1.1. Die Vita Pater Kentenichs

1. Pater Josef Kentenich

1.1.Die Vita Pater Kentenichs

1.1.1. Kindheit in Gymnich

Josef Kentenich wurde am 16. November 1885 in Gymnich, einem kleinen Dorf in der Nähe von Köln, im Haus seiner Großeltern, geboren.[1] Am darauf folgenden Tag wurde er in der Pfarrkirche St. Kunibert auf den Namen Peter Josef[2] getauft, „wobei Joseph zum Rufnamen bestimmt wurde.“[3]

Über Josefs Eltern ist wenig bekannt. Seine Mutter, Katharina Kentenich (1863-1939), arbeitete auf einem benachbarten Gutshof, wo sie den Vater ihres Sohnes, Matthias Josef Koep (1841-1931) aus Eggersheim, kennen lernte. Als sie im Alter von zweiundzwanzig Jahren von ihm schwanger wurde, verließ sie den Gutshof und zog wieder zu ihren Eltern. Die Eltern Kentenichs heirateten nicht,[4] genauere Gründe dafür sind jedoch nicht eindeutig belegt. Es war im ausgehenden 19. Jahrhundert zwar keine Seltenheit, dass eine Frau ein uneheliches Kind zur Welt brachte, dennoch wurde ein solches Ereignis von der Gesellschaft als „sittliches Versagen“[5] und als „folgenschwerer Fall“[6] angesehen. Diese Tatsache hatte Auswirkungen auf das spätere Leben Josef Kentenichs, worauf in den folgenden Kapiteln eingegangen wird. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wird, auf der Grundlage erhaltener gegenseitiger Briefe, als „zeitlebens (…) innig“, „ehrfürchtig“ und „zart verschwiegen“ beschrieben.[7] „Wie stolz die junge Mutter – trotz aller widrigen Umstände – auf ihr Kind war, zeigt sich daran, dass sie es mit zweieinhalb Jahren fotografieren ließ, was zur damaligen Zeit in armen Verhältnissen nicht selbstverständlich war.“[8]

Seine frühe Kindheit verbrachte Josef Kentenich im Haus seiner Großeltern, die der Gymnicher Pfarrer als »ehrenwert und gut« beschrieb.[9] So nahm die Familie ein kleines Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, das ihnen während einer Fahrt nach Köln anvertraut wurde, zusätzlich zu den eigenen sechs Kindern auf.[10] Dieses Mädchen, das auf den Namen Henriette hörte, wuchs zusammen mit Josef auf. Die beiden verstanden sich ihr Leben lang als Geschwister.[11] Nachdem der Großvater 1888 verstorben war, musste sich die Mutter, die sich bis zu diesem Zeitpunkt selbst um ihr Kind gekümmert hatte, eine Anstellung suchen. Sie arbeitete als Köchin in diversen Herrschaftshäusern in Köln. Josef blieb bei der Großmutter, konnte seine Mutter jedoch gelegentlich in Köln besuchen.[12]

Aus der frühen Kindheit Kentenichs sind nur kleine Anekdoten bekannt, die unter anderem davon zeugen, dass er nicht gerne in den Kindergarten ging, der damals »Verwahrschule« genannt wurde.[13] Schon in diesen jungen Jahren sind Persönlichkeitszüge, wie „(…) Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit und Durchsetzungsvermögen (…)“[14] erkennbar. Josef wuchs relativ unbekümmert und geborgen auf, mit seinem Heimatort fühlte er sich zeitlebens stark verbunden.[15]

1891, im Alter von fünfeinhalb Jahren, wurde Josef Kentenich in die Volksschule in Gymnich eingeschult. Kurze Zeit später zog er für einige Monate mit seiner Mutter nach Straßburg, da die Frau seines Onkels gestorben war und Katharina Kentenich sich um dessen Kinder und Haushalt kümmerte, bis er erneut heiratete. In dieser Zeit besuchte Josef dort die Schule. Danach blieben er und seine Mutter noch circa zwei Jahre in Gymnich. Seine Schulkameraden beschrieben ihn als fröhlichen und wagemutigen Jungen.[16] Aus Erzählungen von Henriette wird deutlich, dass er schon früh ein „gesundes Selbstbewusstsein“[17] und eine „ausgeprägte Wahrheitsliebe“[18] und „Ehrlichkeit“[19] besaß, was ihm und anderen oft das Leben schwer machte.[20]

