KR-2 DE 26

26. Schönstättische Spiritualität

Der folgende Text geht auf eine Reihe von neun Vorträgen Pater Kentenichs im Jahre 1954/55 zurück. Sie wurden als Einstimmung auf die monatliche Geisteserneuerung seiner pallottinischen Mitbrüder im Provinzhaus von Holy Cross in Milwaukee gehalten.
Da mehrere Mitbrüder kein Deutsch verstanden und Pater Kentenich damals noch sehr wenig Englisch sprach, hat er die Vorträge in Latein gehalten. So sollten alle Teilnehmer ohne die Unterbrechung eines Übersetzers verstehen können.
Der Text ist insofern eine Seltenheit, weil er Pater Kentenichs eigene Interpretation seiner deutschen schönstättischen Fachausdrücke wiedergibt; zum Beispiel spiritualitas für Frömmigkeit und foedus caritatis für Liebesbündnis.
Die Übersetzung aus dem Lateinischen besorgten die Patres Niehaus und Unkel.
Die vorliegende Textauswahl ist dem dritten und vierten Vortrag der nicht veröffentlichten Mitschrift entnommen. Sie gibt eine gestraffte Zusammenfassung der schönstättischen Spiritualität wieder mit einem besonderen Akzent auf das Ideal der Heiligkeit in Schönstatt und dessen Verständnis christlicher Werkzeuglichkeit, wie sie in der Geschichte Schönstatts verwurzelt sind und aus ihr entfaltet haben
An dieser Stelle im Kentenich Reader bietet der Text nicht nur eine geeignete Einführung in die folgenden Themen dar, sondern stellt auch die Brücke her zu den Wurzeln in der Gründungsgeschichte Schönstatts


Liebe Mitbrüder!
Im letzten Vortrag begannen wir nicht mit einer Beweisführung, sondern mit einer Erklärung des Schönstattwerkes unter dem Gesichtspunkt seines übernatürlichen Charakters. Wir haben zwei theologische Definitionen vorgelegt. Von der ersten haben wir den ersten Teil auseinandergesetzt. Die erste Definition lautet, wie wir wissen, so:

Schönstatt ist ein herausragendes, in besonderer Weise erwähltes und vollkommenes Werkzeug in der Hand der Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt zur Erneuerung der Welt in Jesus und Maria, von unserem Heiligtum aus, zur Ehre des Vaters.

Nur ein Moment möchte ich unserem Gedächtnis nochmals einprägen. Es dürfte klar geworden sein, dass Schönstatt als ganzes ein besonderes Werk der Gottesmutter ist: sowohl unser Heiligtum und unsere eigen geartete Spiritualität als auch unsere ganze Familie – als ganze gesehen und auch in ihren einzelnen Gliedern und Gemeinschaften.

[Dankbarkeit für und Vertrauen auf das Wirken Mariens in Schönstatt]

Was folgt daraus? So wie es überall Heiligtümer gibt, in denen man sogenannte Votivtafeln vorfindet, mit folgenden oder ähnlichen Inschriften „Maria hat geholfen“, als Danksagung für Gaben oder Gebetserhörungen auf die Fürbitte Mariens, so müssen auch wir alle – soweit wir Schönstätter sind – uns und alles, was wir sind und haben, auf die Dreimal Wunderbare Mutter und ihren Einfluss zurückführen – seien es gute Gedanken oder Sehnsüchte, seien es Handlungen, Empfindungen oder Leiden, oder seien es unsere guten Werke und die Frucht unserer guten Werke. Und dafür müssen wir immer wieder danken. Gerne singen wir mit unserem Seligen Vater Vinzenz Pallotti (1): „die Erbarmungen des Herrn und die Erbarmungen unserer Herrin werde ich in Ewigkeit besingen.“ (2) Auf die Fürsprache der Dreimal Wunderbaren Mutter erwarten wir auch viele und gute Berufe für unsere Gesellschaft und für unsere Apostolische Bewegung. Ferner erwarten wir Klarheit über das Ziel unserer Gesellschaft, und nicht zuletzt Einheit und einen guten und fruchtbaren Geist in unserer Provinz.

[Unsere Mitarbeit]

Andererseits kennen wir das Prinzip: Nichts ohne Dich, nichts ohne uns. Das heißt: mit Recht können wir diese Gnaden von der Gottesmutter erwarten, gleichzeitig wird aber auch unsere Mitarbeit verlangt. Die Frage lautet nun: worin besteht diese Mitarbeit? Ich gebe eine allgemeine Antwort: in unserem ernsten und beharrlichen Streben nach der Spitze des Berges der Heiligkeit.

