6 Theoretische Grundlagen

6 Theoretische Grundlagen

6.1 Lernen als neuronale Veränderung

Das Zürcher Ressourcen Modell greift, um die menschliche Verhaltenssteuerung zu verstehen, auf ein neurowissenschaftliches Erklärungsmodell zurück. Damit greift es einen Trend auf. Seit Beginn des Jahrhunderts ist ein breites Interesse an der Hirnforschung aufgekommen. Zahlreiche Erkenntnisse der jüngeren Forschung haben auch das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit geweckt. Einige dieser Ergebnisse sehen die Autoren als gute Grundlage an, um die Modelle verschiedener psychologischer Traditionen miteinander zu verbinden. [282] Hierzu betrachten sie zunächst die neuronalenVeränderungen, die im Gehirn beim Lernen stattfinden.

Der Hirnforscher Donald Hebb entwickelte 1949 das Modell der „neuronalen Plastizität“. Demnach können sich die Verbindungsstellen zwischen einzelnen[45] Neuronen (Synapsen) verändern, je nachdem wie oft sie verwendet werden.

Dies ist ähnlich einem Muskel, der durch Beanspruchung trainiert wird. Häufig ausgelöste Reize zwischen den Nervenzellen stärken ihre Verbindung und erhöhen die Aktivierbarkeit. Dies kann auf verschiedene Weisen geschehen: Entweder durch eine höhere Ausschüttung des Botenstoffs, der im synaptischen Spalt das Signal vermittelt; oder durch eine Erhöhung der Rezeptoren, die im Empfängerneuron auf den Botenstoff reagieren.

Eine dritte Möglichkeit ist die Vergrößerung der Verbindungsfläche zwischen den Neuronen [283] (Siehe Abb. 1) Die neuronale Plastizität ermöglicht auch die Bildung von ganz neuen Verbindungen zwischen Neuronen.

 

 

 

 

 

Abbildung 1: Schematische Darstellung des Vorgangs an der Schnittstelle zweier Neuronen (Synapse). Am sendenden Ende (Axon) eines Neurons, kommt ein Signal in Form eines chemischen Aktionspotenzials an und bewirkt die Ausschüttung eines Botenstoffs Neurotransmitter).

Dieser breitet sich im synaptischen Spalt aus und gelangt zum Empfänger-Ende (Dendrit) eines zweiten Neurons. Dort wird er von Rezeptoren registriert und löst ein neues Signal in der zweiten Zelle aus. [Bildquelle: gemeinfreies Bild (Wikimedia Commons), Beschriftung verändert]

Die Hebb’sche Lernregel fasst diese Vorgänge zusammen. Sie lautet in einprägsamer Form: „Cells that fire together, wire together.“ [284] (Zellen die gleichzeitig aktiviert werden, verkoppeln sich.) [285]

Wird eine Verbindung nicht oder nur selten benutzt, so bildet sie sich zurück und kann dann sogar von anderen häufig genutzten Verbindungen verdrängt werden. Das Gehirn ist somit als dynamisches anpassungsfähiges Netzwerk aufzufassen.

Aus diesen einfachen Veränderungen setzen sich alle Lernprozesse zusammen, die im Laufe des ganzen Leben stattfinden. Dies betrifft kognitive Inhalte, Gefühle und unbewusste Verhaltenssteurung gleichermaßen.


[282] Vgl. ebd., S. 33.

[283] Vgl. ebd., S. 41.

[284] Ebd., S. 38.

[285] Bei Hebb lautet die Regel im Original: “When an axon of cell A is near enough to excite a cell B and repeatedly or persistently takes part in firing it, some growth process or metabolic change takes place in one or both cells such that A’s efficiency, as one of the cells firing B is increased.“ (Hebb, Behavior 2002, S. 62)


Das Aktivieren und Stabilisieren neuer synaptischer Verbindungen wird auch als „Bahnung“ bezeichnet.

Veranschaulichen lässt sich dies am Bild einesWeges, der durch unwegsames Gelände gebahnt wird, bis er zu einem Trampelpfad, dann zu einem breiteren Weg und schließlich zu einer asphaltierten Straße wird.Wird er für längere Zeit nicht begangen, so wuchert er wieder zu. [286]

Jedoch darf man sich das Erlernen von Gedächtnisinhalten nicht als Bahnung eines einspurigen Informationskanals durch die Neuronen vorstellen.

Vielmehr bilden sich miteinander vernetzte Bahnen aus. Dies geschieht dann,wenn infolge eines Reizes mehrere Verbindungen gemeinsam ausgelöst werden. Werden sie wiederholt gleichzeitig aktiviert, so bildet sich ein zusammenhängendes Erregungsmuster heraus. [287]

Lernen lässt sich somit verstehen als die Verknüpfung von Reizen aus unterschiedlichen Gehirnregionen: etwa von Eindrücken unserer Sinne, von Emotionen oder abstrakten Begriffen.

Dies bezeichnet man als „Multicodierung“. [288] Ist ein solches Netz stark genug gebahnt, so reicht die Aktivierung eines einzelnen Kanals, um das gesamte Netz zu aktivieren. [289] Auf dieseWeise lässt sich die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses erklären.

Der Psychotherapeut Grawe schreibt:

„Der einzelne Gedächtnisinhalt ist durch ein bestimmtes neuronales Erregungsmuster

repräsentiert, für das aufgrund vorangegangener Bahnung eine erhöhte Bereitschaft

in Form synaptischer Verbindungsgewichte vorliegt […]. Wenn wir uns an etwas

erinnern, wird ein früherer neuronaler Erregungszustand unter dem Einfluss aktueller

Kontextbedingungen ‚reinstantiiert‘.“ [290]

Als Beispiele nennen Krause/Storch hier das Phänomen, dass, wenn man ein Lied hört, welches beim ersten Kuss gespielt wurde, dabei schlagartig alle schönen Gefühle dieses Moments auftauchen können; oder etwa typischen Krankenhausgeruch, der bei uns sofort ein unangenehmes Gefühl auslöst. [291]

Das Gehirn vervollständigt also die Informationen, die es bekommt – und zwar nicht nur rational, sondern unter Einbeziehung aller Verknüpften emotionalen, körperlichen und sinnlichen Erinnerungen. [292]

Einen entscheidenden Schritt von der Neurowissenschaft hin zur Psychologie vollzieht Grawe, wenn er darauf hinweist, dass sich die neuronalen Netze mit dem identifizieren lassen, was Jean Piaget „Schema“ nennt. [293]