Seine religiöse Erziehung wurde vor allem durch sein familiäres Umfeld gefördert. So kommt es nicht von ungefähr, dass er schon von Kindheit an den Wunsch in sich trug, Priester zu werden. Er selbst sagte von sich, ihm sei nie der Gedanke gekommen, zu heiraten. Aus Erzählungen seiner Freunde geht hervor, dass diese ihn für sehr fromm hielten. Josef Kentenich ging jeden Tag zur heiligen Messe, sprach jedoch nie viel über religiöse Dinge.[21]

1.1.2. Schulzeit in Oberhausen und Ehrenbreitstein

Ein bedeutender Wendepunkt im Leben Kentenichs war der 12. April 1894. Aufgrund des Alters seiner Großmutter und einer neuen Arbeitsstelle seiner Mutter in Köln konnte er nicht länger im Haus seiner Großeltern bleiben. Katharina Kentenich stand daher vor einer ihrer schwersten Entscheidungen. Da sie sich nicht in der Lage sah, ausreichend für ihren Sohn zu sorgen, zog sie in Erwägung, ihn in fremde Obhut zu geben. Sie klagte ihr Leid ihrem langjährigen Beichtvater August Savels, dem Pfarrer von Gymnich. Dieser Freund der Familie war der Gründer des Waisenhauses St. Vincenz in Oberhausen und der darin integrierten zweiklassigen Volksschule, der so genannten »Vincenzschule«.[22] „Es ist naheliegend, dass Pfarrer Savels durch diese Schule eine bessere Fortbildung des Jungen für gewährleistet hielt.“[23] Schweren Herzens brachte die Mutter zusammen mit Henriette ihr einziges Kind ins Waisenhaus. In ihrer Hilflosigkeit ging sie mit ihm in die dortige Hauskapelle. Vor einer Marienstaue weihte sie ihr Kind der Gottesmutter und bat sie, an ihrer Stelle für die Erziehung und das Wohl des Kindes zu sorgen. Als Ausdruck der Ernsthaftigkeit ihrer Bitte hängte Katharina Kentenich der Statue ihren kostbarsten Besitz, eine goldene Kette mit Kreuzanhänger, die sie zu ihrer ersten heiligen Kommunion geschenkt bekommen hatte, um den Hals.[24] Dieses Erlebnis prägte Pater Kentenich sehr. Er nahm das Geschehen mit großer, innerer Wachheit in sich auf und erlebte es selbst als persönliche Weihe an die Gottesmutter. Das Ereignis bewegte ihn so tief, dass er später immer wieder darauf Bezug nahm. In schweren, existentiellen Kämpfen war diese Weihe, die er später als »Liebesbündnis«[25] bezeichnete, das einzig tragende, auf das er sich immer stützen konnte.[26]Wie weitgreifend dieses Schlüsselerlebnis sich auf sein Leben und seine persönliche Erziehung auswirkte, beschrieb Pater Kentenich anlässlich seines 25-jährigen Priesterjubiläums folgendermaßen[27]:

„Sie (Maria) hat mich persönlich geformt und gestaltet von meinem neunten Lebensjahre an.[28](…) Wenn ich zurückschaue, darf ich sagen: Ich kenne keinen Menschen, der einen tiefergehenden Einfluss auf meine Entwicklung ausgeübt hat. (…) Wäre ich irgendeinmal persönlich gebunden gewesen, dann könnte ich heute nicht so genau bestimmt sagen, dass meine Erziehung lediglich ein Werk der Gottesmutter war, ohne jeden tiefergehenden menschlichen Einfluss. Ich weiß, dass ich damit viel sage.“[29] „Was geworden, was durch mich geworden, (…) verdanke ich der lieben Gottesmutter.[30]“

Rückblickend hatte diese Weihe auch Einfluss auf die Gründung des Schönstatt-Werkes. Pater Kentenich erklärte einmal, er habe „dieses Geheimnis mit sich getragen bis zum 18. Oktober 1914. Wie es sich dann entfaltet hat, wissen Sie ja.“[31]

