weit ist und es entstand der Wunsch, eine solche Kraftquelle für den Alltag auch bei sich Zuhause zu haben. In diesen zeigt sich besonders deutlich, daß es nicht die äußere Form ist, die ein Heiligtum ausmacht, sondern das personale Geschehen. Ein Ort wird nur dann zum Schönstatt-Heiligtum, wenn er mit dem Liebesbündnis verbunden ist. So entstand mit der Zeit ein ganzer „Kosmos“ von Heiligtümern.

3) Das neue Verständnis von Gotteshaus

a) Die Relativierung des Tempels im NT[34]

Im Judentum ab dem babylonischen Exil und zur Zeit Jesu hat der Tempel zentrale Bedeu­tung.[35]Mit Jesus beginnt eine neue Epoche der Gegenwart Gottes unter den Menschen, denn Jesu Botschaft vom „Reich Gottes“ ist nicht mehr mit dem Tempel verknüpft. Sein Reden und Handeln wollte zeigen, „daß Gott hier und jetzt in seiner Person zur Umkehr ruft, Sündern vergibt und Kranke heilt.“[36] Die Bedeutung des Tempels als der zentrale Ort der heilsschaffenden Gegenwart Gottes ist damit relativiert.

In der Urkirche verstärkt sich diese Tendenz noch. Die jungen Christen feiern ihren Got­tesdienst nicht mehr im Tempel, sondern in den Häusern. Gott ist für sie nicht mehr nur im Tempel gegenwärtig, sondern ganz besonders auch in Christus. So hat die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Chr. auch keine weitere Auswirkung auf das Christentum. Pau­lus vollzieht, wie sich in seinen Briefen zeigt, diese Wende mit und kann so zu seiner Fol­gerung kommen, daß die Gemeinde der neue Tempel Gottes ist. Das Bild vom Bau wird nun auf die neue Gemeinschaft der jungen Kirche angewandt: „ Sie sind gleichsam das le­bendige Heiligtum, das aus `lebendigen Steinen` erbaut ist, wie der spätere 1. Petrusbrief diesen Gedanken weiterführt (vgl. 1 Petr 2,4f.) und auch auf den einzelnen Christen hin aktualisiert und anschaulich macht.“[37]

In der Offenbarung des Johannes wird der Gedanke noch deutlicher. Der Apokalyptiker betont, daß im neuen Jerusalem kein Tempel mehr stehen werde, da Gott selbst der Tempel für die Gemeinde sein werde (vgl. Offb 21,22).

Die Heilsgeschichte zeigt damit eine deutliche Umakzentuierung. Diese ist auch auf das Schönstatt-Heiligtum anzuwenden.

b) Die Relativierung des steinernen Heiligtums

Der Prozeß der Verbreitung der Heiligtümer findet seinen Höhepunkt und sein Ziel in den Herzensheiligtümern. Eigentlich ist nicht das steinerne Heiligtum das eigentlich wichtige. Wir selbst, als Einzelne und als Gemeinschaft, sollen lebendige Heiligtümer sein, das war von Anfang an das Ziel Kentenichs.[38] Das Herzensheiligtum war der entscheidende Schritt für den einzelnen Christen, die Verbundenheit mit Gott im Alltag leben zu können.

Mit dem geprägten Begriff „Herzensheiligtum“ greift Kentenich die vielfältigen lebendigen Erfahrungen mit dem Schönstatt-Heiligtum auf und integriert so die Einwohnung Gottes im Menschen in die gewachsene Schönstatt-Spiritualität: alles, was das Schönstatt-Heiligtum ausmacht, kann der Mensch in sich selbst finden, er selbst ist geheiligt durch Gottes Wohnen in seiner Mitte und wird so zum Ort der Gottesbegegnung für sich und andere. Der Mensch, der lebendiges Heiligtum ist, kommt nicht nur ab und zu zur Oase „Schönstatt-Heiligtum“, er lebt immer in Kapellchenatmosphäre.

Das steinerne Heiligtum wie das Hausheiligtum werden dabei zum Symbol: sie sollen den Menschen immer wieder daran erinnern, daß er selbst Heiligtum ist und es immer mehr werden soll.[39]

Für Kentenich hat die Spiritualität des Herzensheiligtums eine zentrale Bedeutung für die Christen in unserer Zeit. Wir leben in einer Zeit, in der Gott kaum mehr vorkommt. Mit der Betonung des Gottes, der in mir wohnt, zeigt Kentenich einen Weg für die moderne Situa­tion der Glaubenden. Es ist eine Chance für den Christen, „standfest“ zu werden[40], immer „gottgebunden“[41] sein zu können und immer in einer „sakralen Atmosphäre“ leben zu können[42] und diese auch zu verbreiten. Eine Spiritualität des Herzensheiligtum bietet so Antworten an auf viele bedrängende Fragen des heutigen Glaubenden.


[1] Vgl. hierzu A. Paus u.a.: Heilig, das Heilige. In: LThK. Bd. IV, 1267-1274.

[2] H. Seebaß: Heilig. In: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, 645-657, hier: 646.

[3] Lt. der elektronischen Bibelkonkordanz „Elbikon“.

[4] Vgl. das Tempelweihegebet Salomos (1 Kön 8,22-53) sowie die Psalmen, die für den Lobpreis am Tempel verfaßt wurden.

[5] Treese: Leben aus dem Liebesbündnis, 55.

[6] Maxi. Die junge Frauenzeitschrift, Heft 9/1995, 137.

[7] Vgl. BDKJ Aachen und Abteilung für kirchl. Jugendarbeit in der Hauptabteilung Gemeindearbeit des Bischöflichen Generalvikariates Aachen: Das ist mir heilig. Ausstellung Heiligtümer Jugendlicher.

[8] Ob der Begriff „heilig“, „Heiligtum“ hier angebracht und sinnvoll ist, kann und soll hier nicht diskutiert werden. Auf jeden Fall finde ich es eine interessante Art, Jugendliche an den heute so schwierigen Begriff „Heiligtum“ heranzuführen und v.a. finde ich die Ergebnisse dieser Aktion sehr beachtenswert.

[9] BDKJ Aachen u.a.: Das ist mir heilig, 53.

[10] Vgl. Hemmerle: Geleitwort. In: ebd., 3-6, hier: 5.

[11] Hemmerle: Geleitwort. In: Das ist mir heilig., 4.

[12] ebd., 5.

[13] ebd., 4.

[14] Vgl.Deller/ Wentzler: Zwischen Teddybär und Kreuz. In: ebd.., 9

[15] siehe IV 1b.

[16] Zur Erläuterung des Gründungsgeschehens und dem schönstättischen Liebesbündnis siehe:

Penners: Liebesbündnis. In: SST-Lex, 229-233.
Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich. Ein Leben für die Kirche, 69-76.
Treese: Leben aus dem Liebesbündnis. Zur Theologie und Spiritualität des Schönstätter Liebesbündnisses.
Vautier: Maria, die Erzieherin, 270-298.

[17] Die Kapelle war ursprünglich die Friedhofskapelle des mittelalterlichen Klosters Schönstatt gewesen. In der Zwischenzeit, seitdem die Pallottiner in Schönstatt waren, war sie weitgehend ungenützt und verwahrloste. Vgl. auch Monnerjahn: PJK. Ein Leben für die Kirche, 69f.; Schlosser: KLK, 31.

[18] Schönstatt. Die Gründungsurkunden. Vallendar-Schönstatt. 19896, 23.

[19] Ex 3,5.

[20] J. Kentenich. Vortrag für die ersten drei Kurse des Mütterbundes und die Schönstattmütter der Diözesen Köln, Aachen und Speyer v. 12.05.1966. Zit nach: Texte über das Herzensheiligtum, 100.

[21] Vgl. King: Marianische Bundesspiritualität, 24: „Es ist eine Initiative des Himmels geschehen.“

[22] Penners: Heiligtum. In: SST-Lex, 147-149, hier: 148.

[23] Das Liebesbündnis ist „eine tiefgreifende Erneuerung, Festigung und Sicherung des Taufbundes, das heißt des Bündnisses mit Christus und dem dreifaltigen Gott. Jede Weihe und jeder in ihr zum Ausdruck gebrachte erneuerte Bündnisschluß bedeutet für unser Denken und Wollen eine neue freigewählte und freigewollte Entscheidung für Christus: für seine Person, für seine Interessen und sein Reich.“ Kentenich: Das Lebensgeheimnis Schönstatts II, 57f.

Vgl. zum schönstättischen Liebesbündnis auch: Penners: Liebesbündnis. In: SST- Lex, 229-232

[24] King: Marianische Bundesspiritualität, 24.

[25] Vgl. Penners: Heiligtum. In: SST-Lex, 147-149, hier: 148.

[26] Im Januar 1997 sagte eine 14 jährige Jugendliche zu mir: „Ich komme sehr gerne hier ins Heiligtum. Es ist so klein; hier bin ich Jesus im Tabernakel ganz nahe.“

[27] King: Marianische Bundesspiritualität, 30.

[28] Vgl. Kentenich: Das Lebensgeheimnis Schönstatts I. In: ebd., 121.

[29] Vgl. Schlosser: KLK, 34.

[30] Penners: Eine Pädagogik des Katholischen, 154.

[31] Kentenich: Himmelwärts, 47.

Wolf schreibt in seinem Kommentar dazu:
„Die Anfangsworte `Im Geiste` (…) meinen diese Möglichkeit, sich geistigerweise einzufinden am geistlichen Zentrum der Gemeinschaft, im Heiligtum vor dem Bild der Muttergottes.“
„Es ist das erste Gebet aus Himmelwärts, das ich kennengelernt habe. Wir haben es immer abends um 21 Uhr miteinander gebetet. `Geistige Wallfahrt` nannten wir es. Wir wußten uns verbunden untereinander in der Jungmännergemeinschaft und mit allen Schönstättern im Heiligtum vor dem Bild der MTA. Irgendwie war es gut, um diesen geistigen Treffpunkt zu wissen.“ Wolf: Gebetsschule `Himmelwärts`, 168.

[32] Kentenich bezieht sich hier nur auf ausländische Filialheiligtümer, da im Ausland die ersten Filialheiligtümer entstanden und zum Zeitpunkt der Aussage, 1952, ein Großteil der bestehenden Heiligtümer sich im Ausland befanden.

[33] Kentenich: Lebensgeheimnis Schönstatts I, 104f.

[34] Vgl. zu diesem Abschnitt: Wolf: Zum Heiligtum werden. In: Oktoberwoche 1995, 149-159.

[35] Vgl. Tempel. In: Theologisches Begriffslexikon zum NT, 1218.

[36] Wolf: Zum Heiligtum werden, 154.

[37] ebd., 155.

[38] „Jetzt sind wir soweit gelangt, daß wir aus der Kette von Heiligtümern eigentlich zum Zentralsten vorgedrungen sind. Wir kennen unser Urheiligtum, kennen Filialheiligtümer, kennen Stadtheiligtümer und kennen Hausheiligtümer. Nun das Wichtigste, was ist das? Das Herzensheiligtum!“ Kentenich: Vortrag an die Schönstatt-Mütter der Diözese Münster am 09.09.1966. Zit nach: Texte über das Herzensheiligtum, 115.

[39] „ Wenn wir noch ein Stück weitergehen …, dann wollen Urheiligtum, Filialheiligtum, Hausheiligtum letzten Endes dafür sorgen, daß wir selbst lebendige Marienkirchen, lebendige Dreifaltigkeitskirchlein werden.“ Kentenich, Ansprache am 24.04.1966. Zit nach: Texte über das Herzensheiligtum, 98.
Vgl. auch Treese: Leben aus dem Liebesbündnis, 93.

[40] „ Baustelle Herzensheiligtum! Wie tief müssen wir alle diese Dinge mit der Zeit greifen, wenn wir unbefangene Menschen werden wollen, wenn wir in der heutigen Zeit standfest werden wollen.“ Kentenich: Rom-Vorträge I, Vortrag vom 02.11.1965. Zit. nach: Texte über das Herzensheiligtum, 68.

[41] „Wie einfach ist es so, inmitten der heidnischen Welt immer gottgebunden, immer religiös, immer jenseitig zu sein!“ Kentenich: Rom-Vorträge II, Vortrag vom 25.11.1965. Zit. nach: ebd., 74.

[42] Vgl. Kentenich: Vortrag vom 28.02.1966. In: ebd., 92f.

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