KR-2 DE 29

29. Gottesbund und Liebesbündnis

Der Dreifaltige Gott ist ein dialogisches Wesen. Im Grunde muss es so sein, wenn es stimmt, dass Gott die Liebe ist, denn zum Wesen der Liebe gehört, dass sie schenken und empfangen kann. Das innertrinitarische Leben verstehen wird deshalb als einen dauernden Austausch und Kreislauf der Liebe zwischen drei Partnern, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Daraus folgt, dass Gottes Handeln von der Liebe getragen ist. Der Schöpfung liegt das Motiv der Liebe zu Grunde, das „Weltgrundgesetz“, wie im vorausgehenden Kapitel betrachtet.
Das Wesen Gottes und das Wesen der Liebe bedeutet konsequenterweise, dass alles Handeln aus der Liebe auf Partnerschaft angelegt ist. Gott hat die Welt und vor allem die geistbegabten Wesen geschaffen, um Partner in der Liebe zu finden. Das Weltgrundgesetz der Liebe ist deshalb gleichzeitig auch das Gesetz eines Bundes der Liebe.
Gott hat dies in der Heilsgeschichte in unmißverständlicher Weise geoffenbart. Er schließt mit den Menschen – und möchte schließen – einen Bund, der ein Bund der Liebe, ein Ehebund, ist und mehr und mehr sein soll. So sind AT und NT eine Offenbarung des „Alten Bundes“ und des „Neuen Bundes“.
Das konkrete Liebesbündnis vom 18. Oktober 1914 ist eine konkrete Weise der Verwirklichung dieses Gottesbundes.
Im Brief Pater Kentenichs an Prälat Josef Schmitz (deshalb „Josefsbrief“ genannt) findet sich ein zentraler Text über das Liebesbündnis, der die Bundesstruktur der Heilsgeschichte darstellt, sie reichlich mit Zitaten aus der Heiligen Schrift belegt, und die Linie bis hin zu unserem Liebesbündnis durchzieht.

Der vorliegende Text findet sich in „Das Lebensgeheimnis Schönstatts, II. Teil Bündnisfrömmigkeit„, Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt 1972, S. 43 – 60.
Da die Bibelzitate im Original in einem älteren deutschen Stil erscheinen, wurden die ausführlicheren ersetzt durch die entsprechenden Zitate aus der Einheitsübersetzung.


Die Bedeutung des Gottesbundes für die Heilsgeschichte

Wer die verflossenen Jahrtausende im Lichte der Offenbarung überschlägt, unterschreibt gern die Behauptung: Der Gottesbund, das Liebesbündnis zwischen Gott und Volk, ist Grundsinn und Grundform, Grundkraft und Grundnorm der ganzen Heilsgeschichte, angefangen von Adam bis zur Zeit, da der Herr auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit erscheint, um die Toten und die Lebendigen zu richten.

Der Gottesbund ist Grundsinn der Heilsgeschichte

Die Apokalypse berichtet in dramatischen Bildern den Verlauf der von Gott gelenkten Geschichte. Sie malt aber auch in anschaulicher Weise ihre Vollendung. Sie entschleiert dadurch den ihr innewohnenden, von Gott hineingelegten Sinn: die Vollendung der Liebeseinheit zwischen Gott und Mensch, bildhaft dargestellt durch das Hochzeitsmahl zwischen Braut und Bräutigam. Beide sind am Ende der Zeiten weit füreinander geöffnet und aufnahmefähig; beide eilen einander mit dem warmen Sehnsuchtsruf auf den Lippen entgegen: „Komm!“( Apk 22,17). Sie verbinden sich mit- und ineinander zu ewig unlösbarer Liebesgemeinschaff. Das ist der letzte Sinn allen Weltgeschehens und jeglichen Lebensschicksals.