Mit dem Umzug nach St. Vincenz änderten sich die Lebensverhältnisse des Jungen sehr. Er musste „das heimatliche Dorf gegen eine unbekannte, große Industriestadt, die Geborgenheit in einer dörflichen Großfamilie mit einer fremden Erziehungsanstalt tauschen.“[32] Da die Mittel sehr knapp bemessen, mit 300 Zöglingen jedoch verhältnismäßig viele Kinder in St. Vincenz untergebracht waren, herrschte ein Erziehungsstil vor, der kollektive Disziplin forderte, so dass wenig auf die Individualität und die persönlichen Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden konnte.[33] Es ist anzunehmen, dass wegen dieses Kontrastes der Lebensverhältnisse Josef Kentenichs, sein späteres Erziehungsideal der Freiheit mit Konzentration auf Individualität und Originalität schon tief verankert wurde.[34] Insgesamt verbrachte Josef Kentenich fünf Jahre im Waisenhaus in Oberhausen. Dort empfing er 1897 auch die erste heilige Kommunion und das Sakrament der Firmung. Am Tag seiner Erstkommunion erwähnte er gegenüber seiner Mutter zum ersten Mal, dass er Priester werden wolle.[35] Wegen des ledigen Standes und der schwierigen finanziellen Situation war es der Mutter jedoch nicht ohne weiteres möglich, diesem Wunsch zu entsprechen. Erneut wandte sich die Mutter an Pfarrer August Savels, der auch für dieses Problem eine Lösung fand: Die Pallottiner-Patres leiteten in Ehrenbreitstein, das in der Nähe von Koblenz liegt, ein Jungeninternat, in dem Josef trotz seiner familiären Verhältnisse zum Priester ausgebildet werden konnte.[36]

Am 23. September 1899 wurde Josef Kentenich von August Savels persönlich nach Ehrenbreitstein begleitet und den Pallottinern vorgestellt. Der Pfarrer bezahlte auch die Jahrespension von 200 Mark für ihn. Als Josef Kentenich seinen Lebenslauf aufschreiben sollte, weigerte er sich. Schon hier wurde deutlich, dass er über seinen familiären Hintergrund lieber schweigen wollte.

Der Lehrplan des Internats war dem der staatlichen humanistischen Gymnasien angeglichen, jedoch um ein Jahr verkürzt. Demnach waren die Lernbedingungen hart. Insgesamt verbrachte Josef fünf Jahre im Internat der Pallottiner. Er war ein fleißiger Schüler und hatte durchwegs sehr gute Noten, wie seinem Abschlusszeugnis von 1904 zu entnehmen ist. In dieser Zeit konnte er sowohl seine intellektuellen, als auch seine musischen Fähigkeiten entfalten. Seine seelischen Vorgänge verarbeitete er in Gedichten, von denen er einige seinem Lehrer Pater Johann Mayer widmete. Seine Ferien verbrachte Josef Kentenich stets in Gymnich mit seiner Mutter bei Verwandten.[37]

1.1.3. Noviziatszeit in Limburg

Mit dem Eintritt in das Noviziat am 24. September 1904 musste Frater Kentenich erneut umziehen, da das Mutterhaus der deutschen Pallottiner in Limburg an der Lahn war. Die Ausbildung zum Priester beinhaltete ein sechsjähriges Studium der Philosophie und Theologie, das im zweiten Noviziatsjahr begann. Diese Zeit bezeichnete Kentenich selbst als »Jugendkämpfe«, da er eine tiefe, geistige Existenzkrise durchlebte, die ihn beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte.[38] All seine Fragen kreisten darum, ob es eine Wahrheit gäbe und wenn ja, wie diese zu erkennen sei. Diese akribische Suche und tiefe Sehnsucht nach der vollkommenen Wahrheit betraf die Gesamtheit seines Glaubens und schloss die Frage nach der Existenz Gottes und des Sinn des Lebens mit ein.[39]

„(…) Dieser Wahrheitsfanatismus wurde zu einer Triebkraft, die all mein Handeln näher bestimmte, die nicht selten auch im Verkehr mit Professoren aus innerer Wahrheitsnot heraus die Grenzen des Taktes überschritt.“ [40]

