KR-2 DE 34

34. Maria und die Kirche

1950 hat Pius XII. das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet. Kurz vor der Verkündigung hielt Pater Kentenich die Oktoberwoche 1950. Es war zu erwarten, dass er das Ereignis der Dogmatisierung würdigen würde. Die Weise, wie er es tat, war originell und typisch. Es ging ihm nicht nur um eine Förderung der Marienverehrung im populären Sinn – so, wie wahrscheinlich viele der marianischen Bewegungen auf dieses Ereignis reagierten -, sondern vielmehr darum, die objektive Stellung der Gottesmutter im Heilsplan und ihre besondere Bedeutung für unsere Zeit und die heutige Kirche aufzuzeigen.
Der vorliegende Text aus dieser Oktoberwoche geht ein auf die „marianischen Minimalisten“, Strömungen in der Kirche und im Christentum, die die Tendenz vertreten, die Stellung Mariens und die Verehrung ihr gegenüber möglichst klein zu halten. Pater Kentenich benützt ihre Argumentationsweise, um zwei Dinge aufzuzeigen. Zum einen, wie diese Positionen von einem „mechanistischen Denken“ geprägt sind, das Schrift und kirchliches Denken in einer Weise interpretiert, wie sie gar nicht gemeint sind. Zum anderen, um darzustellen, wie sehr die Gottesmutter und die kirchliche Verkündigung ihrer Wahrheiten uns gegen eine solche falsche Interpretation der Offenbarung schützt. Die Gottesmutter schützt nicht nur das Christusbild wie es in den großen christologischen Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte geschah (dogmatisch zentriert in der Lehre von der Theotokos: Maria ist „Gottesgebärerin“). In den großen Auseinandersetzungen der heutigen Zeit schützt sie auch das Menschenbild und damit verbunden das Kirchenbild – wie der vorliegende Text zeigt.

Der Text findet sich in der Veröffentlichung von „Oktoberwoche 1950“,… S. 108 – 130.


Wollen wir nun die anderen Träger des Minimalismus vor unserem geistigen Auge aufmarschieren lassen!

1. Die Retorquisten.

Wir lassen sie erst ihre Ansicht aussprechen, charakterisieren sie, um sodann eine prüfend-abwägende Antwort zu geben, indem wir annehmen, was brauchbar ist und ablehnen, was nicht brauchbar ist.

[1.1 Die Ansicht der Retorquisten]

Was wollen die Retorquisten? Sie erkennen als wahr nur das an, was im Urchristentum als Lebensgebilde nachweisbar ist, mag es sich dabei handeln um liturgische Lebensformen oder um dogmatische Wahrheiten.

Sie kennen wahrscheinlich eine ganze Menge solcher Retorquisten. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich erneut zurückkomme auf eine bestimmte Richtung der liturgischen Bewegung; ich sage absichtlich, auf eine bestimmte Richtung. Ich glaube, wir dürfen nunmehr mutig sagen, auf eine extreme, abwegige Richtung. Die Abwegigkeit besteht darin, dass nur anerkannt werden soll, was das Urchristentum an nachweisbaren Wahrheiten und Formen gekannt hat. Stand damals stärker im Vordergrund die Eucharistie als Opfer und Speise, während man beispielsweise damals noch nicht in dem heute geläufigen Ausmaß die Anbetung des Allerheiligsten gekannt hat, dann folgern die Retorquisten daraus: Weg mit der Anbetung! Weg mit der Aussetzung des Allerheiligsten!

Weiter! Kannte man damals noch nicht in dem heutigen Ausmaß die Marienverehrung und die heutigen Formen der Marienverehrung, dann folgt daraus: Weg damit!

Fast möchte es uns scheinen, dass ein altes, bekanntes Bild aus der Natur am Platze wäre. Wir nehmen einen Baum. Er ist hineingepflanzt in die Erde. Langsam hat er sich entfaltet zur vollendeten Pracht. Das ist der entfaltete Baum des Christentums, wie wir ihn heute vor uns haben. Nun kommen Menschen und sagen: Wie sah der Baum aus in seinem ersten Stadium? Dieses Blatt gehörte zum Beispiel damals nicht dazu, dieser Zweig nicht, dieser Ast nicht, dieser Stamm nicht. Deshalb: weg damit!