Um besser zu verstehen, was das heißt, entfalten wir den zweiten Teil der Definition. Er lautet: das Schönstattwerk ist ein vollkommenes Werkzeug in der Hand der Dreimal Wunderbaren Mutter. Ich weise darauf hin: es geht hier nicht um eine Beweisführung. Die Begründung setzen wir hier voraus, sie wird später erfolgen. Die aufgestellte Behauptung hat zwei Teile: zunächst die vollkommene Werkzeuglichkeit im Allgemeinen, dann der marianische Charakter dieser Werkzeuglichkeit.

Heute sprechen wir über die Werkzeuglichkeit im Allgemeinen. Als allgemeines Prinzip haben wir dabei vor Augen: zur Werkzeuglichkeit gehört wesentlich das vollkommene Liebesbündnis und die Werktagsheiligkeit. Anders formuliert: Unsere Spiritualität ist eine Ganzheit mit drei Teilen. Sie ist eine Einheit, die unter drei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden kann: aus der Perspektive der vollkommenen Werkzeuglichkeit, der Werktagsheiligkeit und des vollkommenen Liebesbündnisses.

[1. Eine kurze Geschichte unserer Spiritualität im Allgemeinen]

Der Klarheit halber erforschen wir zunächst diese unsere Spiritualität im Allgemeinen, und anschließend stellen wir Werkzeuglichkeit im Besonderen dar. Wir behaupten also, dass unsere Spiritualität in der Heiligkeit besteht, und zwar in einer eigengearteten Heiligkeit. Heiligkeit kann ontologisch, seinsmäßig, sein und meint dann den Besitz der heiligmachenden Gnade; oder sie kann ethisch sein und meint dann – wenn sie einen heroischen Grad erreicht – das vollkommene christliche Leben, zumindest der wirksamen Sehnsucht nach. Wo es sich um unsere Spiritualität handelt, wird Heiligkeit in diesem doppelten Sinn verstanden: seinsmäßig und ethisch.

[1.1. Die Gründungsurkunden]

Das lässt sich nachweisen aufgrund der authentischen Dokumente, der gelebten Überzeugung der ganzen Familie.

Es sind vor allem vier authentische Dokumente, die hier in Frage kommen:
Die Vorgründungsurkunde: der Vortrag des Spirituals im Jahre 1912 (3). Das darin aufgestellte Erziehungsziel lautet: Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze der Gottesmutter zu freien und festen Persönlichkeiten (4) zu erziehen. Dieses Erziehungsziel ist seinem Wesen nach nie geändert, höchstens in der Folgezeit deutlicher entfaltet worden.

Schon bald danach erfuhren wir unsere Schwäche und erwählten deshalb die Gottesmutter als unsere Erzieherin, die uns tatkräftig erzog, indem sie uns bis auf den heutigen Tag die größten Schwierigkeiten und Stürme schickte. Die Gründungsurkunde findet sich in der Ansprache vom 18.Oktober 1914.

Die Beziehung zwischen Vorgründungsurkunde und Gründungsurkunde ist folgende: Die Vorgründungsurkunde spricht ausschließlich über Selbsterziehung unter dem Schutz der Gottesmutter. Die Gründungsurkunde geht ein besonderes Liebesbündnis mit der Gottesmutter ein, und zwar mit folgendem Inhalt: wir bitten Dich, diesen Ort als Deine Wohnung zu erwählen, wo Du in besonderer Weise wirkst als unsere Erzieherin und Führerin. Wir können uns nicht selbst erziehen entsprechend dem vollkommenen Bild Gottes, weil wir schwach und unfähig sind, dieses Ziel zu erreichen. Deshalb nimm Wohnung unter uns, erziehe uns und mach uns zu Werkzeugen in Deiner Hand, zur Erneuerung der Welt. Wir unsererseits wollen Dich und Deine Wohnung lieben; wir wollen Dich durch dauernde Selbsterziehung zu uns an diesen Ort herabziehen; wir wollen uns immer bereitwillig von Dir erziehen lassen, um geeignete Werkzeuge in Deiner Hand zu sein, nach Deinem Wunsch und für Deine Ziele.

Die zweite (1939) und dritte (1944) Gründungsurkunde ist nichts weiter als eine Entfaltung der ersten Gründungsurkunde. Was in der ersten Gründungsurkunde keimhaft enthalten ist, wird nun in der zweiten und dritten explizit dargelegt entsprechend den Forderungen und den Notwendigkeiten der damaligen Zeit.

[1.2. Unsere Spiritualität ist aus dem Heiligkeitsstreben entstanden]

Auf dieser Grundlage wollen wir nun die erste Gründungsurkunde befragen. Die Frage lautet: was steht darin bezüglich der vollkommenen oder heroischen Heiligkeit? Wir lesen: „So wie für den hl. Aloisius ein Heiligtum in Florenz, so soll auch für uns und die Unseren unser Heiligtum die Wiege der Heiligkeit werden.“ Wie das Heiligtum in Florenz für Aloisius der Beginn und die Quelle heroischer Heiligkeit geworden ist, so gilt das Gleiche auch – entsprechend dem Sinn der Gründungurkunde – auch von unserem Heiligtum für uns.