Dazu kam, dass Josef Kentenich an Tuberkulose erkrankte, weshalb er einige Zeit sein Studium unterbrechen musste und beinahe nicht zur zweiten Profess zugelassen worden wäre.[41] Halt gab ihm in dieser unsicheren Zeit seine tiefe persönliche Marienliebe. In Erinnerung an seine Weihe an Maria als Achtjähriger, in der er sie als reale Mutter erlebte, was durch die Weihe seiner leiblichen Mutter psychologisch noch begünstigt wurde, wurde es für ihn zur Gewissheit, dass Maria Sicherheit im Glauben vermitteln könne, nicht auf der argumentativen Ebene, sondern vielmehr im konkreten Leben.[42] Sie ist für ihn „der Schnittpunkt zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Natur und Übernatur.“[43] „So wie eine Mutter im natürlichen Leben starken Einfluss auf das Unterbewusstsein ihres Kindes hat, hat Maria ihren Einfluss auf das Unterbewusstsein der Menschen im Hinblick auf den übernatürlichen Bereich: Sie öffnet das Unterbewusstsein für das Göttliche. (…) Sie verwurzelt den Glauben nicht allein im Verstand, sondern vor allem auch im Herzen des Menschen.“[44] Rückblickend hatte diese Krise eine elementare Auswirkung auf das spätere pädagogische Konzept Pater Kentenichs. Er selbst deutete „seine Krise als Bildungsfaktor, weil sie ihn befähigte, die geistige und seelische Situation des zeitgenössischen Menschen tiefer zu erfassen.“[45] Über das Studium der Theologie und Philosophie hinaus, beschäftigte Frater Kentenich sich zusätzlich mit pädagogischen Themen und Erziehungsfragen, die ihn schon damals persönlich sehr interessierten.[46]

Frater Kentenich war ein sehr begabter und gewissenhafter Student, was sich jedoch gelegentlich als nachteilig für ihn auswirkte. So gelang es Frater Kentenich zum Beispiel bei einer, wie damals üblich, öffentlichen Disputation, die Argumente seines Professors zu widerlegen, wodurch der Professor sich öffentlich bloßgestellt fühlte und mittels einer Abstimmung darauf hinwirkte, dass Josef Kentenich zunächst nicht zur ewigen Profess zugelassen werden sollte. Dies hätte ihm beinahe den Weg zum Priestertum verschlossen.[47] In einer zweiten Abstimmung über den weiteren Weg des Fraters entschieden die zuständigen Vorgesetzten dann jedoch zu seinen Gunsten, allerdings unter der Bedingung, dass er nach Abschluss seines Studiums trotz seiner hervorragenden intellektuellen Begabung nicht an eine Universität zur Promotion geschickt werde. So konnte Frater Kentenich am 24. September 1909 die ewige Profess und daraufhin die höheren Weihen empfangen. Am 8. Juli 1910 empfing er durch Bischof Hinrich Vieter die Priesterweihe. Danach blieb er noch ein Jahr in Limburg, um sein Studium zu beenden. In dieser Zeit half er als Seelsorger in den umliegenden Pfarreien und im Gefängnis aus.[48]

1.1.4. Zeit als Lehrer und Spiritual in Ehrenbreitstein und Vallendar

Nachdem Pater Kentenich 1911 sein Studium beendet hatte, wurde er als Lehrer für Deutsch und Latein in Ehrenbreitstein, wo er selbst zu Schule gegangen war, eingesetzt. Nun konnte er sein pädagogisches Talent entfalten. Die Art und Weise, wie er unterrichtete, unterschied sich deutlich von den damals üblichen Methoden. Der gängige Führungsstil war autoritär, fast militärisch, gezeichnet von Drill und einer deutlichen Distanz zwischen Schülern und Lehrern. Pater Kentenich dagegen entfaltete einen partnerschaftlich-kommunikativen Führungsstil. Er selbst verstand sich weniger als Lehrer, vielmehr als Erzieher. Eine professionelle Distanz zu wahren, gleichzeitig aber auch eine liebevolle Atmosphäre zu schaffen, war ihm ein großes Anliegen.[49] Die folgenden Aufzeichnungen über seine Grundsätze notierte er noch vor seiner Lehrtätigkeit. Sie geben Aufschluss über sein Verständnis von Unterrichten und Umgang mit den Schülern.

