KR-2 DE 38

38. Kindlichkeit und Freundschaft Gott gegenüber

Der ganzen Schöpfung liegt die Struktur des Bundes zugrunde. Gott hat alles geschaffen, um mit geistbegabten Wesen außerhalb seiner selbst „anzubändeln.“ Aus dieser Bundesbeziehung heraus lädt er den Menschen zu verantworlicher Mitarbeit ein: die Schöpfung zum Wohl des Menschen zu gestalten und sie so weiterzuentwickeln, dass sie die in ihr angelegte Zielgestalt erreicht.
Diese Grundstruktur des Bundes haben wir im letzten Kapitel grundsätzlich und in der konkreten Verwirklichung der schönstättischen Spiritualität, also marianisch, durch die entsprechende Auswahl der Texte dargelegt.
Aus dieser Grundstruktur ergibt sich für den Menschen die Frage, wie er mit Gott zusammenleben und arbeiten soll; wie er Gottes Willen erkennen kann – Vorsehungsglaube – und wie er darauf antworten soll: Werktagsheiligkeit.
Dabei liegt die Disposition, auf die göttliche Vorsehung zu achten und darauf zu reagieren, in der menschlichen Natur begründet und findet deshalb ihren Ausdruck nicht nur in den verschiedenen Religionen, sondern auch in Magie und Aberglaube. Damit ist auch schon angedeutet, dass die Einstellung des Menschen auf das Bundesangebot Gottes nicht automatisch und immer positiv ist. Der Gott, der mit dem Menschen in einem Bund der Liebe zusammenwirken will, kann dem Menschen durchaus erscheinen als ein Gott der straft, der (nur) kontrolliert, der verfolgt und verdammt.
Um richtig auf das Angebot Gottes eingehen zu können, muss der Mensch zunächst zu einem positiven Grundverhältnis Gott gegenüber finden. Wie dies geschieht und geschehen soll – entsprechend der Lehre der Zweitursachen -, kann hier nicht behandelt werden. Wie das Grundverhältnis aber sein soll, dafür sei hier ein Text angeboten: Wir dürfen und sollen Kind und Freund Gottes sein.

Der Text stammt aus der „Werktagsheiligkeit“ (Lahn – Verlag 1964, S. 29-32) – siehe Einleitung zu Text Nummer 40.


Gott ist unser Vater

In der begnadeten Seele hat der dreifaltige Gott seinen Thron aufgeschlagen und ist dort tätig als Vater. Er – unser Vater, wir – seine Kinder! Das betont der heilige Paulus immer wieder. „Ihr habt ja nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, sondern den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: Abba, Vater“ (148). Auch der heilige Johannes sagt es uns: „Seht, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Kinder Gottes heißen und sind!“ (149). Wir dürfen also wirklich sagen: Gott ist unser Vater.

Wir wollen einmal überlegen, was das Wort „Vater“ besagen kann. Wir müssen ein dreifaches Vatersein unterscheiden.

„Vater“ im engsten Sinne ist der, von dem ich durch Zeugung das Leben erhalten habe. So erhalten wir Menschenkinder durch Zeugung die menschliche Natur von den Eltern. Gottes Sohn erhielt seine göttliche Natur ebenfalls durch Zeugung. Der Vater im Himmel zeugte ihn vor aller Ewigkeit und zeugt ihn fort in alle Ewigkeit. Die Anrede „Vater“, in diesem engsten Sinne gemeint, darf also nur der eingeborene Gottessohn Gott gegenüber gebrauchen.

„Vater“ im weitesten Sinne darf ich jeden nennen, der zu mir so gut wie ein Vater ist, und der für mich wie ein Vater sorgt. In diesem Sinne ist Gott der liebende Vater aller Menschen, auch der Sünder und Ungetauften, überhaupt aller seiner Geschöpfe. Er kleidet die Lilien des Feldes und nährt die Vögel des Himmels.

