Himmelwärts

Himmelwärts

Peter Wolf

1. Geschichte
2. Überblick über die Gebete von Himmelwärts
2.1. Erster Teil: Den Tag entlang
2.2. Zweiter Teil: Bei verschiedenen Anlässen
3. Zum Umgang mit Himmelwärts

1. Geschichte

Unter dem Titel „Himmelwärts“ veröffentlichte P. Josef Kentenich am 20. September 1945 eine Sammlung von 25 Gebeten aus der Zeit seiner Gefangenschaft. Das Datum war bewusst gewählt und erinnert an den Tag der Gefangennahme durch den Staatssicherheitsdienst im Jahre 1941. Bis auf das sog. „Dankeslied“, das er im Gestapo Gefängnis in Koblenz schrieb, entstanden alle Gebete im KZ Dachau. Man nannte sie anfangs auch die „Dachauer Gebete“.

Die Gebete sind in Versen gefasst, teils aus Gründen der leichteren Lernbarkeit, teils aus Gründen der Tarnung gegenüber der Lagerleitung. Es geht nicht um Dichtung im Sinne der Poesie, sondern um eine Form der „Ideenlyrik“, die Ideen und Gedanken komprimiert und verdichtet ins Wort bringt. Schöne Dichtung würde dem Ort der Entstehung, der Hölle von Dachau, kaum entsprechen. Der Anspruch dieser Texte geht in eine andere Richtung: Sie sind authentisches Zeugnis des Betens und Lebens des Gründers und seiner geistlichen Familie in einer entscheidenden Zeit („Hoch-Zeit“) der Gründung. Der Gründer spricht davon, dass Himmelwärts die „Metaphysik der Metaphysik“ Schönstatts enthalte und meint damit so etwas wie ein konzentriertes, auf letzte Prinzipien gestrafftes Kompendium der zentralen Gedanken und Ideen. Die Veröffentlichung geschah ganz bewusst mit dem Ziel, die geistliche Familie nach der Zeit der Verfolgung durch das Dritte Reich zu der erreichten geistlichen Höhenlage zu führen und sie in diesem Geist zu einen in einer neuen Geschlossenheit. (Vgl. DW 1945). Darüber hinaus war es dem Gründer wichtig, die in der Geschichte Schönstatts gewachsene Spiritualität in die Kirche einzubringen und in der Auseinandersetzung die Anerkennung zu erreichen. Himmelwärts wurde zunächst nur für den internen Gebrauch veröffentlicht. Das kirchliche Imprimatur wurde nach vielen Widerständen 1973 erteilt.

2. Überblick über die Gebete von Himmelwärts

2.1. Erster Teil: Den Tag entlang

  • Morgen Weihe (HW 1945, 13 16): Die Morgen Weihe will anleiten, den neuen Tag in der bewussten Ausrichtung auf Gott und in der Verbundenheit mit der Schönstatt Familie zu beginnen. – Entstanden: 29. März 1945.
  • Werkzeugs Messe (HW 1945, 17 44): Die Werkzeugs Messe ist ihrer Form nach eine „Messandacht“, wie sie früher üblich war. Der Gründer erschließt darin die Liturgie der Messfeier aus der reichen Tradition der Kirche und verknüpft sie mit gewachsener Spiritualität Schönstatts, besonders mit dem Werkzeugsgedanken. – Fertig gestellt: zum 25. März 1945.
  • Schönstatt Offizium (HW 1945, 45 56): Es ist entstanden aus dem Wunsch einer Priestergruppe in Dachau nach einem Brevierersatz. Die insgesamt acht Horen verknüpfen den Lauf der Sonne mit Ereignissen aus dem Christus- und Marienleben, die in der zweiten Strophe jeweils in Schönstatt vergegenwärtigt und in der dritten Strophe zum persönlichen Leben des Beters in Beziehung gesetzt werden. – Entstanden: im Sommer 1944.
  • Nach dem Angelus (HW 1945, 56 57): Die vorgelegten Gebetstexte sind eine Neufassung des Angelus, eine „Mariologie im Kleinen“. Sie wollen ausloten, wozu Maria in jener Stunde der Verkündigung erwählt wurde. Es geht um Mariens Berufung und Sendung. – Entstanden: 30. März 1945.
  • Werkzeugs Kreuzweg (HW 1945, 58 90): Es handelt sich um eine Anleitung, an der Seite Mariens dem Herrn auf dem Kreuzweg betrachtend zu folgen und sich für ihn neu zu entscheiden im Kampf zwischen den „hintergründigen Mächten“. Die 14 Stationen des Kreuzweges werden inhaltlich in Beziehung gesetzt zu wichtigen Themen der >>Werkzeugsfrömmigkeit. – Fertig gestellt: 13. September 1944.
  • Werkzeugs Rosenkranz (HW 1945, 91 100): Das Vorbereitungsgebet enthält eine ausführliche Anleitung zum betrachtenden Umgang mit dem Rosenkranz. Die Betrachtung des Geheimnisses im Leben Jesu und seiner Mutter zielt immer auf den Nachvollzug im persönlichen Leben und apostolischen Einsatz. – Entstanden: im Oktober 1944.
  • Abendweihe (HW 1945, 101 106): Wie die Morgenweihe hat auch die Abendweihe die Berufung zu einem apostolischen Leben im Blick. Dank und Gewissenserforschung umfassen diese Sendung und Verantwortung. Die „Sterbeübung“ will helfen, zur „ars moriendi“ („Kunst des Sterbens“) vorzustoßen. – Entstanden: im März 1945.

2.2. Zweiter Teil: Bei verschiedenen Anlässen

  • Nimm hin, o Herr (HW 1945, 109 110): Es handelt sich um eine originelle Nachdichtung des bekannten „Suscipe“ („Nimm hin“) des hl. Ignatius und lebt ganz aus der Gedankenwelt der >>Blankovollmacht. Eine Vorform in Prosa findet sich bereits in der Koblenzer Gefangenschaft (28. Oktober 1941). Endfassung in Versform.
  • Ich bitte dich um alles Kreuz (HW 1945, 111 116): Das Inscriptio Gebet ist an Gott als Vater gerichtet. Es erbittet eine vollkommene Umorientierung auf Gottes Willen im Sinne der „zweiten Bekehrung“ und zielt auf eine letzte Geborgenheit in Gott. Dem Gebet folgt eine längere Erwägung, eine Reflexion über >>“Inscriptio“ wie J. Kentenich diese Art zu beten nannte. – Entstanden: zwischen April 1943 und Februar 1944.
  • Allmächtiger, willst du nehmen (HW 1945, 117 121): Dem Gebet geht eine Erwägung voraus, die hinführt zur Hingabe dessen, woran das Herz am meisten hängt. In der Erwägung ist dies die Gründung (für Ignatius die Gesellschaft Jesu, für J. Kentenich die Schönstattfamilie). Er liebt sie wie sein eigenes Kind und muss in der Situation der Gefangenschaft damit rechnen, dass sie zerstört oder verletzt wird. – Entstanden: zwischen April 1943 und Februar 1944.
  • Sieh, Vater, auf der unseren Schar (HW 1945, 122 129): Ausgangspunkt der Erwägung ist das gläubige Verhalten des hl. Franz Xaver, der sich mitten in der Todesgefahr mit seiner Gemeinschaft so verbunden weiß, dass er sich auf sie im Gebet beruft. Es ist das gläubige Wissen um die Realität der Gemeinschaft der Heiligen sowie um die Solidarität in Heil und Unheil. Die abschließende Erwägung „In Christus Jesus sind wir eng verbunden“ ist die christologische und ekklesiologische Vergewisserung, dass man so beten und glauben kann. Sie ist ganz geprägt von der kurz zuvor veröffentlichen Enzyklika „Mystici Corporis“ (1943). – Entstanden: zwischen April 1943 und Februar 1944.
  • Halt das Zepter (HW 1945, 130 131): Nach dem Durchbruch der Alliierten am 7.März 1945 in Remagen bewegt sich die Front auf den Ort Schönstatt zu. In dieser Gefährdung dichtet P. Kentenich dieses Gebet, das im KZ und am Ort Schönstatt als Novenengebet auf den 25. März hin gebetet wird. Die Gottesmutter soll ihre königliche Macht einsetzen, dass alle Feinde fliehen und von Schönstatt aus Aufbauarbeit im Sinne der großen Sendung geschehen kann. Am Schlusstag der Novene wird Schönstatt ohne Zerstörung eingenommen. In sehr konkreter Bedrohung verfasst, weist dieses Gebet doch weit über die Situation von damals hinaus. – Entstanden: März 1945.
  • Notgebet (HW 1945, 132 133): Das Gebet ist von den Nöten des Krieges und des KZs geprägt und setzt das ganze Vertrauen auf die Mutter und ihre Beziehung zu Jesus. Es ist entstanden aus der Not der Bombennächte und der Seuchen im KZ. Bereits im Hungersommer 1942 hatte P. Kentenich in einem Weihegebet die Gottesmutter als „Lager- und Brotmutter“, als „Lageradvokatin“ und „Lagerkönigin“ erwählt. – Entstanden: 7.Dezember 1944.
  • Führer Gebet (HW 1945, 135 137): Das Gebet geht aus von dem Glauben an eine gemeinsame Sendung von Pallotti und Schönstatt und bittet um Führungs und Beschauungsgnaden für einen damals entstandenen Kreis im Sinne der „pars centralis et motrix“ (>>Schönstatt-Struktur). – Entstanden: Oktober 1944.
  • Hirten Gebet (HW 1945, 138 139): Das Hirten Gebet zeigt, wie P. Kentenich Führung und geistliche Begleitung versteht und im Vertrauen auf die Gottesmutter bis zum Einsatz des Lebens verwirklicht. Es ist ein Gebet für jeden, dem eine Leitungsaufgabe anvertraut ist. – Entstanden: April 1943 Februar 1944.
