KR-2 DE 43

43. Sendungsglaube

Zunächst zielt das schönstättische Liebesbündnis auf eine innige Vereinigung mit der Gottesmutter. Die Mutter steht im Vordergrund. Ihr darf der einzelne ganz gehören, sie beheimatet und erzieht ihn. Der „Neue Mensch“ soll in ihm gebildet werden.
Diese innige Vereinigung ist allerdings nicht nur Selbstzweck. Sie dient auch einer Aufgabe und Sendung für andere, für Schönstatt, für die Kirche und die Welt. Aus dem Jünger/der Jüngerin muss ein Apostel werden. Aus der Spiritualität und Botschaft vom Liebesbündnis erwächst deshalb naturgemäß die Botschaft vom Sendungsglauben. Und diesem wiederum entspricht die Werkzeuglichkeit.
Es ist nicht von ungefähr, dass sich diese Kategorien unserer Spiritualität – Sendungsglaube und Werkzeugsfrömmigkeit – in der Zeit der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und im Hinwachsen auf den zweiten Meilenstein des 20.1.1942 entwickelt haben.

An der Schwelle dieser Entwicklungsphase des 2. Meilensteins steht die Zweite Gründungsurkunde. Ihr ist der vorliegende Text über den Sendungsglauben entnommen. Er wurde veröffentlicht als „Worte zur Stunde“ (die 2. Gründungsurkunde, 18.10.1939), in: Schönstatt – Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, S. 44-48.
Die Durchzählung der einzelnen Abschnitte folgt der angegebenen Veröffentlichung.


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Pflege mit großer Sorgfalt das göttliche Sendungs- und Werkzeugsbewusstsein!

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Wie notwendig die Betonung eines übernatürlichen Sendungs- und Werkzeugsbewusstseins ist, weiß jeder, der die Heilsordnung und die heutige Zeitlage näher kennt.

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Von jeher war es ein selbstverständliches Gesetz, dass nur solche Menschen und Gemeinschaften in das Reich Gottes tiefer eingreifen dürfen, die von Gott eine ausgesprochene Berufung und Sendung erhalten. Beweis dafür ist nicht nur das alttestamentliche Priester- und Prophetentum, sondern auch der Heiland, die Apostel, die Auffassung der Kirche und das katholische Volksempfinden.

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Der Heiland zieht sich im Gebet zurück und sendet dann, wen er will. Es liegt ihm daran, den Seinigen einzuprägen: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt (189)! Und im Hohenpriesterlichen Gebet erklärt er dem himmlischen Vater, dass er die Seinen, die er ihm gegeben hat, vor der Welt bewahrt habe. (190)

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Die Apostel, an ihrer Spitze der Völkerapostel, legen Gewicht darauf, dass sie Gesandte Gottes und Christi sind.

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Die Kirche hält sich in Theorie und Praxis an das Gesetz, dass niemand erwählt und gesandt werden kann, der nicht berufen ist wie Aaron.

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Und das katholische Volksempfinden hat den Ausdruck Sendung und Berufung schlechthin reserviert für Menschen und Gemeinschaften mit dieser ausgeprägt göttlichen Sendung.

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Die Zeitverhältnisse erinnern uns an ein Gesetz, das Donoso Cortez aus Welt- und Kirchengeschichte herausgelesen hat. Danach gibt es Epochen, in denen die Kirche auf der ganzen Linie zurückgedrängt wird. Trotz Anspannung aller Kräfte gelingt es ihr nicht, sich aus den Katakomben zu erheben. Erst wenn sie die Begrenztheit des menschlichen Elementes in ihr tief erkennt und lebendig anerkennt, erscheint plötzlich der ewige Gott wieder auf der Zinne des Tempels der Zeit, bläst in die Posaune, und dann fallen die Mauern Jerichos zusammen. Wer in einer solchen Zeit nicht ausgerüstet ist mit der felsenfesten Überzeugung, von Gott eine besondere Sendung zu haben und deswegen göttliche Kräfte in seinem Schoße zu tragen, ist von vornherein zu Unfruchtbarkeit, zu Schwung- und Tatenlosigkeit und zum Zusammenbruch verurteilt. Nur wer mit unerschütterlichem Vertrauen auf diese göttlichen Kräfte und Sendungen ausgestattet ist, kann sich auf die hohe, sturmgepeitschte See des Lebens wagen.

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Heute wundern wir uns, dass unsere junge Gründergeneration vor 25 Jahren von einem solch tiefen Sendungs- und Werkzeugsbewusstsein getragen war. Mit Recht fragen wir nach den Gründen, die sie dazu veranlasst haben. Wir kennen sie. Viele von uns wären damals schwerlich damit zurechtgekommen. Besser verstehen wir den Beweisgang, der, nach fünfjähriger Existenz und Fruchtbarkeit am Ende des Weltkrieges, von 1919 ab diese göttliche Sendung erhärtet. Wir haben ihn ja ungezählt viele Male gehört und wiederholt. Er gruppiert sich um die bekannten Worte: Geringfügigkeit des Werkzeugs, Größe der Schwierigkeiten und Größe des Erfolges. Was wir seit 1919 bis heute durchkämpfen und erreichen durften, verstärkt nach allen Seiten in ungemein tiefer Weise die Beweiskette und damit unseren Sendungsglauben und unser Werkzeugsbewusstsein. Wir haben darum Grund, allen herzlich zu danken, die die göttliche Vorsehung benutzt, um uns Schwierigkeiten zu machen. Ohne sie ständen wir heute, wo so vieles zusammenbricht und so viel Mutlosigkeit weiteste Kreise lähmt, wohl nicht so gefestigt in unserm frohen und sieghaften Glauben, Hoffen und Lieben da.

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Es ist nun unsere Sache, durch Gebet und Studium der Familien- und Zeitgeschichte diesen Sendungsglauben zu vertiefen.

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Je mehr und wirksamer wir das tun, desto größer und reicher sind die Früchte, die wir ernten dürfen: Das innere Abhängigkeitsbewusstsein vom lebendigen Gott wächst. Das Misstrauen auf eigene Kraft und rein menschliche Mittel wird größer. Die Geborgenheit, Beheimatung, Ruhe und Sicherheit in Gott machen uns standfest und griffsicher. Und das Vertrauen auf den Sieg der göttlichen Kräfte in der Familie und durch die Familie wird ein unüberwindliches, so dass wir schließlich aus voller Überzeugung sprechen können: Wenn Gott mit uns ist, wer kann dann wider uns sein! (191) Alles kann ich in dem, der mich stärkt! (192) Wir erleben die Wahrheit des augustinischen Wortes: Wer am Antlitze des Allmächtigen hängt, der fürchtet nicht das Antlitz der Mächtigen dieser Welt! Und sollte Gott unser Leben und die zeitweilige Auflösung der Familie verlangen, so sehen wir darin die vollkommenste Gelegenheit, unsern Glauben an das Göttliche in der Familie zu beweisen. Wir werden dann dem Heiland ähnlich, der durch Wort und Beispiel das große Baugesetz des Reiches Gottes aufgestellt hat: Wenn ich am Kreuze erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen. (193) Das Saatkorn muss erst in die Erde gesenkt werden und untergehen, dann bringt es viele Frucht. (194)

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Wer tief erfüllt und erfasst ist von der ausgestellten Blanko-Vollmacht, lebt mit ganzer Seele aus diesem göttlichen Sendungsglauben und Werkzeugsbewusstsein. Es wäre ja widersinnig, alle Fähigkeiten des Leibes und der Seele, alle geistigen und irdischen Güter, ja, sein ganzes Leben einem Werke zu widmen, das so gar keine irdischen Vorteile verspricht, wenn dieser Glaube nicht als eine Großmacht im Hintergrunde stände. Um uns darin zu vertiefen, mögen wir das Leben unseres Josef Engling im einzelnen nachprüfen und auf uns wirken lassen. Ohne dieses göttliche Element wäre sein Leben und Wirken schlechthin unverständlich und undenkbar.


Schönstatt-Lexikon Online: Sendung

(189) Joh. 15,16
(190) Vgl. Joh. 17,12
(191) Röm 8,31
(192) Phil 4,13
(193) Joh. 12,32
(194) Joh. 12,24

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