„Als Lehrer sei deinen Schülern ein väterlicher Freund.
a) Beim Unterricht:
Grundcharakter: Würdevoller Ernst, maßvoll, aber unerbitterlich in den Anforderungen.
Du bist nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher.
Die meiste Autorität hast du, wenn du exakt im Wissen, klar im Vortrag, konsequent in deinen Forderungen und in der Behandlung bist. Darum
1. Genaue Vorbereitung
2. Vortrag nach Möglichkeit auswendig
3. Keine Lieblinge, keinen aufs Zimmer kommen lassen, keinen Beicht (sic!) hören[50]
4. Individuelle Behandlung: darum viel studieren, beobachten, beten. Sei dir stets bewußt, daß wenigstens die Hälfte der Fehler, die gemacht werden, auf dein Konto kommen.
5. Unter keinen Umständen Foppereien und sarkastische Bemerkungen.
b) Außerhalb des Unterrichts:
1. Steige zu ihnen herab, so jedoch, daß du immer über ihnen stehst.2. Laß dich nicht in wissenschaftliche Erörterungen ein, wenn du einer Sache nicht sicher bist.“[51] Diese damals revolutionären Methoden zeigten sich in der Praxis des Unterrichts durch aktive Beteiligung der Schüler. Sie wurden angehalten, selbstständig zu denken und zu handeln. Dabei gewährte Pater Kentenich ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und setzte viel Vertrauen in die Schüler. So pflegte er zum Beispiel bei Klassenarbeiten lediglich das Thema bekannt zu geben und dann den Raum zu verlassen. Die Schüler waren von dieser ungewöhnlichen Unterrichtsmethode so fasziniert, dass sie es als Ehrensache ansahen, dieses Vertrauen nicht auszunutzen, um Unterschleif zu betreiben.[52]

Wenige Kilometer von Ehrenbreitstein entfernt, in Vallendar, errichteten die Pallottiner ein neues Studienheim. Ein Jahr nach seinem Antritt als Lehrer zog Pater Kentenich mit den Schülern am 8. September 1912 dort ein. Da in diesem Haus neue Regeln, so genannte »Statuten« aufgestellt wurden, die keinerlei Freiheit erlaubten und äußerste Strenge forderten, herrschte großer Unmut unter den Schülern. Außerdem sollte eine neue Stelle für einen Spiritual geschaffen werden, der außerhalb des Unterrichts für die Erziehung und die religiöse Bildung der Schüler zuständig sein sollte. Auf der Suche nach einer geeigneten Person für dieses Amt, stießen die Pallottiner auf Pater Kentenich, der durch seine unkonventionelle Art des Umgangs einen guten Kontakt zu den Schülern hatte. Gerne nahm dieser die Stelle an.[53] In diese Zeit (ab 1912) fällt auch die Gründungsgeschichte der Schönstatt-Bewegung, die in Abschnitt 1.2.1. ausführlicher behandelt wird.

Aufgrund des beginnenden Ersten Weltkrieges wurden viele der Schüler Pater Kentenichs zum Militärdienst eingezogen. Für ihn war klar, dass er diese weiter begleiten wollte, um sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen und um ihnen Halt zu geben in den Unsicherheiten und Wirren des Krieges. So blieb er in regem Briefkontakt mit ihnen und gründete eine Zeitschrift, die er unter den jungen Soldaten verbreitete. An deren Gestaltung und Herausgabe beteiligten sich die Schüler auch während des Krieges. Mit dieser Zeitschrift erreichte Josef Kentenich eine große Anzahl an jungen Soldaten und konnte auch außerhalb des Studienheims auf sein beginnendes Werk aufmerksam machen. Diese Art und Weise der Unterstützung hatte psychologisch gesehen sicherlich eine große Bedeutung für die Jungen. Sie half ihnen Kriegserfahrungen besser zu verkraften und an ihren Idealen, ihrer Priesterberufung und ihrem Glauben festzuhalten.[54]

In den folgenden Jahren, nach Ende des Ersten Weltkrieges, war Pater Kentenich weiterhin als Spiritual tätig und widmete sich insbesondere der Entwicklung der »Marianischen Kongregation«[55]. Außerdem begann er viele verschiedene pädagogische und theologische Vorträge und Tagungen[56] (vor allem für Jugendliche und Menschen in Lehr- und Erziehungsberufen), sowie Exerzitienkurse zu halten, an denen jährlich mehrere hundert Priester teilnahmen.[57]