„Und ich schaute“ – so erzählt der Apokalyptiker – „einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herniederkommen, ausgestattet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. Ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes unter den Menschen. Er wird unter ihnen wohnen. Sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein als ihr Gott. Und er wird abtrocknen jede Träne von ihren Augen… Das Frühere ist vorbei. Der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu… Ich will ihm Gott sein, und er soll mir Sohn sein“ (Apk 21, 1-7). „Alleluja, der Herr, unser Gott, der Allmächtige herrscht! Wir wollen uns freuen und frohlocken und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hält sich bereit … Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind“ (Apk 19, 6-9).

„Nun kam einer von den sieben Engeln … und sprach zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Gattin des Lammes. Er führte mich im Geiste auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, die aus dem Himmel von Gott herniederkam, in der Klarheit Gottes… Einen Tempel sah ich nicht darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel und das Lamm. Auch braucht die Stadt weder Sonne noch Mond, um in ihr zu scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihr Licht ist das Lamm“ ( Apk 21,9-11.22f.).

Der Gottesbund ist Grundform der Heilsgeschichte

Die Philosophie macht darauf aufmerksam, dass die causa finalis die causa formalis (28) bestimmt. Füglich muss das Liebesbündnis, das in seiner Vollendung den Sinn allen Weltgeschehens darstellt, auch die Grundform der Heilsgeschichte in ihrer Gesamtheit und in ihren einzelnen Teilen sein. Das heißt: es gibt jeglichem Ereignis Form und Gestalt der Liebe. Liebe hat es bereitet und gesandt, Liebe soll es wecken und vertiefen, Liebe soll es rückwirkend schöpferisch mitgestalten und vollenden.

Die heiligen Bücher werden nicht müde, in mannigfachen Wendungen, in Berichten und Schilderungen dafür den Beweis, die Bestätigung zu erbringen. Wie ein roter Faden durchzieht alle Ereignisse der Gedanke: Der Herr der Geschichte ist der Bundesgott. Er hält alle Fäden in der Hand und webt sie zu einem kunstgerechten Gewebe. Das Grundverhältnis, in dem er zur Menschheit steht, ist das Bundesverhältnis. Es prägt und bestimmt jede Handlung des Weltenlenkers. Es verlangt die schöpferische Mitwirkung des gelenkten Bündnispartners.

Bei Adam und Noe tritt Gott schlechthin als Bundesgott der ganzen menschlichen Gesellschaft auf (29); bei Abraham und Moses beschränkt er sich unmittelbar auf das auserwählte Volk, auf das Volk Gottes (30), das im Neuen Bund als das Kirchenvolk in die Geschichte eintritt. Das Neue Testament spricht vom Bündnis des Herrn mit seiner Kirche (31), das den Weg öffnet und sichert für das Liebesbündnis mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Die Geschichte von Adam und Eva kennt zwar den Ausdruck „Bund“ nicht. Das Verhalten jedoch, in dem Gott zu ihnen und sie zu Gott stehen, trägt deutlich die Zeichen eines Bundesverhältnisses an der Stirne. Die Wechselbeziehungen der beiden Partner sind eine ideale Verwirklichung und Ausstrahlung des gegenseitigen Liebesbündnisses. Ihre Wechselreden sind Zwiegespräche von Liebenden, die zueinander gefunden und zueinander gehören. Die Bundespflichten sind nur angedeutet, sie lassen sich aus den Wirkungen des Bundesbruches bis in alle Einzelheiten erschließen.

Noe hört als erster aus dem Munde Gottes das Wort „Bund“. Jahwe spricht:

„Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind. Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. (Gen 9,9-13)“

Gott bleibt seinem Plane treu. Er hält am Bündnis fest, das er mit der Menschheit geschlossen hat, beginnt aber bei gegebener Gelegenheit eine neue Methode: Er führt das Elite-Prinzip in die Heilsgeschichte ein. Abraham wird mit seinen Nachkommen aus den Völkern ausgesondert. Jahwe schließt mit ihm ein Bündnis. Gott verspricht ihm dadurch das Gelobte Land – ein Land, das von Milch und Honig fließt (32) -, eine Nachkommenschaft so zahlreich wie der Sand am Meere (33) und die Geburt des Erlösers aus seinem Geschlechte (34). Dafür verlangt er vollkommene Hingabe von seinem Bündnispartner bis zum Ende der Zeiten.

