1 Einleitung

1 Einleitung

„Auch wenn es längst Zeit wär zu gehn,

verpass ich den Moment und bleibe stehn

Mein Herz sagt: ‚Bleib!‘, der Kopf schreit: ‚Geh!‘

Herz über Kopf!“

Im Sommer 2015 landet der deutsche Pop-Sänger Joris mit dem Lied „Herz über Kopf“4 einen großen Erfolg. Die Frage, womit man eigentlich die richtigen Entscheidungen trifft, hat durch den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen. Durch den Rückzug traditioneller Wertegemeinschaften wie der Kirche oder der bürgerlichen Familie fallen auch die Vorgaben für die persönliche Lebensgestaltung weg. Das Individuum erhält eine größere Freiheit, ist aber auch gefordert, mit dieser richtig umzugehen. Im Zuge der gesellschaftlichen Pluralisierung wird es immer wichtiger sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen und seine eigenen Lebensentscheidungen (zumindest vor sich selbst) gut begründen zu können. Wie kann angesichts dessen eine verantwortungsvolle Lebensführung gelingen?

Diese Fragen sind nicht ganz neu. Am Anfang des 20. Jahrhunderts stellte sie sich der junge Priester Pater Josef Kentenich. Dabei kam er zu einem eigenen spirituellen und pädagogischen Ansatz, der so erfolgreich war, dass er zu einer weltweiten neuen geistlichen Bewegung in der katholischen Kirche führte – der Schönstatt-Bewegung, die im Wallfahrtsort Vallendar-Schönstatt bei Koblenz am 18. Oktober 2014 ihr 100-jähriges Bestehen feierte. In der vorliegenden Masterarbeit soll nun die Idee Kentenichs dargestellt werden, wie er sich den Weg zu einem freien, selbstbestimmten Leben vorstellt. Dieses Konzept bezeichnet er als das „Persönliche Ideal“. Obwohl ich selbst ein langes Stück meines Lebens durch die Familien- und Jugendarbeit der Schönstatt-Bewegung geprägt wurde, stand das Thema meiner Masterarbeit nicht von Anfang an für mich fest. Dem ging ein längerer Themenfindungs-Prozess voraus. Meine erste Idee für ein Thema ging von meiner eigenen Suche im Leben aus. Ich wollte verstehen, wie Menschen ein persönliches Lebensnarrativ unter religiöser Perspektive entwickeln und wie sie das Wirken Gottes im eigenen Leben erkennen. In diesem Themenwunsch waren die Ideen Schönstatts, die mich lange vorher geprägt hatten, schon implizit vorhanden. Durch Gespräche mit meinem betreuenden Professor Prof. Dr. Philipp Müller sowie mit vielen Bekannten, die der Schönstatt-Bewegung nahestehen, nahm das vorliegende Thema langsam konkretere Formen an. Es war eine schöne Erfahrung, mich im Laufe der Arbeit mit vielen Menschen zu vernetzen und wissenschaftlich auszutauschen. Ich habe sie am Ende der Arbeit in der Danksagung namentlich aufgeführt.

Als Bearbeitungsperspektive für das Persönliche Ideal wollte ich einen Bezug aus der aktuellen wissenschaftlichen Debatte wählen. Eine Wissenschaft, die sich heute speziell mit Fragen nach einer gelingenden Lebensführung beschäftigt, ist die Psychologie. Die Erkenntnisse vermitteln Psychologen heute vielfach in Kursen, Gruppen-Trainings und Einzel-Coachings. Hier stieß ich auf einen interessanten Ansatz – das Zürcher Ressourcen Modell –, der sich gut für einen Vergleich zu eignen scheint. Eine solche Aktualisierung Kentenichs anhand von modernen Ansätzen fordert auch der Pastoraltheologe Michael Gerber. Ihn möchte ich hier zitieren, weil er exakt die meiner Arbeit grundgelegte Haltung verdeutlicht.

Gerber schreibt zum Persönlichen Ideal:

„Es stellt sich jedoch die Frage, ob und inwiefern dieser Ansatz gegenwärtig kommunizierbar ist. Ein kritischer Dialog kann einerseits Parallelen und Unterschiede zu gegenwärtigen Entwürfen hervorheben, andererseits kann dadurch – wie Kentenich es selbst in der Auseinandersetzung mit A. Wurm praktiziert – der Ansatz vom Persönlichen Ideal kritisch reflektiert und präzisiert werden.“5

Der Aufbau der Arbeit gliedert sich grob in drei Teile. Im ersten wird der Ansatz des Persönlichen Ideals bei Josef Kentenich dargestellt, im zweiten der des Zürcher Ressourcen Modells. Dabei wird jedes Thema zunächst in einem mehr theoretischen Kapitel angegangen. Dahinter folgt ein Abschnitt mit praktischen Überlegungen. Die strikte Unterteilung in theoretische und praktische Aussagen ist jedoch nicht vollständig möglich, z.B. weil Kentenich auch im Bezug auf das praktische Vorgehen sehr philosophische Überlegungen anstellt. Im Teil über das Persönliche Ideal ist dem theoretischen Kapitel ein langer Abschnitt vorangestellt, welcher die Entwicklung der Lehre Kentenichs darstellt.

Dies ermöglicht dem Leser, diese historisch besser einzuordnen. In einem letzten Teil werden schließlich beide Konzepte miteinander verglichen. Dazu werden sie anhand der Merkmale, die sich im Darstellungs-Teil als typisch herauskristallisiert haben, gegenübergestellt

und auf die Berührungspunkte und jeweilige Eigenheiten untersucht. Durch dieses Gegeneinanderhalten, so das Ziel dieser Arbeit, werden die Konturen beider Konzepte deutlicher hervortreten und daraus können sich schließlich neue Perspektiven und Anknüpfungspunkte ergeben.

[5] Gerber, Berufen 2008, S. 247.

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