Nun gibt es noch einen „Vater“ im weiteren Sinne, den Adoptivvater. Dieser nimmt ein fremdes Kind als sein eigenes an, gibt ihm seinen Namen, lässt es teilnehmen an seinen Gütern, an seinen Rechten und macht es zum Erben seines Besitztums. Bin ich in dieser Weise Adoptivkind Gottes? Ja, er hat mich aus Gnade als sein Kind angenommen, ich darf seinen Namen tragen, darf an seinen Gütern teilnehmen, er hat mich zum Erben des Himmels bestellt.

Ich bin und habe aber noch mehr als das. Und hier fängt ein großes Geheimnis an, das wir mit unserem kleinen Menschenverstand nicht ergründen können. Was ein menschlicher Adoptivvater seinem Kinde nie geben kann, das gibt der große Himmelsvater uns: Etwas von seinem göttlichen Leben. Dadurch macht er uns zu seinem übernatürlichen Ebenbild. Ein Adoptivkind in der natürlichen Ordnung wird nie seinem Adoptivvater seinsgemäß ähnlich werden, weil anderes Blut, anderes Erbgut in ihm ist. Wir aber werden durch die Annahme an Kindes Statt in wunderbarer Weise gottähnlich und gottgeeint und fähig, Gott in der Ewigkeit zu schauen von Angesicht zu Angesicht. „Seine göttliche Macht“, sagt der hl. Petrus, „hat uns durch die Erkenntnis dessen, der uns in seiner Herrlichkeit und Macht berufen hat, alles geschenkt, was zu einem gottesfürchtigen Leben dient. Dadurch sind uns die wertvollsten und größten Verheißungen verliehen, damit ihr durch sie den verderblichen Gelüsten der Welt entrinnt und an der göttlichen Natur Anteil erhaltet“ (150). In der natürlichen Ordnung fehlt uns für diese Art Vaterschaft der volle Vergleich.

Ich bin also in Wahrheit Kind Gottes, kann mich neben den Heiland stellen und zum großen Herrscher Himmels und der Erde „lieber Vater“ sagen. Allerdings bin ich sein Kind nicht durch Zeugung wie Christus, sondern durch eine gänzlich unverdiente Mitteilung.
Und dieser Vater liebt mich in väterlicher Weise. Auf mein: „Abba, lieber Vater“ antwortet er mit seinem göttlichen: „Fili, Filia, – liebes Kind.“ Er selbst sagt es uns ja durch den Mund des Propheten, dass er uns väterlich warm, ja mütterlich zärtlich liebt:

„Vergisst wohl eine Frau ihres Kindleins?
Erbarmt sie sich nicht der Frucht ihres Leibes?
Und vergäße sie’s auch:
Ich vergesse dich nicht! –
Sieh, auf meine Hände habe ich dich aufgezeichnet.“ (151)

Wie wenig wissen die Menschen von heute, selbst wir Christen, von dieser trostvollen Wahrheit! Wie könnten wir uns sonst so verlassen und einsam fühlen und von Tür zu Tür um Hilfe und Trost betteln gehen und unsern Himmelsvater vergessen! Geht nicht ein Kind zu seinem Vater, wenn es Not hat? Und weckt nicht das Kind, gerade das kleine und hilflose, allen Helferwillen und alle Gebefreudigkeit des Vaters? Der Vatergott ist der Mitteilsame, er will sich liebend verschenken und verschenkend lieben, er ist ja die Liebe! Aus seinem großen Liebeswillen haucht er den Heiligen Geist. Diese starke, mitteilsame Kraft ließ ihn aber nicht ruhen. Deswegen verband er seinen Sohn mit einer begnadeten menschlichen Natur. Der Vater – so möchte ich fast sagen – will ohne Kind, ohne möglichst viele Kinder nicht sein. Er ist ja die Liebe und will sich darum mitteilen. „Deus quaerit condiligentes se.“ (152) Gott will geistige Wesen, die er lieben kann und die mit ihm lieben, was und wie er selbst liebt. Und so hat er seinen Eingeborenen Mensch werden lassen und uns durch die heilige Taufe ihm eingegliedert. Wir sind in Wahrheit seine Kinder geworden.