So wird bei den Retorquisten alles zurückgeführt auf die Urform, mag es sich um liturgische Formen handeln oder auch um religiöse Wahrheiten. Deswegen gilt für sie entweder nur die Bibel oder nur das, was sich uns nachweisbar als apostolische Tradition aufschließt. Das alles können sie akzeptieren. Alles andere aber, was der Glaubenssinn, der ‚sensus fidei’ (109) gebracht hat, lehnen sie ab. Deswegen wird auch die gesamte Entwicklung der Kirche, etwa im Mittelalter, nicht anerkannt. Und weil die Marienverehrung oder Herz-Jesu-Verehrung im Urchristentum in der heutigen Form nicht existiert hat, deswegen Schluß damit. Alles soll zurückgeschraubt werden zum Uranfang, zu Urformen, zu anfänglichen Linien.

Wollen Sie hier für sich nachprüfen, wo Sie Retorquisten dieser Art kennengelernt haben? Es gibt ihrer heute ungezählt viele. Wir müssen sogar fürchten, dass wir da und dort selber davon angekränkelt sind, obwohl wir immer, solange wir existieren, kraftvoll Front gemacht haben gegen derartige Auffassungen.

[1.2 Antwort auf die Ansicht der Retorquisten]

Wenn wir nun flüchtig die ganze Strömung kritisieren, dann dürfen wir hervorheben: die bevorstehende Dogmatisierung lässt ungemein viel Licht fallen auf die Abwegigkeit einer derartigen Strömung. Wir wissen ja, dass die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme der lieben Gottesmutter in den Himmel sich in der Heiligen Schrift nicht direkt nachweisen lässt. Nicht einmal die apostolische Tradition liefert einwandfreie klare Texte. Bis zum vierten, fünften Jahrhundert sind kaum entsprechende Texte zu finden; da und dort sogar entgegengesetzte Auffassungen. Wie das erklärbar ist, darf ich Ihnen nachher auseinandersetzen.

Was folgt daraus? Als wir von der Zweckmäßigkeit, von der Brauchbarkeit und Sinndeutung der Definition des Dogmas sprachen, haben wir eine ganze Menge Stoff zusammengetragen. Wir hätten noch länger dabei stehenbleiben können und dann zum Beispiel sagen dürfen: Selbst wenn gar kein Lebenswert in der Dogmatisierung steckte – einmal angenommen, das wäre so –, genügte es schon, wenn dadurch das Bild der lieben Gottesmutter in der objektiven, gottgewollten Prägung uns nähergebracht wird. Weil wir unser Denken auf das Gesetz eingestellt haben: ‚Ordo essendi est ordo agendi’, genügt es schon, wenn wir wissen: die Seinsordnung ist so von Gott gedacht.

Wenn die Gottesmutter die entsprechende Stellung in der objektiven Heilsordnung hat, kann ich nicht sagen: hier weibliche und dort männliche Frömmigkeit. Dann hat jede Frömmigkeit marianisch zu sein, ob männliche oder weibliche. Das Gepräge mag besonders spezifiziert werden durch männliches oder weibliches Denken.

Wenn wir jetzt erneut ausgehen von diesem Höhepunkt der Dogmatisierung und lassen von da aus Licht fallen auf die Ideengänge der Retorquisten, dann merken wir, dass hier ein doppelter Protest gegen derartige Auffassungen zu erheben ist.

Der erste Protest wird erhoben vom Wesen des Christentums selber. Das Christentum ist sprudelndes Leben, das wie jegliches Leben eine reiche, ja überreiche Entfaltung kennt. Wir müssen sogar gestehen – und es mag uns dies nicht schwerfallen, wenn wir den rechten Begriff vom Leben haben -, dass das Leben im Anfang unvollkommener ist als später auf dem Höhepunkt. So ist es auch hier. Damit ist nicht gesagt, dass das Urchristentum nicht in allem vorbildlich ist. Es ist möglich, ja wahrscheinlich sicher, dass Formen des Anfangs sich später als primitiv herausstellen und abgelöst werden nach den Gesetzen der gesunden organischen Entfaltung des Lebens. Sie spüren, es wäre der Mühe wert für denjenigen, der das Marianische tiefer fassen will, sich tiefer hineinzudenken in das Wesen der Religion des Christentums selber. Christentum ist primär Leben, nicht primär Idee, zumal keine starre Idee, sondern sprudelndes Leben.

Ein zweiter Protest geht aus von der Theorie der Glaubensquellen. Was ist denn Glaubensquelle? Das ist das depositum fidei, die Niederlegung großer Glaubenswahrheiten, die Gott uns in Christus geoffenbart hat. Das depositum fidei gilt als abgeschlossen seit dem Tode der Apostel. Dazu gehört nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch die apostolische Überlieferung, damit aber auch gleichzeitig das, was Christus seiner Kirche geschenkt hat, nämlich einen eigenartigen Glaubenssinn (110). Der nächste Gedankengang wird hier angekündigt. Es gibt einen sensus fidei communis, einen allgemeinen Glaubensgeist.
Sehen Sie, jedes geistige Gebilde kann wohl von einem derartigen Geist sprechen, der in dem Augenblick mitgegeben wurde, in dem das Leben geschenkt worden ist.