1.1.5. Leidvolle Erfahrungen in der NS-Zeit

Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 kam es zu Bespitzelungen der Vorträge und Exerzitienkurse, die Pater Kentenich in einer Vielzahl hielt. Statistiken der damaligen Zeit zufolge, war etwa jeder dritte deutsche Priester einmal bei ihm gewesen.[58] Pater Kentenich stellte sich offen gegen das NS-Regime, weshalb er schließlich am 20. September 1941 durch die Geheime Staatspolizei in Koblenz verhaftet wurde. Nach mehreren Verhören wurde über ihn eine vierwöchige Dunkelhaft verhängt, die er in einem ehemaligen Geldtressor, einem winzigen Raum ohne Licht und mit nur wenig Sauerstoff verbringen musste. Zur Verwunderung Vieler überstand Josef Kentenich diese Zeit „an Seele und Leib ungebrochen“[59], weitere fünf Monate musste er in Untersuchungshaft in Koblenz verbringen. Anschließend wurden die Weichen für seine Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau gestellt. Am 13. Januar 1942 wurde Pater Kentenich erneut verhört und anschließend von einem Arzt – ohne wirkliche körperliche Untersuchung – als »lagerfähig« erklärt. Trotz der ihm gebotenen Möglichkeit, dem Konzentrationslager durch eine erneute Untersuchung zu entrinnen[60], entschloss sich Pater Kentenich am 20. Januar 1942 »freiwillig« nach Dachau zu gehen. Um diese Entscheidung hatte er schwer gerungen, denn er wusste ja, dass er damit die ganze Existenz des gerade erst begonnen Werkes aufs Spiel setzten würde. Während einer heiligen Messe, die er trotz Verbot in seiner Gefängniszelle zelebrierte, gewann er jedoch die Gewissheit, seine freie Entscheidung für Dachau sei der Wille Gottes. Er begründete dies in einem Brief an Pater Alexander Menningen, seinem engsten Mitarbeiter, folgendermaßen: „Die Antwort verstehe bitte aus dem Glauben an die Realität der Übernatur (…).“[61] Zwei Monate später, am 11. März, wurde Josef Kentenich nach Dachau, der „Heiden-, Sklaven-, Narren- und Todesstadt“[62], wie er das Konzentrationslager nannte, deportiert. Er kam zwei Tage später dort an.[63] In den drei Jahren, die Pater Kentenich im Konzentrationslager verbrachte, durchlitt er, wie viele andere Mitgefangene, unzählige Qualen. Dennoch strahlte er stets Ruhe und Wagemut aus, die er aus seinem tiefen Glauben an die Vorsehung Gottes und der damit verbundenen inneren Freiheit gewann. Er wollte einen deutlichen Kontrapunkt zu den Entwürdigungen und Entpersönlichungen der Nazis setzen.[64] Vielen war er Berichten zufolge Vorbild und Halt. Wo immer es möglich war, nutzte Pater Kentenich die Gelegenheit, Beichten zu hören und individuelle Seelsorge und Seelenführung zu leisten. „In vielen Einzelgesprächen suchte er die schwergeprüften Mitbrüder seelisch aufzurichten und im Vertrauen auf die göttliche Vorsehung zu stärken.“[65] So konnte Prälat Heinz Dresbach, einer seiner Mithäftlinge, der mit Pater Kentenich im Priesterblock untergebracht war, später sogar sagen: „Durch ihn ist Dachau für mich zum Himmel geworden!“[66]Und auf die Frage eines Mitgefangenen, ob Pater Kentenich meine, ob sie „aus diesem Schlamassel“[67] wohl jemals wieder heraus kommen würden, antwortete er: „Das ist doch gar nicht die Frage! Die eigentliche Frage ist, ob wir hier den Willen Gottes tun oder nicht!“[68] Auch für das leibliche Wohl seiner Mitgefangenen sorgte er, wo es ihm möglich war. Vor allem als im Oktober 1942 die Paketsperre nach langer Hungersnot aufgehoben wurde, teilte er seine Lebensmittelpakete mit seinen Gefährten, wodurch er einige vor dem Hungertod rettete.[69] Am 6. April 1945 wurde er aus der »Hölle von Dachau« befreit und kam am 20. Mai 1945 in Schönstatt an.