Der Text lautet weiter: „Solche heroische Heiligkeit will die Gottesmutter bewegen und zu uns herabziehen, unter uns zu wohnen.“ An anderer Stelle heißt es (die Worte werden der Gottesmutter in den Mund gelegt): „diese heroische Selbstheiligung verlange ich von euch. Das wird der Panzer sein, den ihr anlegen müsst, und wird gleichsam das Schwert sein, mit dem ihr die zahllosen und äußerst mächtigen Feinde, die gegen das Reich Gottes auf Erden kämpfen, überwinden müsst.“

Diese Heiligung ist beides gleichzeitig: Bedingung und Frucht. Sie ist die Bedingung, die die Gottesmutter stellt, um sich in diesem Heiligtum niederzulassen und von hier aus die Erziehung und Lenkung unserer ganzen Familie in die Hand zu nehmen. Sie ist gleichzeitig die Frucht dieser Erziehung und Führung. Weiter heißt es im Text: „Eine größere Tat könnten wir ohne Zweifel nicht vollbringen und ein kostbareres Erbe unseren Nachfolgern nicht zurücklassen, als wenn wir die Gottesmutter bewegen, hier in besonderer Weise ihren Thron oder ihren königlichen Sitz aufzuschlagen, und hier und von hier aus Wunder der Wandlung unseres Innenlebens und der universellen Fruchtbarkeit zu wirken“; selbstverständlich Wunder der Wandlung, der Beheimatung und der apostolischen Fruchtbarkeit

Dasselbe meint Vinzenz Pallotti, wenn er sagt: „Sie ist der große Missionar, sie wird Wunder wirken.“ Der Unterschied zu Pallotti besteht darin, dass er ganz allgemein spricht; die Gründungsurkunde dagegen spricht von der Gottesmutter, insofern sie ihren königlichen Thron in unserem Heiligtum aufgeschlagen hat und dort unsere Familie erzieht und leitet.

Was in den authentischen Dokumenten klar und deutlich steht, wird bestätigt durch die lebendige und vom Beginn bis heute nicht unterbrochene öffentliche Überzeugung der Schönstattfamilie als ganzer und in ihrem einzelnen Teilen; die Überzeugung, dass die Gottesmutter im Heiligtum ihre Wohnung aufgeschlagen hat, um in der Schönstattfamilie und durch sie den Geist der Vollkommenheit des christlichen Lebens und den Geist des universellen Apostolates zu pflegen.

Gleicherweise verlangen die in Hörde 1919 verfassten Statuten schlichtweg von den Mitgliedern des Apostolischen Bundes und der Apostolischen Liga das ernsthafte Streben nach dem Gipfel der Vollkommenheit entsprechend dem eigenen Vollkommenheitsstand. Dasselbe gilt umso mehr für die Säkularinstitute. Denen, die bei den Marienschwestern eintreten wollen, müssen schon vor der Aufnahme ins Noviziat ein Dokument – das sogenannte Generalstatut – unterschreiben. Darin befindet sich unter anderen die Frage: Sind Sie bereit, nach der Inscriptio oder der Kreuzesliebe zu streben? Wer das nicht unterschreiben kann, wird nicht aufgenommen.

Was in den authentischen Dokumenten gelehrt und von der lebendigen öffentlichen Meinung der Familie bestätigt wird, äussert sich im praktischen Leben. Immer gab es Männer und Frauen, die sich das Ideal zu eigen gemacht haben: Ich will ein großer und moderner Heiliger werden. Schon am 14.Juni 1914 erklärte der Geistliche Leiter öffentlich: „Ob unsere Familie nicht dazu berufen ist, einen kanonisierbaren Heiligen hervorzubringen? Wir wissen das nicht, aber wir hoffen es vertrauensvoll. Eines wissen wir jedoch mit Sicherheit: eine hohe Verantwortung übernimmt jene Generation und sie zieht das Missfallen der Gottesmutter herab, die unser Werk, das gleichzeitig das Werk der göttlichen Vorsehung ist, zugrundgehen lässt oder schmälert. Wehe dem Magistrat (5), die eine solche Schuld auf sich lädt. Sie müssen mit der gerechten Strafe rechnen.“

Unter denen, die damals in unserem Hause wohnten, zählt Joseph Engling, dessen Seligsprechungsprozess eröffnet ist und der die berechtigte Hoffnung auf einen endgültigen Abschluss aufkommen lässt. Auch viele andere haben die Gefahren des Ersten Weltkrieges in heroischer Haltung auf sich genommen, und zwar in der Absicht, dass die Gottesmutter sich als Erzieherin und Führerin in unserem Heiligtum niederlässt.