Beim Christentum ist der Lebensgeist der Geist Christi, der Glaubensgeist, der Glaubenssinn. Auch er will aufgefasst werden als Glaubensquelle. Diese Glaubensquelle fließt und sprudelt in hervorragender Weise bei der Dogmatisierung der Assumptio, der leiblichen Aufnahme der lieben Gottesmutter in den Himmel. Dasselbe mag gelten, wo es sich um andere Dogmatisierungen handelt, so dass wir rein theoretisch sagen können und müssen: Und wenn in den urchristlichen Quellen (111) kritisch gar nichts nachweisbar wäre von diesen oder jenen Wahrheiten, wenn aber nachweisbar ist, dass die Wahrheit dem Glaubensgeist der Kirche entspricht, dann haben wir hier die Möglichkeit einer Definition, ja unter Umständen sogar die Notwendigkeit oder Nützlichkeit einer Definition.

Freilich stehen jetzt eine Menge Fragen auf. Ist das Christentum damit nicht dem Subjektivismus ausgeliefert? Wäre es nicht doch greifbarer, wenn wir festhielten und sagten: Ein Dogma muss formaliter vel implicite vel explicite mit der Heiligen Schrift übereinstimmen? Was als Dogma zu gelten hat, muss entweder in der Heilige Schrift oder der schriftlichen Überlieferung zu finden sein, es muss wenigstens einschlussweise in diesen Quellen enthalten sein? Sicher, für das individuelle menschliche Forschen hätten wir hier wohl eine geistige Grundlage. Es mag wohl sein, dass in früheren Jahrhunderten dieser Glaubensgeist, der der Kirche zusammen mit dem göttlichen Leben, mit dem Leben Christi, eingepflanzt wurde, nicht so ausnehmend stark examiniert worden ist. Weshalb? Mich dünkt, die Antwort lautet: Erst seitdem die Unfehlbarkeit des Papstes als Dogma anerkannt wird, haben wir ein gesichertes Regulativ, dass in der Entwicklung der niedergelegten Wahrheiten des göttlichen Lebens nicht so leicht eine Irreführung passiert.

2. Im Einzelnen bedeutet die Dogmatisierung:

[2.1. Eine wirksame Korrektur bestimmter liturgischer Kreise.]

Sicher, wer aus Liebhaberei jetzt seine Kirche wieder einrichten will, wie das im Urchristentum war, mag das tun. Er muss sich aber bewusst werden: wenn er grundsätzlich die Entwicklung des Christentums, auch die Entwicklung der liturgischen Formen ablehnt, ist er praktisch in die Irre gegangen, kann er an sich nicht ja sagen zur Dogmatisierung der Assumptio.

Mich dünkt, wir, die wir immer organisch gedacht und gehandelt haben, sollten wie bisher aus dem Glaubensgeist heraus alles Wertvolle bejahen, was am Baum des Christentums gewachsen ist, ob wir es wiederfinden im Urchristentum, im Mittelalter oder in der Neuzeit. Wenn Sie tiefer nachdenken, werden Sie finden, dass es praktisch einerlei ist, ob irgendeine Lebensform im 20., im 13. oder im ersten Jahrhundert entstanden ist. Wenn wir Ernst machen mit den Entfaltungsgesetzen des Christentums, dann ist es derselbe Heilige Geist, der im Urchristentum, im Mittelalter wirksam war und der auch in der Neuzeit wieder wirksam ist. Spüren Sie, wie dadurch eine gewisse Dynamik in die Kirche hinein kommt.

Eine Korrektur müssen sich also zunächst bestimmte Kreise der liturgischen Bewegung gefallen lassen. Und wenn wir selber damit liebäugeln? Schluß damit machen! Das große Zeichen am Himmel spricht deutlich und verlangt eine Antwort. Wir geben die Antwort, indem wir zurückgreifen auf die Glaubensquellen und den Glaubensgeist, der sich im Laufe der Jahrhunderte unter der Unfehlbarkeit der Kirche ausgewirkt hat.

Beobachten Sie die Keimkraft einer Pflanze. Wie wenig erfassen wir von einer Pflanze, wenn sie noch keimt! Und trotzdem ist sie schon niedergelegt in jeder Zelle. Wann sie sich entfaltet, ist zunächst Nebensache, ob heute oder morgen oder übermorgen.