Zur Zeit der Wüstenwanderung unter Moses schloss Gott das Bündnis, das er bislang nur mit den Patriarchen als Vertretern des Volkes eingegangen war, unmittelbar mit dem ganzen Volk am Berge Sinai. Die Heilige Schrift berichtet:

„Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.
Mose ging und rief die Ältesten des Volkes zusammen. Er legte ihnen alles vor, was der Herr ihm aufgetragen hatte. Das ganze Volk antwortete einstimmig und erklärte: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun. Mose überbrachte dem Herrn die Antwort des Volkes. (35)

Das Ereignis war so tiefgreifend, dass es das Lebensgefühl des Volkes bis ins Innerste erfasste und ein Bündnisbewusstsein großzog, das trotz aller Schwankungen und zeitweiliger Lahmlegung Lebensmut, Schwungkraft und Sieghaftigkeit immer neu beschwingte.

Als die Fülle der Zeiten gekommen war, erschien die zweite Person in der Gottheit im Fleische. Sie erfüllte den Sinn des Alten Bundes (36). Durch sein Blut, durch seinen Tod am Schandpfahl des Kreuzes erkaufte der gekreuzigte Bräutigam sich seine Braut, die Kirche, und führte sie heim. So steht der Neue Bund vor uns, besiegelt im Blute des Herrn. Dadurch ist seine Kirche, sind auch wir um einen teuren Preis erkauft (37). Das matrimonium ratum, das am Kreuze vollzogen worden ist, wird zum consummatum (38) in der subjektiven Erlösung. Damit ist das Brautsymbol ins Neue Testament übergegangen, mit dem Unterschied jedoch, dass es von nun an sinngerechter Ausdruck des Bundes und Liebesverhältnisses zwischen Christus und Kirche und begnadeter Einzelseele ist, während als Sinnbild für die gleiche Grundeinstellung dem Vater gegenüber die „Vater-Kind-Beziehung“ gilt. Man vergesse nicht, dass es sich hier immer nur um Bilder, um Symbole handelt, und bleibe dabei nicht zu lange hängen. Man übersehe jedenfalls nicht das Kernstück: den gegenseitigen Liebesbund.

Was die Beschneidung für das Alte, das ist die Taufe für das Neue Testament: die Einbeziehung, die Eingliederung in das entsprechende Bundesverhältnis. Danach haben alle Getauften ein Bündnis mit dem Herrn geschlossen. Sie sind auf seinen Tod getauft, sie stehen in Todesgemeinschaff mit ihm. Sie sollen in heiliger, geheimnisvoller Seins-, Lebens-, Liebes- und Schicksalsgemeinschaft unzertrennlich mit ihm verbunden bleiben und in ihm und mit ihm hineingezogen werden in seine Liebeseinheit im Heiligen Geiste mit dem Vater.

Paulus hat den Brautgedanken aufgegriffen und mit Liebe verarbeitet. Die Gemeinde von Korinth nennt er die Braut des Herrn. Er setzt voraus, dass alle Glieder Christi und Kinder des Vaters sind. Deswegen schreibt er: „Ich eifere um euch mit Gotteseifer. Ich verlobte euch ja einem einzigen Manne, um euch als keusche Jungfrau Christus darzustellen“ (39).

Danach kann jede begnadete Seele „Braut Christi“ im weiteren Sinne des Wortes genannt werden. Im engeren Sinne ist es, wer dieses Brautverhältnis freigewählt zum ausschließlichen und dauernden macht. So verstehen wir den kirchlichen Stand der Jungfrauen und die altübliche Jungfrauenweihe. Vom Brautgedanken aus löst Paulus eine Anzahl schwerwiegender Lebensfragen, vor allem das Problem der Körperkultur und der Ehe.