Im 2.Weltkrieg geschah dasselbe unter dem Titel „Blankovollmacht“ und „Inscriptio“. So bewahrheitete sich das Wort, das schon im ersten Weltkrieg geprägt wurde: „inmitten einer chaotischen Situation stellen wir mit der Schönstatt-Bewegung die Idee der Triumphes des geistlichen Lebens auf. Soviel ich weiß, gibt es keine Organisation unter den Laien, die so unmittelbar, so explizit den Weltgeist bis in die Wurzeln ausreißen möchte“ (6).

[1.3. Heroische Heiligkeit ist der Kern der Bewegung]

Wenn nun jemand fragt, was aus dem Gesagten folgt, antworte ich:
Erstens: der Kernkreis der ganzen Bewegung wird immer relativ klein sein. Der Grund ist klar: Nicht viele sind bereit, nach christlicher Vollkommenheit zu streben. Wer nicht dahin strebt, kann zwar zur Wallfahrtsbewegung oder zu den Mitarbeitern der Liga gezählt werden, aber sie können nicht in höhere Gliederungen aufsteigen.

Eine zweite Folgerung: Die Art und Weise wie die Bewegung als ganze in einem Land eingeführt wird, kann verschieden sein. Wo immer jemand mit der Bewegung anfängt, muss er immer die endgültige Zielgestalt, die sein ganzes Handeln leitet, vor Augen haben. So haben etwa die Patres in Brasilien mit der Wallfahrtsbewegung begonnen. Ihre Aufgabe besteht nun darin, die höheren Stufen einzuführen. In Chile haben die Patres von den ersten Anfängen – ähnlich wie am Anfang in Deutschland – für und mit denen gearbeitet, die sich ernsthaft auf den Gipfel der Vollkommenheit ausgerichtet haben. Sie hatten einen aufs Ganze gesehen lobenswerten Erfolg. Wie die Situation in unserem Gebiet ist, ist bekannt.

Eine dritte Folgerung: Wenn jemand Leiter unserer Bewegung sein will, muss er einen Sinn für Aszese bzw. eine Sehnsucht haben, nach diesem Hochziel der Vollkommenheit zu streben. Sonst ist er nicht geeignet, andere zu einem solchen Ziel hinzuführen. Niemand kann etwas geben, was er nicht in irgendeiner Weise schon besitzt.

[Erste und zweite Bekehrung]

Ich möchte darauf aufmerksam machen: christliches Vollkommenheitsstreben kennt eine zweifache Bekehrung. Die erste Bekehrung ist nur teilweise, sie ist mit vielen offenen und versteckten Vorbehalten verbunden. Die zweite Bekehrung ist ganzheitlich und ohne jeden Vorbehalt des ungeordneten Strebevermögens. Ich unterscheide auch eine erste und zweite Schönstatt-Bekehrung.

[Priestertypen]

Manche Autoren unterscheiden zwischen eisernen, silbernen und goldenen Priestern. Eiserner Priester wird der genannt, der sich bemüht, seine Pflichten gewissenhaft zu erfüllen; aber über die Erfüllung seiner Pflichten hinaus interessiert ihn das Heil der Seelen nicht. Anders ist der silberne Priester. Er ist dauernd um das Heil der Seelen besorgt. Dauernd: das heißt in seinen Bürostunden und außerhalb der festgelegten Zeiten. Allerdings ist seine Intention nicht rein: sie ist nicht immer auf die Ehre Gottes ausgerichtet, sondern auf seinen eigenen Vorteil. Der goldene Priester dagegen – ganz gleich wo er arbeitet – tut seine Arbeit mit reiner und rechter Intention und sucht dabei ausschließlich die Ehre Gottes und das Heil der Seelen. Schwierigkeiten jedweder Art und jedweden Grades nimmt er auf sich und zwar nicht nur geduldig und gern – wie der hl. Bernhard sagt -, sondern auch mit brennendem Eifer, das heißt: er lebt praktisch die Inscriptio.

[1.4. Der spezifische Charakter unserer Heiligkeit]

Das bisher Gesagte gehört zu unserer Spiritualität, insofern es Teil der allgemein kirchlichen Heiligkeit ist. Es stellt sich nun die Frage: worin besteht unsere spezifische Heiligkeit? Wir haben ja schon gesagt, dass unsere Spiritualität eine spezielle oder spezifische Heiligkeit ist. Die Antwort dürfte also schon bekannt sein. Unsere arteigene Heiligkeit ist Werkzeugs-, Werktags- und Liebesbündnis-Heiligkeit.