[2.2. Eine Korrektur müssen sich auch die Theologen gefallen lassen.]

Sie müssen mir gestatten, dass ich das so freimütig sage, zumal die deutschen Theologen, die vielfach so historisch eingestellt sind. Nicht nur, was schriftlich fixiert ist, kann Gegenstand des Glaubens, des Dogmas werden. Diese Sichtweise ist für unser heutiges Denken eine Revolution, zumal für die ältere Generation. Korrektur deswegen unseren Dogmatikern! Der Dogmatiker muss künftig bescheiden nach dem Glaubenssinn forschen. Er hat eine doppelte Aufgabe: den Glaubenssinn zu ordnen und zu reinigen, hat aber auch die Aufgabe, den Glaubenssinn zu prüfen und zu studieren, um aus diesem Glaubenssinn des Volkes mehr und mehr den Geist Gottes zu ermitteln.

[2.3. Auch der Exeget muss sich eine Korrektur gefallen lassen.]

Gewiß, er soll bei seinem Fach bleiben, muss sich auf das berufen, was in der Heiligen Schrift steht, aber er darf sich nicht erdreisten zu sagen: Das oder jenes steht nicht darin, also kann es nicht Gegenstand des Glaubens, Gegenstand einer Dogmatisierung sein.

Wir dürfen wohl beifügen: auf der anderen Seite treten auf einmal die Laien in der Kirche stärker in den Vordergrund, auch dort, wo es sich um das Glaubensgebiet handelt. Sie wissen, wie voriges Jahr der Heilige Vater den gesamten Episkopat befragt hat, was wohl die Meinung des Volkes wäre. Viele Laien haben sich über eine solche Rundfrage gewundert. Um was drehte es sich dabei? Es sollte bloß erfragt werden, wie der Glaubenssinn des Volkes zur bevorstehenden Dogmatisierung steht.

3. Es stehen als drittes Lager vor uns die Idealisten oder die Intellektualisten.

Zunächst wiederum: Was ist ihre Meinung? Und dann die Frage: was ist darauf zu erwidern?

[3.1 Das Offenbarungsverständnis der Intellektualisten]

Die Intellektualisten sehen Glaube und Religion primär als ein einziges großes Wahrheitsgebäude, als eine Zusammenfassung von logisch schlüssigen und zusammenhängenden Wahrheiten. Wie deuten sie Worte wie „Offenbarung“ und „Wahrheit“? Natürlich ist die Offenbarung sekundär auch Wahrheit, aber nicht primär. Der Intellektualist meint aber: Was sich nicht mit logischer Notwendigkeit aus der oder jener Wahrheit heraus ermitteln lässt, kann nicht bestehen vor dem Forum des Intellekts.

Wenn wir jetzt wieder stehenbleiben bei der Wahrheit der Assumptio, dann lässt sich sicherlich eine Verbindung mit den Stammwahrheiten nachweisen. Das will also heißen: es besteht kein Gegensatz zwischen dieser Wahrheit und den bereits anerkannten Stammwahrheiten. Als solche mögen Sie sich die folgenden Wahrheiten vergegenwärtigen: Immaculata, Intemerata, Virgo Virginum praeclara, Dei Genitrix (112).

Es schickt sich, dass zur Abrundung dieser Wahrheiten noch die Dogmatisierung der Assumptio hinzukommt, wenn auch nicht als logische Notwendigkeit.

[3.2 Stellungnahme zu diesem Offenbarungsverständnis]

Was ist darauf zu erwidern? Hier müssen wir uns das Wesen der katholischen Religion neu aufschließen lassen. Das Christentum ist primär Lebens-, nicht Wahrheitsoffenbarung. Diese These steht am Anfang. Sie müssen zunächst das Wort „Offenbarung“ auf sich wirken lassen. Es kann eine Wahrheitsoffenbarung sein und eine Lebensoffenbarung. Offenbarung kann eine Entschleierung von Wahrheiten und eine Entschleierung des Lebens sein. Das Christentum ist primär Lebensoffenbarung und nur sekundär Wahrheitsoffenbarung, also primär Entschleierung und Mitteilung des Lebens und sekundär Entschleierung und Mitteilung von Wahrheiten.

3.2.1 Primär also Mitteilung des Lebens!

Das Christentum ist zunächst ein Einbruch des göttlichen Lebens in der Person Christi in das Irdische, in das Zeitliche. Was wird geoffenbart und uns geschenkt? Das göttliche Leben in der Person Jesu Christi.