Den Korinthern prägt er ein, dass der Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Der Grund ist einsichtig: Wir sind ja Glieder Christi, sind deshalb von seinem Geist beseelt: füglich gehören wir nicht uns (40). Der Leib ist ein Heiligtum (41). Er ist für den Herrn da (42). Noch deutlicher: Der Leib ist Glied Christi. Wer Unzucht treibt, ist ein Tempelschänder. Er entweiht und entwürdigt Christi Glieder zu Gliedern einer Buhlerin (43). Deshalb die furchtbare Drohung: „Wenn jemand den Tempel Gottes entheiligt, so wird Gott ihn zugrunde richten; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr“ (44).

Größe und Würde der christlichen Ehe leitet der Völkerapostel aus ihrer Abbildlichkeit zur bräutlich-gemahlhaften Verbindung zwischen Christus und seiner Kirche ab. So belehrt er die Epheser:

„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen.
Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes.
Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (45)

Ähnlich wie Paulus verwendet Johannes zur Klärung des Gottesbundes das Symbol der Brautschaft. Auch bei ihm ist der Bräutigam nicht einfachhin Gott, sondern Christus. Ihm ist die gegenwärtige Weltzeit eine einzig große Wartezeit der Braut auf den Bräutigam. Darum schließt er die Geheime Offenbarung mit den Worten:

„Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern. Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm!“ (46)

Und noch einmal:

„Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus!“ (47).

Der Gottesbund ist Grundkraft der Heilsgeschichte

Wie Grundform und Grundsinn, so ist der Gottesbund für Israel auch Grundkraft, das heißt ständig sprudelnde Kraftquelle. Jahwe verspricht seinem auserwählten Volke kraft des Bündnisses seinen Schutz. Er leiht ihm seinen Arm, den Arm der Allmacht, und Israel fühlt sich in diesem Schutz geborgen. Es baut und vertraut in allen Lagen darauf und wird nicht müde, sich dann vor allem darauf zu berufen, wenn die Wasser der Trübsal überschäumen. In allen geschichtlichen Schwankungen und Verirrungen sucht und findet es den Weg zum Gottesbund zurück. Zu Jakob spricht der Herr der Heerscharen:

„Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich unaufhaltsam ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.“ (48).

Noch deutlicher ergeht das Wort des Herrn an Moses:

„Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob als El-Schaddai (Gott, der Allmächtige) erschienen, aber unter meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben. Auch habe ich einen Bund mit ihnen geschlossen und habe versprochen, ihnen das Land Kanaan zu geben, das Land, in dem sie als Fremde lebten. Ferner habe ich gehört, wie die Israeliten darüber stöhnen, dass die Ägypter sie wie Sklaven behandeln. Da habe ich meines Bundes gedacht, und deshalb sag zu den Israeliten: Ich bin Jahwe. Ich führe euch aus dem Frondienst für die Ägypter heraus und rette euch aus der Sklaverei. Ich erlöse euch mit hoch erhobenem Arm und durch ein gewaltiges Strafgericht über sie. Ich nehme euch als mein Volk an und werde euer Gott sein. Und ihr sollt wissen, dass ich Jahwe bin, euer Gott, der euch aus dem Frondienst in Ägypten herausführt. Ich führe euch in das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob unter Eid versprochen habe. Ich übergebe es euch als Eigentum, ich, der Herr.“ (49).

Israel baut unerschütterlich auf das Bündnis, das Gott mit ihm geschlossen hat. Lässt Oberflächlichkeit, Weltsinn und Leidenschaft des Volkes es in Vergessenheit geraten, so stehen die Propheten auf und bringen es wieder ins öffentliche Bewusstsein. Hoseas muss auf Gottes Befehl eine Dirne heimführen. Die Begründung lautet: „Es war ja auch das Land dem Herrn untreu“ (50).