Ein Schema, das wir zum Beispiel von einer bestimmten Person haben, setzt sich zusammen aus verschiedenen elementaren Erinnerungen, wie dem optischen Eindruck, Gefühlen und körperlichen Erinnerungen aus dem Kontakt mit der Person, dem Geruch und dem Klang des Namens. [294] Die Schemata, die wir erwerben, haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. [47]

Auf ihrer Grundlage kommt es zu einer unbewussten Selektion der Informationen aus unserer Umwelt. Wir registrieren also nur eine begrenzte Anzahl von den Reizen, die eigentlich auf uns einströmen. Gleichzeitig vervollständigen wir diese Wahrnehmungen mit bereits vorhandenen Gedächtnisinhalten. Man kann Wahrnehmung also als „aktiven Konstruktionsprozess“ verstehen. [295]

Die Schemata liegen auch der Steuerung unseres Verhaltens zugrunde. Sie ordnen sich in Hierarchien an und legen so unsere Bereitschaft zu Intentionen, Gefühlen und Handlungen fest. In dieses Modell kann Grawe auch ein Schema des eigenen Selbst, d.h. eine mentale Repräsentation der eigenen Persönlichkeit fassen:

„Wenn wir uns Schemata hierarchisch organisiert vorstellen […], müssen wir an der Spitze der Hierarchie schliesslich so etwas wie ein übergreifendes Selbstschema konzipieren, das die psychische Aktivität des Individuums massgeblich bestimmt.“ [296]

Für das ZürcherRessourcen Modell ist wichtig, dass in die neuronalenNetze, die Schemata, auch körperliche und emotionale Erfahrungen einfließen. Dies soll für eine bewusste Steuerung der eigenen Handlungen nutzbar gemacht werden.


[286] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 38; siehe auch Hüther, Angst 2001, S. 63.

[287] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 42.

[288] Vgl. ebd.

[289] Ein Beispiel: Beim Vokabellernen weiß man sich dies effizient zunutze zu machen: Die Vokabel wird gelesen (optischer Kanal) aufgeschrieben (sensomotorisch), vorgesprochen (auditiv), imaginiert, in Eselsbrücken eingebaut (sprachliches Erfahrungsgedächtnis) und schließlich in einen Gesprächskontext eingebaut (emotional u.a.). Nach häufiger Wiederholung reicht dann schon ein Aufrufen des Wortes oder Bildes vor dem inneren Auge, um die gewünschte Vokabel aufzurufen.

[290] Grawe, Therapie 1998, S. 230.

[291] Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 43.

[292] Ein anderes Beispiel liefert Kentenich im längeren zitierten Text auf Seite 16. Im Unterschied zu hier handelt es sich dort um kein Netz, was durch mehrmalige Aktivierung gebildet wird, sondern durch eine Situation mit sehr starken Reizen. Die Folge ist eine posttraumatische Belastungsstörung.

[293] Vgl. Grawe, Therapie 1998, S. 215.

[294] Siehe auch Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 42.

[295] Grawe, Therapie 1998, S. 211.

[296] Ebd., S. 226.


6.2 Rationale und affektive Verhaltenssteuerung

Im Folgenden soll in den Blick genommen werden, wie Handlungsentscheidungen im Gehirn entstehen. Auf ganz elementarer Ebene arbeitet jedes Gehirn zunächst nach einem dualen System: Das entscheidende Kriterium, um den Nutzen einer Handlung für den Organismus zu bewerten, ist das psychobiologische Wohlbefinden. Jede Handlung des Organismus wird danach bewertet, ob sie diesem Ziel zu- oder abträglichwar. [297]

Das Ergebnis dieses Prozesses wird als Erfahrung in Form einer bestimmten Synapsenverbindungen gespeichert.

Manche dieser Erfahrungen sind bereits sehr früh im Laufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte gemachtworden. Sie haben sich in der Evolution als so vorteilhaft erwiesen, dass ihr Programm im genetischen Bauplan abgespeichert und jedem Menschen angeboren ist. [298] Daher kann man sie als „Ahnenschatz“ an Erfahrungen bezeichnen. [299]

Sie betreffen meist das Handeln auf der Ebene der Instinkte. Andere Erfahrungen prägen sich erst im Laufe des Lebens ein. Dies ist abhängig vom Grad der neuronalen Plastizität, die in bestimmten Lebensphasen größer oder kleiner ist. [300]

In frühen Entwicklungsphasen des Gehirns sind die Verschaltungen noch verformbarer. Erfahrungen, die im Mutterleib oder in der Kindheit gemacht werden, prägen sich daher nachhaltiger ein und wirken instinktähnlich. [301]

Psychische Störungen können in dieser Theorie einfach als Fehlfunktion dieses Steuerungssystems beschrieben werden. Sie liegt dann vor, wenn das Gehirn aufgrund des erworbenen Erfahrungswissens dauerhaft Verhaltensweisen zur Verfügung stellt, die schlecht an die Umwelt angepasst sind und zur Verminderung des psychobiologischenWohlbefindens beitragen. Solche Verhaltensweisen werden auch als „maladaptives“ Wissen bezeichnet im Gegensatz zu „wohladaptivem“ Wissen, mit dem der Organismus gut auf seine Umwelt eingestellt ist, also einen Anstieg seines Wohlbefindens erreicht. [302]

Erfahrungen können im Gehirn auf verschiedene Weise abgespeichert sein. So treten bei der Steuerung von Entscheidungen verschiedene Systeme im Gehirn miteinander in Konkurrenz mit teilweise ungewissem Ausgang. [303]

Der Hirnforscher Gerhard Roth unterscheidet hier im wesentlichen drei Ebenen, deren Prozesse vorrangig mit dem limbischen System in Verbindung stehen. Die oberste Ebene umfasst bewusste Entscheidungen, – das was wir gemeinhin mit „Verstand“ bezeichnen. [304] Hierfür sind Vorgänge wichtig, die auf kortikalen, d.h. äußeren Bereichen des Gehirns (Hirnrinde, lat. Cortex) liegen. [305]

Auf dieser Ebene wird zur Bewertung von Dingen oder Ereignissen einerseits auf detaillierte Sinneswahrnehmungen zurückgegriffen, andererseits auf expliziten autobiographischen Gedächtnisinhalte, die stark durch die in der Erziehung vermittelten gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen geprägt sind. [306]

Der Verstand verleiht dem Menschen eine Fähigkeit, die ihn allen anderen Tieren überlegen macht: Er kann Probleme rational auf seine Einzelbestandteile analysieren, zukünftige Folgen seiner Handlungen gegeneinander abwägen und auf dieser Grundlage eine Entscheidung treffen. Dies ermöglicht sogar ein Reagieren auf zuvor nicht erlebte, völlig unbekannte Situationen. Roh bezeichnet dieses System als ein „besonderes Werkzeug des Gehirns“. [307]

Seine Bearbeitungsprozesse sind aufwändig und verbrauchen viel Stoffwechselenergie. [308] Daher werden sie von unserem Organismus nur dann eingesetzt, wenn unbedingt erforderlich.

Wesentlich effektiver arbeitet der subkortikale Bereich. Dort finden Vorgänge emotionaler Konditionierung statt. Die Handlungen werden danach bewertet, ob sich unmittelbar an sieWohlbefinden oder Unbehagen anschließt. Roth beschreibt, wie die entsprechenden Gehirnregionen arbeiten:

„Sie bewerten alles, was der Körper tut, nach den positiven und negativen Konsequenzen

dieses Tuns und speichern die Resultate dieser Bewertung im unbewussten

emotionalen Erfahrungsgedächtnis ab.“ [309]

Die hier gespeicherten Erfahrungen werden vom Gehirn permanent abgerufen, um unsere aktuelle Situation zu bewerten und unser Handeln entsprechend zu lenken. Dies wird noch inAbschnitt 6.3 unter dem Begriff der „somatische Marker“ näher behandelt. Die Vorgänge können für uns gelegentlich in Formeines diffusen Bauchgefühlswahrnehmbarwerden, oft jedoch beeinflussen sie unsere Entscheidungen, ohne dass wir dies bemerken.

Vom Grad der Bewusstheit liegen sie also unterhalb der rationalen Handlungssteuerung auf einer mittleren Ebene. Das emotionale Erfahrungsgedächtnis beginnt bereits im Mutterleib zu arbeiten, lange bevor das Bewusstsein einsetzt. Die allerersten Erfahrungen, die der Mensch in der Zeit vor und nach der Geburt macht, sind am wichtigsten. [310] Sie prägen sich am tiefsten und nachhaltigsten ein, sind später dem Bewusstsein kaum zugänglich und nur schwer änderbar. Aber auch die im späteren Leben gemachten emotionalen Erfahrungensind relativ nachhaltig. Die auf ihnen basierenden Handlungsmechanismen werden nur sehr langsam gelernt und können auch nur sehr langsam umgelernt werden. [311]

Die Ebene der Gefühle wird auch als sekundär bezeichnet, weil wir sie während unseres Lebens erwerben.[312] Es gibt jedoch im sukortikalen Bereich noch eine tiefere Ebene der primären Affekte.

Sie „umfasst […] Zentren für elementare, d.h. lernunabhängige affektive Zustände (Wut, Furcht, Lust, reaktive Aggression bzw. Verteidigung, Flucht usw.).“ [313] Sie beinhalten den „Ahnenschatz“, also die Handlungsmuster, die uns angeboren sind. Roth macht hier auch die Grundzüge der Persönlichkeit fest, die unser Temperament bestimmen, also eine bestimmte in vielen Situationen typische Verhaltensweise (gelassen, besorgt, ruhig, aufgebracht usw.) Diese Ebene ist für das Bewusstsein nur schwer zugänglich, geschweige denn zu kontrollieren. [314]

Bei der Steuerung unseres Verhaltens wirken kortikale und subkortikale Prozesse zusammen und kommunizieren nach bestimmten Regeln untereinander. Generell kann man sagen, „dass die Wirkungen von unten nach oben stärker sind als in die umgekehrte Richtung.“ [315]

Die Bewertungen und Impulse aus dem subkortikalen Bereich haben also Vorrang. Der kortikale Bereich wird dann hinzugezogen, wenn es sich um eine unbekannte Situation handelt, um ein komplexes Problem oder Planungen, die die längerfristige Zukunft betreffen. [316]

Den entscheidenden Auslöser gibt aber auch in solchen Situationen das Gefühl. So sind Patienten, denen die entsprechenden Hirnbereiche [317] fehlen, nicht in der Lage eine Handlung vorzunehmen, die sie mit dem Verstand als richtig erkannt haben. „Ohne Gefühle sind wir rein passive Wesen, wie großartig unser Verstand auch arbeiten mag.“ [318]

Hinzu kommt die Tatsache, dass die Bewertungen des Verstandes eine weitaus längere Verarbeitungszeit benötigen.Wenn wir einen Reiz erhalten, der möglichst schnell in einen (motorischen) Handlungsimpuls umgesetzt werden muss, dann haben die Verarbeitungssignale, die den direkteren Weg über die subkortikalen Bereiche laufen, keine Zeit, um die Prozese aus den höheren Hirnregionen zu berücksichtigen. Dass dies in der Evolution durchaus vorteilhaft sein kann, verdeutlicht LeDoux an einem Beispiel:

Ein Wanderer sieht im Wald eine Schlange. Dabei wandert ein schnelles Signal durch die niedere Ebene und liefert nur eine „grobe, fast archetypische“ Repräsentation des visuellen Reizes. [319]

Die Information lautet: „Da ist etwas Schmales, Gekrümmtes!“ Dieser Schlüsselreiz bewirkt eine sofortige instinktive Schreckreaktion, derWanderer zuckt zurück. Erst allmählich erreicht das Signal auch die äußeren Sehzentren (den visuellen Cortex),wo eine detaillierte Analyse der Seh-Information stattfindet. In einer zweiten Reaktion entspannt sich der Wanderer, weil ihm bewusst wird, dass die vermeintliche Schlange eigentlich ein Stock ist.

Der Vorsprung, den der primäre Affekt gegenüber dem Verstand hat, kann über Leben und Tod entscheiden. [320]

„Im Interesse des Überlebens […] ist es vorteilhafter,einen Stock irrtümlich für eine Schlange zu halten, als eine Schlange für einen Stock zu halten.“ [321]

Einen weiteren Vorteil stellt die bereits erwähnte Energieersparnis der unbewussten Prozesse dar. Einen Überblick über die kortikale und die subkortikale Ebene bietet Tabelle 1.

Tabelle 1: Vergleich von rationaler und affektiver Entscheidungsebene (nach Storch/Krause, Selbstmanagment 2014, S. 113)

Allerdings können aus diesem bewährten System auch Handlungen resultieren, die uns gemessen an unseren Vorstellungen vom Leben unzufrieden machen. Zum Beispiel kennen viele Personen „Heißhunger-Attacken“ auf Schokolade, in denen sie große Mengen davon verspeisen, bevor sich der Verstand einschalten kann und ihnen sagt, dass sie eigentlich auf seine Gesundheit achten sollten. Eine solche „Fehlfunktion“ bringt uns zwar (meistens) nicht in Lebensgefahr, kann aber nachträglich unser Wohlbefinden erheblich reduzieren.

Beinahe jeder Mensch kennt Situationen, in denen er aus einem spontanen Impuls Dinge tut, die er hinterher bereut. Das ZRM nennt drei Arten, wie der Verstand zum Unbewussten eingestellt sein kann.

(1.) Impulsivität umfasst Beispiele wie das eben erwähnte. Hier lässt der Verstand den Emotionen und Affekten freien Lauf. Das Gegenteil ist

(2.) die Selbstkontrolle, bei der der Verstand versucht, durch bewusste Willensentscheidungen die unbewussten Handlungsimpulse zu kontrollieren. Da hierzu die Gefühle unterdrückt werden müssen, kann diese Strategie extrem unangenehm sein. Sie erfordert viel Konzentration und ist nicht in allen Situationen erfolgreich. [322]

(3.) Bei der Selbstregulation nehmen Verstand und Gefühl wechselseitig aufeinander Bezug, bis sie schließlich auf ein gemeinsames Ziel hin ausgerichtet sind. [323]

Dieser Weg ist am förderlichsten für das eigene Wohlbefinden. Er benötigt jedoch Methoden, mit denen der Verstand Einfluss auf die Ebene des Unbewussten nehmen kann. Dies gestaltet sich als Herausforderung, da man gegen das Prinzip arbeiten muss, das besagt, dass die Wirkungen vom Unbewussten ins Bewusste stärker sind als umgekehrt. [324]

Ziel des Zürcher Ressourcen Modells ist es, mit den Teilnehmern ein erfolgreiches Verfahren der Selbstregulation zu trainieren.


[297] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 47.

[298] Vgl. Hüther, Gehirn 2013, S. 112.

[299] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 35.

[300] Vgl. Jörg Bock, in: ebd., S. 83.

[301] Vgl. Hüther, Gehirn 2013, S. 51f. Hier lassen sich auch tiefenpsychologische Konzepte wie die Wirkung früher Angsterfahrungen oder Urvertrauen neurowissenschaftlich fassen. (Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 36)

[302] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 37.

[303] Vgl. ebd., S. 35.

[304] Vgl. ebd., S. 58.

[305] Die hier übernommene Einteilung in kortikale und subkortikale Bereiche ist sehr schematisch und plakativ. Hier ließe sich noch weiter in einzelne Zentren differenzieren, deren Aufgaben nicht exakt der hier zugrunde gelegten Anordnung entsprechen. Diese grobe Einteilung ist jedoch sehr anschaulich und dient dem Verständnis.

[306] Vgl. Roth, Fühlen 2003, S. 374f.

[307] Ebd., S. 239.

[308] Vgl. ebd.

[309] Ebd., S. 373.

[310] Vgl. ebd., S. 373f.

[311] Vgl. ebd., S. 374.

[312] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 50.

[313] Roth, Fühlen 2003, S. 373.

[314] Vgl. ebd.

[315] Ebd., S. 375.

[316] Vgl. ebd., S. 376.

[317] orbitofrontaler Cortex und Amygdala

[318] Roth, Fühlen 2003, S. 375.

[319] LeDoux, Gefühle 2001, S. 177.

[320] Vgl. ebd.

[321] Ebd., S. 178.

[322] Nach Storch/Krause gibt es fünf Störfaktoren, unter denen die Selbstkontrolle zusammenbricht: 1. kognitive

Überlastung 2. Unterforderung, Langeweile 3. starke Gefühle 4. Ablenkung durch ein Umfeld mit

vielen Reizen 5. mangelnde Befriedigung körperlicher und seelischer Bedürfnisse. (Vgl. Storch/Krause,

Selbstmanagement 2014, S. 117f)

[323] Vgl. ebd., S. 119.

[324] “Ein konstitutionell oder aufgrund frühkindlicher Konditionierung ängstlicher Mensch kann sich nur wenig damit beruhigen, dass er sich sagt, von der anstehenden Prüfung hänge ‚eigentlich‘ gar nichts ab; angstfrei wird er durch diese Erkenntnis bestimmt nicht.
Auch ein erfolgreicher Verlauf von Prüfungen wird ihn entweder nur ganz langsam oder überhaupt nicht von seiner Prüfungsangst befreien.“ (Roth, Fühlen 2003, S. 375)


6.3 Somatische Marker

Um die Arbeitsweise der emotionalen Handlungssteuerung besser zu zugänglich zu machen, verwendet das ZRM die Theorie der somatischen Marker von Antonio R. Damasio.

Wie bereits dargestellt, sind Bewertungen über vergangene Situationen im emotionalen Erfahrungsgedächtnis abgespeichert.

Roth bezeichnet Gefühle daher als „konzentrierte Lebenserfahrung“. [325] Sie treten in Form von somatischen Markern wieder in Aktion, wenn in einer aktuellen Situation entschieden werden muss, wie wir uns verhalten sollen.

Dabei blitzen vor unserem inneren Auge Schlüsselszenen auf, die denkbar mögliche Reaktionen enthalten. [326]

Damasio schreibt:

„Die Schlüsselelemente entfalten sich in unserer Vorstellung sofort, in großen Umrissen

und praktisch gleichzeitig, viel zu schnell, um Einzelheiten klar herauszuarbeiten.

(…) Bevor Sie (…) logische Überlegungen zur Lösung des Problems anstellen,

geschieht etwas sehr Wichtiges: Wenn das unerwünschte Ergebnis, das mit einer

gegebenen Reaktionsmöglichkeit verknüpft ist, in Ihrer Vorstellung auftaucht, haben

Sie, und wenn auch nur ganz kurz, eine unangenehme Empfindung im Bauch.“327

Damasio nennt diese Art von Empfindungen „somatische Marker“, da sie im Körper (z.B.

im Bauch) spürbar werden (griechisch tä sÀma = der Leib) und da sie eine Vorstellung

„markieren“.

Wie er weiter ausführt, dient dieses System dazu, die Zahl der Auswahlmöglichkeiten erheblich zu reduzieren. Diese können im Nachhinein rational analysiert werden. [328]

Somatische Marker helfen uns nicht nur bei der Vermeidung, sondern auch bei der Motivation. Wenn wir ein Problem erfolgreich gelöst haben, erteilt unser internes Belohnungssystem eine Ausschüttung des Hormons Dopamin. Die Erinnerung an das positive Gefühl im Körper ermutigt uns in späteren ähnlichen Entscheidungssituationen wieder so zu handeln.

Storch/Krause verdeutlichen das daran, dass jede Situation, in der wir einen bewussten starken Entschluss fassen, von einer „guten Empfindung im Bauch“ begleitet wird. [329]

Bezüglich einer Situation können auch positive und negative somatische Marker auftreten. Das hängt damit zusammen, dass sie von unterschiedlichen Systemen im Gehirn (Bestrafungs- und Belohnungssystem) erzeugt werden, die beide gleichzeitig aktiv sein können. [330]

Im ZRM spielt auch die Tatsache eine wichtige Rolle, dass somatische Marker nicht einfach „geistige“ Gefühle sind, sondern dass sich in ihnen eine starke Kopplung von Gefühlen und Körper zeigt. Die somatischen Marker werden über körperliche Prozesse erzeugt, die im Körper spürbar sind. Damasio sieht in Gehirn und Körper „einen unauflöslichen Organismus, integriert durch wechselseitig aufeinander einwirkende biochemische und neuronale Regelkreise.“ [331]

Als Beispiele nennt er das Hormon-, das Immun- und das autonome Nervensystem. [332] Die körperliche Dimension ergibt sich auch aus der Tatsache, dass somatische Marker den Zweck der Verhaltenssteuerung haben: „Verhalten hat mit Aktion zu tun. Um Aktionen auszuführen brauchen wir unseren Körper.“ [333] In unserem emotionalen Erfahrungsgedächtnis sind also auch die sensomotorischen Empfindungen von vergangenen Handlungen gespeichert. Diese werden bei den Erinnerungen mit abgerufen.
[334] Die enge Verbindung von Gefühlen, Körperempfindungen und Bewegungen wird mit der Methode des „Embodiment“ im ZRM genutzt.

Die von den somatischen Markern ausgelösten Empfindungen müssen nicht immer bewusst wahrgenommen werden. Menschen, die sich hier generell schwer tun, können ihre Körperwahrnehmung trainieren, um ihre Sensibilität zu erhöhen. Das ZRM legt hierauf einen großen Wert. Ein gutes Verhältnis zu seinem unbewussten Gedächtnis kann auch die kognitive Leistung entscheidend verbessern. So lernen wir etwa erheblich motivierter, wenn wir positive somatische Marker bezüglich des Lerngegenstands haben. Man kann den somatischen Markern jedoch noch eine höhere Bedeutung zumessen.
Storch/Krause sehen in ihnen einen Wegweiser, der dabei hilft, sein Handeln so zu gestalten, dass es als übereinstimmend mit dem eigenen Selbst wahrgenommen wird („Selbstkongruenz“). Sie betonen, „dass das affektive System nicht nur generell eine Unterstützung bei Entscheidungsprozessen bietet, dass es nicht nur dabei hilft, durch positive somatische Marker Motivation und Willenskraft auszulösen, sondern dass es auch direkte Spiegelung dessen ist, was tiefstes Selbsterleben ausmacht.“ [335]

Die Autoren schlagen daher vor, hierüber einen wissenschaftlichen und therapeutischen Zugang zum bisher schwer fassbaren Begriff des „Selbst“ zu suchen. [336]


[325] Ebd.

[326] Vgl. Damasio, Descartes’ Irrtum 1994, S. 234.

[327] Ebd., S. 236.

[328] Vgl. ebd., S. 238.

[329] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 55.

[330] “Bei positiven Bewertungen ist der Nucleus accumbens im Spiel, bei negativen Bewertungen hat die Amygdala eine wichtige Aufgabe“. (Ebd., S. 124, Hervorhebungen A.S.)

[331] Damasio, Descartes’ Irrtum 1994, S. 18.

[332] Vgl. ebd.. In einem Experiment konnte Damasio die Reaktion des autonomen Nervensystems auf negative somatische Marker über eine körperliche Reaktion zeigen: Die Probanden betrachteten dazu eine Abfolge von hunderten von Dias, von denen hin und wieder ein paar einen „beunruhigenden“ Inhalt zeigten. Die dann einsetzenden somatischen Marker bewirkten bei den Patienten eine erhöhte Schweißabsonderung, die zu einer messbaren Erhöhung des Hautwiderstandes führte. Patienten mit geschädigtem präfontalem Cortex, wo die somatischen Marker verarbeitet werden, zeigten diese Reaktion nicht, obwohl sie das Beunruhigende an den Bildern erklären konnten. (Siehe ebd., S. 279-284)

[333] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 52.

[334] Zur Verdeutlichung eignet sich ein Beispiel, das oft in verschiedenen Kontexten angeführt wird: Man schließe die Augen und stelle sich intensiv vor, man würde in eine saftige, saure Zitrone beißen. Dann wird man

  1.  eine leichte Empfindung von Säure im Mund verspüren;
  2. wird der Speichelfluss angeregt;
  3. spannen sich die Gesichtspartien um den Mund etwas an – eine abgeschwächte Reaktion von der, die wir auf echte Zitronensäure im Mund zeigen würden.

Dies lässt sich so erklären, dass zusammen mit der bildlichen Vorstellung auch eine „Erinnerung“ unserer Geschmackszellen aktiviert wird.

[335] Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 57.

[336] Vgl. ebd., S. 58.


6.4 Die Verinnerlichung von Verhaltensweisen

6.4.1 Der Lernbegriff des ZRM

Die in Abschnitt 6.2 eingeführte Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Gehirnprozessen kann weiterverfolgt werden, um den Lernprozess besser zu verstehen. Die folgenden Überlegungen sind jedoch etwas allgemeinerer Natur: Die Forschung unterscheidet zwischen „explizitem“ und „implizitem“ Gedächtnis. [337]

Dies lässt sich so verdeutlichen, dass explizite Gedächtnisinhalte (sprachlich) benannt werden können, während dies bei impliziten schwierig oder unmöglich ist. Ein weiterer Unterschied betrifft den Grad der Bewusstheit bei der Verwendung der Inhalte:

„Explizite Prozesse benötigen Zeit und Aufmerksamkeit, implizite Prozesse können

automatisch in Sekundenschnelle abgerufen werden. Explizite Prozesse sind

störungsanfällig, implizite Prozesse laufen, wenn sie einmal ausgelöst wurden, mit

hoher Zuverlässigkeit ab.“ [338]

Lernen kann nun psychologisch so verstanden werden, dass ein Gedächtnisinhalt vom expliziten in den impliziten Zustand überführt werden kann, wenn man ihn lange genug trainiert. Nach dem Modell der neuronalen Plastizität lässt sich dies als Bahnung eines neuen Netzwerks von Verschaltungen verstehen:

„Durch häufige Wiederholungen werden die neu entstandenen Verbindungen […]

immer besser gebahnt. Sie sind dann immer leichter aktivierbar und gewinnen so

immer leichter Einfluss auf die psychische Aktivität, ohne dass dies mit Bewusstheit

verbunden ist.“ [339]

Dies gilt für alle Arten von Gedächtnisinhalten, ganz gleich ob wir eine Sprache lernen, Fachwissen, eine Sportart, ein Musikinstrument oder Verhaltensstrategien aus dem ZRM-Training. Das emotionale Erfahrungsgedächtnis ist ein Teil des impliziten Gedächtnisses.

Im ZRM sollen neue Verhaltensweisen eintrainiert werden, indem ihnen so lange Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt wird, bis sie im impliziten Modus ohne bewusste Überlegungen ablaufen können. Dies ist die Voraussetzung, dass sie andere unerwünschte

Automatismen des Unbewussten ersetzen und deren neuronale Netze sich zurückbilden.

[337] Vgl. Roth, Fühlen 2003, S. 154. Die Unterscheidung stammt vom Psychologen Daniel Schacter. Analog stellte Larry Squire „deklaratives“ und „prozedurales“ Gedächtnis gegenüber.

[338] Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 63.

[339] Grawe, Therapie 1998, S. 266.


6.4.2 Lerneffekte durch Priming

Priming ist ein Phänomen der Verhaltenssteuerung, die dem impliziten Gedächtnis zugerechnet wird. In Anknüpfung an die Multicodierung (siehe Abschnitt 6.1) lässt es sich so verstehen, dass ein Schlüsselreiz (Vorreiz, engl. Prime) ein ausreichend gebahntes neuronales Netz aktiviert. Bei der betreffenden Person wird eine Assoziation ausgelöst, die sie zu bestimmten Wahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken oder Handlungen neigen lässt. [340]

Interessant ist: Der Vorreiz kann so kurz oder beiläufig sein, dass er gar nicht bewusst wahrgenommen wird. Da auch die Verarbeitung nicht bewusst geschieht, bemerken Betroffene meist nicht, dass ihr Handeln durch Priming beeinflusst wird.. In einem klassischen Experiment müssen Probanden eine Aufgabe am Computerbildschirm lösen, an dem für kurze Zeit – unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle – Wörter oder Bilder aufblitzen, mit denen die Versuchspersonen auf bestimmt Themen geprimt werden.

Dies beeinflusst etwa die Antworten, die die Teilnehmer in einem anschließenden Interview geben. In einer anderen Versuchsanordnung wurden Probanden Zitrusduft ausgesetzt, der bei uns in den meisten Putzmitteln enthalten ist. Im Anschluss sollten sie in einem anderen Raum an einem Tisch einen stark bröselnden Keks essen. Es stellte sich heraus, dass die Probanden stärker auf Sauberkeit achteten als eine Kontrollgruppe, die keinem Zitrusduft ausgesetzt gewesen war. [341]

Bilder, Wörter, Geräusche, Düfte und auch Gegenstände können als Primes dienen. Unser Alltag ist voll von beabsichtigtem und unbeabsichtigtem Priming. Hierzu zählen etwa Werbegeschenke wie Kugelschreiber oder Bilder von vertrauten Menschen. [342]

Myers bezeichnet Priming als eine „unsichtbare Erinnerung, derer Sie sich nicht bewusst sind.“ [343]

So lässt es sich auch gezielt anwenden, um die Verfolgung von Zielen im Unterbewusstsein zu verankern. Die Autoren des ZRM sehen hierin im Wesentlichen zwei Vorteile, die sie für die Verwendung im ZRM geltend machen. Zum einen laufen durch Priming gestützte Handlungen wesentlich stabiler ab. In schwierigen Situationen oder unter Störungen laufen sie weniger Gefahr, infrage gestellt und aufgegeben zu werden. Zweitens benötigen sie keine bewusste Aufmerksamkeit mehr, da das Unterbewusstsein automatisch auf Informationen in der Umgebung achtet, die zur Zielverwirklichung benötigt werden. Die Person wird in einen Zustand unterschwelliger Aufmerksamkeit versetzt, den man auch als Vigilanz bezeichnet. [344]

[340] Vgl. Myers, Psychologie 2014, S. 237.

[341] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 159.Myers nennt einen alltagstauglichenTest für Priming:

„Stellen Sie einem Freund ein paar Kreuzfeuerfragen: a) Wie nennt man die Verbindung zwischen Stecker und Radio? b) Wer in der Bibel wurde von seinem Bruder Kain erschlagen? c) Womit isst man Suppe? Wenn Ihr Freund dann auf die 3. Frage antwortet: ‚Gabel!‘, dann haben Sie den Priming-Effekt demonstriert.“ (Myers, Psychologie 2014, S. 345)

[342] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 258f.

[343] Myers, Psychologie 2014, S. 346.

[344] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 162.


6.4.3 Embodiment

Eine weitere Methode zur Arbeit mit dem impliziten Erfahrungswissen ist das „Embodiment“ (zu deutsch etwa: „Verkörperung“). Der Begriff bezeichnet die Einbeziehung des Körpers in die Psychologie. Damit wird ein bestimmter Aspekt der Bahnung von multicodierten Netzwerken in den Blick genommen:

Im Abschnitt 6.3 wurde bereits eine körperliche Komponente der somatischen Marker aufgezeigt. Die emotionalen Erfahrungen werden zusammen mit Erinnerungen des Körpers in einem neuronalen Netz gespeichert: der Organismus merkt sich etwa Haltungen und Bewegungen, die er in einer bestimmten Situation ausgeübt hat. Die Verknüpfung von Bewegungen und Situationsbewertungen ist grundlegend und findet sich sogar bei sehr einfach aufgebauten Organismen in der Tierwelt, die nur über ein einfaches Spektrum an Reaktionen wie „Annähern/Vermeiden“ verfügen.

Auch unsere grundlegenden Affekte sind mit instinktiven körperlichen Reaktionen verknüpft, was am Beispiel von Schreck sehr deutlich wird. Diese Tatsachen legen nahe, von einer zweiseitigen Wechselbeziehung von Leib und Seele auszugehen; beide müssen als Einheit verstanden werden. [345] Es sind verschiedene Phänomene bekannt, wie der Körper unsere Gefühle beeinflusst. Wenn man seine Gesichtsmuskeln zu einem Lächeln bringt, so kann das selbst ohne ein Gegenüber nach kurzer Zeit zu einer Stimmungsaufhellung beitragen. [346] Ähnliches gilt für die Haltung des Oberkörpers. Eine zusammengesunkene Haltung mit gebeugtem Kopf erzeugt ein Gefühl von Schwäche und Minderwertigkeit, eine aufrechte Haltung dagegen bewirkt Selbstwertgefühl und Tatendrang. [347]

In einem Experiment konnte gezeigt werden, dass flüssige, runde Bewegungen die Kreativität fördern, während abgehackte Bewegungen diese hemmen. [348] Der Zusammenhang vieler Körperhaltungen mit bestimmten Stimmungen ist ein Effekt der Sozialisation, er kann daher kulturell oder sogar individuell unterschiedlich sein. [349]

Embodiment bildet auch eine wichtige Voraussetzung für Lernprozesse. Einerseits müssen wir den Körper als integralen Bestandteil des Lernens betrachten. Das heißt, dass etwas dann gut gelernt wird, wenn wir eine körperliche Repräsentanz dessen mitlernen.

„…all comprehension involves bodily simulation“. [350] Zweitens können wir unser implizites Gedächtnis über geeignete Körperhaltungen in eine Stimmung versetzen, in der wir wachsamer sind, Informationen besser aufnehmen und verarbeiten. Hier gilt das gleiche, was oben über das Priming gesagt wurde. Somit lernen wir effektiver und nachhaltiger, wenn wir auch unseren Körper miteinbeziehen.

[345] Vgl. ebd., S. 166.

[346] Man bezeichnet dieses Phänomen auch als facial feedback“.

[347] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 265.

[348] Die Probanden mussten dazu zunächst ein bestimmtes Linienmuster nachzeichnen, das entweder geschwungen oder eckig war. Danach wurde den Probanden eine kreative Frage gestellt. Die Teilnehmer, die geschwungene Linien gezeichnet hatten, gaben deutlich originellere Antworten als die, die das eckige  Linienmuster gezeichnet hatten. (Vgl. ebd., S. 170f)

[349] Vgl. ebd., S. 174.

[350] Vgl. Meier et al., Embodiment 2012, S. 708.


6.5 Der Rubikon-Prozess

Beim Rubikon-Modell der Handlungsphasen handelt es sich um ein Modell der Motivationspsychologie, das die Realisierung von Handlungszielen beschreibt. Es wurde Ende der achtziger Jahre von den Psychologen Heinz Heckhausen und Peter R. Gollwitzer entwickelt. Es ermöglicht eine sehr gute Übersicht über den Prozess der eigenen Zielverfolgung,  die in vier Phasen eingeteilt wird. Je nachdem in welcher Phase man sich befindet, gibt es andere Methoden. Dabei unterscheidet man besonders zwischen den Phasen der Zielsetzung
(„goal setting“) und denen der Zielrealisierung („goal striving“), d.h. zwischen dem Stadium, in dem sich ein Ziel erst noch herausbildet und man dieses bestimmen muss, und dem Stadium, in dem man sich bereits für ein Ziel entschlossen hat und an dessen Erreichen arbeitet.
Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil für beide Stadien jeweils andere psychologischen Prinzipien gelten.351 Der Schritt vom einen zum anderen Stadium wird ausgedrückt durch das Bild der Überschreitung des Rubikons:

Der Feldherr C. Julius Cäsar überquerte im Jahr 49 v. Chr. den gleichnamigen Grenzfluss zu Italien – angeblich mit dem Ausspruch

Alea iacta est.“. [352]

Damit traf er die unumkehrbare Entscheidung zum Bürgerkrieg. Das Zürcher Ressourcen Modell greift das Rubikon-Modell auf, weil sein gestufter Aufbau verschiedene Schwierigkeiten behandelt, die sich bei der Verwirklichung von Zielen ergeben können. So eignet es sich auch für die Integration unterschiedlicher Therapieformen.

[353] Grawe stellt allerdings fest, dass das vierstufige Modell den Ursprung der  Handlungsziele im Unbewussten nicht berücksichtigt. [354] Im ZRM wird daher das Modell nach links um eine weitere Phase ergänzt und als „Rubikon-Prozess“ bezeichnet.

Die Phasen sind hier auch etwas anders formuliert als bei Gollwitzer und Heckhausen. Abbildung

2 gibt einen Überblick darüber, wie sich das ZRM die „Reifungsstadien“ vorstellt,  die ein Wunsch vom unbewussten Bedürfnis bis hin zur zielverwirklichenden Handlung  durchläuft.

Abbildung 2: Die Entwicklung persönlicher Ziele im Rubikon-Prozess nach dem ZRM [Bildquelle: Krause/Storch, Coachen 2006, S. 34]

Das Bedürfnis   Die erste Stufe, das Bedürfnis, trägt der Tatsache Rechnung, dass persönliche Ziele nicht immer von Anfang an voll bewusst und ausformuliert vorliegen, sondern auch im emotionalen Erfahrungsgedächtnis als unbewusste Antriebe und Wünsche

auftauchen. Die Betroffenen haben dann meist nur ein vages Gefühl, das irgendetwas in ihrem Alltag nicht in Ordnung ist, sie irgendetwas ändern müssten, ohne dass sie dies  genau benennen können. [355]

In diesem Kontext ist eine tiefenpsychologische Perspektive angebracht. Hier besteht das Ziel darin, die Bedürfnisse des Unbewussten hervorzuholen und für den Verstand greifbar zu machen. Dann kann geklärt werden, welche Rolle sie für die persönliche Entwicklung spielen. Hier könnte sich beispielsweise ein Konflikt ergeben  mit Entwicklungszielen, die der Patient sich bewusst gesetzt hat.

Die Bewertungen des Unterbewussten müssen unbedingt ernst genommen werden. Im Sinne des Wohlbefindens sind sie höher einzustufen als die bewussten Ziele. Dies macht Grawe deutlich:

„Man sollte alles daran setzen, dass der Patient sich Ziele setzt, die mit seinen wirklichen

Bedürfnissen übereinstimmen. Ziele, die den Charakter haben von ‚ich sollte‘,

‚ich müsste‘, ‚man kann von mir erwarten, dass ich‘, haben wenig Aussicht auf

Realisierung und führen selbst bei Erreichung nicht zu einer wirklichen Befindensverbesserung“. [356]

Das Motiv   Auf dieser Stufe liegen alle Ziele bewusst und klar kommunizierbar als Motive vor. [357] Hier kann man eventuelle Konflikte zwischen einzelnen Motiven erkennen und Strategien entwickeln, um damit umzugehen. Die Motive werden gegeneinander abgewogen

und gegebenenfalls ein Kompromiss erarbeitet. Bei Schwierigkeiten muss eine Meinung von Außen und gegebenenfalls therapeutische Hilfe bzw. die Hilfe des Coachs in Anspruch genommen werden.Wenn die Klärung diesbezüglich abgeschlossen ist, kann der Übertritt über den Rubikon erfolgen: ein konkreter Vorsatz wird gefasst, der verwirklicht werden soll (Intention). Einen entscheidenden Anstoß hierzu gibt ein starker positiver Affekt, ein gutes Bauchgefühl – man spricht in der Motivationspsychologie auch von intrinsischer Motivation. [358]

Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, dass zu Beginn die Stimmen des unbewussten Erfahrungsgedächtnisses berücksichtigt werden.

Es muss gewährleistet sein, dass kein Motiv diesen widerspricht. Als wesentliches Überprüfungsinstrument werden im ZRM die somatischen Marker herangezogen. Diese sollen auch bei Motivkonflikten als Wegweiser zur Lösung herangezogen werden.

Die Intention   Jenseits des Rubikons wandelt sich die Situation grundlegend. Nachdem bei der Bestimmung des Ziels noch möglichst viele Informationen eingeflossen sind, verengt sich der Fokus und ist nun ganz auf die Zielverwirklichung ausgerichtet. Grawe schreibt:

„Wahrnehmung, Emotionen, Denken und Handeln stehen im Dienste der jeweiligen Intention.“ [359]

Das gewählte Ziel beeinflusst die subjektiv konstruierte Wirklichkeit also entscheidend. Einerseits werden aus der Umgebung alle Informationen herausgefiltert, die für die Verwirklichung des Ziels wichtig sind (Vigilanz, s.o. S. 56). Gleichzeitig werden diejenigen Informationen systematisch ausgeblendet, die die Zielverfolgung destabilisieren.

Man spricht hier auch von Zielabschirmung (engl.:goal-shielding). [360] Den Grad der Unbeirrbarkeit, mit der jemand seine Ziele verfolgt, bezeichnet die Motivationspsychologie als Volitionsstärke. Diese hängt von zwei Faktoren ab:

von derWünschbarkeit und der Erreichbarkeit eines Ziels:

„Je attraktiver ein Ziel erscheint und je höher dieWahrscheinlichkeit ist, dass es durch

eigenes Handeln realisiert werden kann, desto stärker ist der Wille, die Umsetzung

dieses Ziels in Angriff zu nehmen“. [361]

Es liegt also im Interesse eines erfolgreichen Trainings, diese Faktoren zu stärken. Die  Wünschbarkeit wird bereits sehr gut durch die Einbeziehung des Unbewussten berücksichtigt.

Die Realisierbarkeit lässt sich dadurch stärken, „dass die Aufmerksamkeit der KlientInnen systematisch auf diejenigen Elemente der Intention gerichtet wird, auf deren Veränderung sie selbst Einfluss nehmen können.“ [362]

Bei starken Hindernissen oder Rückschlägen kann die Wünschbarkeit oder Realisierbarkeit  der Intention zu stark geschädigt werden.

In diesem Fall kommt es zu einer Handlungskrise.

[363] Die Zielabschirmung versagt und es werden wieder stärker Hinweise wahrgenommen, die gegen eine Weiterverfolgung des Ziels sprechen. Es gibt mehrere Wege aus einer Handlungskrise: In jedem Fall sollten deren Ursachen analysiert werden. [364]

Entscheidet man sich durchzuhalten, ist es möglich, sich mithilfe von Aufmerksamkeitsübungen erneut auf das Ziel zu fokussieren. Gegebenenfalls kann man das Ziel auch an die Situation anpassen oder auf eine neue Verwirklichungsstrategie umsteigen.

Ein zu  langes verkrampftes Festhalten an vergeblichen Zielen kann aber auch eine Vergeudung  von Energie sein. Daher muss man sich von seinem Ziel gegebenenfalls lösen und an neue  Ziele binden. Die Herausforderung besteht hier, eine Balance zwischen zu frühem und zu

spätem Aufgeben zu finden. [365] In jedem Fall ist es wichtig, dass der eigene Selbstwert und die Überzeugung von der Wirksamkeit des eigenen Handelns (Selbstwirksamkeitskonzept) möglichst wenig Schaden nimmt.

Die präaktionale Vorbereitung   Damit das gewünschte Verhalten im Alltag erfolgreich  umgesetzt werden kann, muss es in der präaktionalen Vorbereitung ausreichend stabilisiert werden. Zu Beginn sind die entsprechenden neuronalen Netzwerke noch nicht ausreichend gebahnt und benötigen noch zu viel explizite Steuerung. Damit das Handeln zum Automatismus wird (und alte unerwünschte Automatismen ersetzt), muss es im Alltag oft genug erfolgreich wiederholt worden sein. Hierzu vermittelt das ZRM-Training unterstützende Methoden: Diese sind (1.) die Nutzung von Priming, (2.) von Embodiment und (3.) das Zurechtlegen von strategischen Handlungsplänen (Wenn-Dann-Pläne).

Die Handlung   Das ZRM verlegt einen wesentlichen Teil des Trainings, nämlich die Einübung des gewünschten Handelns, in den Alltag. Bei den meisten Zielen kann nicht erwartet werden, dass das erwünschte Handeln von Anfang an in jeder Situation fehlerfrei funktioniert.

Folgende Umstände können die Verwirklichung besonders erschweren: [366]

  • Es handelt sich um eine komplexe bzw. schwer durchschaubare Situation. Man musssich auf eine Vielzahl an Informationen konzentrieren.
  • Es treten unvorhergesehene Entwicklungen in der Situation auf.
  • Es müssen neben ersten noch weitere Ziele berücksichtigt werden.
  • Das Handeln geschieht unter hohem Zeit- oder Erwartungsdruck.
  • Die Situation geht mit starken negativen Gefühlen einher.

Angesichts dessen sollte am Anfang nicht zu viel erwartet und bei Enttäuschungen vorschnell aufgegeben werden. Als Zeitraum, bis das neue Verhalten ausreichend gebahnt ist, werden drei bis neun Monate genannt.367 Das ZRM will die Aufmerksamkeit der Klienten  auf die kleinen Fortschritte lenken und die richtigen Strategien für den Umgang mit großen Herausforderungen an die Hand geben.


[351] Vgl. A. Achtziger/P.M. Gollwitzer, in: Heckhausen/Heckhausen, Motivation 2010, S. 309.

[352] Dt.: „Der Würfel ist gefallen.“ Vgl. Sueton, Divus Iulius 32.

[353] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 87.

[354] Vgl. Grawe, Therapie 1998, S. 71.

[355] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 90.

[356] Grawe, Neuropsychotherapie 2004, S. 335.

[357] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 90.

[358] Vgl. ebd., S. 92.

[359] Grawe, Therapie 1998, S. 69.

[360] Vgl. Storch/Krause, Selbstmanagement 2014, S. 94.

[361] Ebd., S. 95.

[362] Ebd.

[363] Vgl. Veronika Brandstätter/Marcel Herrmann, in: ebd., S. 103.

[364] Vgl. Brandstätter/Herrmann, in: ebd., S. 109.

[365] Vgl. Brandstätter/Herrmann, in: ebd., S. 110.

[366] Siehe ebd., S. 99f.

[367] Vgl. ebd., S. 102

 

 

 

 

 

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