Das reicht noch nicht. Ein Stückchen weiter! Es ist dieser Einbruch des göttlichen Lebens in das Zeitliche gleichzeitig eine Vereinigung, wenn Sie wollen eine Vermählung, dieses göttlichen Lebens mit der Braut Christ, mit seiner Kirche hier auf Erden.

Das reicht noch nicht. Das religiöse christliche Leben ist gleichzeitig das ständig nach Entwicklungsgesetzen sich entfaltende Agieren Christi und das Mitagieren seiner Braut, der Kirche, um die Welt zu entteufeln, zu entsündigen, zu vergöttlichen und zu verklären. Wenn wir diese These verständen, würde uns ungemein viel Licht aufgehen.

Wollen Sie auf Einzelheiten eingehen, dann dürfen Sie nicht übersehen, dass jedes echte, wahre Leben von Entwicklungsgesetzen getragen ist; so auch das göttliche Leben, das uns Christus Jesus gebracht hat. Und wo sind die Triebkräfte, die in dieser Entwicklung tätig, lebendig und wirksam sind? Wir müssten vor allem drei namhaft machen:

Das ist zunächst das immanente göttliche Leben selber. Christus selber, der Gottmensch, ist in seiner Person eine ungeheuer geladene Kraft. Es ist selbstverständlich, dass diese geladene Kraft sich nicht auf einmal entfalten kann; schon deswegen nicht, weil die Kirche als Gefäß nicht auf einmal dazu fähig ist. Die Kirche ist konstituiert durch Menschen zu begrenzt, um die Triebkraft, die in Christus selber ist, um die ungeheure Fülle des göttlichen Lebens, die uns in Christus geschenkt worden ist, in sich aufzunehmen.

3.2.2 Damit berühren wir das zweite richtunggebende Element:

die Aufnahmefähigkeit der Glieder der Kirche. Sehen Sie, der lebendige Gott passt sich gewöhnlich der Fassungskraft des menschlichen Geistes an. Nehmen Sie meinetwegen die germanische Art, wie sie sich im Mittelalter ausgeprägt hat mit der Gemütstiefe, die wir heute noch beim einfachen Volk wahrnehmen. Darin steckt die Fähigkeit, aus der Fülle des göttlichen Lebens Christi die Wahrheiten, die Lebenskeime aufzunehmen, die vom Gemüt besonders leicht aufgenommen werden können. So erklärt es sich, dass praktisch in der ganzen Kirchengeschichte das Volk führend war auf dem Gebiet der Mariologie. Sehen Sie, das göttliche Leben in Christus Jesus hat sich entfaltet nach der Aufnahmefähigkeit des Gefäßes. Und weil es sich in der Mariologie durchweg um Wahrheiten, um Lebensbeziehungen und um Lebensformen handelt, die vom Gemüt erfasst werden, deswegen – so müssen wir zugestehen – ist das germanische Volk führend gewesen in der Mariologie. Unser katholisches Volk hat sich von unseren Theologen nur zum Teil „verderben“ lassen. Unser Volk ist gesund geblieben, Gott sei Dank. Deswegen müssen wir beim Volk Anleihe machen. Es ist ein Frevel, unser echtes, katholisches Volk zu verderben.

3.2.3 Ein drittes Element, das Triebkraft entfaltet, sind die Zeitbedürfnisse.

Der lebendige Gott will das göttliche Leben in Christus uns auch schenken, um die Zeitverhältnisse zu überwinden und um die Zeitbedürfnisse zu befriedigen.

3.2.3.1 Es steht füglich das Christentum vor uns primär als eine Offenbarung des Lebens, als eine Offenbarung der Vermählung des göttlichen Lebens in Christus mit seiner Braut, der Kirche. Das göttliche Leben entfaltet sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Was folgt daraus? Müssen wir nicht mit Recht sagen, dass Christus, als er auf Erden war und uns sich selber in geheimnisvoller Weise im Christentum geschenkt hat, nicht nur darauf spekulierte, dass das ganze flutende Leben seiner Persönlichkeit sich nach und nach in der Breite entfalten sollte, sondern auch in der Tiefe? Das ganze sprudelnde Leben, das Christus seiner Kirche mitteilen wollte, entfaltet er im Laufe der Jahrhunderte nur stückweise. Die volle Entfaltung der geladenen Kräfte in Christus Jesus finden Sie nicht im Urchristentum, die finden Sie in den folgenden Jahrhunderten. Es ist gleich, wo und wie und wann Christus die in ihm lebende geladene Kraft entfalten will, ob im 16. Jahrhundert oder am Anfang. Sehen Sie, was das eine universelle Auffassung der Kirche ist.