Der Vatergott hat eine eigenartige „Schwäche“, er kann der erkannten und anerkannten Hilflosigkeit seines Kindes nicht widerstehen. Kindlichkeit bedeutet „Ohnmacht“ des großen Gottes und wiederum „Allmacht“ des kleinen Menschen. Hier liegt der tiefste Grund für die Fruchtbarkeit der Demut im Reiche Gottes. Die Gottesmutter hat darum im Magnificat jubelnd gesungen: „Die Niedrigen erhöht er“ (153), und der göttliche Heiland bestätigt seiner Mutter Wort immer wieder, wenn er sagt: „Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden“ (154) und: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener, und wer der Erste unter euch sein will, der sei euer Knecht“ (155).

Gott ist unser Freund

Der große, dreifaltige Gott will aber nicht allein unsere Kindesliebe, er will jede Art unserer Liebe haben und letztlich an sich binden, auch die Freundesliebe. Er ist in uns als unser göttlicher Freund. „Ich nenne euch nicht mehr meine Knechte, sondern meine Freunde“ (156). Das ist Gottes Ausspruch, und der will wörtlich genommen werden. Weil aber Freundschaft Gleichheit der Natur voraussetzt, – zwischen Tier und Mensch z.B. kann von wirklicher Freundschaft nicht die Rede sein, – darum teilte er uns von seinem göttlichen Leben etwas mit. Es handelt sich hier zwar nicht um eine tatsächliche Gleichheit, sonst wären wir ja Götter, sondern um eine gewisse geschaffene Ähnlichkeit Diese reicht hin, um einen vertrauten Verkehr zu ermöglichen.

In echter Freundschaft tauscht Gott mit mir seine Güter. Er gibt mir seinen Sohn, seinen Heiligen Geist. Er lässt mich teilnehmen an der Aufgabe und Sendung seines Sohnes, dessen Mutter er mich unter dem Kreuze in feierlicher Weise anvertraute.

Der göttliche Freund möchte aber auch meine Güter haben. Eines habe ich nur als Eigentum, das ist mein Wille, meine Liebe. Die muss und darf ich ihm als Freundesgeschenk anbieten. Wie sagt doch der Heiland? „Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und mir die Tür aufmacht, so werde ich zu ihm eingehen und mit ihm Mahl halten und er mit mir“ (157). Eine solch wundersame Vertrautheit hätten wir nie zu begehren gewagt, wenn nicht er, der göttliche Freund, sie uns angeboten hätte. Er lädt mich zu seinem Tische ein, spricht zu mir durch Belehrungen und Anregungen, wie ein guter Freund das tut.

So wurde die heilige Klara, die große Heilige des 13. Jahrhunderts, gerne von ihren Schwestern gefragt, wenn sie von der Betrachtung in deren Kreis zurückkam: „Was weißt du Neues vom lieben Gott?“ Sie wussten, dass er zu ihr gesprochen hatte.

Wer Freundschaft mit dem in ihm wohnenden dreifaltigen Gott pflegt, der wird manche Zusammenhänge entdecken und Wahrheiten einsehen, die andern verborgen bleiben. Der wird aber auch immer wieder neue Stoßkraft für ein ernstes Wollen als Frucht der Freundschaft empfangen dürfen. Leider dringt der Lärm der Welt oft so sehr in unser Ohr, dass uns dadurch die Stimme des Freundes und sein Anklopfen leicht entgeht.

Der Werktagsheilige ist feinhörig und gottgeöffnet. Menschenstimmen und Arbeitsgetöse können ihm die Sprache des göttlichen Freundes nicht übertönen. Er hört sie überall durch, so wie ein Kind, dem die Stimme der Mutter wohl vertraut ist, diese Stimme auch durch den Lärm der Straße hindurch vernimmt.


Schönstatt-Lexikon Online: Kindlichkeit, Vater/Väterlichkeit

(148) Röm. 8,15
(149) 1 Joh. 3,1
(150) 2 Petr. 1,2 5
(151) Jes 49,15
(152) Das Wort stammt von Johannes Duns Scotus (um 1265‑1308). Vgl. Duns Scotus, Ord. III., dist. 28, q. unica, n. 2 (Editio Vivès, XV, 378b-379a).
(153) Lk 1,52
(154) Lk 14,11
(155) Mt 20, 26 f.
(156) Joh. 15, 15f.
(157) Offbg. 3,20

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