„Denn sie ist nicht meine Frau, und ich bin nicht ihr Mann. Sie soll von ihrem Gesicht das Dirnenzeichen entfernen und von ihren Brüsten die Male des Ehebruchs….
Ich will meinen Liebhabern folgen; sie geben mir Brot und Wasser, Wolle und Leinen, Öl und Getränke. Darum versperre ich ihr den Weg mit Dornengestrüpp und verbaue ihn mit einer Mauer, so dass sie ihren Pfad nicht mehr findet. Dann rennt sie ihren Liebhabern nach, holt sie aber nicht ein. Sie sucht nach ihnen, findet sie aber nicht. Dann wird sie sagen: Ich kehre um und gehe wieder zu meinem ersten Mann; denn damals ging es mir besser als jetzt.
Aber sie hat nicht erkannt, dass ich es war, der ihr das Korn und den Wein und das Öl gab, der sie mit Silber überhäufte und mit Gold, aus dem man dann Baalsbilder machte….
Ich mache all ihren Freuden ein Ende, ihren Feiern und Neumondfesten, ihren Sabbaten und den anderen festlichen Tagen….
Ich bestrafe sie für all die Feste, an denen sie den Baalen Rauchopfer dargebracht hat; sie hat ihre Ringe und ihren Schmuck angelegt und ist ihren Liebhabern gefolgt, mich aber hat sie vergessen – Spruch des Herrn.
Darum will ich selbst sie verlocken….
An jenem Tag – Spruch des Herrn – wirst du zu mir sagen: Mein Mann!, und nicht mehr: Mein Baal!…
Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen.“ (51)

Bei Jesaja lesen wir:

„Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, ‚Herr der Heere‘ ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser, ‚Gott der ganzen Erde‘ wird er genannt. Ja, der Herr hat dich gerufen als verlassene, bekümmerte Frau. Kann man denn die Frau verstoßen, die man in der Jugend geliebt hat?, spricht dein Gott. Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in aufwallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir, spricht dein Erlöser, der Herr….
Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen – meine Huld wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr, der Erbarmen hat mit dir.“ (52) „Nicht länger nennt man dich ‚Die Verlassene‘ und dein Land nicht mehr ‚Das Ödland‘, sondern man nennt dich ‚Meine Wonne‘ und dein Land ‚Die Vermählte‘. Denn der Herr hat an dir seine Freude und dein Land wird mit ihm vermählt. Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.“ (53)

Das Neue Testament lebt ganz aus dem Bündnis, aus der Liebeseinheit und Lebensgemeinschaft mit Christus. Wie die Rebzweige ohne Verbindung mit dem Weinstock verdorren (54), wie die Glieder ohne das Haupt nicht leben und wirken können (55), so geht es auch den Christen. Sie haben keine Ruhe, bis sie mit Paulus beten können: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (56) – Christus, der feierlich erklärt hat: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (57); „Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch den Sohn“ (58). Sie sprechen mit Paulus: „Alles kann ich in dem, der mich stärkt!“ (59); „Ich rühme mich meiner Schwäche, damit die Kraft Christi in mir offenbar wird“ (60).

Der Gottesbund ist Grundnorm der Heilsgeschichte

Aus all dem wird verständlich, weshalb das Alte und Neue Testament Leben und Streben am Gottesbund misst. Er ist die Grundnorm für Gesinnung, Handel und Wandel. Vornehmlich das Alte Testament sah und erlebte den Gottesbund als die große Schicksalsmacht seiner Geschichte. Bundestreue brachte Segen, Bundesbruch Fluch auf Fluch. Wirren und Schicksalsschläge drängten jeweils zur Rückbesinnung auf den Bund und zum erneuten Bundesschluss. Verwarf Gott sein untreues Volk im Laufe der Jahrhunderte nicht ganz, so geschah es mit Rücksicht auf die Treue der Patriarchen und Propheten.

„Der Herr“, so heißt es, „erwies huldvoll seine Gnade und wandte sich dem Volke wegen des Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob wieder zu“ (61).