Sie werden mich mit Recht fragen: liegen in einer solchen Auffassung nicht Gefahren? Zweifellos liegen darin Gefahren. Es ist eben der sensus fidei communis, der Glaubenssinn, der Geist Jesus Christi, der uns sagt, dass hier eine lebendige göttliche Kraft, Christus als Persönlichkeit wirksam ist. „Der Geist ist es, der lebendig macht“,(113) der Zeugnis ablegt, dass Christus wirksam ist.

Der Laie hat zur Korrektur das offizielle kirchliche Lehramt. Das hat letzten Endes auch zu erklären, ob etwas, was als Glaubensgeist wirksam ist, wirklich aus dem Geist Christi herausfließt, oder ob es subjektive Lieblingsneigung ist. Bei unseren deutschen Gelehrten wankt jetzt der ganze Boden. Die eigene Ratio ist auf einmal in den Hintergrund getreten. Wie stark sind wir nun als Gesamtheit der Kirche abhängig von einer höheren Führung. Und die Kirche wird von dem Glauben geführt, dass der Geist Gottes durch die Leitung der Kirche lebendig und wirksam ist.

Um diese zentralen Wahrheiten handelt es sich heute; nicht darum, ob etwas historisch nachweisbar ist. Es gilt, die Kirche an ein neues Ufer zu bringen. Es dreht sich letzten Endes darum, zu klären, wie die Kirche am neuen Ufer aussieht, oder wie das alte Ufer aussieht, das wir verlassen müssen. Um diese Welt dreht es sich letzten Endes.

Wollen Sie diese Wahrheit noch einmal anders ausgedrückt wissen? Nehmen Sie das göttliche Leben, das uns in Christus Jesus geschenkt worden ist. Vergleichen Sie es mit einem Keim, der riesig viel Keimkraft besitzt. Wann werden sich diese Keimkräfte entfalten? Es ist dann doch einerlei, wann diese Keimkräfte sich entfalten, ob heute, morgen oder übermorgen. Es wird sich nicht entfalten, was nicht als Keimkraft dort ist. Wiederum: Dies setzt einen Glauben an und eine Abhängigkeit von der Führung der Kirche voraus. Auf der einen Seite die dogmatische Wissenschaft, im Hintergrund die Leitung der Kirche.
Spüren Sie, wie auch in unserer Familie der Glaubensgeist überall wirksam ist und richtig gegriffen hat? Große Dankbarkeit will und muss uns erfüllen. In allem, was wir bisher unternommen haben – so dürfen wir sagen -, ist der Heilige Geist führend gewesen. Daraus die Schlußfolgerung: Wir dürfen auch erwarten, dass derselbe Geist uns weiterführt.

Das Christentum steht vor uns als Lebensgebilde, als Einbruch des Göttlichen hinein in die Kirche. Wollen Sie das noch einmal tastweise anders formuliert wissen? Christus hat seiner Kirche von sich und seinem geheimnisvollen Leibe ein Bild eingeprägt. Das Bild ist ihr zwar eingeprägt, aber wie lange braucht die Kirche, bis sie das Bild in seiner vollen Entfaltung vor sich sieht! Wie lange muss die Kirche sich entfalten, bis sie fähig ist, die einzelnen Züge dieses Bildes an sich wahrzunehmen!

Freilich, wenn ich das alles so mutig sage, müssen wir als Theologen bescheiden beifügen: Warten wir ab, bis der Heilige Vater in seiner bevorstehenden Bulle das Dogma verkündet. Warten wir ab, wie der Heilige Vater das Dogma begründet.

Wissen Sie, dieselben Glaubensquellen flossen ja auch bei der Dogmatisierung der Immakulata. Der Verweis der Theologen auf das Protoevangelium ist an sich kein Beweis. Es ist formell eine theologische Schlußfolgerung: Feindschaft zwischen Maria und dem Teufel. Diese Art Beweise sind nicht zwingend.

Auch die Wahrheit von der Immakulata will geschöpft werden aus dem Glaubenssinn der Kirche. Deswegen müssen wir uns mit dieser Quelle stärker auseinandersetzen und sorgen, dass wir geöffnet sind für den Einfluss des göttlichen Wirkens.

3.2.3.2 Wir wollen dabei nicht übersehen, dass das Christentum sekundär auch eine Offenbarung von Wahrheiten ist, aber nur sekundär. Wir dürfen nicht in den Fehler verfallen und erklären, dass es sich absolut notwendig um ein Gebäude von philosophisch fundierten Wahrheiten handelt. Das ist ein Irrtum. Wohl ist es wahr: keine Wahrheit darf der anderen widersprechen. Alle Wahrheiten müssen sinngemäß mit den Stammwahrheiten verknüpft und verbunden sein.