  • Um männliche Schönstatt Berufe (HW 1945, 140 141): Das Gebet entstand aus der Situation, dass Schönstatt ab den zwanziger Jahren auf der Frauenseite viel stärker gewachsen war und bittet um Schönstattberufe auf der Männerseite. Eigens werden genannt Berufungen zum Priestertum, zu den Marienbrüdern und zum Familienwerk. – Entstanden: Oktober 1944.
  • Gebet des internationalen Kreises (HW 1945, 142 143): Dieses Gebet ist als Vorbereitungsgebet auf den Weiheakt zum 30jährigen Gründungsjubiläum entstanden. Es ist bestimmt für den „internationalen Kreis“ einer Priestergruppe von „Reichsdeutschen“, Sudetendeutschen, Polen und Tschechen, die am 24. Sept.1944 einen gemeinsamen Weiheakt gesetzt hat. – Entstanden: Oktober 1944.
  • In schweren Nöten (HW 1945, 144 145): Es handelt sich um ein Dankgebet, das P. Josef Kentenich für Katharina Fischer, die Schwester des Mitgefangenen P. Fischer, dichtete, die zu Hause bei einem Bombenangriff Hab und Gut verloren hatte und gerade mit dem Leben davongekommen war. Es zeigt inneres Mitgehen und priesterliche Sorge, in größter Not beten zu helfen. – Entstanden: Anfang 1945.
  • Lass mich für alles danken (HW 1945, 146): Das kleine Dankgebet ist in der ersten Strophe und in den beiden Schlusszeilen identisch mit der ersten Strophe und dem Kehrvers der Dankeslitanei des „Hirtenspiegels“ (HSp 1943, 4593-4683). Die Entstehungszeit fällt vermutlich mit der des Hirtenspiegels zusammen (zwischen April 1943 und Februar 1944).
  • Ich preis‘ dich, Mutter (HW 1945, 147 148): Aus dem Kreis der Schönstätter im KZ Dachau existiert eine sieben Punkte umfassende „Tischregel“ (Anfang Dezember 1944). Diese sieht ein Dankgebet vor, wann immer ein Paket ankam, und das vermutlich mit diesem Gebet identisch ist. – Entstanden: Dezember 1944.
  • Verdorren soll…. (HW 1945, 149 154): Der Kehrvers ist eine Anspielung auf Ps 137, in dem die Verbannten in Babylon ihre Verbundenheit mit ihrer Heimat beschwören. Es ist aus dem Hirtenspiegel (HSp 1943, 3268 3289) entnommen und wird dort als „Familienlied“ bezeichnet (vgl. HSp 1943, 3267). Refrainartig gestaltet, nennt es viele Situationen, in denen das Leben in und mit der geistlichen Familie erfahren und gelebt werden soll. – Entstanden: zwischen April 1943 und Februar 1944.
  • Ring Gebet (HW 1945, 155 157): Das Ring Gebet ist als Geschenk für eine Marienschwester zur endgültigen Eingliederung in die Gemeinschaft entstanden. Zu diesem Anlass hat sie sich einen Spruch gewählt, den sie dem Gründer in einem Brief mitgeteilt hat. P. Josef Kentenich setzt diesen Spruch mit dem Symbol des Rings, der beim Ewig überreicht wird, in Verbindung. Das Gebet lädt zu unverbrüchlicher Treue in den unterschiedlichsten Lebenssituationen ein. – Entstanden: Juni 1943.
  • Heimat Lied (HW 1945, 158 161): Das Heimat Lied ist weniger ein Gebet als ein Gedicht, das Schönstatt als Heimat besingt. Es ist eine verdichtete Schau dessen, was durch die Gottesmutter in Schönstatt initiiert und auf Zukunft hin angezielt ist. Das Gedicht ist ein Geschenk an die Filiale der Marienschwestern im Exerzitienhaus in Schönstatt, die sich das Ideal „Sonnenau“ gewählt hatten. – Entstanden: 2. Februar 1943 (5. Strophe später zugefügt).
  • Werkzeugs Lied (HW 1945, 162 163): Das Werkzeugs Lied bildet den Abschluss und die komprimierte Zusammenfassung der umfangreichen Studie „Marianische Werkzeugsfrömmigkeit“, die P. Josef Kentenich von April bis Juni 1944 im KZ diktierte.
  • Dankes Lied (HW 1945, 164 166): Das Dankeslied ist als einziges Gebet von Himmelwärts bereits im Gestapo Gefängnis entstanden. Es spiegelt die gottgeschenkte Gewissheit der Befreiung (>>Lichtmessschau). P. Kentenich bat damals die Marienschwestern, bis zu seiner Rückkehr täglich dieses Lied zu singen. So steht es zu Recht am Ende von Himmelwärts – Entstanden: 2. Februar 1942.

3. Zum Umgang mit Himmelwärts

Sowohl die Versform und die Sprache als auch der gedrängte Inhalt machen den Zugang zu Himmelwärts nicht leicht. Es ist so sehr aus der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung herausgewachsen und mit seiner Geschichte verbunden, dass man, ohne diesen Hintergrund zu kennen, vieles übersieht oder nicht einordnen kann. Viele Texte sind wertvolle Dokumente eines gläubigen Umgangs mit den Herausforderungen der Zeit und der Bedrohung der Existenz. Viele Gebete sind origineller Ausdruck schönstättischer Spiritualität. Auch das, was aus dem Reichtum anderer Spiritualitäten aufgegriffen wird, ist in schöpferischer Synthese mit dem in Schönstatt gewachsenen Leben verbunden. Es lohnt sich, auf die überraschend zahlreichen biblischen Bezüge zu achten. Durchgängige Perspektiven erschließen sich den aufmerksam Betenden in dem stets präsenten biblischen Gedanken des geschichtsmächtigen und bündniswilligen Gottes. Diese Linien sind ausgezogen bis hinein in die eschatologisch apokalyptische Perspektive der Offenbarung des hl. Johannes. Die dreidimensionale Frömmigkeit Schönstatts, die sich entfaltet in Bündnisfrömmigkeit, >>Werkzeugsfrömmigkeit und >>Werktagsheiligkeit, findet in diesen Gebeten ihren authentischen Ausdruck. Alle Texte sind durchdrungen von einer gläubigen Sicht der Stellung der Gottesmutter im Heilsplan Gottes und der gläubigen Überzeugung von dem, was der Gründer das >>Schönstattgeheimnis nannte. Der betende Umgang mit dem Gebetsschatz von Dachau wird am ehesten da fruchtbar, wo jemand Himmelwärts als „Gebetsschule“ für sich entdeckt. Es sind z. T. sehr anspruchsvolle Gebete, von denen man nicht zu schnell annehmen sollte, man könne bereits so beten. Es sind Gebete, in die es hineinzuwachsen gilt.


Literatur:

  • J. Kentenich, Himmelwärts. Gebete für den Gebrauch in der Schönstattfamilie, Vallendar-Schönstatt 1973.
  • Josef Fischer, Wissenswertes über die Entstehung der Dachau Gebete
  • Konkordanz zu Himmelwärts (als Manuskript gedruckt)
  • Günther Boll, Gebetetes Bündnis, in Regnum 22 (1988) 190 199
  • Lothar Penners, Gebetsschule in der Zeitenwende, in: Regnum 22 (1988) 100 108, 142 148
  • Engelbert Monnerjahn, „Himmelwärts“, die Dachauer Gebete Pater Kentenichs, Vallendar 1992
  • Penners, Lothar, Gebetsschule in der Zeitenwende. Hinführung zu den Dachauer Gebeten Pater Kentenichs, in: Regnum 22 (1988) 100-108. 142-148
  • Wolf, Peter, Lernschritte in der Gebetsschule von „Himmelwärts“, in: Regnum 23 (1989) 36 f. 74 ff. 132 f. 181 f.
  • ders., Gebetsschule Himmelwärts, Vallendar 1995.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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