In den folgenden fünf Jahren reiste Pater Kentenich in viele Länder, um sein Werk zu verbreiten und seine Mitarbeiter, die bereits begonnen hatten, seine Idee zu verwirklichen, zu unterstützen.[70]

1.1.6. Zeit des »Exils« in Milwaukee, USA

In den Jahren von 1949 bis 1953 wurde das Werk Pater Kentenichs durch bischöfliche und päpstliche Visitationen geprüft, da in ihm Neuerungen verwirklicht wurden, die durch die Kirche erst anerkannt werden mussten. In Vielem entsprachen diese schon dem Denken der Kirche nach dem Zweiten Vatikanum, weshalb sie in der vorkonziliaren Zeit Bedenken weckten. Weil durch die Visitationen nicht alle Vorbehalte ausgeräumt werden konnten, sollten Gründer und Werk für eine Zeit getrennt werden, damit festgestellt werden konnte, wie tragfähig das Schönstattwerk, auch ohne die unmittelbare Anwesenheit Pater Kentenichs, sein würde. Deshalb erließ die oberste römische Kirchenbehörde, das »Heilige Offizium«[71], am 22.10.1951 das Dekret, das bestimmte, dass Pater Kentenich Schönstatt verlassen musste und als »Bewegungsleiter« des Werkes abgesetzt wurde. Am 1. Dezember 1951, verordnete Rom in einem weiteren Dekret, dass Pater Kentenich Europa ganz verlassen muss. Als Wohnort wurde ihm die Niederlassung der Pallottiner in Milwaukee in den Vereinigten Staaten von Amerika zugewiesen. Da das Beschaffen eines Dauervisums viel Zeit in Anspruch nahm, kam Pater Kentenich erst am 21. Juli 1952 dort an. Bis dahin hielt er sich in der Schweiz und in Argentinien auf. Jeglicher Kontakt zu seinem Werk, so auch die Teilnahme an der Leitung, wurde ihm verboten. Auch das Verlassen des Aufenthaltsortes war ihm untersagt.[72] Pater Kentenich lebte 14 Jahre im Exil und arbeitete als Seelsorger für die deutschen Gemeinden in Milwaukee. Am 20. Oktober 1965 wurden alle Beschlüsse über Pater Kentenich aufgehoben und zwei Tage später wurde er durch Papst Paul VI. rehabilitiert. Am Heiligen Abend 1965 kam er in Schönstatt an und konnte kurze Zeit später alle Aufgaben wieder in die Hand nehmen.[73]

1.1.7. Die letzten Jahre seines Wirkens

Noch drei Jahre arbeitete Pater Kentenich mit beachtlicher Ausdauer weiter am Ausbau seines Werkes. Er hielt Schulungen, Kurse, Vorträge und Exerzitien und nahm sich dennoch vor allem auch für persönliche Gespräche viel Zeit, wobei er keinen Unterschied machte zwischen Jugendlichen und hohen Würdenträgern. Am 15. September 1968 verstarb Pater Josef Kentenich in der Sakristei der neu gebauten Anbetungskirche auf Berg Schönstatt nach seiner ersten dort gefeierten heiligen Messe. In dieser wurde er am 20. September beigesetzt. Am 10. Februar 1975 wurde durch den Bischof von Trier, Bernhard Stein, sein Seligsprechungsprozess eingeleitet.[74]


[1] „An diesem Tag wurde in Gymnich Kirmes gefeiert, weshalb alle Ämter geschlossen waren und somit die Eintragung auf der Gemeinde erst zwei Tage später erfolgte. Auf den Ämtern wurde allerdings oft der Tag der Anmeldung als Geburtsdatum eingetragen. Deshalb findet sich fälschlicherweise in der meisten Literatur der 18. November als Geburtstag Kentenichs, „obwohl er selbst, seine Mutter und alle übrigen Verwandten, einschließlich der Schönstattfamilie, zeitlebens am 16. November als Geburtstag festhielten.“ D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 23.

[2] In der Literatur werden beide Schreibweisen verwendet. Sowohl »Josef«, wie auch »Joseph«.

[3] E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 25.

[4] Vgl. D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 156f.

[5] D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 28.

[6] Ebd.

[7] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 26f.

[8] D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 30.

[9] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 28.

[10] Ebd.

[11] Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 61.

[12] Vgl. D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 156ff.

[13] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 29.

[14] D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 72.

[15] Vgl. Ebd., S. 71ff.

[16] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 30.

[17] D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 77.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 77.

[21] Vgl. Ebd., S. 78f.

[22] Vgl. D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 179.

[23] Ebd.

[24] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 31.

[25] Vgl. Ausführungen darüber in 1.2.3.

[26] Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 104ff. Vgl. auch 1.1.3.