Am lebendigsten ist das Bundesbewusstsein dort, wo der Abschluss noch miterlebt worden ist und frisch im Gedächtnis lebt. Periodenweise drängen die Propheten zur feierlichen Erneuerung, um ihn wiederum zur Daseinsnorm und Lebensform zu machen. Um aus den vielen Belegen wenigstens ein Beispiel herauszugreifen, weisen wir auf Josias hin. Von ihm steht geschrieben:

„Hierauf trat der König an die Säule und schloss vor dem Herrn den Bund, dass sie dem Herrn nachwandeln und seine Gebote, Gebräuche und Satzungen von ganzem Herzen und aus ganzer Seele beobachten wollten, um so die Bundesworte, die in diesem Buche standen, zu erfüllen. Alles Volk trat in den Bund ein“ (62).

Im Neuen Testament steht der Bund mit Christus, der im Taufbund grundgelegt und durch die Sakramente, durch göttliche Führungen und Fügungen und durch persönliches Ringen und Streben vervollkommnet wird, schlechthin im Mittelpunkt des christlichen Lebens. Er ist die Achse, um die sich alles dreht, die Norm, die alle Heilsfragen klärt und über Segen und Fluch im Diesseits und Jenseits entscheidet.

Das Liebesbündnis Schönstatts und der Heilsgeschichtliche Gottesbund

Damit ist der Rahmen gezeichnet, in den wir unser Liebesbündnis hineinstellen dürfen. Wir haben es eine originelle, konkrete Form des Bundes genannt, den Gott mit den Menschen im Paradies geschlossen hat und durch die Heils- und Weltgeschichte verwirklichen will. Es fällt nicht schwer, Gleichheit und Ungleichheit hüben und drüben abzugrenzen.

Das Liebesbündnis als Erneuerung des Taufbundes

Die Gleichheit besteht darin, dass unser Bündnis zunächst wie bei allen Christen in der Taufe begründet ist. Wie viele Christen singen voller Begeisterung: „Fest soll mein Taufbund immer steh’n … (63)„, sind sich aber nicht bewusst, dass ihre christliche Existenz in diesem Bund gründet, dass es sich dabei um ein wirkliches Bündnis zwischen zwei Partnern handelt – zwischen Christus und Seele -, um ein Bündnis, das beiden Partnern ernste Bundespflichten auferlegt und Bundesrechte gibt. Sie wissen nicht recht um Wesen und Forderungen des eingegangenen Taufbundes.

Der Glaubensgeist sagt uns, dass er drei Wesenselemente in sich schließt: Enteignung, Übereignung und Aneignung. Der Christ wird ausgesondert aus der Welt. Er wird sich selber enteignet, das heißt er ist nicht mehr sein eigener Herr, er kann nicht schlechthin machen, was er will. Er ist des Herrn, dem er übereignet worden ist und der ihn sieh angeeignet und angeeint hat.

Daraus ergeben sich vielfältige Folgerungen und Forderungen für den menschlichen Christus- und Dreifaltigkeitspartner. Der Oktoberbrief 1948 beschäftigt sich angelegentlichst damit. Er spricht von vier Eigenschaften, die der Christuspartner haben muss. Die erste bezieht sich auf sein Sein, die drei anderen auf Gesinnung, Tat und Leben. Der Text lautet:

„Sowohl der Dreifaltigkeits- als der Christuspartner… muss vier Eigenschaften haben:
Erstens Bündnisfähigkeit. Schließt ein
a) Gleichheit,
b) Ungleichheit im Sinne gegenseitiger Ergänzungsfähigkeit und -bedürftigkeit (bei Gott Ergänzungswilligkeit),
c) Gliedschaft (Gott schließt zuerst das Bündnis mit der Kirche und lässt deren Glieder daran teilnehmen),
d) Stetigkeit.
Zweitens Bündniswilligkeit (Geöffnetsein für den geöffneten Partner).
Drittens Bündnisbewusstsein (das Bewusstsein des Verschenkt-, des Angenommen-, des Reich- und Fruchtbarseins).
Viertens Bündnistreue (Hinweis auf die Treue des alttestamentlichen Bundesgottes in allen Situationen des historisch gewordenen Bündnisses mit Israel) (64).“