4. Es bleibt noch ein Rest, noch eine Gattung von marianischen Minimalisten übrig. Wir haben sie Pauperisten genannt.

[4.1 Die Denkrichtung der Pauperisten]

Was wir unter den Pauperisten verstehen? Das sind Katholiken, die immer Not haben, die Gottesmutter könnte zu sehr verehrt werden. Sie gehen dabei aus von dem Sparsamkeitsgesetz, Gott sei sparsam in der Mitteilung seiner Güter.

Sie werden verstehen, wenn ich beifüge, hier sind an erster Stelle wieder die Protestanten zu nennen. Sie gehören zwar nicht unmittelbar hierher. Wir sprechen aber von ihnen, weil vieles von dem, was sie denken und lehren, auch in katholische Kreise übergegangen ist, ohne dass man sich dessen bewusst ist.

Sparsamkeitsgesetz! Beim Protestanten besteht die Not, es könnte die reine Unmittelbarkeit Gottes beiseite geschoben werden. Gott allein, Christus allein soll ohne vermittelnde Zwischenglieder geliebt werden: ohne Papst, ohne die Heiligen, auch ohne die Gottesmutter.

Asmussen (114) hat ein neues Buch herausgegeben, in dem vom protestantischen Gesichtspunkt aus Stellung genommen wird zur Gottesmutter: „Die Gottesmutter Maria“. Darin setzt er auseinander, dass auch die Protestanten zur Gottesmutter Stellung nehmen müssen. Entweder ist Maria Gottesmutter, so wie auch die protestantische Kirche das jeweils früher gelehrt hat, oder sie ist es nicht. Ist sie es nicht, hat die katholische Kirche sich geirrt. Ist sie es aber, haben wir uns geirrt, die wir sie mehr und mehr abgelehnt haben. So wie unser Herr Jesus Christus unser ist, so soll auch Maria die unsere sein. Und wann ist sie die unsere? Wenn sie auf unserer Ebene steht, wenn sie ist, wie wir, wenn sie sich vor den anderen Menschen nicht auszeichnet; vor allem, wenn sie nicht so gesehen wird, wie der Katholizismus sie sieht. Unser ist sie, will dann heißen: Sie ist die Mutter des Herrn, wie da und dort eine Frau Mutter ihres Kindes ist, ohne dadurch innerlich, geistig besonders qualifiziert sein zu müssen. Die Katholiken, so heißt es weiter, haben eine eigenartige Auffassung von der Gottesmutter: sie heben sie heraus aus der Menschenmenge, bringen sie in die Nähe Gottes.

Von anderen protestantischen Kreisen ist beigefügt: die Katholiken fügen sie sogar beinahe ein in den Schoß des dreifaltigen Gottes, so dass sie vollständig den Boden der Menschenähnlichkeit zu verlieren scheint.

Wir verstehen diese Denkweise gut, wissen auch, was wir darüber zu sagen haben. Weil die Gottesmutter Mutter Gottes ist, deswegen ist sie verwandt mit dem dreifaltigen Gott, ganz zweifellos! Nach unserer Auffassung ist sie eine Welt für sich. Sie ist zwar ganz und gar Mensch, ist in den Strom von Adam mit hineingezogen, aber vorerlöst, vollerlöst und vorverklärt, vollverklärt.

Wir dürfen sagen, protestantisches Denken ist von diesem Sparsamkeitsgesetz restlos durchdrungen und getragen. Deswegen gibt es auch dort nicht die analogia entis; es gibt bei ihnen keine Verwandtschaft, keine Ähnlichkeit der Dinge mit Gott, auch keine Ähnlichkeit des geschaffenen und begnadeten Menschen mit dem unendlichen Gott. Sparsamkeitsgesetz!

Eine solche Auffassung hat sich auch eingebürgert in katholischen Kreisen. Es sind im Wesentlichen drei Kreise, die immer die Not haben, eine starke Marienverehrung würde Christus oder den dreifaltigen Gott etwas an der Ehre rauben. Es sind das durchweg die Kreise, die stark vom Intellektualismus, vom philosophischen Idealismus erfasst sind, die Kreise, die immer wieder fürchten, es könnte Christus von den Menschen, auch die Gottesmutter von Christus nicht weit genug getrennt werden, der Abstand müsste hüben und drüben unendlich groß und sichtbar sein; unendlich in dem Sinn, dass der Mensch, auch die Gottesmutter, möglichst klein und verkleinert dastände, damit Christus, Gottes Größe, um so größer in Erscheinung träte. Es sind diejenigen, die das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung nicht kennen, die der Fülle Gottes nicht genügend Rechnung tragen, die es deswegen auch nicht verstehen, dass der Strom von Herrlichkeit, der von Christus ausgeht, überall zugänglich gemacht werden kann. Ob ich in den Strom hinein tauche bei einem Menschen, der Christi Antlitz trägt, oder bei der Gottesmutter oder unmittelbar bei Christus, es ist immer derselbe Strom der Gnade und Herrlichkeit. Mechanistisches Denken reißt alle diese großen Zusammenhänge auseinander.