Worin das Wesen der Werkzeugsfrömmigkeit liegt, kann durch Vergleich mit den zwei anderen Wesenselementen unserer Spiritualität und durch eine Betrachtung in sich erschlossen werden. Der Vergleich bringt kurz eine Definition und geht dann ausführlicher auf die Elemente im einzelnen ein.

Die Definition der Werktagsheiligkeit lautet so: Werktagsheiligkeit ist die vollkommene, affektbetonte, organische Harmonie zwischen heroischer Gott-, Werk- und Dinggebundenheit.

Was wir so für die Praxis umschreiben, dafür sagt der hl. Vinzenz Pallotti: „sanctus est qui sancte vivit – heilig ist der, der heilig lebt.“ Heilig ist also nicht der, der viel über Heiligkeit weiß, sondern wer heiligmäßig schläft, heiligmäßig isst, heiligmäßig Beichte hört, heiligmäßig spielt, kurz: wer alle seine täglichen Werke heilig tut.

Eine andere Umschreibung von Heiligkeit lautet: Heilig ist, wer alle seine Pflichten aus vollkommener Liebe und in vollkommener Weise erfüllt, wer also die gewöhnlichen Dinge außergewöhnlich gut verrichtet.

Die Heiligkeit des vollkommenen Liebesbündnisses besteht in einem gegenseitigen Aufgaben-, Güter- und Herzensaustausch unter den Bündnispartnern.
Werkzeugsheiligkeit besteht in vollendeter Abhängigkeit von der Erstursache: im Sein, im Können und im Wirken.

Die Unterschiede in den einzelnen Definitionen haben ihren Ursprung in der jeweiligen Perspektive, von der her die Heiligkeit in den Blick genommen wird.

* Werktagsheiligkeit betont vor allem das praktische äußere Leben.
* Liebesbündnisfrömmigkeit verbindet formal und explizit alle Werke mit der Liebe.
* Werkzeugsheiligkeit hebt vor allem den Werkzeugscharakter in der Hand der Erstursache hervor zur Erreichung apostolischer Ziele.

[2. Werkzeugsspiritualität im besonderen]

Es ist selbstverständlich: wir handeln hier nicht von einem leblosen, sachlichen Werkzeug, sondern von einem freien, personalen Werkzeug, dessen innere Vollkommenheit in der Vollkommenheit der Werkzeuglichkeit besteht. Wenn also jemand ein vollkommenes Werkzeug in der Hand Gottes, beziehungsweise in der Hand der Gottesmutter ist, dann ist er gleichzeitig auch in sich vollkommen.

[2.1 Die vollkommene Werkzeuglichkeit hat sechs Wesenselemente, die nun kurz erklärt werden sollen.]

Das erste Element: die vollkommene Trennung von oder der vollkommene Verzicht auf alles, was und insofern es keine Beziehung zur Erstursache, nämlich Gott und die Gottesmutter, hat. Folglich hat das vollkommene Werkzeug in der Hand der Gottesmutter sich zu lösen vom Weltgeist und von jeder ungeordneten Anhänglichkeit an Dinge oder an Menschen.

Zweites Element: vollkommene Gleichschaltung aller Kräfte mit der Wirkursache, sowohl der geistigen Einstellung wie der Hinordnung der Kräfte auf das Ziel. Deshalb bildet das vollkommene Werkzeug eine gewisse moralische Einheit mit Gott, der Erstursache, und es kann mit dem Apostel Paulus sprechen „alles kann ich in dem, der mich stärkt“ (7); oder mit Franz von Sales „aus mir selber kann ich nichts tun, in der Einheit mit Dir wage ich alles.“

Drittes Element: die Willigkeit, sich und alle seine Kräfte ganz und gar dem Werk und der Intention der Erstursache, das heißt: dem Schönstattwerk zur Verfügung zu stellen.

Viertes Element: vollkommene Ähnlichkeit zwischen göttlicher Wirkursache und der menschlichen werkzeuglichen Ursache. Oder anders ausgedrückt: Parousie oder Aufscheinen der Erstursache in der menschlichen Wirkursache. Diese Ähnlichkeit ist die Wirkung der einenden und verähnlichenden Kraft der Liebe zwischen Gott und Mensch.

Fünftes Element: vollkommene innere Sicherheit und Freiheit der Kinder Gottes; eine Freiheit von ungeordneten Wünschen und von allzu großer Angst und Verwirrung.

Sechstes Element: außergewöhnliche Fruchtbarkeit. Da im menschlichen Werkzeug die ungeordnete Anhänglichkeit an die Geschöpfe und an den eigenen Willen beseitigt ist, kann die Erstursache ungehindert die werkzeugliche Ursache für die vorgesehenen Werke gebrauchen.