Für uns ist das Liebesbündnis mit der Gottesmutter, wie es historisch geworden ist und sich auswirkt, eine tiefgreifende Erneuerung, Festigung und Sicherung des Taufbundes, das heißt des Bündnisses mit Christus und dem dreifaltigen Gott. Jede Weihe und jeder in ihr zum Ausdruck gebrachte erneuerte Bündnisschluss bedeutet für unser Denken und Wollen eine neue freigewählte und freigewollte Entscheidung für Christus: für seine Person, für seine Interessen und sein Reich. Sie schließt eine neue, eindeutige und kraftvolle Willensbewegung von unten nach oben, eine Neuentscheidung für ihn, den König der Welt und der Herzen, in sich, aber auch gleichzeitig eine Gnadenbewegung von oben nach unten, von ihm aus zu uns hin. Sie ist gleichbedeutend mit einem tieferen Hineinwachsen in eine enge Liebesgemeinschaft zwischen uns und ihm und dem dreifaltigen Gott.

Das Liebesbündnis als Schönstatts Grundsinn, Grundform, Grundkraft und Grundnorm

Der Bündnisgedanke ist so tief in unser Bewusstsein und Lebensgefühl hineingewachsen, dass wir ihn unbedenklich als unsere Grundform, unseren Grundsinn, unsere Grundkraft und unsere Grundnorm bezeichnen dürfen. So weit geht die Ähnlichkeit zwischen uns und dem alt- und neutestamentlichen Denken und Empfinden, Wollen und Handeln. Ich weiß nicht, ob es irgendeine religiöse Gemeinschaft in der Neuzeit gibt, die das im selben Ausmaße von sich aussagen kann.

Jedes Blatt unserer Familiengeschichte legt für diese tiefgehende und umfassende Ähnlichkeit Zeugnis ab. Das Gleiche beweist „Himmelwärts“, das als authentisches Dokument unserer Geistigkeit aufgefasst werden darf. Das Innenleben aller verstorbenen Schönstattkinder beiderlei Geschlechts ist nachweisbar von derselben Haltung geprägt worden. Endlich hält es die öffentliche Meinung in der Familie für selbstverständlich, dass das einzige Tor, das in unser Reich einführt, ein derartiger Bundesschluss in Form einer Weihe ist. Wie die Taufe zum Christen, so machen Taufe und Weihe uns zum Schönstattkind. Die Weihe ist hier in dem bei uns gebräuchlichen Sinne einer originellen und konkreten Erneuerung unseres Taufbundes gemeint.

Man mag alle einzelnen Familienforderungen erfüllen: man mag seine geistliche Tagesordnung sorgfältig einhalten und täglich kontrollieren, man mag Fühlung halten mit dem Beichtvater, man mag apostolisch tätig sein und sich karitativ auswirken, man mag dieses und jenes und vieles, vieles andere tun: kommt die originelle Weihe im bezeichneten Sinne nicht dazu, so fehlt ein Wesenselement – man ist kein Schönstätter!

Die Grade der Zugehörigkeit zu uns werden durch den Grad der Weihe bestimmt. So unterscheiden wir eine Aufnahme-, eine Elite- und eine Lebensweihe. Wir sprechen von Blankovollmacht (65), von Inscriptio (66) und Engling-Akt (67) und halten es für selbstverständlich, dass die Mitglieder unserer Verbände und Bünde nach dieser dreifachen Höhenlage des Liebesbündnisses streben. Für uns ist es eine ausgemachte Sache, dass alle ohne Ausnahme nach ihrem Terziat den Bergesgipfel in der einen oder anderen Form in etwa erklommen haben, und dass die Echtheit und die Gediegenheit ihres Charakters sowie die Zuverlässigkeit ihres Wesens an dem Ernst zu messen ist, womit sie ihre Weihe ins praktische Leben übertragen. So deuten wir das Wort des Herrn: „Nicht wer zu mir sagt: Herr, Herr! ist es, der mich liebt, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist!“ (68).