[4.2 Beurteilung der Denkweise der Pauperisten]

Was wir darauf zu erwidern haben? Es kommt mir nicht darauf an, auf Einzelheiten einzugehen, sondern die ganze Problematik zu sichten. Das Schlachtfeld haben wir diagnostiziert, die Gegner kennen wir, wir wissen die Freunde, mit denen wir uns verbünden und verschwistern dürfen. Was ist nun zu der Haltung der Pauperisten zu sagen?

4.2.1 Das Sparsamkeitsgesetz ist eine Illusion.

Es existiert nicht, schon in der natürlichen Schöpfung und Ordnung existiert es nicht. Wie überreich hat der Herrgott die Menschen teilnehmen lassen an seiner Herrlichkeit. Wir mögen uns an zwei Worte erinnern:

„Deus caritas est.“ (115) Gott ist die Liebe. Seinem Wesen nach ist der unendliche Gott ein unendliches Liebesmeer. Deshalb gehört es zum Wesen Gottes, dass er unendlich mitteilungswillig ist. Das ist urtümliche katholische Auffassung, die uns überliefert und gewährleistet ist durch die Heilige Schrift und durch die Lehre der Kirche.

Deus quaerit condiligentes se. Gott sucht geschaffene Wesen, die er lieben kann und die mit ihm lieben, was er liebt. Menschlich gesagt, will das heißen: Gott ist gleichsam nicht glücklich, wenn er nicht Wesen schaffen kann, die er überreichlich beschenken kann, er wäre auch nicht glücklich, hätte er mich nicht geschaffen. Er braucht mich noch als Gegenstand seiner Liebe, sonst wäre er nicht der unendlich Liebende, Gütige, Barmherzige.

Das Sparsamkeitsgesetz existiert also nicht in der natürlichen Ordnung, warum sollte es in der übernatürlichen wirksam sein?

4.2.2 Hätte es existiert, wäre es keinesfalls anwendbar auf die Gottesmutter, denn sie steht ja vor uns wie ein Wesen, das der lebendige Gott gleichsam in einer schöpferischen Intuition geschaffen hat, mit einer beispiellosen schöpferischen Kraft und Macht. Was verschenkbar ist an seiner Größe – so sagt uns der katholische Dogmatiker, so sagt uns die Kirche -, hat er übertragen auf die Gebenedeite unter den Frauen. So mögen wir die Gottesmutter sehen. Das ist wahrhaftig nicht zum Nachteil für unser Gottesbild.

4.2.3 Wenn wir Gott erfassen wollen, können wir es bloß vergleichsweise. Deus semper maior. Wenn ich jetzt als Maßstab einen Maulwurfshügel vor mir habe, um damit den höchsten Berg zu messen, muss ich mir sagen: der Berg ist unendlich größer als der Maulwurfshügel. Wenn wir nun aber den höchsten Berg der Welt – und das ist die Gottesmutter, die Spitzenleistung göttlicher Weisheit, Allmacht, Größe – nehmen und von dieser endlos erhabenen Spitze bis zu Gott noch einen unendlichen Abstand feststellen, dann spüren wir: das ist nicht zum Nachteil für die Größe Gottes. Im Gegenteil: Je größer der Maßstab und je größer dann der Abstand zu diesem Maß, desto größer steht der unendliche Gott vor uns.


Schönstatt-Lexikon Online: Kirche

(109) Der Glaubenssinn, das Gespür für die innere Wahrheit der Offenbarung; vgl. Anm. 110.
(110) Der Glaubenssinn des christlichen Volkes ist ein Zeichen echter Überlieferung. Die apostolische Tradition bricht in diesem Glaubenssinn auf.
(111) Gemeint sind hier schriftliche Aufzeichnungen.
(112) Die Gottesmutter ist ohne Erbsünde empfangen, sündenlos, jungfräulich, Gottesgebärerin.
(113) Joh 6,63.
(114) Hans Christian Asmussen, evangelischer Theologe (1898-1968).
(115) 1 Joh 4,8.

Back

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen