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I: Text der Vorgründungsurkunde

Antrittsvortrag des Spirituals Josef Kentenich vom 27. Oktober 1912

(Text entnommen aus http://www.virtuelles-heiligtum.com/power/sch%C3%B6nstatt.vorgr%C3%BCndungsurkunde abgerufen am 21.10.2015)

Heute will ich mich euch nur vorstellen. – Ob dieser Antwort des Kandidaten Yobs entstand ein allgemeines Schütteln des Kopfs. Diesen tiefsinnigen und hochpoetischen Vers aus einem bekannten Epos kann man travestieren und – selbstverständlich – dem Wesen der Travestie entsprechend noch geistreicher gestalten – ungefähr folgendermaßen:

Ob der Nachricht des neuen Spirituals geschah ein allgemeines Recken des Hals’. Ob des neuen Spirituals . . . des neuen Spirituals ist hier genitivus objectivus und soll heißen: von der Wahl des neuen Spirituals. Nebenbei gesagt, habe ich damit den Wunsch vom Theile erfüllt. Er hat mir nämlich den Vorschlag gemacht, heute etwas vom Genitiv zu sagen.

Nun, bist du zufrieden, Theile, oder willst du noch mehr davon wissen? Doch Spaß beiseite. Ich bin mir wohl bewusst, dass die Travestie euere Stimmung, euere Gesinnung gegen meine Ernennung gut wiedergibt. Ihr wundert euch und seid enttäuscht.

Deshalb das „allgemeine Recken des Halses“. Nun dürfte es aber gefährlich sein, wenn man den Hals gar zu lange gereckt und gestreckt hält. Am Ende könnte man da noch Genickstarre bekommen. Auf diesen Grund hin habe ich meinen eigenen Kopf und Hals bald wieder in eine normale Stellung gebracht – und mich ins Unvermeidliche gefügt.

Vielleicht . . . und zu diesem Zwecke möchte ich euch heute Rechenschaft ablegen

  1. über unser bisheriges,
  2. über unser zukünftiges Verhältnis zueinander.

1.   In welchem Verhältnis standen wir bisher zueinander? Das ist schnell gesagt. Wir haben nichts miteinander zu tun gehabt.Wir sind halt so aneinander vorbeigegangen, ohne uns zu stoßen oder mit grimmigen Blicken zu bombardieren. Soweit ist noch alles ganz harmlos. Nicht so angenehm und gleichgültig dürfte es klingen,wenn ich euch verrate, dass ich einen näheren Verkehr prinzipiell, grundsätzlich gemieden habe.

Als ich voriges Jahr nach Ehrenbreitstein kam, bat mich der hochw. P. Rektor, ich möchte doch auf Verlangen eure Beichten entgegennehmen. Dagegen habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt und schließlich auch durchgesetzt, dass man mich in Ruhe ließ. Aus welchem Grund? Ich wollte nichts mit euch zu tun haben, um meine übrige Zeit und Kraft ganz den Weltleuten widmen zu können, besonders den alten verhärteten Sündern. Ich wollte Jagd machen auf die sogenannten Osterlämmer, und meine größte Priesterfreude war es, wenn einer daher kam, schwer bepackt mit altem, altem Gerümpel, das sich jahrelang angesammelt hatte, so dass der Beichtstuhl krachte.

Nun werdet ihr meine Handlungsweise einigermaßen verstehen. Ich habe mich zurückgezogen – nicht aus Verachtung, nicht als ob mir die besseren, feineren Regungen und Bedürfnisse der jugendlichen Psyche unbekannt gewesen wären, auch nicht, als ob ich etwa der Meinung gelebt hätte, unter Studenten könnten tiefe, seelische Erschütterungen nicht vorkommen.

Ja, wenn mir einer vorher gesagt hätte: „Der oder jener ist gerade innerlich sehr arm daran“ – dessen hätte ich mich gerne angenommen. Aber vorher sagt man so etwas nicht.

Darum habe ich einfach kurzen Prozess gemacht und mich um absolut gar nichts bekümmert.

Da kommt nun meine Ernennung zum Spiritual – ganz und gar ohne mein Zutun. Es muss also wohl so Gottes Wille sein. Darum füge ich mich, fest entschlossen, alle meine Pflichten euch allen und jedem einzelnen gegenüber aufs vollkommenste zu erfüllen.

Ich stelle mich euch hiermit vollständig zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe: mein Wissen und Nichtwissen, mein Können und Nichtkönnen, vor allem aber mein Herz.

Nur die Zeit, die mir noch übrig bleibt, gilt der Erfüllung meiner Lieblingsidee.

Hoffentlich kommen wir gut miteinander aus; hoffentlich tun wir alles, um das gemeinsame Ziel möglichst vollkommen zu erreichen.

2.  Welches ist denn unser Ziel? Diese Frage ist wichtig, weil von ihrer Beantwortung unser künftiges gegenseitiges Verhältnis abhängt. Ich sage darum kurz und bündig: Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien priesterlichen Charakteren.

Die Ausführung und Ausübung dieses Grundsatzes wird uns das ganze Jahr hindurch beschäftigen. Heute will ich nur einige Erklärungen dazu geben.

Wir wollen lernen. Nicht bloß ihr, sondern auch ich. Wir wollen voneinander lernen.

Denn niemals lernen wir aus, zumal nicht in der Kunst der Selbsterziehung, die ja das Werk, die Tat, die Arbeit unseres ganzen Lebens darstellt.

Wir wollen lernen, nicht nur theoretisch: so und so müsste man es wohl machen, so ist es gut, so ist es schön, meinetwegen sogar notwendig. Damit wäre uns wahrhaftig wenig gedient. Nein, wir müssen auch praktisch lernen, wir müssen Hand ans Werk legen jeden Tag, jede Stunde. Wie haben wir gehen gelernt? Könnt ihr euch noch erinnern, wie ihr gehen gelernt habt? oder wenigstens wie eure Geschwisterchen es gelernt haben?

Hat da die Mutter große Reden gehalten: Sieh mal Toni oder Mariechen – so musst du es machen. Dann könnten wir alle noch nicht gehen. Nein, sie hat uns an die Hand genommen und dann ging’s los. Nein, gehen lernt man durch Gehen, lieben durch Lieben; so müssen wir auch lernen uns selbst zu erziehen durch ständige Übung der Selbsterziehung. An Gelegenheit dazu fehlt es uns gewiss nicht.

Wir wollen lernen, uns selbst zu erziehen. Das ist eine edle, eine königliche Tätigkeit.

Die Selbsterziehung steht gegenwärtig im Vordergrunde des Interesses in allen gebildeten Kreisen. Selbsterziehung ist ein Imperativ der Religion, ein Imperativ der Jugend, ein Imperativ der Zeit. Diese Gedanken will ich jetzt nicht näher ausführen, sondern nur den letzten einigermaßen streifen.

Selbsterziehung ist ein Imperativ der Zeit.

Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zuwerden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann. Alle Aufmerksamkeit, alle Tätigkeit hat ja ausschließlich den Makrokosmos zum Gegenstande, die Welt im großen, die Welt außer uns.

Und wahrlich, wir stehen nicht an, dem menschlichen Genius unsere Bewunderung zu zollen. Der menschliche Genius hat die gewaltigen Kräfte der Natur bezwungen und in seinen Dienst gestellt. Er umspannt jede Entfernung der Welt, er durchforscht die Tiefen des Meeres, durchbohrt die Gebirge der Erde und durchfliegt die Höhen der Luft. Immer weiter drängt der Forschungstrieb. Wir entdecken den Nordpol und erschließen dunkle Kontinente, wir durchleuchten mit neuen Strahlen unser ganzes Knochengerüst, Fernrohr und Mikroskop enthüllen täglich neue Welten.

Aber eine Welt, die ewig alt ist und ewig neu bleibt, eine Welt – der Mikrokosmos, die Welt im kleinen, unsere eigene Innenwelt, die bleibt unbekannt und undurchforscht.

Da gibt es keine, oder doch wenigstens keine neuen Methoden zur Durchleuchtung der menschlichen Seele. „Alle Gebiete des Geistes sind kultiviert, alle Vermögen erstarkt, nur das tiefste, das innerlichste, das wesentlichste der unsterblichen Seele ist nur zu oft ein unbebautes Land“, so klagen selbst die Tagesblätter. Darum ist unsere Zeit so erschrecklich innerlich arm und leer.

Ja noch mehr. Vor einiger Zeit hat ein italienischer Staatsmann es als die größte Gefahr der neueren Entwicklung bezeichnet, dass die niederen und halbzivilisierten Rassen mehr und mehr in den Besitz der technischen Mittel der modernen Zivilisation kämen, ohne dass ihnen auch die geistige und sittliche Kultur überliefert werde, von diesen Errungenschaften den rechten Gebrauch zu machen.

Da möchte ich doch lieber den Spieß umdrehen und fragen: Sind denn unsere höheren Rassen reif und fähig, um den rechten Gebrauch zu machen von den enormen Fortschritten der Neuzeit auf allen äußeren Gebieten? Oder ist unsere Zeit nicht vielmehr zum Sklaven

ihrer Errungenschaften geworden? Ja, so ist es. Unsere Herrschaft über die Gaben und Kräfte der äußeren Natur ist nicht Hand in Hand gegangen mit der Unterwerfung des Elementaren und Tierischen in unserer menschlichen Brust. Dieser gewaltige Zwiespalt, dieser unermessliche Riss wird immer größer und klaffender – und so stehen wir vor dem Gespenst der sozialen Frage, vor dem gesellschaftlichen Bankrott, wenn nicht sehr bald mit aller Macht eine Änderung herbeigeführt wird. Anstatt dass wir über unsere Errungenschaften herrschen, werden wir ihre Sklaven; Sklaven werden wir auch unserer eigenen Leidenschaft. Entweder oder! Entweder vorwärts oder rückwärts!

Wohlan denn, rückwärts!

Also sollen wir wieder ins Mittelalter zurückkehren, die Schienen aufreißen, die Telegraphendrähte zerschneiden, die Elektrizität den Wolken überlassen, die Kohlen der Erde zurückgeben, und die Universitäten schließen!

Nein, niemals, das wollen wir nicht, das dürfen wir nicht, das können wir nicht.

Darum vorwärts! Ja, vorwärts in der Erforschung und Eroberung unserer Innenwelt durch zielbewusste Selbsterziehung. Je mehr äußeren Fortschritt, desto größere innere Vertiefung.

Das ist der Ruf, die Parole, die allenthalben weitergegeben wird, nicht nur im katholischen, sondern auch im feindlichen Lager.

Auch wir wollen uns diesen modernen Bestrebungen anschließen – nach Maßgabe unserer Bildung.

In Zukunft dürfen wir uns nicht mehr beherrschen lassen von unserem Wissen, sondern wir müssen unser Wissen beherrschen. Es darf nicht mehr vorkommen, dass wir verschiedene fremde Sprachen entsprechend dem Klassenziele beherrschen, aber in der Kenntnis, im Verständnis der Sprache unseres Herzens die reinsten Stümper sind. Je tiefere Blicke wir tun in das Streben und Weben der Natur, desto verständnisvoller müssen wir den elementaren, den dämonischen Gewalten in unserem Innern die Spitze bieten können.

Der Grad unseres Fortschrittes in den Wissenschaften muss der Grad unserer inneren Vertiefung, unseres seelischen Wachstums sein. Sonst entsteht auch in unserem Innern eine gewaltige Leere, eine gewaltige Kluft, die uns tief unglücklich macht. Darum Selbsterziehung!

Danach verlangt unser idealer Gedankenflug und Herzensschwung, danach verlangt unsere Gesellschaft, danach verlangen vor allem unsere Mitmenschen, zumal jene, mit denen wir in unserer späteren Tätigkeit zusammenkommen. Als Priester müssen wir nun einmal einen tiefen, nachhaltigen Einfluss ausüben auf unsere Umgebung. Und das tun wir im letzten Grunde nicht durch den Glanz unseres Wissens, sondern durch die Kraft, durch den inneren Reichtum unserer Persönlichkeit.

Wir müssen lernen uns selbst zu erziehen.

Uns müssen wir erziehen; uns mit allen Fähigkeiten.Welche Fähigkeiten das sind, welches das objectum materiale unserer Selbstzucht ist, werden wir später sehen.

Wir müssen uns erziehen zu festen Charakteren. Die Kinderschuhe haben wir längst ausgezogen. Damals haben wir uns in unseren Handlungen leiten lassen von Laune und Stimmung. Jetzt aber müssen wir handeln lernen nach festen, klar erkannten Grundsätzen.

Alles in uns mag wanken. Es kommen gewiss Zeiten, wo alles in uns wankt. Da können uns die religiösen Übungen nicht mehr helfen. Nur eines kann uns helfen: Das sind unsere Grundsätze. Wir müssen feste Charaktere sein.

Wir müssen freie Charaktere sein. Gott will keine Galeerensklaven, er will freie Ruderer haben. Mögen andere vor ihren Vorgesetzten kriechen, ihre Füße belecken und dankbar sein, wenn sie getreten werden. Wir sind uns unserer Würde und Rechte wohl bewusst.

Nicht aus Furcht oder Zwang beugen wir uns vor demWillen unserer Obern, sondern weil wir es so frei wollen, weil jeder Akt der vernünftigen Unterwerfung uns innerlich frei und selbständig macht.

Unsere Selbsterziehung wollen wir unter den Schutz Mariens stellen. So haben wir es am Sonntag gelobt.

Jetzt müssen wir Hand ans Werk legen. Ja, in dieser Beziehung harrt unser noch eine große Aufgabe. Nach euren Statuten sollen wir die Marienverehrung in Gemeinschaft pflegen. Das Äußere ist schon da: es ist die prächtige Fahne und die Medaille. Aber die Hauptsache fehlt noch: eine unserenVerhältnissen entsprechende innere Organisation nach Art der Kongregationen, wie sie bekanntlich an verschiedenen Gymnasien und Universitäten bestehen.

Wir wollen diese Organisation schaffen. Wir – nicht ich. Denn ich werde in dieser Beziehung nichts, rein gar nichts tun ohne eure volle Zustimmung. Hier handelt es sich ja nicht um eine augenblickliche Arbeit, sondern um eine Einrichtung, die für alle künftigen Generationen brauchbar ist. Eure Nachfolger sollen also zehren von euerem Eifer, von euerer Seelenkenntnis und Klugheit. Ich bin überzeugt, dass wir etwas Brauchbares zustande bringen, wenn alle mitmachen.

Doch soweit sind wir noch nicht. Vor allem müssen wir uns kennen lernen und uns an eine freie, unserm Bildungsgrade entsprechende, gegenseitige Aussprache gewöhnen.

Damit möchte ich meine Rechenschaft beschließen. Gewiss habt ihr mich verstanden; ihr wisst, warum ich mich bisher gegen euch so zurückhaltend benommen habe; ihr kennt auch meine Pläne für die Zukunft. Gemeinsam wollen wir das große Werk beginnen,

gemeinsam es vollenden. Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien priesterlichen Charakteren. Dazu möge der liebe Gott uns seinen Segen geben. Amen.

 

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