Schönstatt-Lexikon Online: Bundesspiritualität

(28) Die Zielursache bestimmt die Formalursache, die Ursache, die einem Ding Form, Gestalt gibt.
(29) Vgl. Gn 1,28-30; 2 und 3; 9,8 ff.
(30) Vgl. Gn 17; Ex 19,5; 24,7 f.
(31) Vgl. Eph 5,23 ff.
(32) Vgl. Gn 15,7; Ex 3,8.
(33) Vgl. Gn 15,5.
(34) Vgl. Gn 17,7 in Verbindung mit Gal 3,16.
(35) Ex 19,3-8
(36) Vgl. Gal 4,4.
(37) Vgl. 1 Kor 6,20.
(38) Der Eheschluss (matrimonium ratum) wird zum Ehevollzug (matrimonium consumatum). Der Vergleich besagt: der Liebesbund zwischen Christus und seiner Braut, der Kirche, wurde durch Jesu Kreuzestod gestiftet, wird aber erst wirksam und fruchtbar im je persönlichen Ja des einzelnen Gliedes der Kirche zu diesem Bund.
(39) 2 Kor 11,2
(40) Vgl. 1 Kor 6,19.
(41) Vgl. 1 Kor 3,17.
(42) Vgl. 1 Kor 6,13.
(43) Vgl. 1 Kor 6,15-18.
(44) 1 Kor 3, 17
(45) Eph 5,22-33
(46) Apk 22,16 f.
(47) Apk 22,20
(48) Gn 28, 13-15
(49) Ex 6,2-8
(50) Hos 1,2
(51) Hos 2,4.7-10.13.15f.18.21f
(52) Jes 54,5-8.10
(53) Jes 62, 4 f
(54) Vgl. Jo 15,6.
(55) Vgl. 1 Kor 12,12-26.
(56) Gal 2, 20
(57) Jo 15,5
(58) Jo 14, 6
(59) Phil 4, 13
(60) 2 Kor 12,9
(61) 2 Kön 13, 23
(62) 2 Kön 23, 3
(63) Liedanfang eines deutschen Kirchenliedes von Fr. M. Berghaus (1762-1814).
(64) Siehe dazu: Brief vom 1.10.1948 aus Santiago/Chile, gedruckte Ausgabe, 50 f.
(65) Dieser Ausdruck wurde 1939 in einem Schwesternkurs nach einer Äusserung von P. Lippert geprägt. Im Juli 1939 erklärte ihn P. Kentenich im Kurs über priesterliche Existenz: „In der Geschäftssprache heißt Blankovollmacht: Das Blatt ist leer, ich schreibe auf das leere Blatt meine Unterschrift. Damit erkläre ich mich bereit, alles zu tun, was Gott auf das leere Blatt meines Lebens schreibt. Ich will ganz abhängig sein von dem ewigen Gott und der Gottesmutter.“ Im Oktober des gleichen Jahres weihte sich die gesamte Schönstattfamilie der Gottesmutter im Sinne der Blankovollmacht.
(66) Dieser Ausdruck wurde im Jahre 1941 von einem Schwesternkurs von einem Wort hergeleitet, das die psychologische Dimension der Liebe ausdrückt und dem hl. Augustinus zugeschrieben wird: „Inscriptio cordis in cor – Herzenseinschreibung“. In Schönstatt bezeichnet „Inscriptio“ die Hochform des Liebesbündnisses, die über die heilige Indifferenz der Blankovollmacht hinausgeht und die Bevorzugung von Kreuz und Leid beinhaltet, wenn es Gottes Willen entspricht.
(67) Josef Engling hatte am 31. 5. 1918 im Schützengraben der Gottesmutter sein Leben für die Pläne Gottes mit dem Schönstattwerk angeboten. Seitdem sind viele Schönstätter dem Beispiel Josef Englings gefolgt und haben ihr Leben für die Sendung Schönstatts angeboten; das geschah vor allem in Zeiten größerer Spannungen, um Hindernisse und drohende Gefahren zu überwinden. Bei nicht wenigen ist dieses Opfer angenommen worden.
(68) Mt 7, 21

Back