[2.2 Die Quelle unserer Werkzeuglichkeit]

Es ist nicht schwer, die sechs Elemente auf das Schönstatt-Werk zu übertragen, wobei unter „Schönstatt“ der Ort, die Spiritualität oder die Familie verstanden werden kann. Daraus folgt, dass die Schönstattfamilie als ganze und in ihren einzelnen Gliedern vollkommenes Werkzeug in der Hand der Gottesmutter ist, insoweit sie von allen ungeordneten Trieben losgelöst ist und der Gesinnung, der Zielrichtung and der Einsatzbereitschaft nach mit der Gottesmutter verbunden und bereit ist, alles für unsere Königin und ihr Reich und Werk hinzugeben. Im Maße die genannten Wesenselemente in der Familie Wirklichkeit werden, nimmt sie auch an den wesentlichen Früchten teil: an der Gleichschaltung im Sein und Wirken, in einem freien, sicheren und fruchtbaren Handeln. Die Verähnlichung im Sein und Wirken hat einen solch hohen Grad erreicht, dass man die Geschichte der Schönstattfamilie in gewisser Weise als eine Wiederholung und Ausstrahlung des Marienlebens hier auf der Erde ansprechen darf. Diese Marienähnlichkeit beginnt mit der Verkündigung, setzt sich fort in der Darstellung im Tempel und im Verlust des Zwölfjährigen in Jerusalem bis hin zum Tod des Sohnes. So lässt sie den Glanz ihres Sohnes leuchtend in die Welt hineinstrahlen, so wie es in der Gründungsurkunde heißt: „Alle, die hierher kommen, um zu beten, sollen die Herrlichkeiten Mariens erfahren und bekennen: Hier ist wohl sein. Hier wollen wir unsere Hütten bauen.“ Dasselbe gilt auch für die Freiheit, Sicherheit und Fruchtbarkeit. Die Gottesmutter hat der Schönstattfamilie dank ihrer werkzeuglichen Fürsprache einen hohen Grad der Freiheit, Sicherheit und Fruchtbarkeit gegeben, denn sie ist in einzigartig wunderbarer Weise die Braut und Gefährtin Christi.

Über die Quellen, aus denen die Spiritualität Schönstatts aufs Ganze gesehen und die Werkzeuglichkeit im Besondern entstanden und genährt ist können wir zusammenfassend sagen:
die Spiritualität ist nicht entstanden ohne besonderen Einfluss des Heiligen Geistes, der in Geist und Herz des damals lebenden und dienenden Geistlichen Leiters gewirkt hat
einen authentischen Niederschlag hat die Spiritualität in der Gründungsurkunde gefunden.
Sie hat sich entfaltet unter der sanften und zielstrebigen Erziehung und praktischen Führung der Gottesmutter.

Zum ersten Punkt: möchte ich nichts sagen.

Zum zweiten Punkt beschränken wir uns auf die erste Gründungsurkunde. Über die Werktagsheiligkeit lesen wir dort: „Erwerbt euch durch treue und treueste Pflichterfüllung recht viele Verdienste und stellt sie mir zur freien Verfügung.“

Über die Heiligkeit des vollkommenen Liebesbündnisses steht dort: „Ego diligentes me diligo – Ich liebe die, die mich lieben. Beweist mir durch euer praktisches Leben erst, dass ihr mich wirklich liebt. … Dann zeige ich euch meine Liebe dadurch, dass ich von diesem Ort Besitz ergreife, als meinem königlichen Sitz, von wo ich in besonderer Weise euch erziehe und führe.“ (8)

Die vollkommene Werkzeugsheiligkeit wird in folgendem Satz erwähnt: „Bringt mir fleißig Beiträge zum Gnadenkapital, zum Gnadenschatz… Dann werde ich mich gerne unter euch niederlassen und die jugendlichen Herzen anziehen und sie erziehen zu brauchbaren Werkzeugen in meiner Hand.“

Es finden sich in der Gründungsurkunde also alle wichtigen Elemente unserer Spiritualität wie Samenkörner, die sich im Laufe der Zeit unter dem besonderen Einfluss der MTA entwickelt haben und wissenschaftlich-systematisch formuliert wurden.

Zum dritten Punkt ist vieles zu sagen. Wir haben die These aufgestellt: Diese Spiritualität hat sich – insbesondere als vollkommene Werkzeugsfrömmigkeit – unter der milden und zielstrebigen Erziehung und Führung der MTA entfaltet. Sie selbst ist es, die die drei Samenkörner in die Familie hineingesenkt hat und für ihr Wachstum gesorgt hat. Durch ihre sanfte erzieherische und regierende Tätigkeit hat sie uns überreiche Gnaden geschenkt, und so hat sie sich erwiesen als Mutter der schönen Liebe, der Erkenntnis und der heiligen Hoffnung. Ihre Erziehungs- und Führungstätigkeit war zielstrebig-streng. Das heißt: nicht ohne physisches oder mystisches Blutvergießen, nicht ohne das Blut des Leibes und der Seele. So ist das Schönstatt-Werk in der Tat ein Kriegskind geworden: entstanden im Krieg, gewachsen im Krieg und dazu bestimmt, überall auf der Erde Kriege zu entfachen und zu führen.

Um besser zu verstehen, was gemeint ist, bringe ich den Vergleich mit dem Samenkorn. Wir haben ja schon darüber gesprochen. Die Fruchtbarkeit des Samens hängt – wie wir aus Erfahrung wissen – von der natürlichen Keimkraft des Samens, von der Beschaffenheit des Bodens und von den äußeren Gegebenheiten ab: von Sonne, Regen und Wind. Zum ersten ist zu sagen: niemand kann etwas geben, was er nicht hat. Der Wachstumsfaktor wird im schönen Gleichnis Jesu Christi von der wachsenden Saat (9) veranschaulicht. Die dritte Gegebenheit wird aus der Erfahrung bestätigt. Manche Pflanzen brauchen als ihr gemäßes Klima Stürme – wie etwa die Eiche -, andere brauchen ein mildes Klima zum Wachstum.

Was von der Saat in der Natur gilt, lässt sich auch auf die Samenkörner unserer Spiritualität übertragen. Die innere Keimkraft drängt zu einer eigengearteten Spiritualität und zum universellen Apostolat. Das nötige gute Erdreich ist die natürliche und übernatürliche Bereitschaft zur Hochherzigkeit, vor allem der Keuschheit und Liebe. Normalerweise sind dazu nur diejenigen fähig, die hochherzig sind. Franz von Sales hat das so ausgedrückt: „Auf dem Schiff der Liebe gibt es keine Galeerensklaven, sondern nur freie Ruderer.“ Keuschheit ist nötig entsprechend dem Wort unseres Herrn Jesus Christus: „Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. (10)„ Die nützlichen äußeren Wachstumsbedingungen sind Schwierigkeiten verschiedenster Art und verschiedenen Grades, sind dauernde innere und äußere Kämpfe. Das ist gemeint, wenn wir behaupten: Schönstatt ist Kriegskind. Und zwar in einem doppelten „Krieg“: in der eigenen Gemeinschaft und im ersten Weltkrieg.

[3. Schönstatt als Kriegskind]

‚Krieg in der eigenen Gemeinschaft’ nenne ich die Revolution der Schüler gegen die Vorgesetzten im Kleinen Seminar in Schönstatt. Das war im Jahr 1912. Die Situation damals war folgende: Im Jahr 1901 wurde das Gelände in Schönstatt von unserer Gesellschaft für die Kleinen Seminaristen erworben. Es herrschte eine harte Disziplin. In Ehrenbereitstein dagegen, wo die Großen Seminaristen untergebracht waren, herrschte eine laxe Disziplin. Im Jahr 1912 wurden beide Seminarien in dem neuen Haus zusammengelegt. Als Hausobere wurden die ernannt, die vorher die Kleinen Seminaristen mit strenger Disziplin geführt hatten. Das gefiel den Großen Seminaristen, die von Ehrenbreitstein kamen, durchaus nicht. Sie fürchteten, sie würden die Freiheit verlieren, die sie bisher genossen hatten. So entstand eine Art Hausaufstand. Die Seminaristen verweigerten den Gehorsam, und die Oberen wollten nicht nachgeben. In dieser Situation wurde im Oktober desselben Jahres ein geistlicher Direktor, ein Spiritual ernannt. Um die Revolution im Haus aufzulösen zettelte er eine innere Revolution an, das heißt, er legte ein Programm der Herzen vor, das später Vorgründungsurkunde genannt wurde. Es lautet so:

„Unter dem Schutz der Gottesmutter wollen wir lernen, uns selbst zu erziehen zu priesterlichen, wirklich freien und starken Männern.“

Der geistliche Leiter ging nach folgender Methode vor: Er weckte in den Seminaristen durch seine für alle gehaltenen Vorträge und durch persönliche Beratung unmittelbar einen Sinn für Hochherzigkeit und indirekt einen Sinn für Keuschheit. Er tat das, indem er philosophisch, psychologisch und anhand praktischer Lebensbeispiele aufzeigte, dass die jugendlich reine Seele von Natur aus bereit sei, hohe Ideale aufzunehmen und hervorragende Werke zu tun. Beide Ziele verband er mit der Allerseligsten Jungfrau Maria und mit ihrem königlichen Sitz im Heiligtum. Dann legte er eine große konkrete Idee dar und stellte ein wirklich großes Werk vor Augen.

Die große Idee sickerte allmählich ein; und das ist das, was man heute die spezifische Spiritualität Schönstatts nennt. In den ersten Jahren haben sich die Geister der jungen Seminaristen mit vereinten Kräften für das Ideal der Werktagsheiligkeit und später für das Liebesbündnis und die vollkommene Werkzeugsheiligkeit begeistert. In einem organischen Prozess wurden falsche Begriffe von echter Größe und Heiligkeit korrigiert und korrekte Vorstellungen davon dargelegt. Das geschah so lange, bis die Herzen bereit waren, den Berg der Werktagsheiligkeit zu besteigen.

Falsche Vorstellungen von Heiligkeit waren folgende:
Heiligkeit beraubt uns der jugendlichen Freuden. Ich antworte darauf: Keineswegs verleidet Heiligkeit die erlaubten natürlichen Freuden, vielmehr eröffnet sie eine unerschöpfliche Quelle übernatürlicher Freuden.

Ferner: Heiligkeit macht den Menschen unfähig, das praktische Leben ehrenvoll und fruchtbar zu leben. Ich antworte darauf: Ganz im Gegenteil, wahre Heiligkeit besteht darin, dass jemand alle seine Aufgaben und Werke vollkommen und aus vollkommener Liebe ausführt.

Außerdem: Heiligkeit macht den Menschen schwach und unfähig, große Werke in der natürlichen Ordnung zustande zu bringen. Ich antworte darauf: Nach dem Axiom „gratia praesupponit, non destruit, sed perficit et elevat naturam“ will Heiligkeit die natürlichen Leidenschaften nicht ausrotten, sondern sie bessern, veredeln. Da es keinen Menschen ohne Leidenschaften, und da es keinen großen Menschen ohne große Leidenschaften gibt, verbindet der heiligmäßige Mensch seine Leidenschaften mit wirklicher Heiligkeit und mit apostolischen Werken. So zähmt er die wilden tierischen Instinkte in der Seele und richtet sich auf heroische Tugenden aus.

Das erhabene Werk, das den Seminaristen nach und nach eröffnet wurde und alle ihre natürlichen und übernatürlichen Kräfte weckte, ist das Schönstatt-Werk.

Wie die Vorgründungsurkunde ein Symbol des hausinternen Krieges ist, so ist die Gründungsurkunde – menschlich gesprochen – die Frucht des ersten Weltkrieges und ihr treuer Interpret. Die unmittelbare Vorbereitung der Gründung geschah in dem hausinternen Krieg, die Gründung selbst ist während des Weltkrieges geschehen und davon tatsächlich inspiriert worden. Und diejenigen, die die Gottesmutter als ihre Werkzeuge benutzt hat, sind in der Tat nicht von den Turbulenzen des inneren und äußeren Krieges verschont worden. Sie haben das Blut ihres Leibes und ihrer Seele hingegeben, wie wir später sehen werden. So können wir mit Recht behaupten: das Schönstattwerk ist ein Kriegskind, denn es ist in diesem doppelten Krieg entstanden. Die Geschichte bezeugt, dass die göttliche Vorsehung ein unumgängliches Gesetz aufgestellt hat, das überall da gilt, wo Schönstatt entsteht. Das gilt auch für unsere Provinz.


Schönstatt-Lexikon Online: Spiritualität

(1) Damals war Vinzenz Pallotti (1795-1850) von der Kirche nur seliggesprochen. Die Heiligsprechung geschah erst am 20.1.1963. In der weiteren Übersetzung sprechen wir jeweils vom heiligen Vinzenz Pallotti.
(2) Vgl. Ps. 89,2
(3) Vorgründungsurkunde (27. Oktober 2012) in Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967. Der „Spiritual“ war Pater Kentenich selbst. Die Vorgründungsurkunde war der erste Vortrag des neuernannten Spirituals im kleinen Seminar der Pallottiner in Schönstatt.
(4) Der volle Text in der Vorgründungsurkunde lautet: „Wir wollen lernen, unter den Schutz der Mariens, uns selbst zu sehen zu festen, freien und priesterlichen Charakteren.“
(5) Das Leitungsgremium einer Marianischen Kongregation, wie sie in Schönstatt bestand.
(6) Bezug genommen ist auf den Brief P. Kentenichs vom 6. Nov.1919 – siehe Text 15 -, wo er schreibt: „Und mitten in diesem Chaos stellen wir ein Programm auf, das einer feierlichen Schilderhebung des inneren Lebens gleichkommt. Es gibt meines Wissens keine Laienorganisation, die so unmittelbar, so ausgesprochen und – ich möchte sagen – so unbarmherzig den Zeitgeist bis in die letzten Schlupfwinkel verfolgt.“
(7) Phil 4,13
(8) Der zweite Satz findet sich nicht in der Gründungsurkunde. Er wurde hier von P. Kentenich hinzugefügt zur Verdeutlichung.
(9) Mt 13, 1-23
(10) Mt. 5,8

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