[27] Anmerkung: alle Zitate in kursiv sind als direkte Zitate von Pater Kentenich zu verstehen und werden so von Zitaten aus der Sekundärliteratur unterschieden. (A.S.)

[28] J. Kentenich war zum Zeitpunkt der Weihe acht Jahre alt und befand sich im neunten Lebensjahr. Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 106.

[29] J. Kentenich, Vortrag vom 11.8.1935 in: D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 106f.

[30] Ebd., S. 111.

[31] J. Kentenich nach einem schriftlichen Zeugnis von Schw. M. Christine Pauly, 27.11.1993 in: D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 108. Vgl. auch 1.2.1.

[32] D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 89f.

[33] Vgl. Ebd., S. 95.

[34] Vgl. D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 201ff.

[35] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 33.

[36] In der damaligen Zeit konnten uneheliche Kinder nur als Priester für die Mission ausgebildet werden. Die Pallottiner als Missionsgemeinschaft, konnten deshalb Josef aufnehmen. Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 115f.

[37] Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 119ff.

[38] Vgl. Ebd., S. 218ff.

[39] Vgl. D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 241f.

[40] J. Kentenich, Vortrag 24.11.1965, nicht ediert, in: D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 240.

[41] Vgl. D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 233.

[42] Vgl. 1.1.2.

[43] J. Kentenich, Antwort auf Gründer und Gründung, 1955, S. 109. In: D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 248.

[44] D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 250f.

[45] D. M. Schlickmann, Die Idee von der wahren Freiheit, S. 244.

[46] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 49.

[47] Vgl. D. M. Schlickmann, Die verborgenen Jahre, S. 210f.

[48] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 53ff.

[49] Vgl. E. Uriburu, Sie nennen ihn Vater, S. 34ff.

[50] Da für die geistliche Erziehung der Jungen der Spiritual zuständig war, wollte sich Pater Kentenich nicht dazwischen drängen. Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S.61.

[51] E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 59.

[52] Vgl. E. Uriburu, Sie nennen ihn Vater, S. 35f.

[53] Vgl. B. Weibel, Ein Blick in Leben und Werk von Pater Josef Kentenich, S. 41ff.

[54] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 80ff.

[55] Näheres dazu in Abschnitt 1.2.1.

[56] Dabei handelt es sich immer um grundsätzliche und programmatische Abhandlungen und praktische Orientierungshilfen, die für einen bestimmten Personenkreis, jeweils zu einem bestimmten Anlass gesprochen und geschrieben wurden. Diese Tagungen fanden vor allem in der Zeit zwischen 1926 und 1933 statt. Vgl. A. Schulz, Identitätsbildung, S. 50.

[57] Vgl. A. Schulz, Identitätsbildung, S. 44f.

[58] Vgl. C. Feldmann, Gottes sanfter Rebell, S. 171.

[59] E. Monnerjahn, Stationen eines Lebens, S. 34f.

[60] Pater Kentenich hatte durch seine Tuberkuloseerkrankung nachweisbare Lungenschäden und der Arzt wäre bereit gewesen, ihn deswegen lagerunfähig zu schreiben. Vgl. E. Uriburu, Sie nennen ihn Vater, S. 97ff.

[61] J. Kentenich in: E. Monnerjahn, Häftling Nr. 29 392, S. 95.

[62] E. Monnerjahn, Stationen eines Lebens, S. 40.

[63] Vgl. Ebd., S. 38ff.

[64] Vgl. E. Uriburu, Sie nennen ihn Vater, S. 101ff.

[65] A. Menningen, Pater Kentenich Bekenner von Dachau, S. 11.

[66] Vgl. gesprochenes Wort in Film: Roman Fink: Begegnungen mit Pater Kentenich. München 1986.

[67] P. Locher, Mit Herz und Humor, S. 48.

[68] Ebd.

[69] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 208.

[70] Vgl. E. Monnerjahn, Stationen eines Lebens, S. 51ff. Vgl. auch Näheres in 1.2.1.

[71] Das Heilige Offizium ist die heutige Glaubenskongregation, Anm. A.S.

[72] Vgl. B. Weibel, Ein Blick in Leben und Werk von Pater Josef Kentenich, S. 126ff.

[73] Vgl. E. Monnerjahn, Pater Joseph Kentenich, S. 289.

[74] Vgl. E. Monnerjahn, Stationen eines Lebens, S. 75ff.

 

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